Kantig

Mein Speicher ist so übervoll, dass ich selbst Dinge, die ich tun will, nicht mehr tue. Ich habe eine ziemlich genaue Vorstellung davon, wie ich dieses Lebensding gerne führen würde, weiß aber beim besten Willen nicht, an welchem Faden, der aus diesem gigantischen Knäuel Ringelwolle, ich ziehen soll, um den richtigen Anfang zu machen. Deshalb ziehe ich aus Angst, einen flaschen zu wählen, lieber an gar keinem, und jage stattdessen Staubmäuse, die sich auflösen, sobald man sie zwischen die Finger bekommt und einen so regelmäßig mit leeren Händen dastehen lassen. Ich bin gelähmt, von all den Möglichkeiten, all den Eindrücken, all den menschlichen Musterbeispielen, die täglich auf mich einregnen. Aber statt meine Schutzschilder zu aktivieren und mich einfach auf nur eines der tausend Dinge zu stürzen, die ich unendlich interessant finde, ohne daran zu denken, ob sie mich zu dem Erfolg führen, den man auf dieser Welt braucht, um überleben zu können, sitze ich da und denke mich langsam um den Verstand. Es vergeht derzeit kein Tag, an dem sich nicht alle paar Minuten dieses ziehende Selbstentfremdungsgefühl widerlich präsent an die Stelle meines Normal-Bewusstseins drängt. Depersonalisierungen fühlen sich an wie das plötzliche dumpfe Fiepen, dass manchmal im Ohr passiert, nur auf das gesamte Bewusstsein übertragen. Ich weiß, dass das ein Alarmsignal ist, aber nicht, was ich noch tun soll. Ich war schon so oft hier. Und dann kamen wieder hellere Zeiten, irgendwann und irgendwie. Und manche sagen, das ist eben der Lauf des Lebens, gute und fiese Zeiten, richtig fiese, richtig gute. Und andere sagen Achtsamkeit. Und andere sagen Therapie. Und andere sagen Medikamente. Und andere sagen Selbstwirksamkeit. Und andere sagen Sport. Und andere sagen das sei krank. Und andere sagen das sei normal. Ich möchte, dass mir jemand verrät, was das Richtige ist, denn ich bin im Überangebotsapfelstrudel untergegangen. Und andere sagen, ich soll mich nicht so anstellen. Und andere sagen, anderen geht es viel schlechter, als mir. Und das weiß ich wohl, aber das weiß ich eben auch nicht, weil ich nur wissen kann, wie es mir gerade geht, wenn überhaupt, denn ich weiß nicht mal mehr, ob ich das, was ich fühle, was ich denke, auch wirklich fühle, auch wirklich denke, weil mein System von oben bis unten durcheinander geraten ist.

Ich denke manchmal, ich wäre zu Großem fähig, und dann bekomme ich es mit der Angst zu tun, denn im Moment kann ich nicht glauben, dass ich das Große jemals aus mir rausholen kann, weil, wie? Und dann denke ich, vielleicht ist das Denken, dass ich zu Großem fähig bin, das Problem, weil es mir solche Angst macht, dass ich mich nicht traue weiterzugehen, weil lieber Stagnation als schon wieder Scheitern in dieser seltsamen Welt, deren Aufbau ich nicht begreife, und so in immer tiefere Höhen geraten. Vielleicht bin ich auch gar nicht zu Großem fähig, oder vielleicht ist jeder zu Großem fähig, aber vielleicht muss davon kaum einer das Große finden, weil er sich selbst ganz woanders suchen muss, aber woher soll ich das wissen können?

Was kann ich wissen?

Der letzte große, gesellschaftlich wertvolle Erfolg, den ich verbuchen kann, war mein Abitur vor sieben Jahren. Danach unnütze Nebenjobs, danach soziales Jahr: angefangen, abgebrochen, danach Studium der Erziehungswissenschaften in Frankfurt: angefangen, abgebrochen, danach Erziehungswissenschaften und Philosophie in Köln: angefangen, abgebrochen, danach Studium Design: angefangen, kurz davor abzubrechen. Und das alles nicht etwa, weil ich kein Interesse hatte oder habe, oder faul war oder bin, sondern weil ich, egal welchen Weg ich einschlage, unendlich große Angst habe, den falschen gewählt zu haben, und ständig grüble, ob es irgendwo einen gibt, der noch besser, sonniger, und vor allem sicherer ist, oder mehr zu mir passt. Dass das so nicht funktioniert, das weiß ich mittlerweile. Warum also wieder kurz davor abzubrechen? Weil ich nicht glauben kann, das bewältigen zu können. Weil ich hier in meiner Wohnung sitze und mit aller Kraft mehrmals am Tag Panikattacken unterdrücken muss. Weil ich das Alleinsein nicht mehr kann. Weil alles laut ist. Und alles viel zu leise. Weil ich den Sinn nicht mehr sehe. Weil ich nicht weiß, warum ich nichts mehr tue, warum meine Hände, mein Körper und mein Kopf die Arbeit niedergelegt haben und nicht im geringsten daran denken, sie wieder aufzunehmen. Versuche ich ganz nüchtern, mir meine Möglichkeiten vor Augen zu führen, schreit die Angst am Ende jedes Mal „ABER“, und so bleibt keine Möglichkeit übrig. Irgendeine Ausbildung machen, irgendwie selbstständig machen, einfach abhauen und erstmal leben bevor es zu spät ist, aufhören zu verpassen oder wenigstens Initiativbewerbungen überall dort hinschicken, wo ich arbeiten will. Aber nein. Sobald ich ansetze, blockiert alles. Also lasse ich mich im Trüben treiben, wohl wissend, dass das die schlechteste Wahl ist, denn, um einen dieser „gut gemeinten Ratschläge“ zu zitieren, die man dann so leichtfüßig von hübsch Gesellschaftsintegrierten zugezwitschert bekommt, zu zitieren: „Es geht ja immer irgendwie weiter.“...

Was soll ich tun?

Ich träume mich manchmal in eine Welt, in der in das machen kann, was ich gerne tue. Anderen Menschen eine Freude machen zum Beispiel. Das ist etwas, was ich wirklich gut kann, glaube ich. Den Geschmack, den Stil und die Vorlieben anderer Menschen enschätzen und damit arbeiten.. Oder ein kleines Café aufmachen in einer mittelgroßen Stadt; allein der Gedanke daran die Speisekarte zu gestalten, den Gastraum einzurichten oder verschiedenste Kuchen zu backen färbt meine Gedanken ganz bunt. Oder besser schreiben lernen, dann schreiben, und vorlesen, mit dem ganzen, weltallhaften Repertoire meiner Emotionen. Oder eine Anlaufstelle für verzweifelte Menschen schaffen, die Hilfe suchen, aber auf einen Therapieplatz warten müssen, sich aber auch nicht trauen, direkt bei der Krankenhauspsychiatrie anzuklopfen. Oder fotografieren. Oder einfach alles, oder fast alles davon, miteinander verwoben. Wenn ich was mache, was mich erfüllt, dann geht es mir gut, das habe ich schon so oft im Kleinen erfahren. Und ich brauche kein großes Haus, und ich brauche kein Auto und ich brauche keinen großen Kleiderschrank und unnötigen fancy Shit. Ich träume nur von einer kleinen, gemütlichen Bude, einem Ort, an dem ich gern zu Hause bin, an dem ich meine Batterien aufladen kann, und ich habe eine Katze und morgens duftet es nach Brötchen und Kaffee und abends weht ein angenehmer Wind durch die Räume. Und einmal im Jahr, oder einmal in zweien, kann ich mir ein bischen was von der Welt angucken. Und vielleicht irgendwann mit jemandem, der bleibt. Und dieser Wunsch ist winzig und riesig zugleich und wenn er so präsent ist wie jetzt, dann will ich nicht mehr warten müssen, und um ihn zittern. Die Angst vor dem Unvermeidbaren, also dem Tod, vor allem dem geliebter Menschen, allen voran dem meiner Mama, wird niemals gehen. Aber vielleicht die Angst vor einem Leben in Unzufriedenheit und Traurigkeit und vor Fülle fast platzender Leere. Ich sehe mich an so vielen wundervollen Orten in so vielen wundervollen Situationen, und doch sitze ich jeden Tag hier und weine um all das Wunderbare in mir, und in all den anderen, denen es genauso geht, oder muss mich dazu zwingen, es nicht zu tun.

Was darf ich hoffen?

Aber warum geht es mir so? Und warum geht es so vielen anderen genauso, oder so ähnlich? Und wieso weiß ich, dass das so ist, obwohl ich rausgehe, und alle ihre Grinsefratzen aufgesetzt haben? Weil ich die Gummibänder sehen kann, mit denen sie fest um den Kopf gezurrt wurden, manchmal so fest, dass die Fratze schon mit dem zum Wirt gewordenen Menschen verwachsen ist, und der Wirt merkt das oft nicht mal mehr oder ist schon zu schwach, um sich noch wehren zu können, zu wollen. Im Vergleich mit den anderen muss man schließlich wenigstens noch so hell glänzen, dass man nicht untergeht. Ich glänze schon eine Weile nicht mehr, lasse mich aber immer noch blenden. Wie machen die das? Wie haben die das geschafft? Wie geht das? Wo ist der Fehler? Such den Fehler! Los! Den Leuten geht es nicht gut. Sonst hätte ich nicht rund zwanzig Absagen von Verhaltenstherapeuten, Psychiatern und Psychologen bekommen, innerhalb einer Woche. Manchmal wird mir richtig körperlich übel, wenn ich an all das denke, was wahrscheinlich nicht so läuft, wie es bestenfalls laufen sollte, in meine Kopf, und mich dann allein auf meinem Bett finde, statt in einem Bett einer Psychiatrie. Aber vielleicht sitze ich doch richtiger auf meinem Bett – weil wer weiß eigentlich überhaupt irgendwas über irgendwas und wer bestimmt das alles, und warum? Das Problem ist, dass man das nicht mehr weiß, weil man heute als Laie auf den meisten Fachgebieten von allen Seiten brutal mit (Pseudo-)Fachwissen zugeballert wird; und dann sitzt man da, liest, sieht oder hört wieder irgendwas, und dann hat man plötzlich Borderline, ein Magengeschwür, ist hochsensibel und Sozialphobiker und eigentlich sowieso hoffnungslos verloren, weil man zu viel sitzt und zu wenig geht, und wenn man geht, dann geht man nicht richtig, und wenn man richtig geht, dann macht man dafür tausend andere Dinge falsch, die einen ebenso ins Verderben stürzen, also müsste man eigentlich erst mal für ein halbes Jahr in ein chinesisches Mönchskloster reisen, Yogi werden, danach den Jakobsweg laufen und zuletzt noch eine Darmsanierung und Hypnosetherapie machen, sonst wird alles ganz ganz furchtbar. Also wird wohl alles ganz ganz furchtbar.

Letzte Nacht bin ich bei QVC gelandet und dort wurde mir von einer wasserstoffblonden Frau mit glitzernden Kunstnägeln erklärt, dass ich unbedingt eine Creme kaufen muss, die jetzt einmalig statt siebzig nur dreißig Euro kostet, und die ich brauche, weil sie die vierzehn Jugendlichkeitsgene aktiviert, weil da eine Alge drin ist, die das kann, und die Creme spannt dann außerdem ein Netz über mein Gesicht, das verhindert, dass die gewünschte Schönheitsidealform des dreieckigen Gesichts mit straffen Konturen absackt und das Dreieck sich umdreht, weil dann ist man hässlich und sieht so alt aus, wie man ist, und das geht ja also mal so gar nicht, bitte sehr, weil Altern ist verboten. Das tut man nicht. Und diese Creme gibt es auch noch für den Körper, nur ohne Dreieck, der fängt auch ohne Geometrie an zu hängen. Und zwar ab 24. Ich bin jetzt 26. Das Schlimmste allerdings ist, dass ich diesen ganzen Brei dann irgendwie plötzlich haben wollte, weil ich meinen Körper ungesund genau beobachte, und die langsam immer deutlicher werdenden Dellen an meinem Bauch, meinen Beinen und meinen Armen mir nicht entgangen sind, und dann habe ich mich so geärgert, dass ich wieder nicht schlafen konnte, weil ich das nicht will, weil ich es doch eigentlich besser weiß, und weil ich vor allem weiß, dass ich meinen Körper nicht schön und gesund cremen kann, weil gesund von innen kommt, und schön in Wahrheit nämlich auch, und weil schön und gesund irgendwie zusammengehören. Was ich damit sagen will: neben diesem ganzen Krieg, den wir mit uns selbst in Hinblick auf unsere Zukunft

führen, neben diesen ganzen Ängsten und Zweifeln, müssen wir uns außerdem noch darum kümmern, bei alldem möglichst hübsch auszusehen, das passt nämlich besser zur Grinsefratze.

Es reicht nicht, sich darum zu kümmern, ein guter Mensch zu sein, der sein Leben auf die Kette kriegt, ohne sich dabei zu vernachlässigen und ohne jeden Tag aus Panik zu heulen. Nein. Wir müssen uns selbst jeden Tag neu erfinden, wir müssen mithalten, mit uns selbst und vor allem mit allen anderen, am besten überholen, immer überholen, scheiß auf die unkontrollierbare Geschwindigkeit, die wir mittlerweile draufhaben. Wir müssen gut aussehen und wir müssen anderen zeigen, wie toll wir sind, weil sonst ist das ja alles sinnlos. Am schlimmsten äußert sich dieser letzte Punkt meiner Meinung nach übrigens in Lebensratgebern, in denen Menschen, die mal traurig und erfolglos und einsam waren schildern, wie sie fröhlich, erfolgreich und beliebt wurden und dann einfach so, ohne einen überhaupt zu kennen, blöde vor sich hinschreiben: das können Sie auch! Nein. Oder ja. Will ich so jetzt aber schonmal nicht. Oder doch. Aber nein. Danke. Trotzdem passiert mir das in Buchhandlungen jedes Mal: am Ende stehe ich mit zu vielen Büchern da, die mir weismachen wollen, dass ich durch sie mein Leben verändern kann. Und dann weiß ich nicht mehr, was ich davon wirklich interessant finde, und was totaler Unsinn ist, und dann gehe ich raus und habe wieder noch mehr Angst. Vielleicht liegt da in dem Buchladen der Schlüssel. Absurd! Trotzdem gehe ich raus und habe Angst. Die Bücher, die mir am meisten wehtun, sind die, in denen Menschen, die auch mal depressiv waren, oder mäßig erfolgreich und ähnlich jung wie ich, schildern, wie sie zu der Kraft gefunden haben, ein Buch zu schreiben, das anderen helfen soll. Das tut mir weh, weil ich auch was können will, sowas, was etwas bedeutet. Ich will etwas können, das außen zählt, und will es zugleich nicht. Ich will auch anderen zeigen, dass ich klug bin und was drauf habe und nicht nur abbreche und in Selbstmitleid ertrinke, und will es zugleich nicht. Dass ich nur mir selbst Dinge zeigen muss, dass sollte reichen, das tut es aber nicht. Ich bin genau so eine elendige Kaulquappe, die nach Bewunderung giert, wie jede andere Made hier, und das ekelt mich am meisten an. Dabei wollen wir eigentlich alle nur bei uns selbst ankommen. Aber so wird das nichts..

Was ist der Mensch?