Wann bleibt irgendwas?

Heute ist so ein Tag, da fehlt mir das alles. Da möchte ich das Leben zurück, das mir besser gefallen hat, und kann nicht begreifen, wie der andere blassschwarze Fleck Mensch mich so schnell ausschneiden konnte, und wieso ihm das Bild so immer noch besser gefällt. Warum das Bild nur mich panisch macht. Und ich darf ja auch nichts tun, und ich will auch nichts tun, weil ich immer nur wollte, dass der andere Fleck möglichst immer so glücklich ist, wie er es sein kann, in dieser Welt, die für uns beide nicht die richtige ist. Und nur weil ich weiß, dem anderen Fleck geht es so besser, kann ich die Fassung wahren.

Aber au. 

Es gibt übrigens einen Falter, der den Namen "Zweifleck-Kätzcheneule" trägt. Er sieht sogar nach uns aus. Er ist mein Symbol für das alles geworden. 

 

Es ist nur eine ganz kleine, löchrige Schippe, die ich habe, um mir eine neue, eigene Welt aufzubauen. Die größere Schippe brauche ich nämlich noch zu oft, um das Loch, in dem ich sitze, noch tiefer zu graben und sie mir dabei zwischendurch auf den Kopf zu schlagen. Dabei will ich das gar nicht. Ich will ja auch vergessen. Nicht vergessen. Frieden damit schließen und aufhören können, mich erinnern zu müssen – es nur zu können, wann immer ich will.

Da war nichts, in das ich reinfallen konnte, und das mir den Kopf getätschelt und gesagt hätte: hier kannst du weitermachen. Das Leben, das der größte und schönste und vollste Teil war, hat nach kurzewiger Wartezeit mit einem mal aufgehört, und das andere, das war quasi nicht mehr existent, das hab' ich verkümmern lassen, weil ich auch nicht wusste, was das eigentlich von mir will, und weil ich sicher war, dass ich das nicht mehr brauche, weil ich Zuhause endlich gefunden habe, woanders, bei jemandem, in jemandem. Ich dachte das wirklich. Sonst wär ich ja kaum so blöd gewesen die Bereitschaft aufzubauen, alles hier stehen und liegen zu lassen. Und ich kann an dieser Stelle nicht einmal behaupten, dass das ein Fehler war.

Und dann mach da mal was draus, kopflos und verwirrt. Plötzlich wieder Einzelkämpfer im Nebel. Dann musst du von jetzt auf gleich begreifen, dass du keine kleinen Nachrichten mehr schreiben kannst, die dir helfen deine Monster zu besiegen, dass du nicht mehr aufatmen und loslassen kannst, dass du nicht mehr an magische Orte und in magische Momente geführt wirst, die du dein ganzes Leben lang gesucht hast; dass du nicht mehr das ausleben kannst, was du immer in dir getragen hast, aber nie rauslassen konntest; dass eine ganzes Universum plötzlich in einem schwarzen Loch verschwunden ist. Und du kannst da durchgucken, aber nicht rein. Gehörst da nicht mehr dazu. Einfleck-Kätzchen ohne Eulen müssen draußen bleiben. Und die letzte Erinnerung von mir an den anderen Fleck: die wohl traurigste der Welt.

 

Angst.

Mehr ist nicht geblieben.

Dieser sogenannte "gesunde Menschenverstand" (,der, glaube ich, gar nicht mal so oft wirklich gesund ist,) sagt mir alle Dinge, die mir auch die anderen Menschen sagen. Weiß ich ja, weiß ich alles, Welt ist voller toller Menschen, das geht alles vorbei, Gründe hätten auch nichts geändert, Zeit heilt Wunden, geh raus, mach was mit Leuten (..setzen Sie diese Kotzeliste beliebig fort).

Leider ertrage ich das Glück der Anderen gerade nicht. Superkacke, menschlich. Ganz, ganz schlimm! Ja, gut, dann ist das eben so, dann bin ich eben ein Kackmensch. Wenn ich rausgehe und mir die Leute angucke, dann bin ich nur noch angewidert (und das meine ich jetzt nicht einmal nur paarbezogen). So ist das. Die würden an dieser Stelle jetzt noch schreiben "Sorry not sorry". Ich würde an dieser Stelle gerne all die Masken runterreißen, egal ob das dann blutet.

Was mich durch die Tage bringt ist Musik, meine kleine Höhle hier, in der nur noch Kerzen sowas wie Licht machen, und, wie vorher, allein meine kleinen Unternehmungen machen, mit meinen Hirngespinsten spielen, mit meinen Gedankenfreunden streiten. Zurück zu den Wurzeln. Aber ich kann keine Zauberbilder mehr machen. Kann keinen mehr finden. Das gruselt mich. Sehr.

Ich war irgendwie schon so weit in meinem Kopf, und ich dachte ich war da nicht allein. War ich aber offensichtlich. Ich spüre so viel – warum hab ich das nicht gespürt, zu spät gespürt? Hätte ich an irgendeinem Punkt noch irgendwas tun können? Mir geistern ständig so viele Momente im Kopf rum, und es werden immer mehr. Aber vielleicht funktioniert das ja bei mir so. Vielleicht muss ich mich erst wieder an jede Einzelheit erinnern, bevor kleine Wesen in meinem Gehirn sie in bunte Kugeln verwandeln können, die in meinem Gehirn in Regalen verstaut und dann irgendwann entsorgt werden, weil ich sie nicht mehr brauche. Es waren ganz schön viele Einzelheiten. Ganz schön schöne Einzelheiten. Sowas, was man gar nicht wegwerfen will, was einem aber auch nichts mehr nützt. Ich will aber auch nicht akzeptieren, dass es diese Zeit nur gab, um noch bitterer zu werden, noch menschenscheuer, noch ängstlicher, noch sicherer in dem Glauben, dass nichts bleibt und alle gehen; dass nichts besonders ist, egal wie sehr es sich danach anfühlt. Ein Ödland ist das. Alles sieht gleich aus und keiner sagt einem, in welche Richtung man gehen soll. 

Mir fehlt der leere Kühlschrank, mir fehlen die Züge, die nie pünktlich waren, mir fehlt die nach Pisse stinkende Sparkassenecke, der von Tauben vollgeschissene Weg hinter'm Bahnhof, das Warten, das Nichtmehrwarten, dann das Wiederwarten, die Blicke, Berührungen, das Wiederkindseinkönnen, das Wissenwerichbin. All die Einzelheiten. Und sie kommen nicht mehr wieder. Warum hab' ich nicht auch einfach aufgehört zu lieben, irgendwann? Warum ist das von der Natur nicht so eingerichtet? Dass das synchron passiert. Ich mein, das ist doch total inkonsequent, wenn man sich überlegt, wie das alles immer losgeht..

Und überhaupt, an allem ist einzig und allein die Zeit schuld. Dass es etwas gibt, das wir als Zeit begreifen, und wir Dinge tun, in diesem seltsamen Raum.

Unsere Zeit ist stehengeblieben und läuft gleichzeitig weiter.

Liebe Zeit, pass bitte auf den anderen Fleck auf.