Vom Rasten und Rosten

Hallo, mein Name ist Julia, und ich hasse Sprichwörter. Sie sind erweiterungsbedürftig. Alle.

Ich würde sagen, wer immer rastet, der rostet. Man muss auch mal rasten, weil sonst passiert Abnutzung und Ausleierung. 

Wer zu viel rastet, der rostet. Wer nie rastet, leiert aus. So ist das nämlich.

Es geht, wie immer, wenn etwas Heilsames dabei rumkommen soll, um Balance. Nicht, dass ich darin Experte wäre, jedenfalls nicht in der Praxis.

In der Theorie.. ja doch, da würde ich sagen, bin ich ein Experte. Der keine Finger geht nach oben.

Immer unter Strom stehen ist genauso schädlich, wie sich gar nicht mehr zu fordern.  Stagnation vs. Abnutzung. Man sollte sich selbst nicht auf der Strecke liegen lassen. Weder auf der einen, noch auf der anderen. Und man sollte vor allem keinesfalls mehrmals drüberfahren, das erwähne ich jetzt nur tippartig zwecks eigener Erfahrungen.

Was mich stört, ist das, was mich an den meisten Sprichwörtern stört: der Schwarz-Weiß-Dünkel. Man muss die Dinge prüfen. Ich prüfe die Dinge. Ist mir egal, ob sie das wollen oder nicht.

"Wer rastet, der rostet", das suggeriert, dass ich bitte sehr immer unter Strom stehen, immer die nächste Herausforderung suchen soll, ohne mich mal kurz mit einem Butterbrot hinsetzen zu dürfen, um ein bischen Sinn und ein bischen Unsinn zu denken, mich umzuschauen und die Gegend zu genießen. "Wer rastet, der rostet", das beschreibt unsere kranke Zeit ziemlich treffend. Ich kenne solche Menschen. Ich finde die unheimlich und seltsam. Nichts ist je genug, und wenn Sie hier ein Praktikum machen wollen, dann bringen Sie ja hoffentlich zehn Jahre Auslandserfahrung, einen Doktortitel und außerordentliche Kenntnisse in Diesem, Jenem und allem Übrigen mit, denn wir haben nun wirklich keinen Bock uns tatsächlich mit Ihnen zu beschäftigen, Mensch #17492799. Wir verbleiben mit herzfreien Grüßen und hoffen darüber hinaus, dass sie so wenig wie möglich geatmet haben, und keine zu ausgeprägte Persönlichkeit besitzen, damit sie schön fein funktionieren und ein formbares Stück Knete sind.

Und dann fragen sich die Leute, warum sie so müde sind. 

Weil sie ausleiern, darum sind sie müde.

Und dann fragen sich die Leute, warum sie so traurig sind. 

Weil sie ausleiern, darum sind sie traurig.

Wer rastet, der rostet.

Wer rastet, der hat aber auch die Möglichkeit, sich selbst zu begegnen. 

Und wer rostet, der tut das vielleicht auch deswegen, weil er zu wenig Selbstpflege betreibt, innen wie außen. 

Wer die ganze Zeit rennt kriegt Seitenstechen. Vor allem, wenn er das Atmen vergisst. Atmen ist relativ wichtig.

Wer die ganze Zeit rennt kommt irgendwann nirgendwo an, hat nichts vom Weg gesehen und schlimmstenfalls nichts von sich selbst und der Schönheit von Allem. 

Weiterentwicklung und Flexibilität, allesbetreffend, braucht Pause und Aktion, Eindruck – Verarbeitung, Festhalten – Loslassen, Sprechen – Schweigen, Senden – Empfangen, Entfernung – Nähe, Einatmen – Ausatmen.

 

(Schreibkurs bei Bettina Beltz. Aufgabe: Formuliere deine Gedanken zu einem Sprichwort. ("Wer rastet, der rostet.") )