»Das erste Mal«

Erste Male begleiten uns unser ganzes Leben lang. Als Kleinkind besteht unser Leben quasi nur aus ersten Malen, und mit zunehmendem Alter nehmen sie ab. Vielleicht stimmt das aber gar nicht. Vielleicht muss man dann nur immer genauer hinsehen, weil sie kleiner werden, die ersten Male, oder komplexer, oder irgendetwas anderes, wofür mir gerade noch kein Wort einfällt. 

Ich habe mir heute möglicherweise und sogar wahrscheinlich das erste Mal meine Schuhe so zugebunden, wie ich es eben heute tat, genau in dieser Geschwindigkeit, mit genau diesen Bewegungen, und genau diesen Händen, die heute ein bisschen anders sind, als sie es gestern noch waren. Ich werde heute sicher noch ein paar Gedanken zum ersten Mal denken. Bei den meisten davon werde ich das vermutlich nicht einmal merken, aber das ändert ja nichts an der Tatsache. Heute Abend werde ich das erste Mal einen Tag in genau dieser Reihenfolge, die aus genau diesen Einzelheiten bestand, gelebt haben und morgen werde ich das wieder tun. 

Viel spannender finde ich, glaube ich, das letzte Mal. Man weiß nie, wann man etwas zum letzten Mal tun oder getan haben wird. Das letzte Mal, das ich meinen letzten Freund geküsst habe, wusste ich nichts davon, dass es das letzte Mal sein würde. Dann hätte ich vermutlich nie damit aufgehört. 

Oder: wenn ich irgendwann sterbe, dann werde ich davor alles, was ich tat, schon immer, oder zum ersten Mal getan haben, vielleicht ohne es zu wissen. Vielleicht hätte ich mein letztes Eis dann mehr genossen, und Himalayaklatschmohn-Feigenlavendel mit Schokosplittern gewählt, statt Vanille. Oder doch einfach Vanille. Vielleicht hätte ich bei meinem letzten Waldspaziergang dann tiefer eingeatmet und genauer hingehört; villeicht hätte ich die letzte Umarmung auf ein tausendfaches intensiviert.

Erste Male hat man möglicherweise ein Stück weit mehr im Griff, als die letzten. Und sie haben etwas Bejahendes. Etwas beginnt, etwas geht weiter, obgleich sie sich auf etwas Schönes oder Nichtschönes beziehen.

Wenn wir sterben, körperlich, tun wir das allerdings auch das erste Mal. Etwas beginnt, etwas geht weiter.

Dich zum ersten Mal berühren, dich zum letzten Mal berühren. Dich zum zweiten Mal ein erstes Mal berühren. Dich zum zweiten Mal ein letztes Mal berühren. 

Vielleicht ist das alles dasselbe und Anfang ist Ende und Ende ist Anfang.

 

https://www.youtube.com/watch?v=FWcp-nwlzF4

 

(Schreibkurs bei Bettina Beltz. Aufgabe: 10-Minuten schreiben zum Thema "Das erste Mal")