Von Tapetengefühlen und der Essenz der Einsamkeit

"Schwierig" ist ein ähnlich unmögliches Wort wie "normal", oder "verrückt", und auf keinen Fall das Gegenteil von umgänglich. Eine Matheaufgabe als schwierig zu bezeichnen ist natürlich vollkommen in Ordnung. Es gefällt mir nur nicht, wenn Menschen es benutzen, um einen anderen zu beschreiben, dessen Verhalten sie nicht verstehen, nicht einordnen können, weil es überdurchschnittlich oft nicht in bekannte und als normal empfundene Muster passt. Solche Muster entstehen zwangsläufig in der verlustreichen Phase des sogenannten Erwachsenwerdens. Nicht, dass sie grundsätzlich schlecht wären – ohne das ein oder andere Muster wäre das Leben vermutlich ein noch größeres Durcheinander, als es das ohnehin schon ist. Wenn allerdings auch die Muster, die eine Umstrukturierung unbedingt nötig hätten, sich unbemerkt im Menschen verwachsen und von ihm unachtsam über alles Mögliche gestülpt werden, dann sieht die Sache schon ganz anders aus. Und wenn dann eines Tages so ein fehlgebildetes Muster plötzlich in seiner ganzen Komplexität direkt vor einem steht, sodass man es nicht mehr übersehen kann, wird ziemlich schnell ziemlich deutlich, dass man einen richtig großen Hammer und richtig viel Zeit brauchen wird, um es auseinanderzunehmen und neu anzuordnen. Trotz ihrer Unfassbarkeit folgen Muster nämlich dem Trägheitsgesetz. Das tut der Mensch im Ganzen dann häufig auch, weil alles andere zu anstrengend werden könnte. Deswegen ist die Welt übrigens so, wie sie ist. 

Zu wenig musterkonforme Menschen erhalten also oft den Schwierig-Stempel. 

In Wahrheit ist einer aber nur dann wirklich schwierig, wenn er das selbst so empfindet – und das nicht etwa, weil er den anderen glaubt, sondern weil er sich zum Beispiel ständig bewusst selbst sabotiert und nicht damit aufhören kann. 

Ich war also ein schwieriges Kind. Schwieriger noch als heute. Das ist jedenfalls der familiäre Konsens. Ich denke, ich bin heute schwieriger, als ich es damals war, denn damals wusste ich selbst nicht, was da gerade mit mir geschieht; heute kann ich das wenigstens ungefährt erahnen. Ein verwirrtes Kind war ich. Das wäre zutreffend. Wie soll man auch im Alter von zehn Jahren verstehen, dass die eigene Psyche offenbar beschlossen hat, ab jetzt in unregelmäßigen Intervallen auf den Tisch zu bringen, dass man allem Anschein nach ein Ich ist, das zusammen mit anderen Ichs auf oder in einer sogenannten Welt existiert; und da machen die Ichs Sachen, und keins weiß so richtig warum, und ob die anderen Ichs wirklich da sind, aber alle machen weiter bis sie sterben, und viele schaffen das sogar, ohne wenigstens ein bisschen durchzudrehen, was mir ein Rätsel ist.

Ich konnte das damals immer nur beschreiben als "das komische Gefühl" oder das "Tapetengefühl", weil mir alles so unecht schien, als könnte ich irgendwo einen Zipfel greifen und die Welttapete inklusive aller Menschen runterreißen. 

"Mama, das komische Gefühl ist wieder da. Hol mich bitte ab!".

Und Mama war da, Mama hat mich immer abgeholt, hat versucht mir zuzuhören, auch wenn ich gar nichts gesagt habe, hat versucht zu verstehen, obwohl dazu selbst nicht in der Lage war, und das "Wovor" der Angst nicht benennen konnte. Die einzig konstante Sicherheit in einem Leben, das plötzlich seine Selbstverständlichkeit verloren hatte und sich regelmäßig höchstpervers vor mir entblößte. Die einzig konstante Sicherheit, als ich zu glauben begann, verrückt geworden zu sein.

Meine Therapeutin sagt, solange ich von meiner Mutter in der Öffentlichkeit noch als "Mama" spreche ist der Abnabelungsprozess nicht abgeschlossen, und wenn das nicht irgendwann geschehe, dann sei das quasi gleichzusetzen mit meinem eigenen Verderben. 

Mama war also immer da. 

Das Auftreten des komischen Gefühls folgt bis heute keinem genauen Plan; höchstens bruchteilhaft. Ich weiß nicht, ob man es mir ansehen kann, aber ich fühle mich jedes Mal so, als würde ich in diesem Moment meine Augen aufreißen; und dann werde ich ganz still, weil ich mich konzentrieren muss. Es kam und kommt in den verschiedensten Situationen und ohrfeigt mir seit jeher von hinten das alltägliche Normalbewusstsein aus dem Schädel. Mit einem Mal steht alles in  Frage, mit einem Mal will ich, dass alle aufhören zu reden und sich zu bewegen, mit einem Mal bin ich mir selbst so fremd, wie einem etwas nur fremd sein kann und ertrage den Anblick meiner eigenen Bewegungen, das Hören meiner eigenen Stimme nicht mehr. Hätte die Welt eine allgemeine Dimmfunktion, würde ich sie in diesen Momenten nutzen.

Früher wurde ich oft attackiert, wenn ich von vielen Menschen umgeben war, das Treiben um mich herum irgendwie unkontrolliert zu sein schien, und alle meine Sinnesorgane auf einmal herausgefordert wurden – schnelle Bewegungen, Enge, Hitze, Gerüche, von Essen, aus Mündern, aus Biergläsern, Parfum, besoffenes Gegröle, schrilles Kreischgelächter, Stimmgewirr. Familienfeste waren für mich der Horror. Nicht in dem Sinne, in dem man das heute sagt, woraufhin alle lachen, weil jeder das irgendwie nachfühlen kann, sondern ein wirklich echter Horror. Ich kann mich nicht daran erinnern, in welcher Reihenfolge er sich aufbauen, und so in mir festsetzen konnte, was wozu geführt hat und was zuerst da war: das Tapetengefühl, daraufhin das Erkennenmüssen, dass Mama mich auf einmal nicht mehr gehört hat, dadurch Sicherheitsverlust, oder Mama's plötzliche Unerreichbarkeit, dadurch Sicherheitsverlust und daraufhin das Tapetengefühl.

Seit ich denken kann, hat Mama mich beschützt, in bester Absicht alles Böse von mir ferngehalten. Und dann, als ich sie wirklich brauchte, war sie ausgelassen am Feiern, oder in intensiven Gesprächen und hat nicht mehr auf mich reagiert, egal was ich tat, sodass ich mich, während ich ungefragt mit der schwammartigen Merkwürdigkeit meiner eigenen Existenz konfrontiert wurde, gleichzeitig fragen musste, ob ich vielleicht verschwunden bin.

Das habe ich nicht verstanden. Das konnte ich nicht einordnen. Das fand ich schwierig.

Heute weiß ich, warum sie das tat. Heute kann ich sie auch als eigenen Menschen sehen, der nicht nur meine Mama ist. Heute weiß ich, dass das Auszeiten von unserer für uns beide grundsätzlich ungesunden Beziehung waren, die sie sich nirgendwo anders zu nehmen wusste.

Doch damals waren das für mich die schlimmsten Nächte. Sie kamen mir vor, als würden sie nie enden. Ich kann heute noch die kleinen, grell beleuchteten Nebenräume riechen, in denen ich dann frierend saß und dem dumpfen Gewirr aus Musik, Stimmen und Gläserklirren zuhörte, während ich zutiefst verzweifelt und verängstigt die Essenz der Einsamkeit spürte.

 

(Schreibkurs bei Dr. Frank Berzbach. Aufgabe: Schreibe über das Verlassenwerden/Alleinsein.)

(Ich lieb dich, Mama.)