Topter

Als Kleindkind vertrat ich meinen Berufswunsch so vehement, dass ich dabei fast draufgegangen wäre. Erzählungen zufolge hegte ich eine mitreißende Leidenschaft für Helikopter, oder, wie ich damals zu sagen pflegte: „Topter“. Rückblickend drückt dieses Wort die Ernsthaftigkeit, die der Sache ganz offensichtlich zugrunde lag, auch sehr viel treffender aus, denn Helikopter zähle ich zu den Wörtern, die nicht ganz ernstzunehmend sind, so wie „Pumpernickel“, oder „Tornister“; letzteres schreit zusätzlich zu seiner grundsätzlich lächerlichen Wortmelodie auch noch danach, sächsisch ausgesprochen werden zu wollen. Die Grenzdebilen unter den Worten. „Hubschrauber“ ist übrigens auch keine Lösung.

Topterfliegerin zu werden schien ich jedenfalls für meine Berufung zu halten. Immer, wenn ich einen sah, verlor ich völlig die Beherrschung. Der Enthusiasmus, mit der ich auf das Objekt meiner Begeisterung  blickte, fand an jenem Tag ihren Höhepunkt, als ich wankend auf dem Fensterbrett meines Kinderzimmers im dritten Stock stand und vergnügt „Topter!“ gluckste. Weder meine Mutter, die auf mein wiederholtes toptern hin das Zimmer betrat, noch unsere Nachbarin, die meinem Auftritt von unten beiwohnen durfte, konnten meine Begeisterung teilen, und taten das, was in solchen Situationen zwar nachvollziehbar, aber nicht unbedingt ratsam ist: schreien.

Wie dem auch sei – ich bin an diesem Tag ganz offensichtlich nicht vor Begeisterung gestorben. Wenn meine Mutter mir diese Geschichte heute hin und wieder erzählt, schafft sie stimmlich vor allem an der Stelle ein dramaturgisches Meisterwerk, an der sie mich nach einer kurzen Schockstarre von hinten packte, fest an sich drückte und mir dann unter Tränen  zu erklären versuchte, dass das, was ich da gerade tat, zu den Dingen zählt, die man lieber nicht tut, weil sie gefährlich sind, woraufhin auch ich zu schluchzen begann. Vielleicht litt ich das erste mal an einem gebrochenen Herzen. Das wünscht sich jedenfalls die Romantikerin in mir. Wahrscheinlich habe ich aber einfach nur irgendwie verstanden, dass etwas absolut nicht stimmte, weil der Mensch, den ich sonst anheulte, plötzlich selbst heulte.

Nun, ich erinnere mich weder an meine inbrünstige Topterverehrung, noch an meine Fensterbrettshow; auch nicht an die Worte meiner Mutter oder daran, wie ich als Miniatur-Michelinmännchen überhaupt das Fensterbrett erklimmen, geschweige denn das Fenster öffnen konnte. Natürlich erinnere ich mich nicht. Ich war zweieinhalb. Trotzdem fasziniert mich die Geschichte jedes Mal. Ungeachtet der Tatsache, dass ich mit meiner kindlichen Begeisterung für Helikopter selbstverständlich keinen tieferen Zweck verfolgte, bin ich heute dennoch angetan von meiner damaligen Leidenschaft für irgendetwas – denn die fehlt mir heute, jedenfalls wenn es darum geht, was ich später mal werden will, was beunruhigend ist, weil später jetzt schon ziemlich bald ist. Topterfliegerin ist übrigens raus: Heute wird mir schon übel, wenn ich auf der ersten Stufe eines Klapptritts stehe. 

 

(Schreibkurs bei Dr. Frank Berzbach. Aufgabe: Schreibe darüber, was du als Kind werden wolltest.)