Teilzeitkonstanten

Lange dachte ich, es sei furchtbar schlimm, zu etwas keine Meinung zu haben. Denn wenn man eine Frage lediglich mit einem „Ich weiß nicht“ beantworten konnte, vermittelte der darauffolgende Blick des Fragestellers – vor allem wenn es sich dabei um einen Lehrer handelte – stets den Eindruck man sei der Ursprung alles Dummen.

Es ist wie mit so vielen Dingen: betrachtet und untersucht man das Wort „Meinung“ nur ein wenig genauer, wird schnell deutlich, wie komplex es ist, und wie sehr man es missverstehen kann. Ich denke, dass es falsch ist, wenn Menschen mit ihren Meinungen so auftreten, als seien sie etwas Absolutes, unumstößlich, ausnahmslos korrekt, für immer durchdacht bis zum Schluss. Ich finde es faszinierend, wenn einer etwas bis zum Schluss gedacht hat, und auf keinem Fall glaube ich ihm. Bei mir ist meistens das Gegenteil der Fall: ich stehe oft vor den unendlichen Weiten, die sich hinter einem Begriff auftun und denke „Meine Güte, das wird ewig dauern..“, und je tiefer ich in seine Welten einsteige, desto gewaltiger wird er, sodass ich irgendwann in alle Richtungen gehen könnte und hinter jeder Richtung verbirgt sich ein ganzes Universum, und wir wissen ja, worauf es hinausläuft, wenn man sich zu lange und zu oft fragt, wo das Universum aufhört, und was danach kommt, und was danach kommt, und was danach kommt, oder wie überhaupt irgendetwas aufhören kann, wenn es sich doch immer wieder halbieren lässt.

Wenn ich nicht zu überwältigt bin, gehe ich dann in die Richtung, die am sympathischsten und, in Abgleich mit meinen bisher gemachten Lebenserfahrungen, am sinnvollsten aussieht und wandere so lange, bis ich glaube, zu einem Punkt gelangt zu sein, von dem aus ich das auf dem Weg Gesammelte eine Weile meine Meinung nennen kann – aber auch nur so lange, bis jemand kommt, der mir seine gewählte Richtung, die darauf folgenden Wege und die benachbarten Universen zeigt, die mir dann womöglich im Ganzen oder in Teilen viel einleuchtender zu sein scheinen; und dann wird meine ursprüngliche Meinung modifiziert oder sogar ganz verworfen. Das passiert im günstigsten Fall übrigens sehr häufig. Wahrscheinlich sogar mehrmals, umgekehrt, parallel und in Mischformen. Und das darf man ruhig zulassen. Es nennt sich Meinungsaustausch. Er zeigt, dass Meinungen am besten als flexible und vielseitige Gefüge funktionieren.

Weil ich Meinungen nur als solche Teilzeitkonstanten begreifen kann oder will, empfinde ich es als umso wundersamer, dass Menschen so oft so unbekümmert und unbedacht mit der Art Meinungen um sich werfen, die als einzig wahrhaftige angesehen werden wollen. Allein aus logischer Sicht betrachtet ist das ja gar nicht möglich (und das sage ich, die sich wirklich oft fragt, ob bei mir bereits im Kindheitsalter eine Degeneration der für die Logik zuständigen Hirnareale begonnen hat). Und dann wundert sich sich jeder darüber, dass alle so viel streiten und dass so viel Intoleranz herrscht. Das ist dann kein Meinungsaustausch, sondern Meinungskrieg, und das führt zu genau gar nichts, außer dazu, dass alle Beteiligten wütend werden, weil sie alle gleichzeitig Recht und Unrecht haben – ein unmöglicher Zustand.

Je älter ich also wurde, desto mehr habe ich begriffen, warum ich es oft als so schwierig empfand, eine Meinung zu entwickeln und diese zu äußern. Ich bin lange davon ausgegangen, eine Meinung sei etwas Unwiderrufliches, weil meine bis zu diesem Punkt getätigten Menschenbeobachtungen mir das vermittelt haben; ich dachte, wenn ich eine Meinung äußere, dann wird sie ewig so an mit kleben bleiben.

So ähnlich bin ich lange mit Sachbüchern umgegangen: "Was da drin steht, das stimmt alles genau so", war ich mir sicher. Bis mir jemand mal gesagt hat, dass man durchaus kritisch lesen darf und das auch sollte, sogar dann, wenn der Autor ein großer Wissenschaftler, oder Philosoph, oder irgendwas anderes großes ist, oder war.

Die Option, auf die Frage nach meiner Meinung zu XY nicht mit „Ich weiß nicht.“, sondern mit „Ich weiß noch nicht“ zu antworten, oder schlichtweg Gedanken und persönliche Eindrücke oder gar Gefühle zum Thema zu äußern, die vielleicht schon für so eine Art Meinung ausreichen, habe ich relativ lange übersehen und ging daher davon aus, ich sei vielleicht einfach wirklich dumm.

Es fällt mir schwer mich festzulegen, und ich habe zu den meisten Dingen keine Meinung. In Anbetracht dessen, wie unvorstellbar viele Dinge es gibt, finde ich das in Ordnung und nehme es in Kauf, dass ich mich manchmal ein bisschen verloren fühle. Das könnte auch der Grund dafür sein, dass ich meine Sätze oft beginne mit „Ich glaube (…)“ oder „Ich weiß ja nicht, aber (…)“, und für meine überdurchschnittliche Nutzung der Worte „eigentlich“ und „möglicherweise“ und „vielleicht“, und möglicherweise war das vielleicht auch alles Quatsch, denn, was weiß ich schon?

 

(Schreibkurs bei Dr. Frank Berzbach. Aufgabe: Worüber hast du früher anders gedacht als heute?)