21 Gramm

Der 31.Dezember, also Silvester, wird auch Altjahrstag genannt. Das ist so eine Sache, die man irgendwie nicht weiß, einem aber plötzlich total einleuchtet, wenn man daran denkt, dass der 1.Januar Neujahrstag heißt. Das ist außerdem so eine Sache, die egal ist.

„Der Silvesterabend wird häufig in Gesellschaft begangen.“, steht bei Wikipedia.

Ich bin halt Nonkonformist.

Geböllert und gefeuert wird, um böse Geister zu vertreiben. Meine Geister hat das nie beeindruckt, deshalb habe ich irgendwann damit aufgehört. Früher bin ich mit meinem Vater immer einen Tag vor Silvester rausgegangen, auf die große Wiese vor unserer Wohnung, um dort eine "Testrakete" starten zu lassen. Das hab' ich geliebt. Das war besonders. Das war vielleicht das Allerbeste daran.

Um es einfacher zu machen, würde ich mir selbst so gern glauben, wenn ich sage: „Silvester ist auch nur ein Abend wie jeder andere“.

Leider kann ich aber absolut nichts dagegen tun, dass mich am Silvestertag immer so ein merkwürdiges Gefühl durchwabert. Irgendwie aufgeregt, so als würde was passieren, obwohl es das nicht tut.. aber ist eben so drin. Und ich bin ja ein Fan von den absolut nicht zu beschreibenden Gefühlen. Den 'unbewortbaren'.

Vor ein paar Wochen hatte ich mich in drei Tagen noch woanders gesehen als hier – vielleicht in Berlin, oder an der Ostsee, so ganz ruhig. Aber ich kam gar nicht mehr dazu das zu fragen. War eine schöne Vorstellung. Aber wir wissen ja, dass die Sache mit den Vorstellungen eine schwierige ist. Wir vergessen das nur gern. 

In den Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr bin ich immer noch eine Stufe melancholischer als sonst. (Ja das ist möglich.) Das Jahr stirbt irgendwie. Keine Ahnung. Jedenfalls muss ich jedes mal um null Uhr heulen oder versuchen den Kloß runterzuschlucken. Irgendein ganz absurder Mix aus Hoffnung, Selbstmitleid, Aufregung und Verzweiflung, wobei die Anteile immer unterschiedlich gewichtet sind. Dieses Mal weniger schön.

Wieder ein Jahr ohne weitergekommen zu sein, was auch immer genau dieses "weiterkommen" sein soll. Wieder ein Jahr in Richtung „zu spät“. Für dieses, für jenes. Wieder ein Jahr in Richtung immer weniger Möglichkeiten noch irgendwas zu reißen. Irgendwas zu finden. Irgendwo anzukommen. Ein Jahr in Richtung alt. Deswegen fühlt sich Geburtstag auch immer nochmal so ähnlich an. Aber da bekommt man dann wenigstens noch was geschenkt, womit man sich drei Sekunden lang ablenken kann von dem fetten Riesenbiber, der an einem nagt, mit so einem richtig ätzend leerdummen Blick. 

Und ins neue Jahr gehen mit Selbstzweifeln so tief wie da, wo diese ganzen superunheimlichen Fische rumschwimmen. Mit gelähmtem Hirn und Herz, und einem Sack voll Unklarheit. Zwei Säcken. (Großen.) 

Das Beschissene ist, dass es ja nicht einmal hilft, die Rollläden runterzulassen und Musik aufzudrehen, sodass man nichts mehr hört, vier bis sechs Stunden lang. Weil du eben einfach weißt „Heute ist Silvester“ und dann das Gedankendenken anfängt, das sich nicht restlos befreien kann von gesellschaftlicher Kacke. Aber so in Menschenzahlen gesehen wird der Abend nicht länger als alle anderen, und der Rest passiert nur in meinem Kopf, und der gibt auch ohne Silvester keine Ruhe. Also eigentlich alles gleich, nur anders.

Vielleicht muss ich da mal einen Chinaböller dranwerfen.

Und obwohl das Jahr so voll war, so zum Triefen übervoll, übersättigt, völlig übersättigt, übersäuert und untersüßt, und obwohl es millionen Momente gab, die sich angefühlt haben wie sieben Ewigkeiten, ist es jetzt doch so, dass heute vor einem Jahr sich wie gestern anfühlt. 

An alle Durchgedrehten: nachvollziehbar. Echt. Und da kann man auch schonmal aus Panik, dass man bedeutungsschwanger durch die Welt idiotisiert, während man zugleich ahnt, dass das eine Totgeburt wird, bizarr experimentieren und zum Beispiel zu dem Schluss kommen, dass die Seele 21 Gramm wiegt. Dann hat man wenigstens was, woran man festhalten kann, wenn man sich dabei die Augen dabei ein bisschen verbindet jedenfalls. 

Ich will gar nichts wissen von 2018. Ich brauch’ das nicht. Meine 21 Gramm plusminus sind unsterblich.

 

Acres - Say Goodbye

 

(*in einem früheren Text hab ich die Zeit zum fetten Riesenbiber erklärt, weil das so ist.)