Schilleroma

"Cool". Laut Definition: "[Stets] die Ruhe bewahrend, keine Angst habend, nicht nervös [werdend], sich nicht aus der Fassung bringen lassend; kühl und lässig" und "in hohem Maße gefallen; aggressiven Gefühlen nicht ausgeliefert sein“. Cool, oder mit anderen Worten: nicht Ich. 

So weit ich zurückdenken kann war ich immer die am wenigsten Coole, wenn auch stets bemüht. Vergebens zwar, aber rege interessiert und stets bemüht. Im Kindergarten und der Grundschule glänzte meine beste Freundin Tanja immer mit den angesagtesten Klamotten und dem neusten Sailor-Moon- und Pokémonkram (sie hatte die blaue und die rote Edition), und angesichts ihrer Stickersammlung (sie hatte sogar die teuren mit extra viel Glitzer, und die aus Schaumgummi mit Lacküberzug, die so gut geduftet haben) konnte ich mit meinen drei halbvollen Alben einpacken, wenn es an die Tauschgeschäfte ging. Aber in meinen Heften waren wenigstens keine Eselsohren. 

Für mein Alter war ich damals unverhältnismäßig groß, dabei eindeutig zu breit, trug meine dunklen Haare im strähnigen Prinz-Eisenherz-Gedächntnis-Schnitt und war immer verschwitzt. Tanja war klein, zart und hatte langes, goldblondes Haar. Und sie war definitiv eine Tanja: laut und grob. Wobei meine Konnotation zu diesem Namen vermutlich erst durch diese eine uns bislang letzte Tanja meines Lebens entstanden ist. Bis heute erschrecke ich immer kurz, wenn ich den Namen Tanja höre. Und obwohl er, rein phonetisch betrachtet, sanft ist, können meine Ohren das nicht hören, selbst wenn ich es versuche – in ihnen klingt er spitz und schneidend. Verdinglicht wäre er für mich ein Stacheldraht. Aber fraglos: Tanja war cool. Die Jungs wollten mit ihr gehen, die Mädchen wollten sein wie sie. Und ich war ihre beste Freundin. Ich durfte alles machen, was sie wollte. 

Ich war nur immer dann froh, dass ich ich war, und nicht Tanja, wenn ich sie zu Hause besuchte, oder wir mit ihrer Mutter unterwegs waren. Ihre Mutter war wie sie, nur in groß, also wirklich furchteinflößend. Sogar der das Aroma des Duftbaums, der in ihrem Auto hing, hätte den Namen Angst tragen können – auch wenn es Vanille war. Vanille mit Zigarettendunst. Kaltes Aschvanille. Kühles Rauchvanille. Cool smoked vanilla. 

Ihre Mutter brüllte Tanja quasi durchgehend an. Wenn sie damit fertig war, stellte sie mir jedes Mal diese eine, furchtbare, unmöglich zu beantwortende Frage, die meinen Herzschlag immer in ein hektischstes Stolpern verwandelte, das sich dann in einem in Schockstarre gekleideten, betretenen Schweigen äußerte. Sie klang in meinen Ohren, noch ehe sie ausgesprochen, oder gar in mentaler Nähe war, und doch war ich nie ausreichend auf sie vorbereitet. „Machst du das zu Hause etwa auch so?!“. Dabei hat sich ihr linkes Auge ständig in unkontrollierten Intervallen weit geöffnet, und wild in seinem Gehäuse gedreht. Ich hatte Tanja mal gefragt, warum es das tut. Sie sagte, das sei schon immer so gewesen.

Jedes Mal, als ich dann wieder zu Hause war, habe ich zuerst meine Mutter fest gedrückt und mich sehr geliebt gefühlt. Nicht cool, aber geliebt. Vielleicht habe ich deswegen auch Tanja so oft gedrückt.

Die Sache mit dem mangelnden Coolnessfaktor jedenfalls setzte sich im Großen und Ganzen so fort. In der Clique, der ich später irgendwie angehörte, irgendwie aber auch nicht, war ich höchstens mal der Trostpreis, und wenn ich mal nicht da war, hat das auch keiner gemerkt. Obgleich ich immer noch stets bemüht war. Ich konnte mir zwar nicht die angesagten Schuhe leisten, die alle Mädels trugen, dafür aber eine bestechend ähnlich aussehende Kopie von Deichmann. An mir wirkten sie allerdings irgendwie fehlerhaft. Genauso wie das Make-Up, die großen Silbercreolen und die zu engen Jeans.

Es folgten Jahre unaussprechlicher Geschmacksverirrungen. Von bauchfreien Tops in schweinchenrosa, unter denen ein seidiger, viel zu beschleifter Spitzen-BH, der nichts zu tragen hatte, hervorblitzte, bei einer Körperform, die für solche Kombinationen nunmal auch einfach nicht gemacht war, über verfehlte Hommagen an Avril Lavigne und später Slipknot, bis hin zu hellgrauen Hüftverdopplungs-Sweatpants, New Era Kappen und Blingblingohrsteckern – ich bin einmal unaufhaltsam durch das komplette Spektrum an Stilrichtungen gerauscht. Vorbeigerauscht – denn irgendwo angekommen bin ich nie, und von „cool“ war ich stets Lichtjahre weit entfernt. 

Ich habe meine Mutter vor einer Weile mal gefragt, wie sie es eigentlich über’s Herz gebracht hat, mich so aus dem Haus gehen zu lassen, wie ich es zuweilen tat, ob sie sich nicht geschämt hat, und dass ich das verstehen könnte – primär zu der Zeit, als ich es zusätzlich zur textilen Vollverwirrung für eine gute Idee hielt mir die Hälfte meiner Augenbrauen zu entfernen, sodass mein mondiges Teiggesicht durch das Fehlen jeglicher Rahmung vollends aus den Fugen zu gleiten schien. Ich wundere mich immer wieder darüber, dass ich selber tatsächlich nicht sehen konnte, wie hochgradig bescheuert ich die meiste Zeit meiner Jugend über aussah. Manchmal überlege ich, ob mein heutiger, extremer Sinn für Ästhetik, der es mir sogar verbietet ein Hotelzimmer zu mieten, dessen Gardinenmuster ich nicht ertragen kann, durch einen Überschuss an schlechtem Geschmack entstanden sein könnte. Sowie die Überdosierung an Farben möglicherweise dazu geführt hat, dass ich heute am liebsten zu schwarz greife oder zu Tönen, die so tun, als seien sie Farben, in Wahrheit aber auch nur ein als grün oder rot oder blau getarntes schwarz sind. Und der Wunsch nach Coolness, der nie Erfüllung fand, könnte der Auslöser dafür gewesen sein, dass ich mich in Kleidern, Röcken oder hohen Schuhen wie eine unbeholfene, rosa Plüschbärin fühle – ein tatsächliches Rosa braucht es dafür nicht einmal. Um ehrlich zu sein reicht schon eine schicke Bluse aus, oder das Fehlen von Sneakers an meinen Füßen. Und cool ist das schon wieder nicht – weil ich, so sehr ich das nicht zugeben will, und so sehr ich nicht so ganz weiß, warum ich das nicht zugeben will, ab und zu auch meine kleinen Mädchen- und Frauenmomente habe, in denen ich mich dabei ertappe, wie ich den Glitzer-Nagellack da im Regal schon ganz schön gut finde, oder andere Frauen insgeheim bewundere, wenn sie es schaffen, sich feminin zu kleiden, dabei aber trotzdem noch genauso lässig auszusehen, wie in tatsächlich lässigen Outfits, weil die nicht in erster Linie cool mit ihren Outfits sind, sondern mit sich selbst.

Ich kann nicht einschätzen, wie ich in der Welt wirke; wie groß und breit ich wirklich bin, vor allem im Vergleich zu anderen. Wenn einem als heranwachsender Mensch oft genug erzählt wird, wie groß und stabil (das nette Wort für dick) man doch sei, dann bleibt das irgendwann hängen und verwandelt sich im dümmsten Fall zu einer gestörten Wahrnehmung des eigenen Körpers. Deswegen scheint mir schwarz und leise oft die beste Lösung. Lieber gar nicht auffallen, als auffallen, weil ich aussehe wie ein kompletter Vollidiot. Und es ist ja auch nicht so, dass ich mich in meinen Schwarzwelten unwohl fühlen würde, im Gegenteil, sie sind ein bisschen wie ein zu Hause. Aber wirklich cool wäre, wenn ich damit von Zeit zu Zeit auch brechen könnte, wenn mir danach ist, ohne mich augenblicklich verkleidet, overdressed, schutz- und identitätslos zu fühlen, oder Angst haben zu müssen, missverstanden zu werden. Manchmal stelle ich mir dann vor, wie das Ganze irgendwann wieder in sein absolutes Gegenteil kippt und ich die schillerndste Oma von allen werde. Und die coolste.

 

(Schreibkurs bei Dr. Frank Berzbach. Aufgabe: Verfasse einen Text zum Wort "cool".)