IX1

Bevor ich nein sage, sage ich lieber ja. Allein den Gedanken daran, jemand könnte sich meinetwegen dumm oder zurückgewiesen fühlen, ertrage ich nicht gut. Ich ertrage ihn nicht gut, weil ich selbst das dann auch spüren müsste. Außerdem möchte wenigstens ich in dieser unterkühlten Welt etwas sein, wovor man sich nicht fürchten muss.

Dass man sich berechtigterweise auch vor überangepassten Harmoniebedürftigen fürchten kann liegt auf der Hand – ändert allerdings nichts. 

Im Grunde geht es bei dieser Problematik also weniger um mein Gegenüber, als um mich und das, was ich mit mir herumtrage.

Gerät man als Neinphobiker dann allerdings in eine Situation, in der vermittelt wird, dass so ein Nein offenbar auch gar nicht allzu viel zu bedeuten hat, mehren sich nicht nur die Zweifel an diesem Begriff und seinem Sinn, sondern auch jene an sich selbst und der eigenen Wirksamkeit.

Will man einen Grund dafür finden, warum man auch solche Erfahrungen machen muss, auf die man rückblickend lieber verzichtet hätte, wäre es an erster Stelle sinnvoll zu klären, ob man an die Existenz eines freien Willens glaubt. Damit wird man allerdings eine Weile beschäftigt sein. Einfachheitshalber könnte man instinktiv aus folgenden Optionen wählen: Schicksal, Zufall oder ein Mangel an der Fähigkeit, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten gut genug auf sich aufpassen zu können, und dazu schlimmstenfalls noch einen oder mehrere Menschen, die sich diesen Mangel zunutze gemacht haben. Handelte es sich bei betreffender Erfahrung um eine mit Traumapotenzial, scheint die Suche nach einer Erklärung umso dringlicher; weil man selbst nicht mehr begreifen kann, weshalb es nicht möglich war, jene Situation zu vermeiden, sie aufzulösen oder wenigstens rechtzeitig zu verlassen. Und dann schämt man sich, fühlt sich dumm, schmutzig, schuldig. Weil man vergisst, dass das variantenreich kommunizierte, und dennoch wirkungslos gebliebene Nein, und die daraus resultierende Hilflosigkeit und Verwirrung dazu geführt haben, dass man irgendwann einfach aus seinem Kopf und Körper ausgestiegen ist. Weil es nicht mehr anders ging.

Man vergisst, dass man sich nicht fragen muss, warum es nicht mehr anders ging, warum man nicht schreien oder einfach aufstehen und weglaufen konnte – das mehrfache Nein und das Wegdrücken wäre genug gewesen. Schon ein einziges Nein wäre genug gewesen, ein Kopfschütteln, wahrscheinlich sogar ein „Ich weiß nicht“. Man vergisst die körperlichen Schmerzen, die einen noch tagelang an das, was passiert ist, erinnert haben, und dass verzweifelte Suche nach Nähe nicht als Freischein zu verstehen ist, nie, insbesondere dann nicht, wenn diese Suche sich in purem Ekel aufgelöst hat, weil Grenzen überschritten, niedergemäht wurden.

Eine Erfahrung wie diese ist viel zu groß und zu schwer, um sie mit sich alleine ausmachen zu können. Mir hat sie lange jegliches Gefühl von Wert und Würde genommen. Sie hat das ohnehin labile Gerüst, auf dem meine Persönlichkeit zu heilen und wachsen versucht, beinahe völlig zum Einsturz gebracht.

Dass Verdrängung, egal worauf sie sich bezieht, früher oder später ausnahmslos in einem Desaster endet, war mir bereits bekannt. Das habe ich verdrängt. Als Gegenleistung für diese Doppelverdrängung hat meine Psyche mir Zwangshandlungen abscheulichster Art beschert. Und es war abzusehen, dass sie, um mich zum Handeln zu bringen, bald auch meinen Körper mobilisieren würde, der dann zu schmerzen begann und jeden Tag kraftloser wurde.

Das schlimmste war die Angst. Die Angst davor, er, der sich von mir genommen hat, was er wollte, auf eine Weise, die mich ihn nicht mehr als Menschen, sondern nur noch als triebgesteuertes Fleischbündel anwidernder Geilheit erkennen ließ, könnte mich mit irgendetwas verseucht haben. Nicht mit irgendetwas, sondern mit dem Grund dafür, dass ich jedes Mal zusammengezuckt bin, wenn jemand das Wort „positiv“ benutzt hat; dem Grund dafür, dass ich die Zahl drei nicht mehr ertragen konnte; dem Grund dafür, dass ich jede ungewohnte Regung meines Körper als Zeichen verstanden habe. Als negatives Positivzeichen. Die Leute gebrauchen das Wort „positiv“ unverhältnismäßig oft und drei ist eine unerträglich häufig vorkommende Zahl. Immer dann, wenn ich mich selbst dabei erwischte, etwas drei mal getan zu haben, wenn ich mir zum Beispiel drei mal meinen Fettstift über die Lippen gestrichen, oder drei mal an eine Tür geklopft habe, musste ich es noch ein viertes mal tun. Es war anstrengend. Wie bei dieser Angst die Gewichtung zwischen meiner Angststörung und tatsächlicher, realer Bedrohung aussah, spielt keine Rolle, und sie musste sich erst so lange in mir potenzieren, bis ich kaum mehr einen klaren Gedanken fassen konnte und zutiefst paranoid, abstrusen Gesetzen unterworfen, durch die Tage waberte.

Ich stelle ich mir das menschliche Nervenkostüm gern als Ansammlung vieler elastischer Fäden vor. Jeder Mensch hat unterschiedlich viele Fäden von unterschiedlicher Flexibilität und Dicke. In stressbefreiten Situationen hängen sie locker durch – in Situationen negativ aufwühlender Gefühle werden sie gedehnt. Dann kann es vorkommen, dass der ein oder andere Faden reißt, was nicht allzu schlimm ist, weil jeder Faden ein paar Mal nachwachsen kann, sobald die Lage sich wieder entspannt. Lässt die Spannung allerdings nicht mehr nach, über Wochen, über Monate, dann kann es passieren, dass zu viele Fäden reißen. Das macht sich dann sowohl körperlich, als auch geistig bemerkbar. Wenn alle Fäden reißen, zerfetzt das Nervenkostüm und der dazugehörige Mensch kollabiert.

Von meinen Fäden waren vielleicht noch zwei oder drei übrig, als ich mich eines Nachmittags in einen Roboter verwandelte.

Man muss wissen, dass ich einer der Menschen bin, die ihr Dasein – mal mehr, mal weniger gern – dem kontinuierlichen Denken und Zerdenken und Überdenken widmen, zumeist ohne, dass daraus eine aktive Handlung resultiert. An jenem Tag aber wusste ich schlagartig, dass ich mich um 17:30 Uhr auf mein Rad setzen würde, um mir meine eigene Damokles-Schwert-Schau zu Gemüte zu führen, und dass das unumstößlichlich feststeht, was erstaunlich war, weil Entscheidungen treffen sonst nicht zu meinen Stärken zählt und ich mir für gewöhnlich immer die Option der Vermeidung offenhalte. Es war mir zudem nicht möglich, jemanden einzuweihen, was den Ernst der Lage abermals bewies, da ich sonst kaum eine Gelegenheit zur Offenbarung meiner Ängste ungenutzt verstreichen lasse. Das hier war anders. Es war etwas grundsätzlich anderes.

Mein Name war IX1, als ich das erste Mal bewusst festgestellt habe, wie mein Panikschweiß riecht. Mit meinem Normalschweiß ist er nicht zu vergleichen. Normalschweiß gehört zu den Eigenausdünstungen, die man heimlich gerne riecht. Deswegen ist es auch ein gutes Zeichen, wenn man den Schweiß seines Partners gar nicht mal so übel findet. Panische Angst dagegen stinkt. Die Angst davor, das vergleichsweise unbeschwerte Leben könnte bald der Vergangenheit angehören, stinkt. Der Grundgeruch ist modrig-faulig. Dann kommt irgendetwas stechendes. Für den ganzen Rest gibt es keine Worte. 

Als ich das Treppenhaus betrat dachte ich, dass es ein passendes Treppenhaus ist. Angemessen für einen Ort wie disesen. In meinem seltsamen Automatismusmodus stieg ich die Treppen hoch. Vor der Tür standen schon fünf oder sechs Menschen, und in den zehn Minuten bis 18 Uhr füllte sich die gesamte Treppe, sodass ich das Ende der Schlange nicht mehr sehen konnte. Hinter mir sprachen zwei Männer über Mietprobleme und ich musste den Impuls, sie dafür anschreien zu wollen, unterdrücken. „Die Lage ist ernst, wir sprechen jetzt nicht über Mietprobleme!“.

Als die Tür sich öffnete begannen die absurdesten vier Stunden meines Lebens. Der Fragebogen, den jeder der Reihe nach in die Hand gedrückt bekam, wollte zu viel von mir wissen – etwa, ob ich Praktiken wie Arschlecken oder Faustfick betrieb. 

Ich starrte auf meinen neuen Namen: „IX1. Also quasi 1, 10, 1. 1101. 1+1+0+1.  3.“. Mein Herz stolperte. Ich milderte den Schock dieser Rechnung ab, indem ich mir erklärte, dass man eine 10 nicht einfach zur 1 machen durfte, und dass X außerdem nicht grundsätzlich mit 10 übersetzt werden kann, ebensowenig wie I nicht einfach mit 1. 

Dem Warteraum sah man an, dass er sich in einem Gebäude der siebziger Jahre befand. Er passte gut zum Treppenhaus. Das Licht war eines, für das jeder Zahnarzt gemordet hätte und aus der Ecke wummerte unangemessen laut stressintensivierender Techno, der melodisch höchst bedrohliche Botschaften trug. Ich fühlte mich, als sei ich Castingkandidat für eine bizarre Fernsehsendung – Deutschland sucht den HIV-Infizierten, Die ultimative HIV-Show, die HIV-Parade – fand das aber nicht witzig. Der Tisch, auf dem Plastikbecher, Cola, Orangenlimonade und Wasser bereitstanden, verlieh der Situation zusätzlich den subtilen Anticharme einer Schullandheimparty, und rundete die surreal anmutende Szenerie so auf eine schwer perverse Art und Weise ab.

Ich überlegte, ob die Situation leichter zu ertragen wäre, wenn man diesen Ort in eine gemütliche Lounge mit Räucherstäbchen, sanften, farbigen Lichtern und Walgesängen mit Meditationseinheiten verwandeln würde oder ob das, im Gegenteil, vielleicht sogar der Gipfel des Zynismus wäre. Im nächsten Moment fand ich mich unausstehlich für all meine Gedanken, weil man allein dankbar dafür sein sollte, dass es einen solchen Ort wie diesen, an dem schnell und anonym professionelle Hilfe für wenig Geld geboten wird, überhaupt gibt. 

Auf mein Beratungsgespräch wartend sah ich mich im überfüllten Raum um. Jeder wahrte eine Miene, die kein Anzeichen von Angst gewähren ließ – aber sie war da, überall. Ich sponn Geschichten zu den fremden Gesichtern und fand es schließlich seltsam, dass all die unterschiedlichen Lebenswege, die sich hinter ihnen verbargen, letztlich dazu geführt haben, dass sie sich alle in genau diesem Moment an genau diesem Ort trafen, um sich bald darauf wieder in alle Richtungen zu verlieren. Irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich dachte: „Sie da hinten sieht auch nicht aus, als könnte sie krank sein.“ – und eben das ist einer der großen Denkfehler: so vergleichsweise schwer das Virus auch zu übertragen ist, so unsichtbar ist es. Trotzdem war jene junge Frau an diesem Abend mein Fixpunkt. Ich erkannte sie als eine Meinesgleichen, was auch immer das bedeutete, und ohne, dass sie es ahnte, gab sie mir ein Gefühl, das mit Sicherheit verwandt war. Ich stellte mir vor, ihr dasselbe zu bedeuten und mochte den Gedanken.

Doch neben all diesem Erdachten bahnten sich auch immer wieder die Vorstellungen davon, was geschehen würde, würde man mir heute ein schlimmes Ergebnis mitteilen, ihren Weg in mein Bewusstsein: Komplettzusammenbruch, kotzen, Ohnmacht, aufwachen, von vorn. Mutter benachrichtigen, Psychiatrie,  Medikamente, Leben vorbei. Das Wissen, dass HIV heute gut behandelbar ist, und dass die üble Stigmatisierung Betroffener falsch und ungerecht ist, half mir kaum bis gar nicht. Es änderte nichts an meiner ganz persönlich Angst in diesem Moment. 

Der Sozialarbeiter, mit dem ich schließlich sprechen durfte, beheimatete eine jener Seelen in sich, deren Reichtum und Wärme ungefiltert nach außen strahlt. Er war der erste Mensch, bei dem ich meine Sorgen ausgesprochen, dem ich die ganze Geschichte kleinteilig erzählt habe. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich das nicht einmal vor mir selbst geschafft, denn sobald man eine Sache ausspricht, verleiht man ihr schlagartig eine tiefere reale Dimension. Er war der erste, bei ich meiner emotionalen Überforderung unter Tränen Raum geben konnte; der erste, der mir versichert hat, dass in nicht ich die Person sein sollte, die sich schämen muss; der erste, der meine Lage realistisch als risikoarm einschätzen konnte – was mich allerdings auch nicht zu beruhigen vermochte. Diesem kurzen Moment des Aufgefangenwerdens schloss sich unmittelbar wieder die Befremdlichkeit der vorhergehenden Eindrücke an, als ich vor dem Behandlungsraum wartete und der diensthabende Arzt mir eröffnete, dass es „Zentrifugenprobleme“ gäbe und ich mich noch einen Moment gedulden müsse. „Klar, natürlich!“, dachte ich, „Ist ja nicht so, dass ich jeden Moment durchdrehe vor Panik.“ und, dass das "ja jetzt irgendwie nicht wahr sein kann" und „mir doch die bescheuerte Zentrifuge egal ist, der muss mir ja nur kurz in meinen scheiß Finger pieken". Das war natürlich unangebracht, aber die Angst in mir begann allmählich mich zum egozentrischen Wrack zu machen.

„Wir haben jetzt 21 Uhr. In 24 Minuten ist das Ergebnis da, also um 21:24Uhr. Sie werden dann aufgerufen.“

Ich starrte auf meinen Blutstropfen im Testfeld mit der Beschriftung IX1 daneben und dachte: „21:24Uhr. Schonmal keine 3 dabei.“, musste mich aber dazu zwingen, die 2 und die 1 der 21 nicht zu addieren, und den Gedanken daran, dass die Summe dieser Uhrzeit das Ergebnis von 3 mal 3 ist, was so gesehen eine Art Worst Case war, nicht zuzulassen.

Wieder im Wartezimmer verwandelte ich mich vom Roboter zum Geist. Meine Hände und Füße waren eiskalt, mein Körper zitterte, zuckte zwischendurch unkontrolliert und mein Herz entsandte alle paar Minuten heftige Wellen der Panik, die meinen Körper in irrsinniger Geschwindigkeit durchströmten, um schließlich in meinen Fingerkuppen in einem ekelhaft penetranten Schmerz zu brechen. Ich saß nicht mehr auf meinem Stuhl, sondern hing nur noch irgendwie darin. Völlig in mir selbst zusammengesackt tippte ich mit der einen Hand stumpf auf meinem Handy herum und drückte mit der anderen das Plüschschwein in meinem Rucksack, das meine Mutter mir mal geschenkt hatte. Meine Augen fühlten sich an, als wären sie zu den Höhlen geworden, in denen sie liegen. Ich dachte daran, dass keiner wusste, wo ich gerade bin, und wie extrem es mir erging, dachte an alle, die ich liebte, und versuchte mir auszumalen, was meine Mutter gerade tat. Ich wünschte mir, wieder Embryo zu sein. Ich fühlte mich so einsam, wie nur selten zuvor. Ich muss ein erbärmliches Bild abgegeben haben. 

Um 21:24 Uhr ließ ich das Handy mit einer Minimalbewegung in meiner Jackentasche verschwinden und beschloss mich nun der puren Essenz einer der wohl grausamsten Arten des Wartens hinzugeben. Ich nahm meinen Panikgeruch wahr, die Kälte und gleichzeitige Hitze in mir, meinen rasenden Puls und einen diffusen Schwindel. Ich spürte all diese Dinge, bewertete sie aber nicht nicht mehr. Nicht infolge plötzlicher Spontanerleuchtung, sondern, weil ich zu nichts anderem mehr im Stande war, als wahrzunehmen, was die Angst davor, das wertvollste zu verlieren, was man hat, mit mir machte. Es fühlte sich an, als würde ich mich chaotisch in mir selbst auflösen.

Aus dieser Apathie erwachte ich ruckartig, als ich hörte, dass der Codename desjenigen, der vor mir im Untersuchungsraum war, aufgerufen wurde. Das bedeutete, das ich die nächste war. Ich stand auf, alles drehte sich, mein Herz berserkerte derart, dass ich mein Gehirn heftig pulsieren spürte. Es hätte mich nicht gewundert, wäre ich in jenem Moment explodiert. Ich wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis ich umkippen würde, aber ein erneutes Hinsetzen und Aufstehen lag nicht mehr im Bereich des Möglichen. Als sich die Türe endlich wieder öffnete und der zuständige Mitarbeiter meinen Robotergeistnamen vorlas, taumelte ich auf ihn zu und stierte ihn offenbar derart zermürbt und fragend an, dass er, noch bevor er die Türe hinter uns schließen konnte, sagte: »Alles gut.«. 

Wenn monatelang angestaute Angst sich in pure Dankbarkeit für und Freude über die eigene Gesundheit verwandelt und sich das dann in einem einzigen Geräusch entlädt, klingt das merkwürdig. Merkwürdig schön. Und dann weinte ich, und lachte dabei.

Wenn man auch nicht alles kontrollieren kann und ich kein Fan von Ratschlägen bin: „Pass’ auf dich auf“ ist ein guter – egal, woran man glaubt.

 

(Schreibkurs bei Dr. Frank Berzbach. Aufgabe von Autorin Melanie Raabe: Schreibe über eine Situation schwerster Angst.)