Vom Kleinreden und Zurückfühlen

Müsste ich mich auf eine Sache festlegen, die mich als Menschen ausmacht, würde ich mich entscheiden für: eine überwältigende Sehnsucht nach etwas Echtem, das von Dauer ist – als Sicherheitsgurt mit Lavendelsäckchen in diesem komplett irren Leben.

Dabei gibt es leider zwei Probleme: 

 

1.) Sicherheit ist eine Illusion (immer)

Das schüchtert die Sehnsucht allerdings nicht ein; lässt nur ihren Romantiktrotz aufleben.

Egal, wie sicher Beziehungen scheinen – sie sind es nicht, nie. Das mag verbittert wirken. Ist es vielleicht auch, ein bisschen. Aber mindestens genauso wahr. Auf das ganze pseudoerleuchtete „Sicherheit in sich selbst finden“-Selbstliebe-Gebrabbel verzichte ich an dieser Stelle. Das beschert mir nämlich Brechreiz, vor allem wenn Menschen als missionierende Gestalten durch ihre schwer verzerrte Welt flügeln und das so predigen, als sei diese "Erkenntnis" vollkommen neu, um sie dann auf Instagram zu "teilen", am besten als Foto eines überteuerten „Kunst“-Drucks (im Hensa-Font, aus einem s-u-p-e-r hippen Interiorstore), der über dem lichterbeketteten Europalettenbett hängt, #art #yoga #selfcare #lovelife #potd #deinernst?

Das ist im Endeffekt nur zu einem weiteren Bar im Druckbehälter genannt Leben geworden. 

Ich glaube, ich bin zufrieden, wenn ich am Ende meiner Tage sagen kann, dass ich so scheisse ja vielleicht gar nicht war. 

 

 

2.) Zeit

...und meine seit Jahren exponentiell wachsende Angst davor. Es wird immer darüber gesmalltalkt „wie schnell doch die Zeit vergeht“, und dass das „ja verrückt ist“, und dann lacht man so ein bisschen dumm, obwohl alle Gesprächsbeteiligten die daran geknüpfte Panik genau spüren können, und sich statt dümmlich zu lachen lieber zusammenrollen und ein bisschen apathisch durch den Raum kugeln möchten. 

Bei genauerer Betrachtung ist es fast schon makaber, eine so bittere Angst wie die vor der eigenen, unausweichlichen  Vergänglichkeit im gleichen Rahmen zu besprechen wie: „Ganz schön kalt draußen, oder?“ - „Ja, ultra kalt.“ - „Ja, echt ey.. Windig auch.“

Vielleicht müssen wir Smalltalk einfach mit kleinreden übersetzen. Ist ja alles gar nicht so schlimm. „Ja, sterben, super! Hoffentlich regnet’s nicht.“

 

Irgendwann merkt man, an wie viel man sich schon bewusst zurückerinnern kann. Das allein ist schon schwere Kost. Begreift man dann zusätzlich noch, wie lange das meiste davon schon zurückliegt, und dass 2008 nicht vor zwei Jahren war, sondern vor zehn (fuck!), dann liegt die Verdaulichkeit ungefähr bei Kieselsteinen mit Pilzen. Drei Teller. 

Und es kommt immer mehr dazu, schließlich geht es jeden Tag unerbittlich weiter, ohne Pause; dabei fühle ich mich so oft noch immer wie ein Kind, das nicht versteht, warum es sich jetzt nicht mit seinem Stickeralbum in sein Kinderzimmer setzen, eine Kassette hören und warten kann, bis Vati zum Essen ruft. Wann hat das alles aufgehört? Wann hatte ich das letzte Mal mein Stickeralbum in der Hand? Wann ist das letzte Mal die Taste des Kassettenrecorders hochgeschnippt? Wann hat Papa mir das letzte mal unerlaubte Mengen braune Butter über meinen Zucker-Zimt-Grießbrei gekippt? 

Und um direkt dort anzusetzen: Mama, Papa, hört doch bitte langsam auf älter zu werden. Es geht nicht, dass ihr irgendwann nicht mehr da seid. 

Und wie soll ich obendrein damit klarkommen, dass ich immer mehr Anzeichen für die einsetzende Alterung meines eigenen Körpers entdecke? Ich taste mich noch immer mehr blind als sehend durch mein seltsames Lebensdings, ohne irgendwas von gesellschaftlicher Bedeutung erreicht zu haben, weil meine Psyche mich ununterbrochen fragt, was der Scheiss denn eigentlich soll und dann wieder Spagat üben geht. 

Das Außen und das Innen entwickeln sich immer weiter voneinander weg und ich muss immer häufiger gegen den Impuls ankämpfen „STOP, HALTET ALLE DIE FRESSE! STOP!“ zu schreien. Ich kann nur hoffen, dass das nicht gerade passiert, wenn ich an der Supermarktkasse stehe, oder in der Bahn sitze, oder so. 

 

Ganz speziell in Bezug auf die Sehnsucht danach, irgendwo anzukommen, wobei irgendwo wahrscheinlich bei irgendwem bedeuten soll, wird das Zeitfenster gefühlt auch immer kleiner.

Taugenichts (w) , 27 aka "Sie gehen auf die 30 zu" * , sucht: Partner ohne Fluchtinstinkt zum gemeinsamen Durchräumekugeln. Bietet: geistige Vollverknotung, ungelöste Inneres-Kind-Konflikte, und ein bemerkenswert schlechtes Bindegewebe.

* Was soll das eigentlich, dass die Leute einem das ab 27 pausenlos sagen? Ich sage doch meiner Nichte, wenn sie mal 7 ist, auch nicht: "Hör mal Hannah, jetzt hier aber mal aufpassen! Du gehst auf die 10 zu!" .. und mit 18 sagt dir auch keiner, dass du auf die 20 zugehst, da denkt keiner an die 20. Was ist das mit der 30?! Was passiert denn da?!

 

Meine Zeitpanik ist einer der Gründe dafür, dass ich in mir schon des Öfteren den Wunsch vernommen habe, mit alten Menschen zu sprechen. Im Rahmen eines Uni-Projekts habe ich diesen Wunsch dann kurzum zu meinem Thema gemacht. Der Termin im ersten Seniorenheim war für den 2.Januar vereinbart. Und wie so oft, wenn ich mich damit konfrontiert sehe, meinen zwar ereignislosen, aber wenigstens sicheren Kokon verlassen zu müssen, war ich kurz davor zu kneifen – zumal ich den 1.Januar in meiner Geschichte der Schwermut ohne zu zögern zu einem der schlimmsten Tage meines Lebens zählen kann.

2.Januar, morgens: Kaum geschlafen, mit verquollenen Augen vor’m Badspiegel, Leere, Schwindel, Geistwesen, Handy, „Mama, ich schaff’ das nicht“, mentaler Einlauf von Mama – aber letzten Endes entscheidet meistens ein Kurzschlussgedanke über ja oder nein. In diesem Moment lautete der: „Noch beschissener als jetzt kann’s dir nicht gehen.“, also Maske aufgesetzt und losgegangen.

Während ich die erste Stunde über nur dachte „Wie komm’ ich denn jetzt aus der Nummer wieder raus?!“, weil mit zu vielen existenzbeweisenden Blicken, zu vielen Eindrücken und zu viel sich-(im absolut desolaten Zustand)-Vorstellenmüssen konfrontiert, hat der Tag sich dann allmählich zum Gegenteil des vorhergehenden entwickelt. Genau genommen ab genau dem Zeitpunkt, als ich einzelne Bewohner des Heims auf ihren Zimmern besuchen, und Vieraugengespräche führen durfte, von denen insbesondere zwei mich so tief berührt haben, dass ich gar nicht wusste, wie mir geschieht. Da wurden mir, mit so viel Zutrauen und Wärme, so persönliche Geschichten erzählt, als sei das absolut selbstverständlich, und ich keine Fremde. Keine besonders extremen oder ausgefallenen Geschichten – aber genau darin lag letztlich die schönste Essenz des Ganzen, wo es einem doch heute so oft so vorkommt, als sei nie irgendetwas, das man tut, oder hat, oder ist besonders genug, oder überhaupt genug.

Die Bilder, die ich für dieses eigentliche Fotoprojekt geschossen habe, sind in den Hintergrund gerückt und können der ganzen Sache, die ich da erleben durfte, nicht annäherungsweise gerecht werden. Ganz ehrlich ist es aber auch so, dass mir das egal ist, weil der der studentische Bezug bei alldem beinahe schon lächerlich schien. 

Ich will nicht behaupten, dass ich seitdem fröhlich und bescheiden durch die Tage hüpfe. Im Gegenteil, die Zeit gerade ist heftig, ich kämpfe wieder jeden Tag gegen diese riesige dunkle Wand an, ständig überfordert, sozial isoliert, kaum fähig zu schlafen, aber auch nie richtig wach, extreme Zukunftsängste, Selbstzweifel und oft völlig am Ende. Aber wenn ich mich an diesen Tag zurückerinnere, wird es kurz ein bisschen heller in mir. Nicht zuletzt auch deswegen, weil ich an diesem Morgen eben nicht im Bett liegen geblieben bin. 

 

Und vielleicht liegt in solchen Dingen das einzige, das von Dauer sein kann. Also irgendwie doch in einem selbst. Aber wenigstens ohne Hensa, Hashtags und selflove-Zwang. Erinnerungen sammeln und wissen: das darf ich für immer behalten, das nimmt mir keiner mehr weg, das ist meins und das darf ich mir so oft zurückfühlen, wie ich möchte. Wie schön das erst wird, wenn etwaige Begleitschmerzen nachlassen. Das muss man sich mal vorstellen!

Und das vielleicht auch als einzige Möglichkeit, verloren gegangene Liebe zu verkraften, immer wieder.

 

 

zuhören:

 Fourth of July 

Identitätsstiftend

 

Man munkelt diverse mediale Kanäle transportieren derzeit wieder sehr viel lebens- und herzfernen Kram. Mein Alternativvorschlag: mehr als satt und sauber

 

...und hier gehts zum Projekt "Wie schmücke ich mein Bäumchen?"