Zeitverrückt

Zeit, du verrücktes Stück..

Immer noch keine Ahnung, was das eigentlich ist. Immer noch Zweifel an diesem Konstrukt. Immer das Gefühl, das Leben dauert nur eine Millisekunde. Immer Angst, nicht richtig zu leben, irgendwas zu verpassen, aber immer Quatsch.

Der eigene Kern, der bleibt ab einem gewissen Punkt immer gleich, nur eben das Gefäß nicht, sage ich.

An dieser Stelle will manch einer sicher impulshaft protestieren. Klar – man sammelt Erfahrungen, sammelt Narben, lernt dazu, oder glaubt wenigstens das zu tun, und sich auf irgendwelche Arten und Weisen zu verändern, aber die Essenz bleibt, die Seele, wenn man so will, kennt das nicht, Zeit, Alter Zahlen. 

Dieses tragisch-schöne Gefühl, das sich immer noch einstellt, wenn ich zum tausendsten Mal alte Fotoalben durchblättere, wenn ich "zu Hause" bin.. Wie lange diesdas zurückliegt, und gleichzeitig was für ein Witz an Zeit das im Vergleich zum ganzen Rest ist. Einerseits der Beweis, dass so ein Leben irgendwie doch ziemlich lang ist, und andererseits der, dass dieses Zeitding doch tatsächlich unerbittlich voranschreitet, auf seine so undurchdringbare Art und Weise. Wie Momente ewig dauern, obwohl man sich jetzt an sie als kleine Punkte auf seinem eigenen Zeitstrahl zurückerinnern kann – tiny dots on an endless timeline – und sich wundert, wann man hier angekommen ist, und warum gestern schon wieder vor drei Monaten war, und wann all das dazwischen passiert ist.

Das Dazwischen. Auch ein wirklich seltsamer Raum.

Wann ist ein Anfang so weit fortgeschritten, dass man irgendwo, irgendwann sein Ende benennen kann, und wo fängt das wirkliche Ende an? Und wo liegt die Mitte, ihr Anfang, ihr Ende, und die Mitte der Mitte? 

Einerseits solche Angst vor falschen Entscheidungen, und davor, alles mit Vollgas gegen die Wand zu fahren, sich später zu denken "Kacke" und "Hätte ich mal" und "Warum hab ich nur". Andererseits die Ahnung, dass man auf alles vermutlich viel weniger Einfluss hat, als man oft zu glauben meint. Alle Wege formen sich ständig neu, genau jetzt, genau jetzt, genau jetzt, genau jetzt.

Es ist wahrscheinlich okay, sich in Anbetracht dessen manchmal ein bisschen verloren in dieser irren Scheisse zu fühlen und dann vielleicht wirr in seinem "Ventilraum" zu rotieren, nach irgendeiner einer Richtung, irgendeinem Halt suchend – in meinem Fall offenbar eine Verstrickung in seltsamen Pseudotexten.. denn im Prinzip wissen wir unser ganzes Menschenhüllenleben lang nicht, was da eigentlich mit uns passiert.

Aber trotzdem machen wir weiter, immer weiter, weil wir kaum eine andere Wahl haben, und wenn ich so daran denke, will ich uns alle in den Arm nehmen, weil das doch irgendwie eine ganz schön große Aufgabe ohne eindeutige Lösung ist. Umso mehr darf man sich auch mal auf den Boden legen, die Decke anstarren und glauben, den Verstand zu verlieren.. und das nicht allein zu schaffen.. Dinge, die passieren, nicht begreifen. Sich fragen, was das überhaupt alles soll. Vielleicht die natürlichste Frage von allen.

Ich habe tatsächlich keine Ahnung, was das hier alles bedeutet, was gerade aus meinen Fingern fließt, weil meine Zeiten gegenwärtig bislang unerlebt diffus und beängstigend sind, und sie sich so instabil anfühlen, als könnte jeden Moment alles in sich zusammenfallen. Vielleicht merke ich gerade, dass ich über nichts Kontrolle haben kann und dass Sicherheit so, wie ich sie bisher gedacht habe, gar nicht existiert.

Das Meiste von dem, an das man sich erinnert, ist so nie passiert; erst im Moment der Erinnerung, im eigenen Kopf. Wir erinnern uns mit allen "Dazwischens", die uns bis zu genau diesem Moment jetzt passiert sind. Wir färben, passen an, gleichen ab. Und das ist auch gar nicht schlimm. Das ist überhaupt gar nichts, ist das. Oder vielleicht doch.

Die Zeit hat mich verrückt.

 

Im Folgenden meine Eltern, irgendwo in der Zeit. Und falls ihr das lest, ihr stöbert ja ab und zu: Liebe & endlose Dankbarkeit, für alles, am meisten aber für die andauernde Unterstützung und Verstehensversuche meines Chaoskopfs, der sich nur so schwer zurechtfindet in dieser Welt und für alles ein bisschen länger braucht.