Ist mir nicht Wurst

Beim Aufräumen von Ferienwohnungen findet man Dinge. Manche sind schön, nette Zettelnachrichten zum Beispiel, perfekt gespültes Geschirr, oder ein Eis im Tiefkühlfach, wenn die Dachgeschossbude gefühlt 60°C hat. Manche sind weniger schön, ohrenverschmalzte Q-Tips auf dem Waschbeckenrand, Schamhaarsiedlungen in Badewannen oder ein bis zum Rand mit güldenem Harn gefülltes Glas. Für solche Fälle bin ich mit Gummihandschuhen und einem weitreichenden Willen zum Verständnis für alle möglichen und unmöglichen menschlichen Verhaltensweisen gewappnet. Bei der 500g-Hackfleischpackung, die aus dem Mülleimer lugte und zum Sonderpreis von 99 Cent erstanden wurde, bin aber auch ich dann endgültig an meiner internen Ekelstation angedockt. Das perfekte Sinnbild: Der übrig gebliebene, blassbeige Hackfleischwurm, der sich traurig im Regengeprassel auf dem Glastisch der Terrasse wand.

Ob einer Fleisch isst oder nicht entscheidet für mich nicht über gut und böse. Viel mehr schlagen mir all die selbsternannten Missionarsveganer im Gutmenschpelz ungemein auf's Gemüt. Denn selbst der krasseste Öko-Hardliner und linientreuste Straight-Edger trägt irgendwo eine Doppelmoral (dazu kann man durchaus auch den zwischenmenschlichen Bereich zählen) mit sich herum, und ich bin dafür, immer erstmal bei sich selbst fertig aufzuräumen. Das dauert meistens bis für immer. 

Ich selbst trage unerträglich viel Doppelmoral mit mir herum, Beispiel-Stichwort Käse, Beispiel-Stichwort saisonfernes Obst, Beispielstichwort Plastik, und und und. Daher halte ich für gewöhnlich die Schnauze, wenn es darum geht, wie ein anderer sein Leben gestaltet (, sofern diesem keine grundsätzlich verabscheuenswürdige Ideologie bezüglich Wasauchimmer zugrunde liegt); weil ich das sonst seltsam fände, und peinlich, und heuchlerisch, und lächerlich. Außerdem stößt exzessives Bekehrenwollen immer auf Ablehnung und Protest, weil Menschen so funktionieren. Um es auf den Punkt zu bringen und die Spitze zu treiben: Je heftiger der selbstgerechte Veganer tobt, desto genüsslicher beißt der gleichgültige Fleischfan in sein Billigschnitzel. Damit sage ich nicht, dass es unnötig oder falsch ist, Fragwürdiges zu hinterfragen und darauf aufmerksam machen zu wollen – das sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Ich bin lediglich selten Fan von Extremen. Vielleicht sogar nie. Das muss ich auch noch fertig aufräumen. Fest steht, dass es potentere Strategien des Austauschs gibt, als sich gegenseitig herab- und unter Druck zu setzen. Man darf vermuten, dass wir auf keinen grünen Zweig kommen, wenn jeder jedem alles verbieten will, sich das aber rundum-widerspricht. Man kann anderen nicht sagen wollen, dass sie scheisse sind, wenn sie Fleisch essen oder ihren Text nicht gendern oder ihren Müll nicht trennen, und sich dann im Anschluss über das für 5€ ergatterte Top von Primark oder das dreißigste Paar Sneakers freuen; das haut nicht hin. Da kommen wir mehr auf so sehr dünne Zweige, die dann irgendwann abbrechen, und dann sind wir Zweigmörder und dann ist da wieder ein neuer Extremismus (..ähnlich hirnrissig funktioniert das tatsächlich. Völlig irre). Außerdem streiten sich so ständig alle. Alle finden es aber gleichzeitig auch kacke, dass alle sich ständig streiten, und so viel Hass auf der Welt am Abgehen ist. Dann werden Menschen, die sich als tolerante Weltretter sehen möchten, schnell zu gedankenlosen Fanatismusbündeln mit scheinbar klaren Zielen. Sobald man aber versucht, dort in die Tiefe zu gehen, offenbart sich nicht selten die absolute Undifferenziertheit. Oft wird einer auch deswegen zu solch einem Bündel, weil da irgendeine Leere gefüllt werden will, und spätestens dann geht es nicht mehr um die Sache selbst, sondern um die eigene Person, und das, was innen (noch) nicht aufgeräumt wurde. Und dazu muss ich dann doch mal meinen Senf abgeben. (Ob das dann auch wieder Doppelmoral ist weiß ich nicht, aber an solchen Punkten muss ich auch aufhören zu denken, weil sonst das Verrückt in mir anfängt zu summen.)

Immer, wenn ich mir das alles so vor Augen führe, muss ich mir an den Kopf fassen und sollte mir vielleicht mal eine Art Mantra überlegen, meines Stresshormonhaushalts wegen. Wahrscheinlich ist ein gedankenloses Fanatismusbündel immer noch besser als ein phlegmatischer Istmiralleswumpe-Sack, weil bei ersterem am Ende, bzw. am Anfang, bestenfalls noch die Bewusstwerdung über Dinge, die auf der Welt womöglich nicht ganz richtig laufen, und der Wille, das ändern zu wollen, steht, was ja grundsätzlich gut ist. Aber mit Vollgas rückwärts aus einer Parklücke zu fahren führt meistens auch nicht zu Top-Ergebnissen, und nicht selten sogar zu Schäden – so als bildhafte Verdeutlichung dessen, was ich zu sagen versuche.

Zurück zum 99ct-Hack: Ich weiß, dass die Leute, die besagte Wohnung für ein paar Tage bezogen und dieses Fleisch gekauft und gegessen haben, keine schlechten Menschen sind. Das weiß ich, weil wir noch miteinander gesprochen haben und das war voll Herz. Das weiß ich, weil wir alle heimlich oder unheimlich Dinge tun, von denen wir wissen, dass sie nicht ganz so optimal sind. Das Problem (in Bezug auf das Thema Fleisch) liegt ganz woanders. Es liegt in der Unvereinbarkeit von ethisch vertretbarer und massenhafter Fleischproduktion. Und es liegt quasi im Liegen des Fleisches: dem Ort, an dem es liegt und der Art, wie es dort liegt, nämlich in absolut fleischfernen Formen, säuberlich verpackt, in strahlend weißen Styroporschälchen unter Klarsichtfolie im harmlosen Supermarktregalen. Manchmal wird es auch zu lustigen Bärchen geformt, was meinem Gefühl nach auf die Flagge von Absurdistan gehört: eine Bärchenwurstscheibe. Oder ein Grillhühnchen-Wagen mit einem fröhlichen Hühnchen darauf, dass einen Grillgabel im Fügel hält und Grillhühnchen grillt. Da konnte ich bislang noch keine Entscheidung treffen. Vielleicht muss es eine zweiseitige Flagge geben. 

Ich esse kein Fleisch, weil ich nicht dazu in der Lage wäre, ein Tier selbst zu töten, es auseinanderzunehmen und zu verarbeiten. Ich empfinde es außerdem als unverhältnismäßig, ein Leben auszulöschen, um mich kurzweilig geschmacklich daran erfreuen zu können. Ich empfinde es als unverhältnismäßig, weil ich persönlich genug andere Möglichkeiten habe, mich zu ernähren. Dazu kann man allerdings auch eine andere Meinung vertreten und solange diese Meinung auf ein paar sinnvollen Gedanken thront, ist das für mich akzeptabel. Die Gedankenlosigkeit ist der Punkt, denn der Mensch wird nicht aufhören Fleisch zu essen – darüber muss nicht diskutiert werden. Es gibt Gründe dafür, dass das Schlachten von Tieren zumeist so enorm und bewusst unter Ausschluss der Öffentlichkeit abläuft. Als meinen Eltern damals vorgeschlagen hatte, sich mit mir Earthlings anzusehen, hat meine Mutter im Anschluss ganz verzweifelt versucht, sich irgendwie von alldem zu distanzieren, was sie da gesehen hatte: »Aber hier ist das doch nicht so.«

Doch. Leider doch. Leider viel zu oft. 

Im Belgischen Viertel, gibt es jetzt einen Ort, der sich Markthalle nennt. In dieser Markthalle gibt es, neben allerlei anderen tollen Ständen, eine Metzgerei mit dem schönen Namen Lappen und Prengel. Und dort gilt im wahrsten Sinne des Wortes: Transparenz. Da sieht man, ganz und gar und tatsächlich anschaulich, wie das Produkt, das vorne in der Fleischtheke liegt, hergestellt wird, und vor allem: woraus. Aus einem Tier, das dafür sterben musste. Und genau da finden wir den knackenden Punkt. Wer Fleisch isst, sollte auch kein Problem damit haben, zu sehen, was Fleisch tatsächlich ist, nämlich nicht die runde oder viereckige Scheibe unter Hartplastik (,weswegen nebenbei erwähnt auch die ausgelutschten Witzeleien über vegetarische Wurst nur dumm, und vor allem auch nicht mehr neu oder scharfsinnig oder sonst irgendwas in der Art sind).

Die Situation, wie man sie in der Markthallenfleischerei vorfindet, sollte die Norm sein. Der begrüßenswerte Normalfall. Wer Fleisch konsumiert, sollte sich wünschen, sehen zu können, wie und woraus das, was er verzehren will, gemacht wird; sollte sich wünschen, mit dem Menschen, der das Tier getötet, zerlegt und zu Fleischwaren verarbeitet hat, sprechen zu können, um Fragen zu stellen, die er stellen wollen sollte, weil es ihn interessieren sollte, was er in den Mund nimmt, und zum Teil von sich selbst werden lässt. Was man sich dagegen nicht wünschen sollte, wenn man sich ein bisschen lieb hat, und die Welt um sich herum vielleicht sogar auch, sind 500 Gramm Hack für 99 Cent. 

Wir – und ich muss mich selbst leider immer noch dazuzählen – geben zu viel Geld für Hirnrissiges, und zu wenig Geld für das aus, was uns am nächsten kommt: Nahrung. Klar kann ich mir die hübsche, dreizehnte Vase für 20 Euro kaufen, oder das Computerspiel für ichhabekeineahnungwievielComputerspielekosten Euro, aber warum zur Hölle stutze ich immer noch, wenn ich beim Einkaufen vor einem Produkt stehe, das zwar teurer, aber offensichtlich auch von besserer Qualität oder ‘ethisch angebrachter‘ ist, als sein günstiges Pendant? Das will ich noch ein bisschen besser aufräumen. 

 

Aufräumen ist 'ne gute Sache. Immer. Alles betreffend. Hinschauen, wo man hinschauen kann, ohne sich dabei in eigens gestrickten Netzen zu verheddern. Ändern, was man ändern kann, ohne dabei zum Richter über gut und böse werden zu wollen. Realistisch bleiben. Leben nicht vergessen. Einander beim Aufräumen helfen geht auch, klappt aber nur ohne übergriffig und überheblich zu werden.

Achtsam und entspannt, achtsam und entspannt, achtsam und entspannt.. ein gutes Mantra.

 

Hier, angucken:

Schlachthof-Doku / ZDF 

Doku über Tiertransporte / ZDF

Über Mark von Lappen & Prengel und wie er so über Fleisch denkt / kurzer Auszug – WDR  Super Typ!