»Du bist ein kerngesundes Kind.«

In der aktuellen Psychologie Heute (Juni 2018) gibt es einen Artikel zum Thema Depersonalisation und Derealisation. Da steht unter anderem, dass es sogar heute noch so ist, dass diese 'Störungsbilder' häufig nicht erkannt werden. Das hat mich ziemlich erschüttert. Ich bin davon ausgegangen, dass man diesbezüglich schon ein Stückchen weiter gekommen ist. Noch heute frage ich mich oft, wo, wie und wer ich jetzt wäre, wenn von Beginn an erkannt worden wäre, was mich quält und wieso; wenn die Therapien dort angesetzt hätten. Ich versuche eigentlich die Hättes, Würdes, Wäres aus meinem Kopf zu verbannen, weil es ja bekanntlich unsinnig ist, über sie nachzudenken – aber eben auch sehr menschlich. 

 

Tagebuchauszug vom 19.Dezember 2000 :

»Ich habe immer so ein blödes Gefühl, als ob ich nichts kenne, aber ich kenne es doch. (...) /Name/ denkt, ich spiele das nur vor, dass ich krank bin. Das stimmt nicht. Mir macht Leben keinen Spaß mehr. (...) Ich bin nicht ich, aber doch. Ich weiß, ich habe was, bloß was? (...) Alleine, was ich hier schreibe, das ist doch nicht wahr. (...) Die Dinge die ich sehe sind doch unecht. Alles ist wie ein Film (...) «

 

Tagebuchauszug vom 23.05.2001:

»(...) manchmal habe ich das Gefühl, ich werde von jemandem gesteuert. Ich fühle mich wie ein winziger Punkt, der zu klein ist für meinen Körper. Manchmal ist es auch so, dass ich alles vergesse, aber ich weiß es. (...) Wenn das so weitergeht, weiß ich nicht mehr, was ich machen soll. Niemand nimmt mich wirklich ernst. Wahrscheinlich denken alle schon ich wäre gestört. Stimmt ja auch. (...) diese Gefühle würde ich wirklich niemandem wüschen. Sie sind einfach unerträglich. (...) Manchmal denke ich, dass mich jeder kennt. (...) «

 

Seit meinem zehnten Lebensjahr erlebe ich Depersonalisationen und Derealisationen. 

Zu Anfang dachte ich, diese Zustände, die mich immer wieder überkamen, seien körperlichen Ursprungs, dachte, ich hätte Kreislaufprobleme, oder sogar einen Hirntumor. Arztbesuche, Krankenhausaufenthalte, aber immer war 'alles in Ordnung'.

»Du bist ein kerngesundes Kind.«

Immer, wenn ich das hörte, machte sich ein ekelhaftes Übelkeitsgefühl in mir breit – ich konnte doch spüren, dass etwas mit mir nicht stimmte..? Lange habe ich mich nicht getraut, das, was in mit vorging, vor anderen in solche Worte zu fassen, wie ich sie in mein Tagebuch schrieb. Ich hatte Angst, verrückt geworden zu sein, weil sich alles so absurd anfühlte, und fürchtete, man würde mich ins 'Irrenhaus' stecken. Ich habe mich dafür geschämt, solche 'unnormalen Dinge' zu empfinden. Und wie sollte ich anderen erklären, was ich mir selbst nicht erklären konnte?

 

»Depersonalisationspatienten haben keine Erklärung für das, was sie erleben. Sie denken, die Symptome seien die ersten Anzeichen einer Shizophrenie oder einer schweren Geisteskrankheit. Die warten darauf, dass sie als nächstes auch Stimmen hören. Das Gefühl 'verrückt zu werden' versetzt sie in Panik (...).« (Psychosomatiker Mattias Michal in der aktuellen Pychologie Heute).

 

Umso schlimmer war es damals für mich, in meiner irgendwann endlich kommunizierten Verzweiflung nicht ernst genommen zu werden. Von einigen Seiten hieß es sogar, ich wollte nur Aufmerksamkeit. Dabei war das Gegenteil der Fall: in Momenten der Depersonalistion/Derealisation möchte man am liebsten alle (vor allem äußeren) Reize ausschalten und sich zurückziehen. Und ich wusste ja selbst nicht, was da gerade mit und in mir passiert, befand mich fast durchgehend in einem Zustand tiefster Angst. Wann würde es das nächste Mal so weit sein? Die Angst vor der Angst. So zog ich mich immer mehr in meine Kopfwelten zurück und entwickelte ungesunde Strategien und Eigenarten, die mich bis heute in Vielem behindern und mich des Öfteren seltsam und kompliziert wirken lassen. Meistens versuche ich nicht mehr, das zu erklären. Unser Familienleben wurde in diesen Jahren auf eine harte Probe gestellt, was mir bis heute Schuldgefühle bereitet. Szenen, die mir nicht mehr aus dem Kopf gehen.

Seit meinem zwölften Lebensjahr durchlief ich dann, mit der Diagnose 'Generalisierte Angst- und Identitätsstörung‘ verschiedenste Therapien. Rückblickend würde ich sagen, bis auf eine haben sie mir alle eher geschadet, als geholfen, weil sie mich noch stärker verunsicherten, als ich es ohnehin war. Damals konnte ich das noch nicht beurteilen. (Damit will ich nicht sagen, dass Therapien schlecht oder unnötig sind Ausrufezeichen! Ich hatte schlicht Pech. Meine aktuelle Therapie zum Beispiel ist weitestgehend super, und auch die schlechten haben mich mitunter zu diversen Erkenntnissen geführt.)

Dass das, was am Anfang meiner Geschichte von Angst, Depressionen & co. stand, durchaus bekannte Phänomene sind, habe ich letzten Endes selber festgestellt, indem ich mich immer wieder, aus dem tiefen Wunsch heraus, mich selbst und das, was in mir abläuft, besser verstehen zu wollen, über die menschliche Psyche belesen habe. Vor etwa fünf oder sechs Jahren bin ich dann das erste Mal auf die Begriffe Depersonalisation und Derealisation gestoßen. Ein Betroffener hatte in dem damals gefundenen Artikel seine Empfindungen beschrieben, und spätestens bei 'fremdgesteuert' und 'wie auf Watte laufen' dachte ich »Ja! Genau das! Genau das ist es!« Mich durchströmte in diesem Moment ein unbeschreibliches Gefühl der Befreiung..: »Andere haben das auch, ich bin damit nicht allein.« Das 'komische Gefühl', Watte- oder 'Tapetengefühl‘, wie ich es bis dahin betitelte, hatte nach mehr als zehn Jahren endlich einen Namen, war endlich irgendwie greifbar. Und tatsächlich ist es so, dass sehr viele Menschen es kennen.

 

Depersonalisationen und Derealisationen begleiten mich bis heute und besuchen mich, je nach Lebensphase und mentaler Verfassung, mal häufiger, mal weniger häufig. Sie kündigen sich nicht an, sondern schmettern mir ohrfeigenhaft mein alltägliches Normalbewusstsein aus dem Schädel. Ich könnte mir aufgrund der Intensität dieser Gefühle sogar vorstellen, man könnte, würde man mich in genau diesem Moment beobachten, in meinem Gesicht erkennen, dass da gerade etwas 'von mir Besitz ergreift'. Sie erschrecken mich, denn sie folgen keinem Muster, zeigen sich auch in Momenten, in denen alles gut zu sein scheint, sodass ich mich dann auch heute noch immer frage: »Warum jetzt

Es gibt allerdings einen Unterschied zu früher: ich weiß, dass mir diese Zustände nicht gefährlich werden können. Sie sind 'nur' unbeschreiblich unangenehm. Ich weiß, wie ich mit ihnen umgehen muss, und dass ich nicht verrückt werde, auch dann nicht, wenn sie mal über Tage, in einer weniger intensiven Form, bei mir bleiben. Ich weiß, dass sie mir, wenn auch auf eine nicht ganz so schöne Art und Weise, mitteilen wollen, dass irgendeine Angst in mir gehört und 'bearbeitet' werden will.

 

Ich schreibe über all das, weil ich das seltsamerweise noch nie so richtig getan habe. Seit ich vor Jahren versucht habe, die Depresonalisation und Derealisation in einem kreativen Projekt zu verbildlichen und dabei kläglich gescheitert bin, habe ich das Thema nach außen hin weitestgehend ruhen lassen. Wie erklärt man einem Menschen, der von Geburt an blind ist, wie gelb aussieht. Wie erklärt man einem Menschen, der nicht man selbst ist, wie gelb aussieht? Wie malt man gelb ohne gelb?

 

Mein Konzepttext damals:

»Jeder Mensch nimmt die Umwelt, seine Mitmenschen und sich selbst mittels eines bestimmten 'Wirklichkeitscharakters' wahr. Er verleiht dem individuellen Sein und Handeln jenes Maß an Sicherheit und Normalitätsempfinden, das nötig ist, um ein stabiles Fundament für das eigene Leben zu schaffen. Bemerkt wird dieser Wirklichkeitscharakter in der Regel erst dann, wenn er verloren geht. In Momenten der Depersonalisation und Derealisation tritt dieser Fall ein. Mit erschreckender Plötzlichkeit verändert sich meine Wahrnehmung vollständig. Betroffen ist nicht nur die mich umgebende Welt, sondern auch mein Selbsterleben. Der vermeintlich selbstverständliche Schleier der alltäglichen Wirklichkeit löst sich mit einem Mal auf. Übrig bleibt die Erkenntnis, dass Realität lediglich eine subjektive Konstruktion des Gehirns ist.«

 

 

Wieder aus dem Artikel der aktuellen Psychologie Heute:

»(...)Matthias Michal vermutet, dass die Depersonalisation eine Funktion hat: Nach seiner Auffassung haben die Betroffenen ihre Gefühle 'eingefroren', um diese besser kontrollieren zu können und um sich nicht schämen zu müssen. Trotz ihrer großen Angst vor Zurückweisung könnten diese Menschen mit anderen in Kontakt treten. Sie seien daher aber nie 'ganz da' und könnten deswegen auch nicht verletzt werden.(...)«

 

Diese Vermutung teile ich, denn ich weiß heute, wo meine Entfremdungsmomente ihren Ursprung haben. Ich kämpfe noch immer darum, ein Ich, eine Identität zu bilden, mich wirklich zu spüren, wo ich doch alles andere so intensiv wahrnehme. 

Allerdings fühle ich derzeit auch das erste Mal, dass ich auf einem guten Weg bin.

Am liebsten würde ich den ganzen Artikel des Heftes abtippen, aber zum einen würde das ziemlich lange dauern, und zum anderen ist das wahrscheinlich verboten. Die Ausgabe (Juni 2018) ist auch abgesehen von diesem Artikel absolut lesenswert. Kann man kaufen. Also zum Schluss nur noch kurz... (es könnte ja sein, dass sich jemand wiedererkannt hat) :

 

»Typische Symbole der Depersonalisation: 

-Die Betroffenen fühlen sich wie losgelöst von den eigenen Empfindungen und dem Gefühl für sich selbst

-Der eigene Körper, die eigenen Gefühle, die eigenen Gedanken oder sogar die ganze Person scheinen fremd, unwirklich und weit entfernt

-Dazu gehören auch: Wahrnehmungsveränderungen, emotionale und körperliche Taubheit und gestörtes Zeitempfinden

 

Typische Symbole der Derealisation:

-Die Umgebung erscheint unwirklich und fremd

-Personen und Dinge werden wie hinter einem Nebelschleier, als leblos, farblos, verzerrt oder uninteressant empfunden. «