»A Ghost Story«

...wollte ich mir schon, als er im Kino lief, angeschaut haben. Wie so oft, wenn man 'was wollte‘, hat das nicht geklappt. Vorgestern ist er mir in DVD-Form wiederbegegnet.

Auf dem Cover steht unten »Zeit ist alles.« 

Wenn es um Zeit geht führt das mit ziemlich großer Sicherheit dazu, dass ich es, was immer es ist, haben will.. hören will, lesen will, sehen will. Ich bin mitunter dazu geneigt zu glauben, der Ursprung fast all meiner Ängste liegt darin begründet, wie sehr ich die Zeit nicht begreife, ihr unerbittliches Vergehen, ihre Unwiederbringlichkeit, ihre gnadenlose Rigorosität und Endgültigkeit, ihre Ungeheuerlichkeit. 

In »Die Zeit, die Zeit« von Martin Suter wird mehr oder weniger die These aufgestellt, dass es die Zeit, so wie wir sie denken, einteilen, messen, nicht gibt; dass sie quasi nur entsteht, weil Dinge sich verändern; dass das ständige Sichverändern der Dinge und Zeit dasselbe sind. Schafft man es also, eine Situation in genau denselben Zustand zurückzuversetzen, der zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Vergangenheit herrschte, kann man so beispielsweise auch verlorene Menschen 'zurückholen' – indem man sozusagen in die Vergangenheit reist (oder die Vergangenheit in die Zukunft holt?). (Yey Nebensätze und Klammern und Nebensätze!)

Dieses Buch habe ich maßlos ungeduldig aufgefressen, weil ich so sehr wissen wollte, wie alles endet.. zumal Suter scheinbar nichtige Situationen seitenlang hochdetailliert beschreiben kann. Dieses Verharren bei einer bestimmten Situation hat mein Spannungsempfinden so sehr angefeuert, dass ich immer schneller gelesen habe. Deswegen lag die Schwierigkeit für mich hier darin, meine Ungeduld nicht über meine Aufmerksamkeit siegen zu lassen. Alles könnte am Ende schließlich wichtig sein für's Gesamtverständnis. 

In »A Ghost Story« kam das 'Stilelement' des Verharrens bei einer Situation ebenfalls vor. Hier hatte sie aber eine ganz andere Wirkung auf mich (sind ja auch zwei verschiedene Medien, und der Film kommt ohne viele Worte aus): Die Schönheit der Bildwelt, der einzelnen Szenen hat mich so tief berührt, dass ich ihr teilweise minutenlanges Bleiben beinahe genossen habe. 'Beinahe', weil zugleich eine derart zermürbende Melancholie und Traurigkeit in jeder einzelnen Sekunde dieses Films steckt, dass ich ein Gefühl des 'Gleich-nicht-mehr-aushaltens' hatte. Wie »Melancholia« wird »A Ghost Story« ein Film sein, bei dem ich mir gut überlegen muss, wann ich ihn nochmal anschaue, oder viel mehr: in welcher mentalen Verfassung. 

Aus einem Zeit-Artikel (o the irony):

 

»(..)Narrative Haltepunkte in diesem durchaus herausfordernden Plot werden immer unzuverlässiger, und anstatt eine wirkliche Geschichte zu erzählen, macht der Film das unerbittliche Vergehen der Zeit und die Vergänglichkeit der menschlichen Existenz spürbar. Und doch beharrt Lowery, der diesen Film nach seinen eigenen Worten in einer existenziellen Krise machte, auf dem Wert von Liebe und Nähe. Angesichts der Unfassbarkeit von Raum und Zeit, der Endlichkeit allen menschlichen Lebens auf der Erde, der Endlichkeit mithin des gesamten bekannten Universums bedeutet ein kleiner Zettel mit einem Gedicht oder ein paar Gedanken, versteckt in einem Riss in der Wand, alles.«

 

Mehr muss dazu im Prinzip nicht gesagt werden. Dieser wundervoll stille Film trifft mit einer derartigen Sanftheit, gegen die keine Wucht der Welt ankommt, genau in mein Zentrum – was auch immer das bedeutet. Die Zeit, dieses seltsame Wasauchimmer, war schon oft Gegenstand meiner Texte. Ich versuche ständig, sie mir genau anzusehen, sie irgendwie greifbar zu machen, aber sie entgleitet mir immer wieder, und je älter ich werde, je weiter ich in meiner eigenen Zeit voranschreiten muss, desto mehr Angst macht sie mir, desto weniger verstehe ich sie, desto unheimlicher wird sie mir. So ist das, glaube ich, mit vielen Dingen, wenn nicht mit allen: je mehr man über sie nachdenkt, desto weniger versteht man. Weil man alles immer weiterdenken kann, bis die eigenen Grenzen erreicht sind, und die liegen dummerweise in den meisten Fällen noch vor des Rätsels Lösung, was höchst unangenehm ist, wie ein über die Ferse in den Schuh gerutschter Socken, den man da nicht wieder rauspulen kann, nur im Kopf. Wenn ich mir eine Superkraft aussuchen könnte, dann wäre das: erweiterte Vorstellungskraft. (Das, oder mich unsichtbar machen zu können). 

Zeit, oder das Sichverändern von Dingen und Zuständen, während andere (scheinbar) gleich bleiben, führt im Prinzip zu einer unmöglichen Situation, die mein Gehirn krampfen lässt. Um konkret zu werden: das Fensterbrett vor mir ist noch genau dasselbe, wie es das zu der Zeit war, als ich hier vor drei Jahren saß. Genauso wie die Küchenfront, die Wohnungstür, die Fliesen im Bad, etc.: da hat sich nichts verändert. Da ist keine Zeit vergangen. Das ist, auf irgendeine seltsame Weise, stillstehende Zeit in vergehender Zeit. Diese stillstehende Zeit, die Dinge, die sich nicht ändern, oder nur so langsam und minimal, dass es so scheint, als würden sie das nicht tun, die, mit anderen Worten, viel älter werden als wir, erinnern uns fortlaufend an alles, was nicht mehr so ist, wie es mal war. Das kann gut und schlecht sein. Oft ist es schmerzlich. Oft resultiert daraus ein Sich-Verlieren in Erinnerungen oder das Gefühl der Nostalgie. Mir fällt es einfach schwer, zu begreifen. Alles. Was das alles ist. Ich könnte jetzt in den Ort gehen, an dem ich groß geworden bin, und würde dort Terrazzo-Boden genau so vorfinden, wie er war, als ich mit drei, vier, fünf, ... Jahren darauf herumgelaufen bin: jedes Steinchen an seinem Platz. Der Song, den ich in irgendeiner Situation in der Vergangenheit gehört habe, klingt noch ganz genauso, wie damals. Meine Lieblingsseite meines Lieblingskinderbuchs, die gerahmt neben meinem Bett hängt, sieht noch genau so aus, ist noch genau dieselbe Seite wie die, die meine Mutter mir so oft vorgelesen hat, als ich klein war. Würde ich jetzt nach Herford fahren, und vom Bahnhof aus zur früheren Wohnung meines letzten Partners laufen, dann wäre das noch genau dieselbe Strecke, es wären genau dieselben Zugansagen, es wäre genau dieselbe kleine Anhöhe, die man hochgehen musste, um zum Haus zu gelangen, genau dieselben Pflastersteine vor genau demselben Hauseingang, genau dieselben Treppenstufen, die ich immer voll Vorfreude hochgehastet bin. Nichts hat sich geändert. Aber Alles. Und diese so unvereinbar anmutenden Kontraste sind überall, in jedem winzigen Detail. Und damit soll man dann klarkommen. (Nein, ich möchte kein Yoga machen.) Da soll sich nochmal einer wundern, dass ich mit der Endgültigkeit von Entscheidungen nicht klarkomme, und sie vor allem nicht selbst tragen will. Das ist die pure Hilflosigkeit angesichts unübersichtlich großer Macht. Sperre ich jetzt das Kerzenglas, das hier vor mir steht, sicher weg, und hole es erst wieder hervor, wenn ich 70 bin, dann wird es noch genau dasselbe Glas sein, das jetzt vor mir steht, jedenfalls in meinen menschlichen Augen. Genau dasselbe Glas, in meinen zerknitterten Händen, am 'Ende meiner Zeit'. Vergangenheit in der Zukunft, Gegenwart in der Zukunft, und jetzt im Moment umgekehrt. So ist man im Prinzip sein ganzes Leben lang mit jedem Moment seines Lebens auf irgendeine Art und Weise verbunden, und so treffen sich, irgendwie, alle Zeitzustände auf einmal. (Sind das Erinnerungen?) ..Aber ja auch nur, weil ich das alles denke. Mit meinem komischen Gehirn in meiner komischen Menschenverpackung auf dieser komischen Welt in diesem komischen Universum und jetzt muss ich sofort aufhören zu denken. 

Für das nächste Mal, wenn jemand richtig wichtig wird, falls das nochmal passiert, habe ich einen Zeitreiseplan. Der Plan ist ganz einfach und extrem komplex. Damit wird immer alles wieder gut werden können.. jedenfalls werden die Chancen dafür besser stehen. Ein Geschenk dieses Films.

Das Einzige, was mich aus meiner Zeitpanik rauszuholen vermag, wenn sie mich wieder gepackt hat, ist, mir bewusst vor Augen zu führen, dass ich ja erst dadurch, dass ich in der Zeit bin, dieses unfassbare Amlebensein erfahren darf.

Seltsam alles..