Zeitabschnitte heißen übrigens Zeitabschnitte, weil man abschneidet, oder abgeschnitten wird.

 

»Im Regen sieht keiner, dass man heult«, schreibst du. Und, dass du die Menschen beneidest, bei denen alles in Ordnung ist.

»Glaubst du denn ehrlich, dass es Menschen gibt, bei denen alles in Ordnung ist? Bei mir ist alles in Ordnung, und nichts.«, schreibe ich.

 

Warum sind denn alle ständig so traurig?

 

Ich bin meistens traurig wegen der Zeit. Ich bin traurig, weil ich an heute vor drei Jahren denke. Und an heute in drei Jahren. Und an heute vor 350 Jahren. Und an heute in 53 Jahren. Das schreibt sich so dahin, aber ich bin dann 81. Das ist nur noch 2,892857142857143 mal so lange, wie von meiner Null bis zu meinem Jetzt. Das ist also quasi morgen. (Wenn ich so weit komme. Und frag' bitte nicht, ob ich das will.)

Verrückt.

 

Es gibt einen westafrikanischen Stamm, dessen Mitglieder »weder Kalender noch Uhren kennen«. Sie kennen auch »das eigene Alter und das ihrer Kinder nicht und verwenden (...) nur je einen Ausdruck für die Vergangenheit und einen für die Zukunft, die zeitlich 'offen' sind, ins längst Vergangene und unbestimmbar Kommende weisen.« (Geißler 1997, S.18)

Ist das nicht wunderbar? 

 

»Warum findest du, dass du uralt bist?«, frage ich. »Hast du auch ein Zeitproblem?«

 

Ich hasse mein Zeitproblem.

 

Ich könnte auch schreiben, dass ich neidisch darauf bin, dass du weinen kannst. Mein Tränenkanal wurde  auf unbestimmte Zeit geschlossen, weil er zu oft in Gebrauch war, als dass es gesellschaftlich noch kompatibel gewesen wäre. Funktionieren muss er, der Mensch.

Am dritten Juni fand ich aber, ich müsse auf jeden Fall weinen. Weil es eben der dritte Juni war. Und dann habe ich an alles auf einmal gedacht und so in etwa zehn Tränen zustande gebracht. Mühsam war das. Und für Allesaufeinmal ziemlich wenig. Ständig Weinenmüssen und Nichtmehrweinenkönnen – beides nicht optimal.

 

An das Vergangene: Wahrscheinlich muss ich mich an erster Stelle bedanken, also: Danke.

An zweiter Stelle muss ich mich wohl entschuldigen, also: Entschuldigung.

Und dann hätte ich noch zwei Fragen: Warum? Und: Warum nicht?

 

Lebenskapitel. Zeitabschnitte. Die riechen. Meistens so, dass das unmöglich zu beschreiben ist. Sie riechen nach sich selbst, nach allem, was war. Nach all den unzähligen kleinen Momenten und dazugehörigen Orten und alldem, was man nicht sehen kann. Man riecht das immer erst hinterher. Wäre es möglich, den Duft der Zeit, die für mich am besten gerochen hat, zu beschreiben, wäre es mir auch möglich, ihren ganzen Zauber zu offenbaren. 

Zeitabschnitte heißen übrigens Zeitabschnitte, weil man abschneidet, oder abgeschnitten wird.

 

Und jetzt muss mir mal jemand erklären, warum das Ganze so beschissen organisiert ist. Alles, meine ich. Und wie man da nicht ständig traurig sein soll. Vor allem, wenn man seine scheiß Schere nicht finden kann.

 

Du schreibst, du genießt den Regen. Ich schreibe, es wäre mir lieber, wenn es aufhören würde, nach Traurigkeit zu riechen.

 

An das Vergangene: Zwingt man dich dazu? Oder schaffst du das ganz von allein?

 

Ich bin traurig, weil ich verstehe, wie das Leben läuft, aber ich begreife es nicht. 

 

An das Vergangene: Warum bist du so schön? 

An das, was kommt: Viel Glück. Und bitte: ein paar Sommernächte, die nach Aprikosen und nasser Haut riechen. Nach Abenteuern in Sicherheit. Oder du überlegst dir was besseres.