Der Mops hatte recht.

Jetzt hast du gefragt, ob ich dir von meiner Trennung erzählen will, und ich bin fast ein bisschen froh, denn mit anderen kann ich kaum mehr darüber sprechen. Ich habe nämlich den Zeitraum überschritten, in dem man so eine Sache zu verarbeiten hat: laut Therapeutin zwei bis maximal vier Monate. Ich halte davon nichts. Also gar nichts. Wenn das so wäre, könnte ich mich ebensogut umbringen. Weil, wenn das, was am meisten bedeutet, in zwei Monaten abzuhaken sein kann, was soll ich dann noch hier? Wir sind uns nicht immer einig, sie – extrem rational, und ich – extrem romantisch. (Romantisch im wirklichen Sinne, nicht Rosenblätter-Sternenhimmel-mäßig). Ich habe alles schon zig Mal erzählt, tot- und wieder lebendiggedacht, aber der Bottich ist noch genauso voll wie am Anfang – ich kann aus dem Vollen schöpfen. Also...

 

M wohnt nicht in Köln und hatte mich über Silvester 2016/17 besucht, ich war schlimm erkältet. Das erste letzte Mal sollte ich ihn am 1.Januar sehen. Ich hatte ihn zur Bahnstation gebracht, weil er, wegen seiner Band, wieder zurück musste. Mein Fieber hat mich schwindelig gemacht. Ich konnte nicht warten, bis die Bahn einfuhr und habe mich verabschiedet. Schon da überkam mich ein ungutes Gefühl. Rückspürend betastet vielleicht eine Art Vorahnung. Als ich die Treppen hochgestiegen bin, habe ich das zeitlupenartig getan und dabei die ganze Zeit zu M zurückgesehen, »Schau auch nochmal zu mir zurück, bitte, nur einmal, bitte« denkend.

Er hat nicht zurückgeschaut.

Wenig später das Aus, über Facebook.

Anderthalb Jahre sind keine sehr lange Zeit, aber doch. Vor allem dann, wenn sie derart intensiv waren. Ich halte es für schwachsinnig, den Wert von Zeiten anhand ihrer Dauer zu messen. Eine einmalige Begegnung kann intensiver sein als ein fünfjähriges Zusammensein.

Wenn eine Zeit, wie wir sie hatten, wie ich sie gespürt hatte, und ich glaub(t)e ja, er auch, virtuell beendet wird, scheint sie mit einem Mal ihre gesamte Bedeutung zu verlieren, und dann kann es passieren, dass man in eine Krise gerät und anfängt sich im Kreis zu drehen, immer schneller, immer auswegloser. »Echt? So ‚unbesonders’ was das?«

 

Am 10. Januar 2017 sollte also eine der schwersten Zeiten meines Lebens beginnen. Wie banal das klingt. Wie schlimm das war.

M war mein zu Hause, war mein 'Safe Place’, war das einzige auf der ganzen Welt, was mich im Innersten ganz ruhig machen, mir Stille geben konnte. M war Alles.

Ein Fehler, den man vermeiden sollte: Jemanden zu ‚Alles’ machen. Das weiß man. Klar weiß man das. Es fühlt sich aber doch so schön an, während man es tut. Ich konnte nicht aufhören. Ich wollte nicht aufhören. Ich war mir ja auch so sicher, dass ich das nicht bereuen würde. Schließlich haben wir uns ja gefunden. Nicht so wie andere.. sondern wirklich. Wie man solche Dinge eben denkt.

 

Wenn Alles geht, ist nichts mehr da.

Das ist aber nur ein Grund dafür, dass von diesem Jemanden-zu-Allem-machen dringend abzuraten ist. Es ist nämlich so, dass kaum jemand Alles für einen anderen sein will. Ich würde das nicht wollen. Ich will nicht Alles für jemanden sein. Wie soll ich das tragen? Wie soll irgendjemand das tragen? Ich bin mir ja selbst schon zu schwer.

Läuft das Ganze dann auch noch so ab, dass der andere sich dieser Last, die er da schultern muss, nur unterschwellig bewusst ist, dann wird alles umso schwieriger. Dann fühlt er nämlich nur diesen ekelhaften Druck, ohne ausmachen zu können, was ihn verursacht.

Ich glaube, die Leute denken nicht gründlich genug nach, wenn sie sagen »Du bist mein Ein und Alles.« und dabei denken, das sei etwas Gutes. Wenn das funktioniert, dann nur, wenn beide das sagen, und meinen. Dann ist das zwar alles ein bisschen verquer, weil der eine im anderen lebt und umgekehrt, aber solange das leidlos funktioniert: warum nicht.

 

M weiß das glaube ich nicht, aber er ist unheimlich zart. Er konnte diesem Gewicht gar nicht standhalten, und aus meiner heutigen Perspektive fühle ich mich wie ein widerliches, riesiges, schleimabsonderndes Trampeltier. Er hat so viel gegeben – es war nie genug. So musste er das gefühlt haben. Furchtbar. 

 

Ich habe ihn so sehr vermisst, dass es Momente gab, in denen ich beinahe wahnsinnig geworden bin. Nicht so, wie man das eben einfach dahersagt, sondern wirklich ehrlich fast wahnsinnig. Wir haben uns schon die Hand gegeben, der Wahnsinn und ich. Wenn Sehnsucht so nahe kommt, ist das ein Gefühl purer Ausweglosigkeit. Man kann nichts tun. Gar nichts. Man ist diesem Zustand vollständig ausgeliefert und kann nur warten, bis seine Intensität wieder abnimmt. Das kann Tage dauern, Wochen. Nichts hilft. Das ist so kräftezehrend wie nichts sonst. Da spürt man das Leben auf die furchtbarste, aber zugleich auch – so absurd das wirken mag, und so sehr man das im akuten Moment nicht fühlen kann – schönste Weise. Da gibt es nämlich zwei Möglichkeiten: Die Anwesenheit der Person, die man liebt und die einseitig beschlossene Abwesenheit.

 

Bevor ich am Abend die Augen zugemacht habe, habe ich sein Foto neben meinem Bett angeschaut und fest an ihn gedacht, ihm gesagt, dass ich ihn liebe, und mir vorgestellt, dass er das spürt, und dass es ihm vielleicht hilft, wenn es ihm nicht gut geht, wenn alle Welt ihm wieder so viel weniger gibt, als er verdient.

Ich habe keine einzige Wimper ungenutzt ausfallen lassen.

Würde ich damit anfangen, zu beschreiben, was mir alles gefehlt hat, wäre ich vermutlich einige Jahre beschäftigt. Ich könnte daraus Stoff für eine Romanreihe ziehen. Das will aber keiner lesen. Sie wäre wohl nicht gänzlich frei von Redundanz.

 

Für mich hatte nicht nur die Beziehung zu M aufgehört. Es hatte noch so viel mehr aufgehört. Es steckten unzählige kleiner Trennungen in dieser einen großen. Ich hatte ein zweites Leben bei ihm. Eines, das mir viel besser gefallen hat, als das andere. Eines, dem ich mich viel zugehöriger gefühlt habe. Ich hatte nicht mehr so große Angst vor der Zukunft, denn mit M wäre alles lebbar gewesen. M hat mich, wahrscheinlich ist ihm das bis heute nicht bewusst, an Orte geführt, in Situationen gebracht, die für mich das waren, wonach mein Innerstes jahrelang gesucht hatte. M kam, und hat mir das geschenkt. Einfach so. Und dann hat er ständig behauptet, er könne mir nicht geben, was ich verdiene, und ich bin fast daran verzweifelt, weil ich ihm nicht klarmachen konnte, dass er mir mehr gibt, als ich je für möglich gehalten hätte, nämlich genau das, was ich nie benennen konnte, was ich bis heute nicht benennen kann.

Die Wahrheit ist: Ich konnte ihm nicht geben, was er verdient.

 

»Als ich dich zum ersten Mal gesehen hatte, da wusste ich: „In die verlieb‘ ich mich“. Ich hab’ so lange nach dir gesucht, ich dachte schon, ich finde dich nicht mehr.«, hat er mal zu mir gesagt. In diesem Moment war ich mir sicher, angekommen zu sein. Das bleibt jetzt. Wir bleiben. Ich bin da. Endlich.

Das erste Mal »ich liebe dich« : eine Mini-Schnitzeljagd in meiner Wohnung. Kleine Zettelchen mit Rätseln überall versteckt. Am Ende ein Zahlencode. 9 3 8 – 12 9 5 2 5 – 4 9 3 8.

Hätte mir vorher jemand gesagt, dass das Glück in Zahlen kommt, hätte ich als Dyskalkuliker ihn für verrückt erklärt.

Davor gab es nur eine Beziehung, in der ich ähnlich intensiv gefühlt habe. Das war zu diesem Zeitpunkt sieben Jahre her.

 

In der Trennungszeit habe ich auf seinen Geburtstag im Frühjahr hingelebt. Dann würde ich ihm endlich wieder schreiben, ihn fragen können, wie es ihm geht. Für einen Moment würde er dann wieder bei mir sein, irgendwie. An meinem Geburtstag, etwa einen Monat später, hat er mir um kurz nach zwölf geschrieben. Er war der erste. Ich musste so sehr dagegen ankämpfen, mir nicht einzubilden, dass das etwas zu bedeuten hätte. Schließlich haben alle um mich herum mir immer wieder gesagt: »Julia. Er wird nicht zurückkommen. Du musst das akzeptieren.« 

Ich habe versucht, das zu glauben, mir eingeredet, dass ich es akzeptiere. Aber das habe ich nicht. Nie. Ich wusste, dass es noch nicht vorbei war. Ich hatte es immer gespürt.

 

Und dann kam er zurück.

 

Ich war gerade einkaufen, als seine Nachricht kam. Ob ich ihn besuchen kommen wolle, er müsse mir etwas zeigen. Ich musste mich tatsächlich kurz vergewissern, dass ich nicht spinne, habe ein paar Sachen angefasst, mir Faktenfragen gestellt, und solche Sachen. Da kam einfach so, ganz plötzlich, ohne Vorwarnung, genau das, was ich mir so lange in allen möglichen Versionen ausgemalt hatte.

Am Nachmittag saß ich im Zug. Ich war sofort verfügbar. Ich konnte nicht anders. Auf dem Viererplatz schräg gegenüber saß ein Mops, der mich die ganze Fahrt über mitleidig anstarrte.

 

M auf dem Bahnsteig zu entdecken, ihn zu umarmen – das war, als wäre keine Zeit vergangen. Was er mir zeigen wollte, war seine neue Wohnung. Weil er sie auch mir zu verdanken hätte, weil ich ihm so geholfen hätte, als alles scheiße war, hat er gesagt. Wir haben uns an diesem Abend zum zweiten Mal das erste Mal geküsst: »Irgendwie gehörst du hier hin.«. Und alles was ich dachte war »Ja.«

 

Ein zweiter Versuch also.

Rückblickend konnte der nur schiefgehen. Wir haben beide versucht, uns dem anderen anzupassen, den anderen zufriedenzustellen, ihn ‚glücklich zu machen‘. Dabei sind wir uns selber fremd geworden. Natürlich sind wir das. Anpassung ist der sicherste Weg zur Selbstentfremdung. Selbstentfremdung ist der sicherste Weg ins Unglück.

Und ich hatte zusätzlich die ganze Zeit über Angst, dass er wieder gehen würde. Dass alles noch einmal von vorne anfängt. Ich wusste nicht, ob ich das schaffen würde. Das hat er gespürt und als Misstrauen gedeutet. Er spürt nämlich mehr, als er sich zugesteht. Dafür konnte ich mich bis heute nicht entschuldigen. Dafür nicht, und auch nicht für alles andere, was ich mir vorwerfen muss.

Was uns zwei Monate lang getragen hat waren die Nähe und Vertrautheit, die nach wie vor da waren und mir heute noch fehlen, so sehr wie sonst nichts. Unsere Pizza vielleicht noch..

 

Das zweite letzte Mal habe ich ihn gesehen, als ich noch im Bett lag und er mich zum Abschied – er ist an diesem Tag mit seiner Band auf Tour gegangen – geküsst hat. Dieses Mal hatte ich nichts geahnt.

 

Das zweite Ende: Anfang November 2017. In derselben Form wie das erste. Das ist das einzige, was in mir ein Gefühl der Wut auslöst, denn wenn Zeiten, die Leben bedeuten, auf diese Weise ihr Ende finden, wiederholt, dann ist das, als würde man diese Zeit nehmen, sie zerknüllen, auf den Boden werfen und draufpissen. Dann ist das: »Du bist mir nicht mehr wert, als genau das hier.«

 

Man sagt, es bringe sowieso nichts, noch über Dinge zu reden, die nicht mehr zu ändern sind. ‚Gebracht’ hätte das natürlich nichts, es hätte nichts an der Tatsache geändert, dass er sich trennen wollte. Aber ich weiß, dass es mir geholfen hätte. Es hätte mir wenigstens das Gefühl genommen, für ihn vollkommen wertlos geworden zu sein. Ein Punkt, an dem meine Therapeutin und ich uns einig sind. Dieses Gefühl sticht noch heute. Vielleicht trifft es ja tatsächlich zu, denke ich manchmal. Weil ich mir keine andere Erklärung geben kann.

Weil ein Gespräch also ausblieb, habe ich einen Brief geschrieben. Heute würde ich ihn gerne nicht abgeschickt haben, aber ich wusste mir nicht anders zu helfen. Ich hatte so viele Worte in mir. Es hat so wehgetan, alles hat wehgetan. Atmen hat wehgetan. Ich musste etwas tun. Irgendwas.

Nach der ersten Trennung hatte ich auch einen Brief geschrieben – den mag ich bis heute. Der zweite ist anders. Ebenso wie die zweite Trennung anders war. Nach der zweiten Trennung hat er mich nicht mehr geliebt. Das war spürbar. Das musste er nicht sagen. Dieses Mal auch keine Geburtstagsnachrichten. Kein Foto mehr. Keine Wimpern mehr.

 

Oft hört man von Verlassenen Sätze wie: »Ich werde mich nie wieder verlieben können.«

Ich weiß nicht, wie ich das, was ich dazu denke, besser ausdrücken soll, als so: Ich werde mich vielleicht nochmal verlieben, vielleicht noch mehrmals (auch, wenn ich das für unwahrscheinlich halte). Aber das, was war, ist das, was bleiben wird. Immer.

 

Im Moment ist es seltsam. Eine Art Kampf in mir. Schlichterweise könnte man sagen, Kopf gegen Herz. Verstand gegen Gefühl. Ich weiß, dass es mir jetzt besser geht, als in der Zeit unseres Zweitversuchs. Wir waren so verkrampft, ich war ständig traurig oder wütend. Gleichzeitig will ich das nicht wahrhaben, weil ich M gerne trotzdem noch immer in meinem Leben wüsste. Er ist ein Ausnahmemensch. Zwischen uns war so vieles richtig. 

 

Es geht mir heute gut, aber es gibt auch immer noch Tage, da überwältigt mich alles, das Leben an sich, da will ich in M's Armen zusammensacken und nicht mehr allein stark sein müssen. Will, dass er eine seiner Schnuten zieht und einen seiner dämlich-brillianten Wortwitze macht oder sonst irgendeinen Quatsch, auf den nur er kommen kann, und mich damit zum Lachen bringt, obwohl ich gar nicht lachen wollte, sondern schmollen. Aber die tiefste, innerliche Verbundenheit reicht nicht, wenn im Selbst noch zu viel ungeordnet herumliegt. Kein anderer kann das für einen aufräumen. Ich wünsche mir noch heute, wir hätten einander dabei zusehen und unterstützen können. Aber aus Gründen, die man wahrscheinlich gar nicht herausfinden muss, haben wir es nicht geschafft.

 

Auch ich dachte das ein oder andere Mal daran, mich von M zu trennen.

Ich hätte es nie getan.

Ich kann mich nicht von Menschen trennen. Dinge zu beenden beängstigt mich auf eine nicht in Worte zu fassende Art und Weise. Wie soll ich entscheiden, jemanden, der mir so wichtig war und ist, von jetzt an bis ich sterbe und alles vorbei ist, nicht mehr bei mir haben zu wollen? Wie viel man da bedenken muss! Das ist mir zu enorm. Das kann ich nicht überblicken. Das finde ich unzumutbar.

Ich schaffe es ja schon kaum, mich für ein Schampoo zu entscheiden. Vielleicht wäre mein komplettes Leben anders verlaufen werdenwürdenwordensein, wenn ich mich vor fünf Minuten dazu entschieden hätte, ein Glas Wasser zu trinken.

Menschen sagen manchmal solche Dinge wie, man müsse wissen, wann etwas vorbei ist, und dann auch dazu stehen. Ich glaube ich ihnen nicht. Woher soll man das denn wissen? Schwachsinn. Gar nichts weiß man.

Ich hasse es, dass heute keiner mehr kämpft. Ich kann das nicht anders sagen. Alle schmeißen ständig alles weg, als wäre nichts mehr von Bedeutung. Ich könnte brechen, ehrlich. Aber ich will nicht bitter werden.

 

Ich weiß nicht mehr, wer M ist. Den M, den ich meine, wenn ich sage, dass ich ihn liebe, gibt es vermutlich nur noch in meiner Erinnerung. Aber für den wird dieses Gefühl da sein bis zum Schluss.

 

 

 

..und dann antwortest du mit einem Satz, der mich wirr macht im Kopf. »...ist dein letzter Satz im Text über M nicht eine Tür in Richtung Zukunft? (...) Du haftest an etwas, dass es nicht mehr gibt.«