Stirn, Käfer, Arm.

Der Abdruck einer Stirn am Fenster des Hotelzimmers, das ich sauber mache. Wer hat hier vergangene Nacht seinen überfüllten Kopf an der kühlen Scheibe ausruhen müssen und dabei auf die große, belebte Straße gestarrt, sich fragend, was das überhaupt alles soll? 

Ich will den Abdruck nicht wegwischen. Er erzählt so viel

 

.. Wie der kleine Käfer, den ich faste eine Stunde lang von einer Hand zur anderen krabbeln lasse, weil das so unbegreiflich (schön) ist. Er hat drei Streifen auf dem Rücken. Er ist perfekt. Wie ist es möglich, dass es diesen Käfer gibt, und alles andere? Dieser Käfer auf meiner Hand. Ich auf dem warmen Asphalt eines schönen Ortes.

 

Wo war der Käfer nachher, als ich im Konzertraum den Kloß in meinem Hals spüren konnte, ausgelöst von voll Herz steckenden Sätzen des Sängers über Düsternis im Kopf, Alltagsfluchten, und darüber, dass man wenigstens heute Abend nicht alleine ist?

 

Der wuchtige, gespenstische Plattenbau gegenüber. Nur ein einziges beleuchtetes Fenster. Grellweiß mit Grünstich. Wer ist dort allein? 

 

Warum ist das alles jetzt eine Woche her, und warum wird es in einer Woche zwei Wochen her sein, und was passiert morgen? 

 

Und warum reiße ich mich zusammen, wenn das doch völlig unsinnig ist, anstatt mich auseinanderzureißen und mein Herz zu zeigen und zu sagen, was ich sagen will und zu tun, was ich tun will, bevor es zu spät ist, wenn es Zuspät gibt.

Und wenn man sich das dann in einem von zehn-sexdezilliarden Fällen traut, warum entschuldigt man sich dann letztlich doch dafür? Wie der Mensch, den ich nicht kenne und niemals kennen werde,  dessen Zettel ich morgens auf dem Weg zur Arbeit im Hotel mit dem Stirnabdruck-Zimmer an einer Ampel finde, es getan hat, oder tun wollte. 

»Hi, tut mir leid wegen gestern Abend.«

 

Diese Geschichten überall. Diese unglaublichen.

 

Und dann schaue ich an mir herunter, und frage mich, was das für ein Arm ist, und warum, und warum das Arm heißt, und warum es meiner ist, und was 'meiner' bedeutet, und warum ein A aus zwei aneinandergelehnten Strichen besteht, die durch einen waagrechten Strich zur Sperre gezwungen werden, und warum das A wie ein A ausgesprochen wird und ob das Aufhören von Dingen überhaupt wirklich Gründe braucht, oder man nicht alles fatalistisch sehen muss (und sich deswegen eigentlich alle Ängste sparen könnte, wenn man könnte).

Ich kann jetzt meine mich piesackende Blase entleeren oder in fünf Minuten, aber ich werde es genau dann tun, wenn ich es tun soll, damit alles so kommt, wie es kommen muss, weil es sowieso so kommt, weil sonst nichts so gewesen wäre, wie es war.

 

Und vielleicht wird man glücklich, wenn man den kleinen, gebrochenen Lichtstrahl, der einem genau vor die Augen fällt, oder verschüttetes Wasser, das sich zu kleinen, perfekten Kugeln formt, oder eine sich im Wind bewegende Jalousie, die Muster auf die Bettdecke wirft, als Geschenk begreift. Vielleicht sogar nur dann.

 

Weißt du, dass wir gerade gleichzeitig geblinzelt haben? Und jeden Moment werden wir das wieder tun, für den Rest unseres Lebens, du dort und ich hier, du hier und ich dort.