Reisebericht Teil 1: Das Gespenst mit dem Wal auf dem Rücken

23-06-18

Weckergebimmel. 4:15 Uhr. Nicht unbedingt meine Zeit. Im Halbschlaf wach sein müssen. Gespenstisches Gefühl. Eine knappe Stunde, um dieses Existenzding wenigstens wieder so weit zu begreifen, dass man die Welt außerhalb des eigenen Schutzraumes betreten kann. 

Ich, das Gespenst, betrete sie um 5:15 Uhr. Die Laternen gehen genau in dem Moment aus, in dem ich meinen Blick auf sie richte. So gehört sich das für Gespenster. 

Ich torkele. Zum kleineren Teil wegen meiner benebelnden Müdigkeit. Zum überwiegenden Teil allerdings wegen meines Rucksacks. Der Plan war, gemütlich zur S-Bahn zu spazieren, um den öffentlichen Personen(zu)nahverkehr so weit wie möglich zu vermeiden. Süß finde ich diesen Plan nach wenigen Taumelschritten, irgendeine Art Gleichgewicht zu finden versuchend. Dann eben doch U-Bahn. Aber wenigstens den Weg bis dorthin irgendwie versuchen zu genießen. Entferntes Weltbrummen, zartrosa Morgenhimmel, schwaches Licht hinter dunstigen Bäckereischreiben, Menschenleere, duftige Luft, Vogelstimmen. Ich will hier oben bleiben, dem neuen Tag beim Kindsein zusehen, zuhören, zuriechen, zuschmecken, zufühlen. 

Aber der Wal auf meinem Rücken zwingt mich dazu, die Treppen zur Haltestelle hinunterzu…wanken.

Ganzkörperspiegel an der Haltestelle: Cool. Ich sehe aus, wie ein Weltreisender. Die Ostsee befindet sich auf der Welt und ich reise dorthin. Ich bin also Weltreisender. Endlich. Jetzt sogar auch körperlich. 

Was ich an U-Bahnen vermutlich am meisten hasse ist ihr Legebatterienlicht. Es lässt meine Bewegungen in meinen angestrengten Augen stroboskopartig stockend aussehen. 

Nicht panisch werden. Du fällst nicht um. Du bist nur müde, kleines Gespenst. 

S-Bahnhof, Bahnsteig. Betrunkene Menschen. Ein Exemplar davon neben mir, mit schranzendem Miniradio. Entschädigung: Wolkenspiele. Ich warte auf meinen Weltreisecompanion. Auch ein Gespenst. Das merke ich daran, dass ich erst aus ca. einem halben Meter Entfernung wahrgenommen werde. 

Ich sitze merkwürdig. Des Wals wegen. Aber Absetzen lohnt nicht, bis zum Hauptbahnhof ist es nur eine Station. Sollen sie doch gucken, die Leute. Woher soll ich auf Anhieb wissen, wie man mit so einem Wal umgeht. Mein Companion trägt seinen Wal niedriger als ich. Wir wissen nicht, was davon richtiger ist. Mein Wal ist größer, weil ich trotz bester Wettervorhersage darauf bestanden habe, meine gelben Gummistiefel mitzunehmen. Weil ich mit meinen neuen gelben Gummistiefeln einen Ostseestrand entlangstapfen will. Weil sich das so gehört. Und ohne Kamera gehe ich auch nicht weg. Und deswegen ist mein Wal sehr fett. 

Auf der Zugfahrt erstaunlicherweise niemand, der einen Döner, ein Leberwurst-/Salamibrot, ein Fisch-/Frikadellenbrötchen isst. Erfreulich. Dafür, dass ich so früh aufgestanden bin, fühle ich mich – nach ein paar Runden beinahe einnicken, Kopffallenlassen, aufschrecken – erstaunlich fit und gut gelaunt. Eine seltsame Mischung aus Koffein, Übermüdung und Vorfreude. Immer noch ein Gespenst, aber ein aufgekratztes. 

Seit Jahren rede ich davon, dass ich an die Ostsee will. Ich weiß nicht so richtig warum. Aber jetzt bin ich da. An der Schlei, um genau zu sein. Schlei. Was für ein schönes Wort. Das kann man richtig genießen.

Ich bin seit zwanzig Stunden wach. Für mich ist das viel. Aber es geht mir gut, ich bin glücklich. Nicht einmal der Ankunftsregen macht mir etwas aus. Hier stinkt der Regen nicht. Er passt genau in diesen Moment.

Glück lebt in Momenten.

Ich lege mich in mein Bett. Es ist so still. Nur das Rauschen des Küstenwinds im riesigen Weizenfeld vor meinem Fenster. Erfüllte Sehnsucht.

Gute Nacht