Reisebericht Teil 2: Mond, Abendstern, Melonenwein.

 

24-06-18

 

Schläft man besonders schlecht, wenn man übermüdet ist? Oder ist das dieses »erste-Nacht-an-fremdem-Ort-Ding«? Nicht, dass ausbleibender Schlaf mir unbekannt wäre. Aber irgendwie hatte ich was anderes erwartet. Vielleicht lag da der Fehler. Mein Companion und ich, wir waren gestern derart erschöpft, dass wir kaum noch dazu fähig waren, und normal zu verständigen (, was allerdings ziemlich lustig war). Zum Einschlafen war ich jedenfalls zu aufgekratzt, zu voll von Eindrücken. Dann dachte ich mir, ich könnte ja noch irgendwas kaputt machen. Die Wahl fiel auf die Teekanne und das Teeglas. Reizüberflutet nach 20 Stunden Wachsein noch eine Überschwemmung beseitigen. Darf ich vorstellen: ich. 

Später alle paar Stunden aufgewacht. Enorm wirr geträumt. Von enormer Ungerechtigkeit. Ein ungeheuer schmerzlicher Traum. Umfassender Männerhass im Halbschlaf. Wenn man wach ist, aber noch nicht so richtig begriffen hat, dass das da gerade ein Traum war. Grundlos wütend im Bett. Wütend und müde und wach.

Um acht Uhr habe ich aufgegeben. Sehr zerknautscht. So sehr, dass ich gerade kaum noch weiß, was wir die erste Tageshälfte über getan haben. Frühstück, lesen (ich), malen (Companion), Nickerchen (zwei Stunden, ups), Ortserkundung. Hier gibt es einen winzigen Kaufmannsladen. Ich schreibe extra Kaufmannsladen, weil ich schon immer Kaufmannsladen schreiben wollte. Supermarkt wäre auch gelogen. Es passt immer nur eine Person gleichzeitig in einen Gang. Wenn man zurückmuss, muss der, der vielleicht hinter einem ist, auch zurück, sogar, wenn man sehr sehr schlank ist, so wie mein Companion. Das führt zu komischen Situationen. Komisch im Sinne von komisch und komisch im Sinne von lustig. Es gibt einen großen, schüchtern-netten, jungen Verkäufer und eine kleine, grimmig-nette, alte Verkäuferin. Es ist ganz wunderbar! Das Sortiment ist winzig, deswegen muss man kaum Entscheidungen treffen und kauft keinen Quatsch. Auch wunderbar. Der Kaufmannsladen hat sonntags geöffnet, genau wie der Bäcker, zwei Mal am Tag, mit Mittagspause. Das ist so urig süß, dass ich weinen könnte. (Außerdem brauchte ich Kekse und es wäre relativ dramatisch gewesen, wenn ich nirgendwo welche bekommen hätte.) (Kekse zählen nicht unter Quatsch.)

Da staunen die dummen Städter. 

Dann haben wir Möwen beobachtet, Möwen gefüttert, und uns von Möwen anschreien lassen. Das war schön und ein bisschen beängstigend.

In meinem Kopf habe ich ein paar Wortspiele gespielt, die aber zu unlustig waren, um sie auf Menschen loszulassen. Es war auch was mit Mövenpick dabei. Also wirklich richtig unlustig. Ich musste grinsen. Alles meins.

Das Wetter hat sich immer mehr aufgeklärt. Das ist falsch oder? Das klingt falsch. Dumm auch. Als hätte sich das Wetter zum Wetter gesetzt und dem Wetter erklärt, wo die Wolken herkommen. 

Es wurde jedenfalls zunehmend sonniger.

Abenddämmerung an der Schlei, aus dem Wohnzimmerfenster zu verfolgen. Das war über Stunden hinweg so schön, dass ich kaum woanders hinsehen, mich kaum auf etwas anderes konzentrieren konnte. Mein Blick wurde immer wieder aus dem Fenster gelenkt. Es war absolut betörend, dieses Farbspiel. Immer wieder beeindruckt davon, was der Himmel kann. Hier kann er noch mehr als in der Stadt. Hier sieht man es jedenfalls besser. 

Abgefahren. Abgefahrene Welt, in der wir leben. Mit allen Farben am Himmel. Das muss man sich mal überlegen. 

Ich habe es dann auch nicht lange auf dem Sofa ausgehalten, wollte das ohne Fensterscheibe dazwischen sehen (und fotografieren.. als ob man so etwas tatsächlich festhalten, abbilden könnte).

Als ich dann dachte, dass es malerischer nicht werden kann, schwamm ein Schwan ins Bild (ja, es heißt wirklich »schwamm«). Da musste ich dann kurz lachen und relativieren, weil das sonst zu viel gewesen wäre: wenn wir ehrlich sind.. die sind zwar hübsch, die Schwäne, aber irgendwie auch garstig und gruselig. (Die fauchen.)

Als die Sonne fast weg war, wurden die Wolken zeitreiseartig zu zwei gegenüberliegenden Punkten des Horizonts gezogen. Unreal sah das aus. 

Ich wollte unbedingt ein Bild aus der ziemlichen Mitte des Feldes vor dem Haus schießen. Bestimmt hatte ich dafür einen Grund, an den erinnere ich aber gerade nicht mehr. Geklappt hat das jedenfalls sowieso nicht, weil der Graben um das Feld herum tiefer war, als das darauf wachsende Gestrüpp vermuten ließ, woraufhin ich diesen Graben in meinen Pantoletten unfreiwillig hinuntergalloppiert bin. Das hat mich erschrocken. Dann habe ich gelacht und mich geschämt, für den Fall, dass mich jemand beobachtet hat. Dann habe ich festgestellt, dass mich niemand beobachtet hat und war ein bisschen erleichtert. Dann habe ich wieder gelacht, weil ich mir vorgestellt habe, wie das von außen ausgesehen haben muss. Darf ich nochmals vorstellen: ich.

Heute war müde und schön. Ich mag, wo ich bin. Ich sitze mit meinem Companion im Wohnzimmer, gehe gleich schlafen, und erwarte nichts von der Nacht. Müdesein ist hier in Ordnung. Mir kann also gar nichts passieren. 

Mond. Abendstern. Melonenwein. Dankbarkeit.