Reisebericht Teil 3: Fliederhimmel

26-06-18

 

Gestern Abend bin ich noch spontan herumgestreunt. An der einen Seite des Himmels ging die Sonne unter, in tieforange, und auf der anderen Seite der Mond auf, in sanftem Lila. Die Farben des Himmels und die zwei vollen Punkte, ein goßer, satter, dunkelgelber und ein kleiner, halb unsichtbarer, weißgrauer, einander gegenüberschwebend, wären schon genug gewesen, um die Stimmung magisch zu machen. Aber dieser Abend sollte wohl ein ganz besonderes Geschenk für mich werden. Weiße Kühe unter zartrosa Wolken, ein Wildentenschwarm, der direkt vor mir aus dem Feld aufsteigt, um schnatternd vom Rot ins Blau zu fliegen, Froschgequake aus den Büschen neben mir, hinter denen sich offenbar ein Tümpel verbirgt.

Das nicht fassbare, nicht erklärbare Gefühl, eine ganz eigene, stille, aber gleichzeitig vor Leben flackernde Welt betreten zu haben, ihrem Treiben eine Weile lang zusehen zu dürfen.. ein Teil von ihr zu sein..?

Kein Mensch, die ganze Zeit über. Kein einziger. Nur ich, und Tiere, und Licht, und Duft. Sonne, Mond, Wind. Atmen. Gar nicht recht wissend, wie mir geschieht, angesichts so absurd viel Schönheit, egal, wohin ich meinen Blick, mein Fühlen lenke.

Die nächste Kurve der mäandernden Sraße, die ich entlanglaufe, führt mich zu einem weiten Feld, und plötzlich steht ein Reh direkt vor mir. Ich glaube, unsere Blicke ähneln sich. Auch wenn meiner einer erschrocken-fassunglosen Ungläubigkeit entspringt, und der des Rehs seiner Angst vor mir. Zauberwesen! Anmut in Reinform. 

Ich laufe auf den Deich zu und steige ihn hinauf, bis sich das Meer vor meinen Augen ausbreitet. Es ist so ruhig, dass sich der Fliederhimmel darin spiegelt. Nur eine feine, kaum sichtbare Linie trennt die beiden voneinander. Sie zu übersehen bedarf keiner Mühe. Man kann Himmel und Wasser ganz einfach miteinander verschmelzen lassen, und selbst darin verschwinden.

 

Ich liege im Bett und denke, dass ich diesen Ort nicht mehr verlassen will.

Hier tut nichts mehr weh. Hier ist alles weich und still.