Baudelaire und der Kotztropf

Mir geht es so schlecht, dabei geht es mir so gut. 

Ich ich ich ich. Grausam.

Was, wenn ich den Schmerz, die Traurikgeit, dir Wirrnis brauche? Was, wenn ich sie irgendwie mag, irgendwie anziehend, irgendwie schön finde? Wenn ich genau das bin und nichts mehr bleibt, wenn ich diese Quelle eintrübe, weil ich als Oberflächenmensch funktionieren muss? Ich kann zwar wieder einschlafen, aber damit habe ich mich auch des Zustands beraubt, der mir, obschon er unheimlich und beängstigend war, mein Innerstes, mein mir im Wachbewusstsein verborgen Bleibendes zugänglich gemacht hat. Es fehlt mir, morgens die in nächtlichen Zwischenwelten aufgenommenen, wirren, ungefilterten Sprachnachrichten an mich selbst abzuhören, und Welten daraus zu formen. Nicht alle Geschenke sind bequem.

Aber ich musste etwas tun – manchmal dachte ich nämlich: wenn jetzt irgendetwas noch einmal mehr so sehr wehtut, wenn mir jetzt noch irgendetwas passiert, dann tötet mich das, insgesamt, oder wenigstens innerlich. Aber, mit der Seele ist es wie mit dem Körper: Sie hält viel mehr aus, als man glaubt, sehr viel mehr sogar, und wenn man denkt, sie sei am Ende, dann kann man damit noch ungeahnt lange weiterleben, sie weiterperforieren und -perforieren lassen, mit allen Konsequenzen. Und steuern kann man all das fatalistischer- oder deterministischerweise sowieso nicht. 

An einem gewissen Punkt ist dann aber Schluss. An gebrochenem Herzen, was, behaupte ich, nichts weiter meint, als gebrochene Seele, kann man sterben. Auf einmal – eine grobe, deutliche Zerteilung, oder sukzessive – mosaikartig. Das Herz bricht immer auf der Basis von Liebe. Liebe kann Alles sein: das Herz kann brechen, weil die Luft traurig riecht, und das Licht sie dabei unterstützt; es kann brechen, weil man 'grundlos' angepöbelt wird, oder selbst 'grundlos' anpöbelt; es kann brechen, weil es ständig überall zu laut ist; es kann brechen, weil man sich selbst bricht, immer wieder, und nicht damit aufhören kann, und halb mitleidig trauernd, halb angegeilt romantisierend dabei zusieht.

 

»Du bist ein bisschen wie Baudelaire«. Keine Begründung. Einfach nur »Du bist ein bisschen wie Baudelaire«. Mein Gehirn hat mir das reflexartig als Kompliment untergejubelt. Demokratie finde ich gut, und mein Verlangen nach Sex ist, aufgrund einer Mischung aus Selbst- und Fremdekel, Abneigung gegenüber unästhetisch-animalischer Kontrollverluste und zwei einander in ihrer libidotötenden Nebenwirkung verstärkender Präperate für mich kaum von Interesse; keine syphilitische Gefahr hier also. Ich mag die Natur, bin eher ein Skeptiker der Kunst und des Künstlichen und diesen Dandy-kram finde ich, soweit ich ihn verstehe, albern. Ich bin also auch ein bisschen nicht wie Baudelaire, zum Glück. In ein paar anderen Dingen allerdings, ja, da finde ich mich wohl wieder. Da finden sich wohl viele wieder. Es ist sozusagen für jeden etwas dabei. Sogar für die, die das gar nicht wollen. 

Ich würde auch gern etwas schreiben, das aus moralischen Gründen zensiert wird (, obwohl, vielleicht vielmehr weil es wahr ist). Aber dafür bin ich zu feige. Mein Gedankenkonglomerat gäbe in der Tat einiges her. Moralisch gesehen bin ich vermutlich im mangelhaften Bereich einzuordnen. Und wenn mir jemand sagt, er sei das nicht, und wenn das nicht gerade Tenzin Gyatso oder jemand in der Richtung ist(, der das aber eben auch gar nicht erst von sich behaupten würde,) dann muss ich meistenfalls vermutlich schmunzeln.

Über meine wirklichen Abgründe könnte ich aus Furcht nur unter einem Synonym schreiben. Vielleicht mache ich das irgendwann. All das Verkommene in mir herausschreiben. Das Verkommene in allen, das zutiefst Menschliche, das vielleicht Menschlichste – das, was mich an ihnen, an uns so ekelt, mich zornig macht. Und alle tun so, als ob es nicht so wäre, doch leise, still und heimlich schämt man sich, pendelt aber im nächsten Atemzug zurück zur narzisstischen Selbstüberhöhung. Zurück zur Abscheu. Und zurück zur Selbstüberhöhung. Zurück zur Abscheu. Und währenddessen wird man alt, und dann stirbt man. Und dann war es das, mit ziemlicher Sicherheit. Und wenn man Glück hatte, also für diesen Zustand, der nur in Momenten, in Augenblicken lebt, und ganz anders aussieht, als der gesellschaftliche Konsens vermitteln will, empfänglich war, dann konnte man all das vorher Erwähnte, und quälende Fragen und Gewissheiten, von Zeit zu Zeit vergessen, und lachen und sich darüber freuen, Teil von diesem ganzen Irrsinn zu sein. Wenn auch im Rausch. Ich glaube nicht, dass das das Erleben minder wertvoll macht. Hin und wieder bin ich sogar versucht, vom Gegenteil überzeugt zu sein.

Deswegen, genau deswegen hätten ich und er, hätten wir Tischtennis spielen gehen müssen. Wir hätten Tischtennis spielen gehen müssen, und wir hätten gemeinsam radfahren müssen, ich auf dem Lenker. Wir hätten uns fünf süße Tüten aus roten sauren Gurken und Cola-Kirsch-Flaschen kaufen müssen. Wir hätten innerhalb von zehn Minuten eine Flasche Wein leeren, und danach so schnell wir können über ein Feld rennen müssen, im Abenddunst, im Sommer. Wir hätten sonntags einen Einkaufswagen klauen und uns abwechselnd damit durch die Gegend fahren müssen, durch die grautote Masse aus Gesichtern und Beton. Wir hätten Zitronen-Pfefferminz-Eis machen und uns damit einreiben müssen, egal warum. Wir hätten uns in einen Zug setzen, und einfach irgendwo aussteigen müssen. Wir hätten gemeinsam singen müssen. Wir hätten uns umarmen, uns ansehen müssen, viel mehr und viel ehrlicher, viel anwesender. ‚Wein und Haschisch‘, das stimmte doch!

Wir waren nie Fans vom Müssen. 

Baudelaire auch nicht.

Man kann in die Versuchung kommen zu glauben, in Kombination mit einem ganz speziellen Menschen sei man eine unzerstörbare Form von Schönheit. Aber selbst eine solche Schönheit nutzt sich ab und verschwindet, wenn man sie nicht streichelt. Die Welt ist so, wie Frank Carter sie, in Furcht um seine Tochter, in ‚Neon Rust‘ besingt. Es ist nicht einfach in einer solchen Welt langfristig gut gelaunt, oder gar ein Optimist zu sein. 

Schönheit ist überall, aber immer leicht zerbrechlich. Schönheit ist ein Lächeln, Schönheit ist der Schattentanz im Wind wehender Äste auf dem Schotterboden, Schönheit ist das Betasten weicher Vergissmeinnicht-Blätter. Doch nur ein Hauch Irgendwas genügt, und sie löst sich auf. Wenn man – dafür gibt es verschiedene Gründe – überleben und dabei halbwegs lebendig bleiben will (bis man trotzdem irgendwann stirbt), ist es daher wichtig, den Blick für das Schöne zu öffnen, unermüdlich, immer wieder, egal wie oft er verklebt wird, egal, wie oft man ihn selbst verklebt. Schönheit ist der einzige Weg, das Dunkle im Kopf in Schach zu halten. Der kleinste Lichtstrahl, den Schönheit schicken kann, kann über Tage, Monate, Jahre angestauter Dunkelheit, wenigstens für einen Augenblick, ihre Bedrohlichkeit nehmen.

Glück lebt in Momenten. Schönheit lebt in Momenten. Glück. Schönheit Vielleicht ein- und dasselbe. 

 

Nirgendwo passe ich rein, und möglicherweise werde ich daran zugrundegehen. 

Vielleicht auch daran, dass ich fast ununterbrochen spüre, wie absurd meine Existenz, und die Tatsache, dass ich sterben werde, ist.

Ich bin ein Trotzkopf. In Doktorsprache sagt man 'Regressive Verhaltensmuster'. Zutreffend.

Ich bin ein Trotzkopf. (Kotztropf ist auch witzig.)

Deswegen, und aufgrund des hilflosen Taumelns zwischen Degradierung und Überhöhung meiner Selbst, freue ich mich immer wieder, wenn ich auf dem Klo sitze und folgendes lese (welch wunderbarer Platz dafür):