Klatschmohnfinsternis

Ich weiß noch, dass Bilder von Miró mir als Kind Angst gemacht haben. Viele finde ich heute noch unheimlich. Jetzt habe ich ziemlich viel über Miró gelesen und habe eine Theorie. Darüber will ich aber nicht schreiben. Ein Lieblingsbild von Miró habe ich nicht, aber einen Lieblingstitel:

'Der vom Goldblau umkreiste Flügel der Lerche kommt wieder zum Herzen des Klatschmohns, der auf der diamantgeschmückten Wiese schläft.'

Auch in Bildbänden mag ich die Wörter oft am liebsten. Als ich auf das Zitat (oben) gestoßen bin, hat sich das ein bisschen wie eine Antwort angefühlt. Seit Tagen versuche ich nämlich zu begreifen, was 'Du solltest mehr aus dir herausgehen' bedeutet. Inmitten eines Haufens weiterer Phrasen ist nur diese eine hängengeblieben.. und da hängt die jetzt eben so rum. Vielleicht sogar gerade deshalb, weil sie eine von denen ist, die ich am häufigsten gehört habe. Aber, was heißt das? Wofür, für wen soll ich 'mehr aus mir herausgehen'? Warum? Und vor allem: woran gemessen? Mehr als was, mehr als wer, und wie viel mehr genau, wie viel mehr als vorher? Ist das überhaupt so einfach steuerbar? Was wird besser, wenn ich 'mehr aus mir herausgehe', inwiefern steht das fest, und was, wenn ich dann nicht mehr reinfinde? Was, wenn das dann nicht mehr ich bin, und dann steh' ich da draußen? Was, wenn ich es 'für genau gerade jetzt' so, wie es ist, gerne mag, und sogar vermute, es könnte nicht schaden, würde manch einer hin und wieder mehr in sich hineingehen, oder wenigstens -spüren. Weil.. was, wenn 'aus sich herausgehen' auch nur ein Versuch ist, mit der eigenen Unsicherheit, Zerrissenheit, Unzufriedenheit, Verlorenheit in der Welt umzugehen? Was, wenn der Rat, das 'tun zu sollen', nur die Problematik verschleiert, und verschiebt– auf einen anderen Menschen? Und was, wenn mir mein Versuchsaufbau da besser gefällt? Weil's so leiser ist, vorsichtiger, und näher. Sich 'echter' anfühlt.

Ich bin ganz schön weit gekommen in den letzten Monaten. Das kann man von außen nicht sehen. Deswegen darf ich gut gemeinte Ratschläge auch keinem verübeln. Aber ich bleibe in meinem Tempo, und erlaube mir dabei, aller Wirrnis zum Trotze, zu fühlen, was gefühlt werden will, und ein bisschen traurig zu sein, über Geschichten, die langsam und besonders angefangen haben, um dann schnell und in Floskeln erstickt zu werden. Dabei hat mein Herz so geklopft, vor diesem komischen Turm. Ich dachte, das kann es gar nicht mehr.