Zimt und ein Hauch von Kardamon

Vor einer Weile habe ich jemanden kennengelernt, dessen Namen ich mich nicht traue auszusprechen. Nichts Lord-Voldemort-mäßiges. Ich muss das nur noch üben, weil ich mir unsicher bin, ob das dann auch richtig klingt. Wie bei manchen Bands. Muncie Girls zum Beispiel. Oder RVIVR. Oder, ganz klassisch, Hundredth..dthttht. Ich bin mal zu einem DJ gegangen, ich war 17 oder so, und habe mir was von The Rifles gewünscht. Ich war fest der Meinung, man würde sie so aussprechen, wie das Riffel in Riffelchips. The Riffels. Bestimmt weil ich unbewusst an Riffelchips denken musste, und Riffelchips sind super, und deswegen wäre ich nie auf die richtige Aussprache mit dem i wie bei "Ei" gekommen. Und das war peinlich. Er hat lange gelacht. Wirklich lange. Und ich glaube, das hat mich traumatisiert, und jetzt buchstabiere ich Namen lieber, wenn ich nicht sicher bin, ob ich sie aussprechen kann.

Er mit dem Namen kann jedenfalls nicht riechen. Nie. Einer hat ihn mal gefragt, ob alle Engländer nicht riechen können. (Menschen. Großartig.) Nein, Engländer können nicht riechen, der Geruchssinn hat's nicht bis auf die Insel geschafft, hat er dann gesagt. Das fand ich lustig. Wie die Vorstellung, dass die Nase bei Engländern nur ein Rudiment ist und sich nach und nach zurückbilden wird. 

Ich stelle dem Menschen mit dem Namen ständig Fragen wegen seiner Nase. Oder viel mehr wegen dem, was sie nicht kann. Ich hatte mir drei Fragen aufgeschrieben, dir mir zwischen unserem letzten und unserem gestrigen Treffen eingefallen sind: 1. Weißt du, wie es riecht, wenn Haare verbrennen? 2. Weißt du, wie es in einer Arztpraxis riecht? 3. Weißt du, wie ein eiskalter Wintertag riecht? Die erste Frage ist mir nicht mehr eingefallen, und ich hatte meinen Kalender vergessen, deswegen habe ich dann stattdessen gefragt: Weißt du, wie es im Wald riecht. Er wusste es nicht. Nichts davon. Ich bin ganz fassungslos. Riechen ist mein liebster Sinn, muss man wissen. (Vielleicht artet mein Nasenwuchs deshalb so aus, mehr Platz für besonders viele Riechzellen. Riechzellenmutationen.) Zu jeder Erinnerung gibt es bei mir einen Geruch. Jede Zeit hat ihren Geruch. Jeder Ort, jeder Mensch. Egal woran ich denke, sofort ist da auch immer ein Geruch. Manchmal denke ich sogar in Gerüchen, glaube ich, irgendwie. Farben riechen, Gefühle riechen. Alles riecht. Interessant ist, dass wir, wenn wir versuchen einen Geruch zu beschreiben, uns Worte aus anderen Sinnen, oder sonst irgendwoher leihen. Etwas riecht süß oder stechend, bitter oder beißend, oder "wie" oder "nach" irgendwas, nach Apfel, nach was auch immer. Das Riechen kennt kaum Worte. Es kann nicht wirklich benannt werden. Das finde ich besonders spannend, weil ich zu beidem eine so intensive Beziehung habe: zum Riechen, und zu Worten. Als er mit dem Namen und ich Pizza gemacht haben, (nachdem wir spazieren gegangen sind und ich ihn gefragt habe, ob er – als ein Windstoß kam und die Blätter im dunstigen Abendlicht von den Bäumen gefallen sind, und ich geschrien habe "Guck! Wie schön! ICH MAG SINNE!" – jetzt gerade den Herbst riechen kann, und ob er weiß, wie Kotze riecht, und ob er weiß, wie Gras riecht, und nachdem er das alles nicht wusste, und mir gesagt hat, dass er wahrscheinlich auf jede dieser Fragen mit nein antworten wird, was mir aber egal war, und ist, und nachdem ich ihn darüber informiert habe, dass Rindenmulch stinkt, und nasser Rindenmulch noch mehr stinkt,) habe ich ihn in dem Moment, als das erste Geruchsmolekül der Pizza den passenden Rezeptor in meiner Nase erreicht hat – ein so wunderbarer Moment! – gefragt, ob er jetzt gerade auch die Pizza riecht. Er hat die Pizza nicht gerochen. Das muss man sich mal vorstellen. Ich war überwältigt vor Mitleid. Wobei das kein Mitleid sein kann, weil er nicht leidet. "Ich kenn' das ja nicht anders." Ich habe trotzdem Mitleid. Armer er mit dem Namen.

Besonders schlimm ist für mich die Tatsache, dass er meinen (aufgetragenen) Duft nicht riechen kann. Deswegen habe ich ihm das beschrieben. Mein Parfum riecht leicht zitrisch, aber nich so zitrisch, dass es einem die Gesichtszüge zerfetzt, nicht so zermürbend herb, nicht aufdringlich frisch, sondern zart frisch, weil eine cremige, pudrige Note dabei ist. Als er damit nichts anfangen konnte habe ich es anders versucht: So, als würde man von einer sehr netten Zitrone gestreichelt werden. Von einer netten, jungen,hübschen Zitrone – oder Orange vielleicht. So, wie Zitrone und Orange mit Quark, und ein klein wenig Honig, aber wirklich nur ein ganz klein wenig – mehr als eine Art "mechanische" Beschreibung; mit Quark und Honig hat der Duft nichts zu tun.

Mich beschäftigt auch: sich riechen können. Das sagt man nicht nur so, das ist ja tatsächlich auch so. Wie wird das denn dann kompensiert? Das zerbricht mir den Kopf! Alles! 

Bald werde ich ihn fragen, ob er weiß, wie verbrannte Haare riechen, ob er weiß, wie frisch gebackene Plätzchen riechen, ob er weiß, wie es riecht, wenn an einem Sommermorgen der Wind durch's Fenster weht, ob er weiß, wie Schulbücher riechen (Löschpapier-aus-Schulheften-Geruch bereits erfragt: negativ), ob er weiß, wie es riecht, wenn der Duft einer Kaffeerösterei durch die Straßen zieht, ob er weiß, wie warme Waffeln riechen, ob er weiß, wie das Meer riecht. Ich werde mit ihm in eine Parfümerie gehen, und ihn fragen, ob das jetzt für ihn wenigstens irgendwie anders riecht, als draußen. Ich werde mit ihm in die Bäckerei meines Vertrauens gehen, wo man vor allem morgens beinahe betäubt wird von Brötchen- und Kaffeeduft. Ich werde mit ihm in den Wald gehen und wir werden uns auf den Boden legen und in die Blätter riechen. Ich werde mit ihm einen Ausflug in ein Klärwerk und auf einen Fischmarkt machen. Solche Sachen. Ich werde das erforschen. Später habe ich ihm noch gezeigt, wie man Hosenfalten, die beim Sitzen an den Innenseiten der Knie entstehen, eindrückt, weil ich das enorm befriedigend finde und gerne mit anderen Teile. Ich war auf der Suche nach irgendwas als Ausgleich. Er war nicht begeistert. Erneut Erschütterung meinerseits. Und trotz allem kann ich ihn leiden. Gut sogar. Er riecht übrigens ein bisschen nach Zimt und einem Hauch von Kardamon.

(ich kann auch schöner schreiben. echt.)