Kauz

Als ich heute Vormittag meine Wohnung verlassen wollte, stand ich vor einer Installation aus traurig aussehenden Pflanzen im Hausflur, von denen eine zu hoch war und die deswegen diagonal stehliegen musste. Über meine Kopfhörer lief Pressure von slenderbodies in mich hinein, was diesem Anblick eine seltsam zärtlich-erotische Tönung verlieh, und das hat dann irgendwie einen Kurzschluss in meinem Kopf verursacht, weil das nicht passte, aber gerade in dieser Unstimmigkeit lag eine gewisse Schönheit, was wiederum nicht passte, weil ich wusste, wer die zwei armen Geschöpfe dort abgestellt hatte, und was ihnen blüht, oder viel mehr: was ihnen nicht blüht. Und dann dachte ich über den Kauz nach, der schon um 8 Uhr, in seinen bösartigen Klick-Fahrradschuhen fünfzehn fünfzig-Liter-Säcke Erde die Kellertreppe runter- und die Gartentreppe hochhievend, einen Höllenlärm im Treppenhaus veranstaltet hat. Jedenfalls habe ich über ihn nachgedacht. Weil ich musste. Er zwingt sich mir regelrecht als sozialpsychologische Studie im privaten Rahmen auf (gestern kauerte er etwa fünf Minuten in einem Busch und beobachtete ein Erdloch, das er gerade gegraben hatte, und ich konnte mir nicht helfen, ich musste an Suter's Romanfigur Urs Blank denken, und wie der nach einem Pilztrip eins mit dem Wald werden wollte). Ich kann mir das alles nicht mehr anders erklären, als dass ich es hier mit einem sadistischen Velo-Gärtner zu tun habe, der zu viel Geld hat – sadistisch, oder außerirdisch, beides denkbar. Immer diese entsetzlichen Klickschuhe. Und die Pflanzen – sterben. Alle. Er holt sie, gräbt sie ein, tut dann eine Weile fürsorglich, und dann lässt er sie sterben. Dann holt er neue. Dann von vorn. Ich habe einen floralen Friedhof vor meinem Fenster, und darin steht ein Mann mit einem afrikanischen Goliathfrosch im Hals (mir wollen keine anderen Worte einfallen, um seine Stimme zu beschreiben), in Fahrradschuhen, mit Sonnenhut (wetterunabhängig), der ständig seinen Hintern entblößt(, entweder, weil er das gerne macht, oder nicht merkt, oder sich ihm das Prinzip Gürtel bislang noch nicht erschlossen hat). Zusammen ist das dann wie ein riesiger, furchtbarer Unfall. Und der wird nochmal verstärkt durch das völlig fehlende Farb- und Formkonzept der von ihm bewirtschafteten Grünfläche. Und man darf mich da nicht falsch verstehen: ich bin kein Fan von akkuraten Deutschgärten. Am liebsten sind mir die, die in Ruhe gelassen werden – die sind am schönsten, weil das Gepflänz selbst am besten weiß, wie es wachsen will. Aber der Kauz raubt dem Wort "Garten" jegliche Würde. Es ist weder ein freier, wuchernder Garten, noch ein penibel kleinbürgerlicher. Dem Kauz sein "Garten" liegt irgendwo im Undefinierbaren, und es gibt viele Tote. Ich war ja so froh, als er den wilden Wein angekarrt hat! Der war so schön, das war so tröstend. Ich dachte: "Ah! Geschmack! Sieh an!". Der Kauz wollte, dass der Wein an der Wand hochwächst, aber er wuchs nur aus dem Topf heraus direkt Richtung Boden, was ich total sympathisch fand, und liebenswert, der Kauz aber nicht und deswegen hat er die Ranken kurzerhand um eine Stange, die aus der Wand kommt und deren Zweck keiner kennt, gewickelt, und als der Wein das nicht verstanden hat, war das sein Todesurteil. Jetzt erinnern nur noch ein paar Fäden an ihn, die im Herbstwind traurig an der Stange baumeln. Und dann stehen da heute diese zwei Pflanzen vor meiner Wohnungstür, neben der Kellertür, und slenderbodies säuseln in mein Ohr, und ich war so ergriffen. Ich hätte sie so gern gerettet. Aber der Kauz kann mich hier rauswerfen, wenn ich mucke, und es wird Winter. Und wie es der Zufall so will, fand ich eben, als ich mich gefragt habe, warum der Kauz eigentlich für unangenehm seltsame Menschen herhalten muss: "Zudem werden Käuze im Volksaberglauben für Unglücksbringer und Todesboten gehalten." Aha! Erwischt. 

       Pressure, Der Kauz, 2018