v = s/t

Ein seltsames Gefühl ist das, das einen durchströmt, sobald man sich bewusst macht, dass man manche Menschen schon zum letzten Mal gesehen hat. Und damit meine ich nicht die Unmengen von Menschen, die man jeden Tag sieht (ohne sie tatsächlich zu sehen), indem man ihren Weg kreuzt, auf irgendeine Art und Weise (, obwohl das auch zu einem interessanten Gedankengang führen würde, aber den gehe ich heute nicht). Wie viele das wohl so sind, an einem, sagen wir: „gewöhnlichen“ Tag? An einem Tag also, an dem man aufsteht und dann all das tut, was man eben so tut, bevor man vor die Tür treten muss, um Geld zu verdienen, Dinge zu erledigen, oder beides, in irgendeiner Reihenfolge (,einander bedingend), und meinetwegen noch, um Freunde zu treffen, oder Bekannte, oder Leute, die man gar nicht treffen will, eigentlich, mit denen man aber aus irgendwelchen (meistens bescheuerten) Gründen verabredet ist. Nein – ich meine Menschen, die einem auf irgendeine Art und Weise nahestanden, zu irgendeiner Zeit. Man überlegt sich: den und die oder jenen sehe ich vielleicht nie wieder. Seltsam. So wie bei alten Schulfreunden, mit denen man früher beinahe jeden Tag unterwegs war, auch nach der Schule, und Jahre später sitzt man da, und versucht nachzuvollziehen, wie und wann genau das von „beinahe jeden Tag“ zu „seit Jahren nicht mehr (und vielleicht nie wieder)“ geworden ist, und was für ein Moment das war, in dem man Schulfreund X oder Y zum letzten Mal gesehen hat. Was waren die letzten Worte, die man gewechselt hat? Hat man sich angelächelt? Hat man was geahnt? Und wenn man da so weiterdenkt, kommen einem manchmal sogar Menschen in den Sinn, an die man ohne diese Überlegungen möglicherweise sogar nicht mal mehr gedacht hätte. Das letzte Mal, das man zuvor an sie dachte, war dann also noch nicht das letzte Mal; aber vielleicht ist es dieses, und vielleicht nicht. Man kann solche Dinge ja auch nie mit Sicherheit sagen. Das hängt ja von so vielem ab, unter anderem davon, wie lange man selbst noch lebt, und dabei kann es sich sowohl um Sekunden, als auch um Jahre handeln. Ich habe dieses Gefühl – ich muss es schon wieder „Gefühl“ nennen, weil „Ahnung“ mir zu unheimlich, zu bestimmt wäre – dass ich nicht besonders alt werde. Vielleicht handelt es sich dabei allerdings auch nur um meine Abneigung dagegen, alt zu werden, im Sinne von alt sein, um meine Angst davor und die Tatsache, dass ich mir nun wirklich nicht vorstellen kann, wie das funktionieren soll, ich und alt. Das kann ich wahrscheinlich nicht so beschreiben, dass jemand, der das nicht auch so oder so ähnlich fühlt, verstehen kann, was ich meine (, wenn das überhaupt jemals möglich ist, dass Menschen einander verstehen, und wahrscheinlich ist es das nicht).  In "Kafka am Strand" steht: "Ich versuche, mir mich selbst in vierzig Jahren vorzustellen, aber genauso gut könnte ich versuchen, mir das Ende der Welt vorzustellen". Es ist schlicht so, dass ich denke, und da bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nur jung sein kann. Alles, was ich bin, was ich mag, was ich fühle ist jung. So einfach ist das. Und so kompliziert. Ich habe dieses nicht greifbare Abenteuerempfinden in mir, das alles in ein magisches, undurchschaubares Licht taucht, durch alles Träge hindurch. Es hält mich am Leben. 

Je älter ich werde, desto 'unpassender' fühle ich mich, und desto mehr denke ich über das Altern nach, und über den Tod, was insgesamt vollkommen dämlich ist, weil ich so schon dreißig und vierzig und fünfzig (jetzt einmal ungeachtet der ungeheuerlichen Unsinnigkeit von Altersangaben) und so fort war, bevor es tatsächlich so weit ist – weil ich so schon tot war, bevor ich gestorben bin. Ich kann das nicht abstellen, das hat sich in mir festgesetzt wie dieser zähe Kleber aus Pistolen, mit denen man Weihnachtskränze schmückt, während man sich im Räucherkerzendelirium gegenseitig von seiner Erschrockenheit darüber berichtet, dass schon wieder ein Jahr rum ist. Es ist so weit gekommen, dass beinahe jeder Gedanke, der sich bildet, irgendeine Vergänglichkeits-Zyste ausbildet – ohne, dass ich das beabsichtige. Das stürmt rein, das poppt auf, wie ein Maiskorn im heißen Fett. Und mir ist das alles so zutiefst unsympathisch, dieses Vergehen, Verderben, Verwesen. Und zugleich berührt, fasziniert und intensiviert es mich, macht, anders gesagt, große Teile des bereits als Abenteuerempfinden umschriebenen Zaubergefühls aus, weil es doch selbst diese undurchschaubare Magie in sich trägt, die einen einhüllen kann wie eine warme Decke, oder aber wie ein Korsett – je nach begleitenden äußeren und inneren Umständen. Dieses Paradox ähnelt dem der Zeit, deren gnadenloses Vergehen in mir eine so enorme Beklemmung hervorruft, dass ich vollständig überfordert mit meinem eigenen Inderzeit-Sein bin, und oft gar nicht mehr weiß, was ich tun soll. Ausweglosigkeit. Gleichzeitig ist es ja aber auch so, dass nur durch das Vergehen der Zeit mein Inihr-Sein möglich ist. Und wenn wir die Zeit betrachten als Aneinanderreihung von Augenblicken, als stetige Veränderung, also als das, was sie ist, und nicht als menschgemachtes Ziffernsystem, dann ist es doch eigentlich unmöglich, sich vor ihrem Vergehen zu fürchten, es stoppen zu wollen, denn dann ist ja nichts mehr, und, es ist nur eine Vermutung, aber: vielleicht ist es mehr das Ziffernsystem, in dem die Angst wurzelt. Ich bin dem Sein gegenüber ja grundsätzlich nicht abgeneigt. Es hat mir schon so viel Schönes gezeigt, und diese minimalen Momente intensivster Glücksgefühle sind im Stande, alle egalwieschwarzen Zeiten mühelos zu überstrahlen, und selbst diese schwarzen Zeiten haben ja wiederum ihren eigenen Zauber, er zeigt sich nur meist etwas versetzt, um dann umso eindringlicher zu strahlen, alleine für sich, im Rückblick, oder als Glücksmoment-Katalysator. Sorgenvolle Gedanken um die Zeit sind also gleichsam ihre Verschwendung. Ich leide unter zwanghafter Zeitverschwendung. Unter blödsinniger, zwanghafter Zeitverschwendung, und morgen, denn so schnell, wie alles geht, kann ja keiner gucken, bin ich plötzlich 80 und denke „Mist“. Ich bin der relativ festen Überzeugung – einfach, weil das für mich die einleuchtendste Möglichkeit ist – dass alles kommt, wie es kommen muss, denn wenn es nicht so wäre, würde ich jetzt nicht hier sitzen, und diese Worte schreiben. Alles, was jemals passiert ist, musste zu diesem Punkt führen, zu dieser Sekunde, in der jeder gerade genau das tut, was er tut, und eben überhaupt alles genau so ist, wie es ist – wirklich alles. Noch ein Grund dafür, dass es eigentlich ziemlich dämlich ist, mich mit all diesen furchtbar bedrückenden Zeit-Ängsten zu quälen. Allerdings auch ein Grund dafür, dass auch das so sein muss, weil es eben gar nicht anders kommen konnte, und so, wenn man das Ganze zu Ende denkt, ist auch das sinnlos: dass ich mir vorwerfe, mir dumme Gedanken zu machen. Jetzt mag man versucht sein, zu sagen, ich könne mich ja dazu entscheiden, damit aufzuhören. Aber dann tu ich’s eben doch nicht. Weil es eben so nicht kommen kann. (Man kann so weiter machen bis man richtig verrückt wird.) Dass man sich für etwas entscheiden kann, halte ich für ziemlich unwahrscheinlich. Es tut aber ganz gut, die meiste Zeit über daran zu glauben; daran, oder an irgendwas Gotthaftes. Sonst ist man dieser fetten, fies bohrenden Sinnlosigkeit ausgeliefert, und das findet der Mensch nicht gut. Er fühlt sich gern als was Besonderes. Es fällt ihm leichter zu leben, wenn er denkt, er hätte den Lauf seines Lebens selbst in der Hand. Vielleicht entscheidet man sich auch deswegen nicht, weil man sich in Wirklichkeit für alles auf einmal entscheidet, quasi, weil es für jede, für wirklich jede Möglichkeit – und wenn man da mal überlegt, sind das absurd viele – ein Paralleluniversum gibt. In diesem Universum habe ich in ein volles Notizbuch auf die letzte Seite geschrieben: „Das hier schreibe ich, genau so wie ich jetzt bin, hier hin und es wird noch immer hier stehen, wenn ich achtzig bin.“ Die Worte werden dann noch genauso aussehen, wie in dem Moment, als ich sie geschrieben habe – vielleicht etwas ausgeblichen, aber sie werden noch zu lesen sein. Ich habe also ein bisschen die Zeit angehalten. Das muss ich manchmal tun, damit ich nicht irre werde. Ob mein Jetzt-Ich sich in fünfzig Jahren wohl genauso weit weg und unmöglich anfühlen wird von meinem Später-Ich, wie mein Später-Ich von meinem Jetzt-Ich? Einundfünfzig Jahre. Das hört sich so lächerlich wenig an. Und doch wird alles anders sein. Man kann sich dann fragen: wird mehr anders sein, als in der nächsten Sekunde? Wahrscheinlich nicht. Wahrscheinlich entscheidet die Qualität der Andersartigkeit darüber, wie man sie empfindet. Für mich wird in fünfzig Jahren alles sehr viel anders sein. Es wird meine Mutter nicht mehr geben. Meine kleine Nichte wird schon graue Haare, und den größten Teil ihres Lebens hinter sich haben. Und ich weiß ja auch gar nicht, ob es mich dann überhaupt noch gibt (s.o.). Das wäre dann wirklich extrem anders. Und selbst das, selbst die Tatsache, dass ich weiß, dass ich sterben werde, wie jeder weiß, dass er sterben wird, kann mich nicht vor'm Sterben bewahren. Ich glaube, in Wirklichkeit hält sich jeder für unsterblich, bis zu dem Moment, in dem man dann tatsächlich stirbt. Man kann sich das noch so oft vergegenwärtigen – man glaubt es ja doch nicht. Ist auch unverschämt, irgendwie, dass man einfach stirbt, nach dem ganzen anstrengenden rumleben und Sinn-bilden und so weiter. Wie soll das denn gehen: die Welt ohne mich? Ist sie dann immer noch da? Das sind nicht meine narzisstischen Anteile, die das schreiben (jedenfalls nicht nur). Ich rätsele nur oft, wie das alles ist: ich konstruiere mir die Welt durch die mir gegebenen Kanäle, mit denen ich sie aufnehmen kann, und irgendwie gibt es ja für mich immer nur gerade das, was durch diese Kanäle in mich hinein transportiert und irgendwie zu einem Eindruck vom Jetzt gemacht wird. Das ist die Welt, in jedem meiner Augenblicke. Woher soll ich denn wissen, ob es überhaupt irgendetwas 'anderes' gibt. Also: was geschieht mit der Welt, wenn ich tot bin? Das wird vermutlich unbeantwortet bleiben.

Jetzt, am Ende des Jahres sind viele Menschen etwas schwerer als sonst. Sowohl auf der Waage, als auch im Kopf. Ich auch, ganz offensichtlich. Der Satz "Das Jahr ging wieder so schnell vorbei!" muss jetzt in jedem Gespräch von mindestens einem der Gesprächsteilnehmer so oder so ähnlich ausgesprochen werden. Am besten von beiden. Ungeschriebenes Gesetz. Es ist eine sehr variable Floskel. Ich glaube, das ist nicht anderes als Angst teilen. Denn es stimmt ja: das Jahr ging wieder so schnell vorbei. Irre schnell, schneller als alle davor, irgendwie. Und das macht einen ganz schwindelig, und deshalb: Absicherung suchen. Geht's den anderen auch so oder stimmt mit mir was nicht? Ich habe das schon ein paar Mal geschrieben und es wird vermutlich auch nicht das letzte Mal sein: ich glaube, die Zeit scheint umso schneller zu vergehen, an je mehr wir uns bewusst erinnern können. Da scheinen Dinge ganz nah und greifbar hinter uns zu liegen, und zwei Gedanken später merken wir, dass das 10 Jahre her ist, oder länger. Das gab's so bis zu einem gewissen Alter nicht. Das fängt irgendwann plötzlich an, wie so vieles. Manchmal überlege ich, ob die Zeit vielleicht wirklich schneller vergeht. Ich meine.. wenn alle sich da so einig sind. Aber alle sind natürlich nur alle, von denen ich weiß. Also vergeht die Zeit wahrscheinlich nicht wirklich schneller, sondern es wird nur immer klarer, wie kurz wir eigentlich da sind. Also hier. Auf der Erde. Im Menschenkostüm. Ich stoße da schon wieder an meine Denkgrenzen und das passiert mir gegenwärtig unangenehm oft. Wenn ich Zeit als die Art und Weise betrachte, wie ich mich während meines Inderwelt-Seins fühle, dann ist es so, dann vergeht die Zeit schneller, als sie es früher tat. Und wenn sie sich kurz verlangsamt, weil ich auf irgendetwas warte, dann passiert das Erwartete ja doch irgendwann (oder ich erkenne, dass es nie passieren wird), und dann ist die Erkenntnis, dass selbst die Zeit, die man dehnt, vorbeigeht, umso bohrender. Und deswegen mag ich diese Gespräche, in denen mir einer sagt, wie schnell das Jahr an ihm vorbeigerast zu sein scheint. Weil das ist wie "mir ist das alles auch scheisse unheimlich", also wie "du bist damit nicht allein", und wie "ich will auch nicht alt werden".

Wenn ich auf das vergangene Jahr zurückblicke kann ich sagen, dass ich – im Vergleich mit mir selbst jedenfalls – zufrieden sein kann. Könnte. Man tut sich da ja oft etwas schwer. Angefangen hat 2018 tiefer als weit unten. Und dann: doch wieder hochgerappelt, natürlich nicht ohne zwischendurch zu stolpern, aber letztlich Hürden genommen, die ich für unüberwindbar hielt, Gefühle ausgehalten, von denen ich dachte, ich würde daran endgültig verzweifeln, Begegnungen, die mir gezeigt haben, dass ich nicht in erster Linie das ätzende Monster bin, für das ich mich manchmal halte, und dass mein Herz noch Kapazitäten frei hat.

Ich habe immer noch Angst, viel, große, schlimme, schwindelig machende. Davor, was kommt. Davor, was nicht kommt. Wabere immer noch orientierungslos herum, weiß nicht, was aus mir werden soll. Vermisse immer noch, weiß mittlerweile, dass das nicht aufhören wird, und auch, dass das okay ist. Also werde ich 'einfach' versuchen, so weiterzumachen, wie die vergangenen zwölf Monate: immer den nächsten möglichen Schritt tun. 2018 hat gezeigt, dass dabei zwischen all der Wirrnis die schönsten Momente passieren. Manchmal dauern sie nur ein paar Sekunden. Aber die können einen retten.