Allium

improper pleasures, imperfect strangers.

i shouldn't even know, i shouldn't know, i shouldn't know.

Manchmal ist es genau eine Stelle, die einen ganzen Song ausmacht. Kann man sich das Leben als so einen Song vorstellen? Oder muss man es eher als eine Art Playlist verstehen? Im ersten Moment neigt man vielleicht dazu zu denken: Playlist wäre besser. Weil – dann gibt's ja mehr solcher Momente. Denkt man das dann aber weiter, ist es vielleicht so: Wenn es nur einen Moment gibt, der den ganzen Song ausmacht, dann ist der ja viel intensiver, als viele Momente auf den ganzen Song verteilt.

Dieser eine Moment hat nur ein paar Sekunden und bringt mich trotzdem dazu, das Lied immer wieder zu hören, und immer wieder dieses kurze Aufleben zu spüren, an genau dieser Stelle. Und es wäre verkehrt daraus zu schließen, dass der Rest, also alles außerhalb dieses Moments, nicht von Bedeutung wäre. Das stützt einander. Ohne das Unscheinbare keine Sensation und im Unscheinbaren findet man manchmal sogar unverhoffte Schätze, die in sich wieder eine Welt bilden, in der es Unscheinbares und Sensationen gibt.

Es kann nicht gesund sein, wie extrem ich mich im Moment mit der Zeit beschäftige. Im Grunde ist es aber so, dass ich gar nicht anders kann. Sich allmählich abzeichnende Falten am Hals, dünner werdende Haut, wachsende Grobheit. Die Zeit drängt sich mir auf, wie diese fette, rötliche Fruchtfliege, die will, dass ich meinen Wein mit ihr teile. Warum sind die überhaupt rot? Und wann sind die so riesig geworden? Ich hasse das Grobe.

Heute habe ich jedenfalls gelesen, dass es eine Bevölkerungsgruppe gibt, die Zeit anhand der zyklischen Geruchsintensität von Pflanzen misst. Das gefällt mir. Zyklen scheinen mir allmählich etwas relativ Grundlegendes zu sein.

Was mir nicht gefällt ist, dass das Leben wieder nicht meinen Erwartungen entspricht. Erwartet war übersprudelnd gute Laune nach bestandenem Diplom. Dazu muss man vielleicht wissen, dass ich nicht mehr dran geglaubt habe, das zu schaffen. Floskelfrei. Einfach: wirklich nicht dran geglaubt. Selbstzweifel. Vielleicht sogar narzisstischer Natur – das weiß ich nicht und ich kann gerade einfach auch nicht mehr drüber nachdenken, ich kann das Wort nicht mehr ertragen. Ich ich ich. "Narzissmus". Vielleicht bin ich narzisstisch, vielleicht einfach wirklich unsicher, vielleicht schließt das einander nicht aus. Ganz bestimmt nicht. Ich habe ja vor Kurzem die Wechselwirkung gegensätzlicher Größen als Universalerklärung für mich entdeckt. Großartig. Was ist eigentlich mein Gegensatz? Ich glaube ja: ich. 

Zurück zur Erwartung. Diese bestand darin, dass mir nach bestandener Diplomprüfung die Sonne aus 'den Analen' scheinen müsste. Stattdessen bin ich innerlich ganz stumpf – ganz komisch drauf. Manche Menschen sind nie zufrieden mit sich. Ich kann nicht mehr daran glauben, dass man aufschlüsseln kann, woher dieser oder jener Verhaltensmechanismus kommt, den man in bestimmten Situationen an den Tag legt. Aus jeder tiefenpsychologischen Analyse werden unterschiedliche Schlüsse gezogen. Das ist deswegen so, weil ein Mensch einem Mensch begegnet. Ein ganzer Mensch mit einem ganzen Vergangenheit einem anderen ganzen Menschen mit einer ganzen Vergangenheit. Und, weil so ein Leben viel zu undurchdringlich ist – es kann nicht einfach mal eben so innerhalb eines begrenzten Zeitrahmens, der meist sehr gering ist, entschlüsselt werden. Das ginge höchstens dann, wenn jeder Therapeut sich über seine gesamte Berufslaufbahn mit "nur" einem Menschen und dessen Leben beschäftigen würde. Und mit "Therapeut" meine ich: Mensch, der aus Überzeugung und Interesse und Menschlichkeit Therapeut geworden ist, und nicht, weil er zufällig ein Einser-Abi geschafft hat und nicht wusste, was er damit machen soll. Die erkennt man sofort. Die sind nämlich scheisse. Eindimensional und scheiße. Deswegen bedeutet "Therapeut" nicht automatisch "Akademiker". Das nur so am Rande.

Ich würde gerne an einer Psilocybin-Studie teilnehmen. Zwecks psychischer .... Dinge ("Dinge", weil "Krankheit" mir widerstrebt und "Besonderheit", "Phänomen" oder "Auffälligkeit" mir zu "ich-studiere-Sonderpädagogik-im-dritten-Semester"-mäßig ist). Nach neuesten Studien kam es bei vielen, die an so einer Studie teilgenommen haben, dazu, dass sie sich selbst ohne Ego sehen/wahrnehmen/kennenlernen und über diese Erfahrung zu einer Einstellung zu sich selbst  kommen konnten, die maßgeblich zu einer ausgeglicheneren Einstellung  dem eigenen Leben gegenüber geführt hat.

Ich will das. Das, oder zu dieser für meine Begriffe absolut abgefahrenen "Heilerin" gehen, die mir eine von mir sehr geschätzte Menschin empfohlen hat, die ich wirklich so sehr schätze, dass ich Engerlinge lutschen würde, würde sie mir dazu raten. Ich weiß nicht, warum ich mich zu solchen Dingen so sehr hingezogen fühle. Vielleicht ist das meine extreme Sehnsucht nach irgendeinem Sinn, an den ich wirklich glauben kann. Ohne diese endlosen Zweifel.

Gegenwärtig kommt es mir wieder so vor, als sei ich der einzige Mensch auf der Welt, der permanent diese nicht zu beschreibende, ekelhafte Angst hat, zwecks der absoluten Undurchschaubarkeit von Allem irgendwann abzudrehen. So komplett. Ich fühle mich diesem ganzen Existenzschwabbel einfach so sehr ausgeliefert. Wie soll ich denn jemals zu einer Einstellung kommen, mit der ich dieses Leben tatsächlich ruhig leben kann, wenn ich doch ganz genau weiß, dass ich niemals alles werde überblicken können, was dafür zu überblicken nötig wäre? Und selbst dann, wenn das ginge, müsste ich es dann noch ordnen, und das ist genauso unmöglich. "Gegenwärtig" ist übrigens ein Irrtum. Ich wollte nur nicht schon wieder "im Moment" schreiben. (Nicht, dass "Moment" nicht auch ein Irrtum wäre.)

Und während ich hier wieder dieses Zwangsjackengefühl im Kopf habe beschimpfen sich draußen zwei Elstern, tropft der Rest des Sommerregens vom Wellblechdach, blüht im Garten weißer und violetter Allium und ich frage mich: wie hat der violette Allium entschieden, dass er violett wird und der weiße, dass er weiß wird? Und wer hatte wann Zeit sich zu überlegen, dass Allium Allium heißt? Und was, wenn das alles nichts wird, mit mir und dem Leben – weil wir beide zu intensiv sind, es also keine ausgleichende Gegensätzlichkeit, sondern nur exponentielle Verstärkung der Intensität bis ins Unerträgliche gibt?

Ich würde gern für eine Weile verschwinden und darüber nachdenken. Oder über nichts. Oder darüber, dass das nicht geht. Oder loslassen. Loslassen fände ich glaube ich am besten.