"I'm actually cool. Just give me like five tries to get it right."

Heute Nachmittag wurden mir insgesamt fünf Dezimalzahlen genannt. Dezimalzahlen, die die Arbeit, die ich über ein halbes Jahr auf die Beine, oder besser: auf die Hände gestellt habe, in kompakter Form in ein festgelegtes Ziffernsystem einordnen. Meine Zahlen bedeuten in Worte übersetzt alle "sehr/gut". Ziemlich zufriedenstellend. Mein Gesicht hat sich dementsprechend verhalten – und das war sogar ernst gemeint. Danach ist aber sofort wieder alles in sich zusammengefallen, irgendwie. Ich kann das einfach nicht annehmen – "die haben nicht genau genug geguckt", "irgendwann fliegt alles auf", "die haben mich besser bewertet, als ich es verdient habe", "andere haben sich bestimmt viel mehr Mühe gegeben", "wenn die wüssten, wie wenig Ahnung ich habe", "wenn die wüssten, wie ungebildet ich bin". 

Wenn die wüssten, wenn die wüssten. Impostor-Syndrom.

Und am liebsten würde ich dann noch auf hunderte Fehler hinweisen: "Das muss euch doch aufgefallen sein, das ist komplett idiotisch!" Dabei die Kompetenz meiner Dozenten irgendwie ignorant plattwalzend, was mich, in meinen tiefen Selbstzweifeln, wiederum überheblich macht – das ist zum Verrücktwerden!

Woher kommt das? Niemals ganz tief und aufrichtig zufrieden sein zu können mit dem, was man tut und ist? Zu glauben, alles Gute, was passiert, ehrlich nicht verdient zu haben? Ist das Quark oder vielleicht einfach wirklich die Wahrheit? Es fühlt sich so extrem überzeugend nach Letzterem an. Ich werde das nicht los. 

 

Nach der Verlesung war ich erstmal so durch den Wind, dass ich dem Dozenten, der mir mit "Ich bin [Name]" das Du angeboten hat, nicht 'Julia, freut mich!', oder wenigstens irgendwas in der Art geantwortet, sondern nur dümmlich gegrinst und mich bedankt und wie bescheuert geschwitzt habe, wahrscheinlich noch rot angelaufen bin – hat sich jedenfalls so angefühlt, pulsierend und heiß im Schädel.. 'Weiß der ja, dass ich 'Julia' heiße.', 'Weiß der ja, dass der mich duzen kann.' Schwitzen. "Danke! Vielen Dank!". Rotwerden. Mehr Schwitzen.

Sehr gut.

Und die Übergabe eines Danke-Blumenstraußes an meine betreuende Dozentin – ebenfalls Vollkatastrophe. Noch zittrig vor Aufregung, diese Restnervosität allerdings schon in ein Glas Sekt getränkt, wieder schwitzend, Stuss stammelnd, wirr in der Gegend rumglotzend – scheinbar auf der Suche nach irgendetwas zum Festhalten. Schnell noch einen Sekt. Zwei Oliven. Fünf Käsewürfel. Zwei Pralinen. Brot. Strafend 'eigentlich hast du ja schon zu Abend gegessen' denkend. Stiller Abgang. Ende des letzten Akts. Bravo.

 

Meine Unbeholfenheit in sozialen Situationen, die ich jetzt einfach mal als 'wichtig' bezeichne, ist fast verstörend konträr zu mir als schreibender Person. So konträr, dass mich das im Nachhinein immer wieder in schwere Grübeleien katapultiert und mich mich selbst hassen lässt – und ich weiß sehr wohl, dass das bescheuert ist, weil genau das ja Teil der Problematik ist, aber ich kann dagegen nichts tun. Scham pur. Wie ungelenk ich mich verhalte. Unbeabsichtigt, und nicht im Sinne von 'unhöflich' oder 'grob' oder 'laut', sondern eben einfach absolut ungeschickt; so ungeschickt, dass ich das auf meinen Gesprächs(/-Schäm)-Partner übertrage, und der muss dann damit klarkommen, meinetwegen! 'Wegen mir fühlt der sich jetzt unwohl!'. Meine Schuld. Ein tonnenschwerer Begriff. Schuld. 'Schuld' ist ein großes Ding in meinem Kopf. Schuld und Scham. Ich erforsche beide noch. Es wird vermutlich noch eine Weile dauern, die Wurzeln zu finden. 

 

In solchen Momenten bin ich einfach nicht in der Lage dazu, wirklich bei mir zu sein, um aus mir heraus, zu und mit meinem Gegenüber zu sprechen. Stattdessen bin ich ganz und gar ich-fixiert, und 'ich-fixiert' ist vielleicht der Zustand, der am weitesten entfernt ist vom 'wahren Selbst', vom eigenen, wirklichen Wesen. "Ich-fixiert" ist vielleicht eine Art Gegenteil von "authentisch". Und dann bestehe ich gefühlt nur noch aus Stresshormonen und der Angst vor Blamage, verkrampfe und blockiere innerlich so sehr, dass die Situation an sich zur Blamage wird – Self-fulfilling Bullshit. Und das ist dann so eine gemeine Blamage, die allen ganz schmierig in jede Faser kriecht. Keine kurze und offensive Blamage – was weniger schlimm wäre, wie versehentlich im Gespräch rülpsen, oder so – sondern langatmig und träge, sodass alle Beteiligten diese klebrige Merkwürdigkeit spüren. Und jeder will dann natürlich schnellstmöglich raus, aus dieser Situation – geht nur nicht so einfach, man muss sich da zermürbend langsam herauswinden – wie aus einer nassen, engen Jeans.

Im schlimmsten Fall hält man mich dann wirklich für unhöflich. Oder dumm. Oder beides. 

 

Ich weiß, ich müsste mich jetzt glücklich fühlen. Befreit. Stolz. Irgendetwas davon. Aber das kommt nicht an mich heran, irgendwie. Ich weiß nicht, warum. Ich weiß nur, dass ich mich so fühlen 'müsste'. Weil ich das doch so sehr wollte und jetzt tatsächlich geschafft habe. "Zahl, Zahl, Zahl, Zahl, Gesamtzahl. Herzlichen Glückwunsch!" – "Ok Julia, jetzt lächeln." Menschensachen machen. Gut. Sehr gut.

 Und dann schicke ich diese Zahlen durch den Aether, und andere Menschen lesen die Zahlen und freuen sich plötzlich für mich. Wegen Zahlen! Wegen Zahlen, die meine Arbeit bewerten und in diesem Berwertungskosmos als wünschenswert gelten, weil das irgendwann mal irgendwer so entschieden hat. Egal, wie blamabel du dich gerade vor einem der intelligentesten Menschen der Erde aufgeführt hast. Praline! Sekt! Freude! Freude, also. Freude. Und ja, ja, jajaja. Ich freue mich. Irgendwie. Aber dieses Gefühl währt nie lange. Sofort sagt etwas in mir "Ja, jetzt gerade ist das cool, aber du weißt, wie schnell diese Momente vorbeigehen. In ein paar Wochen  bedeutet das nichts mehr." und "Wie es jetzt weitergeht, weißt du trotzdem nicht". Wie ein kleiner Ganzjahresgrinch, der in meinem Hirn wohnt.

 

Und dann schleicht sich wieder die Zeit ein, die Vergänglichkeit, das Wissen darum, dass, wenn man Alles auf das Absolute herunterbricht, aus sich heraus nichts wirklich von Bedeutung ist. Der Mensch macht das. Mit seiner Denkerei und Fühlerei. Es ist immer eine Bedeutung als Illusion. Sie ist nie absolut durchdringend wirklich. Bedeutung ist menschgemacht. Es gibt sie nicht als 'Ding an sich', aus sich selbst heraus.

So geht das ganz schnell von "In ein paar Wochen bedeutet das nichts mehr" über zu "Was kommt als nächstes? (Und danach? Und danach? Und...)" zu "Bald bist du nicht mehr 'jung'" zu "Eines Tages stirbst du", und dieser Gedanke erschüttert mich immer wieder auf's Neue.

Und manchmal wünschte ich einfach, ich könnte das mit jemandem teilen. Ohne Blamage. Ohne schwitzen. Höchstens wegen der Temperaturen. Ohne Angst, nicht gemocht zu werden. Ohne halbbetrunken auf ein Konzert zu fahren, um doch wieder nur zu merken, dass sich dieses Allein nicht vom Allein zu Hause unterscheidet – vielleicht sogar noch ein bisschen bohrender ist. 

 

Wenigstens eine Wildblumenwiese auf dem Heimweg. Lila Blüten. Leichter Wind. Dämmerung. Grillenzirpen.