Das Fragebogen-Projekt – F#1

»Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?«

 

Impulshaft will ich antworten: Nein, ich bin nicht sicher.

Mehr noch: Angenommen meine Nichte und mein Neffe – die mir das erste Mal eine erste Ahnung davon geben, wie überirdisch die Liebe zum eigenen Kind sein muss, wenn sie schon in meiner Position als Tante so stark ist – sind irgendwann die letzten Menschen aus meinem engsten Familienkreis, die noch am Leben sind, dann will ich antworten: Die Erhaltung des Menschengeschlechts ist mir egal, sobald meine Nichte und mein Neffe nicht mehr leben.

Wohl oder übel, und so furchtbar das klingt, ist das vermutlich die Wahrheit.

 

Aber dann denkt es weiter in mir. Was, wenn meine Nichte und mein Neffe, oder einer von beiden, wiederum eine Familie gründen? Wäre es mir egal, wenn die Menschheit – zum Beispiel durch eine Naturkatastrophe – innerhalb eines kurzen Zeitraums ausgelöscht würde, wenn die Kinder meiner Nichte oder meines Neffen noch am Leben wären?

 

Und dann weiter: Was, wenn die Kinder meiner Nichte oder meines Neffen wiederum Kinder bekämen, und immer so fort? Kann mir die Erhaltung des Menschengeschlechts so wirklich jemals egal sein? Und muss es sich überhaupt um Kinder handeln – ‚reicht‘ es nicht schon, stattdessen ‚nur‘ von geliebten Freunden meiner Nichte und meines Neffen und ihrer Kinder und Kindeskinder zu sprechen?

 

Und dann, in gewisser Weise die Richtung wechselnd: Ich bin das Kind meiner Mutter und meines Vaters, und die Nichte meiner vier Tanten und noch verbliebenen zwei Onkel. Meine Mutter und mein Vater sind die Kinder Ihrer Mütter und Väter, sind Nichten und Neffen der Schwestern und Brüder Ihrer Mütter und Väter, und so fort. Wäre man imstande, auf diese Weise nur lange genug weiterzudenken, hätte man die Möglichkeit dazu, dann käme man irgendwann an den Punkt, an dem sichtbar würde, wie alles ineinander-, wie alles zusammenläuft, zu einem Ursprung. Wie wir im Grunde tatsächlich zusammengehören, Eins sind. (Dass die Wünschelruten-Esoterik sich solche Sätze zum Instrument gemacht hat, ist nicht zu ändern und mir bleibt an dieser Stelle nur zu hoffen, dass ihre Intensität und Wahrheit durch diese Tatsache hindurchfindet.)

 

Ruft man sich den natürlichen, menschlichen Egozentrismus ins Gedächtnis und verknüpft diesen dann mit der Feststellung, dass jedes einzelne

Ego mit allen anderen verbunden ist und wir uns selbst überhaupt erst durch die Begegnung mit anderen erfahren und -schaffen, müsste die Frage wohl lauten: Kann mir die Erhaltung des Menschengeschlechts jemals egal sein (, wenn ich mir ja niemals wirklich egal sein kann?)

 

Sollte sich jemand am ‚natürlichen, menschlichen Egozentrismus‘ gestört haben: Ich behaupte, (und damit unterstreiche ich die folgende Aussage schon jetzt,) dass jeder an erster Stelle um sich selbst kreiselt. Nicht, weil wir alle schlechte Menschen sind, die ausschließlich im Sinne des eigenen Vorteils durchweg an sich selbst denken, sondern, weil wir in gewissem Maße genau dazu ‚verdammt sind‘, rein biologisch.

Wir sind ein Bewusstsein in einem Körper, und beides beeinflusst sich wechselseitig, wobei Ersteres aus Letzterem (also aus komplexen physikalischen, chemischen, biologischen... Vorgängen heraus), entstanden ist. An ungefähr diesem Punkt stehen die Neurowissenschaften (stark komprimiert). Das weiß ich, weil ich darüber meine Diplomarbeit geschrieben, also ordentlich recherchiert habe.

Das Bewusstsein nennen wir Ich und denken dabei meistens, Ich hätte die absolute Kontrolle über Denken und Handeln. Darauf basiert unser gesamtes alltägliches Leben. Tatsächlich hat unser Gehirn die meisten Entscheidungen allerdings schon ohne uns getroffen, also bevor sie in unser Bewusstsein gelangt sind und sich in einer vermeintlich autarken Entscheidung und schließlich Handlung des Ichs manifestiert haben.

 

Wenn jemand sagt, er stelle das Wohlergehen Anderer über das seine, oder er habe sein Ego aufgelöst, oder er würde sich als selbstlosen Menschen bezeichnen, mag das in Teilen, deren Größe ich nicht abschätzen kann, zutreffend sein. Und dennoch spricht er von alldem als Ich und nimmt als

Ich, als eine Einheit (, wenn auch eine Einheit innerhalb einer großen Einheit) Schmerz wahr, Freude, Ekel, Angst, Scham – nimmt sie womöglich nur weniger persönlich. Aber die Wahlmöglichkeiten enden spätestens hier: Auch er begreift die Welt letztlich immer nur aus sich selbst heraus, weil das nunmal die gegebene Grundsituation ist. Er begreift sie über die Sinnesorgane seines Körpers, die ihm Informationen über die Außenwelt liefern, aus denen sein Gehirn dann das Bild formt, das (den bisher gesammelten Erfahrungen nach) am meisten Sinn macht. (Das ist, nebenbei erwähnt, nicht die Definition von ‚Wahrheit‘.)

Eine interessante Möglichkeit, das vereinfacht zu erkennen, liegt in optischen Täuschungen. Den Necker-Würfel etwa kann man auf verschiedene Weisen sehen, und keine davon ist richtig oder falsch. Das Gehirn springt zwischen den möglichen Interpretationsweisen hin und her. Genau das tut unser Gehirn ständig – nur merken wir davon in den meisten Fällen nichts.

 

Dass jetzt in diesem Moment, und in jedem darauffolgenden, ein anderer Mensch irgendwo auf der Welt extreme Schmerzen irgendeiner Art erfahren muss, dass irgendwo immerzu jemand stirbt, dass irgendwo immerzu Menschen unter diesem Verlust leiden, bis sie selber irgendwann zum Grund dieser Trauer werden, dass irgendwann der Moment kommt, in dem meine Mutter stirbt, dass irgendwann der Moment kommt, in dem ich das letzte Mal ausatme, dass das wirklich alles wahr ist, und doch so unglaublich, und letztlich, dass jeder von uns in dieser Lage lebt und sie kennt – diese Gewissheit trage ich immer in mir, und bei jeder noch so kleinen sich bietenden Gelegenheit durchzuckt sie mich wie ein Blitz, und manchmal glaube ich, in Wahrheit ist sie es, die mich oft so träge macht, mich so überwältigt, lähmt, so ehrfürchtig werden lässt vor diesem riesigen, undurchdringlichen Netz aus Ursache und Wirkung, in dem alles rigoros voranschreitet, fernab jeglichen Gefühls und jeglicher Wertung.

 

Sinn ist selbstgemacht, immer – bewiesen schon durch das Wort "Sinn" an sich. Der Mensch verleiht Sinn. Er baut sein Leben aus Sinn(-Zusammenhängen) auf. Alles, was heute ist, ist das Ergebnis einer unendlich komplexen Reaktionskette. Ich weiß nicht, ob – zweifle sogar daran, dass – wir auf ihren weiteren Verlauf Einfluss nehmen können; dass wir also einflussreicher sind, als diese gigantische, ko(s)mische Kette selbst, einflussreich genug, um die Richtung, in die sie vom ersten Moment an gesteuert ist, zu ändern. 

 

Zum Glück geht das über das alltägliche Vorstellungsvermögen hinaus. Wir können uns vielleicht noch vorstellen, dass wir wahrscheinlich wenig oder keinen Einfluss auf den Lauf der Dinge nehmen können. Dass das allerdings in der Schlussfolgerung bedeuten würde, dass damit alles sinnlos würde, dass damit alles Grausame, das jemals passiert ist und noch passieren wird, als nicht zu vermeiden hingenommen werden, dass der Mensch keine Verantwortung übernehmen müsste, geht uns dann allerdings und zum Glück zu weit. (Und vielleicht liegt hier irgendwo der Punkt, an dem doch irgendwas 'machbar' ist..)

Der Glaube daran, dass wir von Bedeutung sind, dass wir, als Menschen etwas ausrichten können, ist fest in uns verankert, ist unser Antrieb, ist das, was uns ausmacht und damit wiederum verbindet. Andernfalls würden wir es nicht tun. Und weil wir ohnehin nicht anders können, weil auch das Teil der Kette ist, machen wir weiter. Im Grunde bedeutet das nichts. Aus meinem alltäglichen Ich heraus, das doch immer daran glauben wird, Einfluss zu haben, obwohl es irgendwie ahnt, dass das eher unwahrscheinlich ist, sage ich allerdings: Wir machen weiter, und das ist gut so.

 

..und hin und wieder passieren dann diese Momente, in denen doch alles aus sich selbst heraus einen Sinn zu haben scheint; in denen man sicher ist, dass es ‚das Gute‘ gibt, weil man es so überzeugend in sich spürt, und dass man sich dafür entscheiden kann. Momente, die kein „Warum?“ brauchen. Und vielleicht sind diese Momente die wirklich wahren, und vielleicht reicht es schon, einfach daran zu glauben – in seinem Privattheater zu sitzen und die Show einfach mal richtig gut zu finden.

 

Obwohl meine Anhaltspunkte dafür wieder hinterfragt werden könnten, gehe ich an dieser Stelle einfach mal davon aus, dass es nach meinem Tod noch eine Weile lang Menschen geben wird. Meinem winzigen Wissen nach ist das die Möglichkeit, die am meisten Sinn macht.  Von den Eindrücken meiner eigenen Lebendigkeit ausgehend, werden die Menschen, die vierzehn, dreiundfünzig, hundertzwei, vierhundertachtundsiebzig, ... Jahre nach mir leben, ihre Existenz ebenso nah und gegenwertig fühlen, wie ich in dieser Sekunde. In jedem Moment ihres Lebens wird irgendetwas ‚der Fall sein‘, wird irgendetwas wahrgenommen, gefühlt werden, und für sie so real sein, wie etwa die traurige Müdigkeit, die ich genau jetzt, am 6. Oktober 2019 um 01:20 Uhr spüre, so und so viele Jahre, bevor ich sterbe, so und so viele Sekunden, nachdem ich geboren wurde.

 

Ich schließe also in gewisser Weise von mir auf andere und halte das für die Voraussetzung von Mitgefühl, das über die eigene Existenz hinausreichen kann. So sage ich also jetzt, aus meinem absichtslos egozentrischen Standpunkt heraus: Es ist mir nicht egal. Der Schmerz der Frau, die irgendwann in der Zukunft ihr Kind verloren haben wird und ihre Stirn an die Scheibe ihres Schlafzimmerfensters lehnt, während draußen der Regen prasselt und die Welt zu einem einzigen trostlosen Sumpf werden lässt, ist mir nicht egal. Die warme Welle, die einen jungen Menschen durchbraust, wenn er das erste Mal einen anderen Menschen küsst, der ihn spüren lässt, was Liebe meint, ist mir nicht egal. Die sich für immer ins Gedächtnis eines Kindes einbrennende Erinnerung an den Geruch von Schwimmbadpommes und Chlor und Sommer ist mir nicht egal. Das und alles andere, Melodien, Farben, Nähe, Atmosphäre spüren – ist mir nicht egal. Ich kann sie, kann all das fühlen. 

 

Es ist mir nicht egal, wie es den Menschen nach mir geht, so wie es mir nicht egal ist, wie es anderen Menschen jetzt gerade auf der Welt geht. Trotzdem verhalte ich mich nicht immer entsprechend, und vielleicht muss ich das ‚nicht immer‘ sogar durch ein ‚selten‘ ersetzen. Wahrscheinlich auch deshalb, weil man selten so detailreich denken kann.

Wir unterscheiden uns nicht von einander, nicht wirklich, ob wir das wahrhaben wollen oder nicht. So können wir einander auch nicht egal sein, nicht wirklich, selbst, wenn es uns manchmal so vorkommt. Ob diese Antwort ‚gültig‘ ist, maße ich mir nicht an einzuschätzen.