Das Fragebogen-Projekt – F#20&21

20. Lieben Sie jemand? 21. Und woraus schließen Sie das?

 

Wenn M einen Teller ansieht, denkt er nicht in erster Linie an eine Platte, die man mit Essen füllen kann. M denkt „Tel-leer, Tell-voll“. Das fasst ziemlich gut zusammen, warum ich ihn liebe. Als er mich das erste Mal gesehen hat, dachte er „In die verlieb‘ ich mich.“ Das hat er mir jedenfalls mal erzählt, und zufällig weiß ich, dass das wahr ist. Weil das ein Augenblick war, in dem beide das, was da gerade passiert, spüren konnten. Was-da-gerade-passiert war in diesem Fall: Zwei finden sich.

Gibt es einen trivialer klingenden Satz? Bestimmt. Aber nicht allzu viele.Trivial – laut digitalem Wörterbuch des deutschen Sprache kommt das ursprünglich vom lateinischen Trivium, was wiederum den Ort meint, an dem drei (tri-) Wege (-vium/via) zusammenlaufen, woraus letztlich die Bedeutung 'gemeinhin bekannt' wurde. Und wie Menschen so sind – ich gehöre dazu – wurde der Sache irgendwann eine negative Note beigemischt: von 'einem gemeinsamen Treffpunkt' zu 'gemeinhin bekannt' zu 'gewöhnlich' zu 'durchschnittlich', 'alltäglich', 'banal', 'platt'.

Mit 'seltsam' ist das zum Beispiel auch passiert – bedeutete ursprünglich einfach nur 'selten zu sehen', wird heute aber fast ausschließlich mit negativer Konnotation gebraucht. Aber zurück zur Trivialität. Ich definiere das jetzt neu. Einfach so. Ich sage: Der eine Weg, das war er, der zweite Weg, das war ich und der dritte Weg, das war der Zauber. Mancher hört an dieser Stelle genervt stöhnend auf zu lesen. Vielleicht auch abschätzig lachend. Das ist in Ordnung. Man wird bitter. Ich habe meine Hartnäckigkeit in diesen Dingen allein meinem unauslöschbaren Hang zum Romantizismus zu verdanken, ohne den ich – und ich liebe, wie passend das jetzt ist – wahrscheinlich schon nicht mehr am Leben wäre.

 

Was aber ist „der Zauber“? Wenn ich darauf eine Antwort hätte, gäbe es ihn nicht. Deswegen heißt er ja Zauber. Ein unerklärliches Irgendwas. Manchmal geweckt durch einen Geruch. Eine Farbe. Eine Atmosphäre. Einen Menschen. Ich glaube nicht an viel, vielleicht sogar an nichts, oder wenigstens fast nichts, und letztlich entsteht das Gefühl von Zauber, wie alles andere auch, aus physikalischen und

chemischen Vorgängen und Reaktionen. Das ändert allerdings nichts daran, dass er sich geheimnisvoll und wichtig anfühlt. Dass er mich kurz mit dem Gedanken, das Dasein hätte einen tieferen Sinn, liebäugeln lässt, obwohl ich weiß, dass nichts aus sich selbst heraus einen Sinn hat. Die Dinge

sind einfach nur da. Wir sind da. Sinn wird erst ‚auf Stufe zwei‘ verliehen.

Und für mich ist Sinn vielleicht, wahrscheinlich, ziemlich sicher: Zauber. Oder 'das Zaubergefühl', wie ich es als Kind genannt habe, und heimlich immer noch nenne, weil ‚unheimlich‘ mir bescheuerterweise zu kitschig vorkommt, weil ich, weil wir alle, immer noch nicht gelernt haben, endlich und wirklich nicht mehr darauf zu achten, ob andere (, die sich selbst wiederum für wieder andere verbiegen,) das irgendwie komisch oder blöd finden könnten. Und damit werden wir auch nie aufhören können, weil wir uns an anderen überhaupt erst selbst bilden, unser Leben lang. Das gehört zu uns, das ist menschlich. So menschlich wie Eifersucht, Wut, Hass, Ekel. Gönnung, Freude, Liebe, Anziehung. Gegen

die Empfindungen, die im ersten Moment in uns aufpoppen, ist keiner immun. Kategorisieren passiert unwillkürlich. Der wichtige Part kommt danach: den Automatismus bemerken, prüfen, ordnen und wenn nötig (meistens ist es nötig) anpassen. „Liebes Gehirn, nein. Das müssen wir nochmal diskutieren.“ Ob das wirklich so funktioniert weiß ich natürlich nicht. Soweit ich informiert bin ist es so, dass das Gehirn uns die meiste Zeit über nur denken lässt, wir hätten irgendwas zu sagen und im Grunde alles ohne unser Zutun regelt.

 

Jetzt bin ich abgedriftet. Aber das ist okay. Ich mag ich Schleichwege. Reale und mentale. An Ziele kommen, die keine Ziele waren und jetzt trotzdem welche sind.

Er und ich und der Zauber also.

Trivial, wie sonst nichts.  Besonders, wie sonst nichts.

Ich habe nicht einmal mehr den Hauch einer Ahnung, worüber wir uns an unserem ersten Abend vor fünf Jahren stundenlang so intensiv unterhalten haben, dass wir inmitten von hunderten lauten, betrunkenen Menschen plötzlich allein waren. Woran ich mich erinnern kann ist, dass ich die ganze Zeit über dachte „Ich will dich küssen, jetzt und dann immer wieder.“ Woran ich mich erinnern kann ist, dass ich das irgendwann

gemacht hab. Und dann waren wir Wir. Und das war dann wie in einem ‚Twenage‘-Indie-Film: Zwei sozial unbeholfene Iche, die zwar ihren

Weg nicht finden, aber wenigstens sich gegenseitig. Irgendwie. „Ich dachte schon, ich find’ dich nicht mehr“ – und ich hab das verstanden, auch wenn ich im Grunde der Meinung bin, dass man immer nur sich selbst versteht, und selbst das ist fraglich. Man ist ja doch für immer in seinem eigenen Kopf und kann nur Vermutungen darüber anstellen, dass es in anderen Menschen – vorausgesetzt die sind wirklich da – ganz ähnlich aussieht. Vielleicht aber auch vollkommen anders.

Ohne Geld, ohne Zuversicht, ohne Plan, mit mentalem Gummitwist, viel Rotwein, Zigaretten und noch mehr Liebe. Ein Loch von Wohnung im ostwestfälischen Nirgendwo, die romantischste Tristesse. Zwei gegen den Rest. Für immer. Auf jeden Fall für immer. Das kriegt nichts und niemand auseinander. So war das in meinem Kopf, als das wirklich Einzige, an dem ich mich festhalten, an das ich glauben konnte.

 

Hält man sich zu lange an nur einer Sache fest, tun das dann auch noch zwei, gibt es obendrein keine Ausweichmöglichkeiten mehr, dann gibt diese Sache mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann nach. Fehlt dann noch das Zutrauen in die eigene Person und wird, paradoxerweise, gleichzeitig versucht, dieses Zutrauen dem anderen zu geben, wird die Angelegenheit so wackelig, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis alles in sich zusammenfällt. Und dann entfernt man sich voneinander, obwohl man fast ununterbrochen zusammen ist.

Das war das letzte, was wir wollten. Und trotzdem ist's passiert. Einander ausgezehrt und irgendwann noch mehr Hülle als zuvor, und das hat mich so schwer verwirrt, wie noch nichts zuvor in meinem Leben. Dass Liebe allein nicht immer reicht. Dass Zauber allein nicht immer reicht.

 

Und dann wollte ich gar nichts mehr sein, hatte aber zu viel Angst und Hoffnung, um dieses Wollen in Machen umzusetzen. Mir ging es beschissen und ihm noch beschissener und dann wieder umgekehrt und dann mäandernd.

Und dann haben wir uns nochmal gefunden.

Und nochmal verloren.

Und das hat mich zerstört.

Das und all die anderen Dinge, die einfach nicht klappen wollten.

Ein Leben wie Franz Marcs Kämpfende Formen als Wackelbild.

Ich war in allerfeinste Teilchen zersprungen. Undenkbar, dass das jemals wieder in Ordnung kommen würde.

 

Aber... welche Ordnung überhaupt? Gab es vorher eine? Nein.

Was es aber gab waren Punkte, an denen ich mich orientieren konnte. Wie Eckteile eines Puzzels. Die hatte ich mir nur nie genauer angeschaut, jedenfalls nicht genau genug. Jetzt blieb mir aber nichts anderes mehr übrig, also habe ich mich mit mir und meinem Leben beschäftigt. Und M hat Ähnliches getan. Und miteinander (verschmolzen) hätten wir das nicht geschafft.

Aber das ist im Grunde auch nur zur Hälfte wahr.

Mit kurzen Unterbrechungen wütender Auflehnung, tollkühnen Austestens und Experimentierens waren wir nämlich immer noch fast ständig beieinander. Es gab keinen Tag, an dem ich nicht wenigstens einmal an M gedacht hätte. In Gesprächen mit meiner Mutter, mit Freunden oder meiner Therapeutin habe ich immer wieder erwähnt, dass ich weiß, dass er und ich zusammengehören und habe mich dabei jedes Mal aufs neue selbst vor dem abgeschmackten Klang dessen erschreckt, während ich doch wusste, dass es keine treffenderen Worte als ebendiese gab. Die mitleidigen Blicke konnte ich nachvollziehen. Denn ich weiß, dass das, was M und mich verbindet, für andere unsichtbar war und ist und bleiben wird. Was ich außerdem gesagt habe ist, dass mir klar ist, dass unsere Wege vielleicht kein weiteres Mal zusammenlaufen, und dass das okay ist, allerdings nichts an der Tatsache ändert, dass wir auf irgendeine Weise miteinander verbunden sind. Und es ändert auch nichts daran, dass ich weiß und immer wusste, mir jedenfalls immer sicher war, dass M das auch spürt. Dass ihn das auch nicht loslässt.

 

Ich hatte schon erwähnt, dass ich der Meinung bin, dass wir niemals wirklich wissen können, wie es in einem anderen Menschen aussieht. Dass wir einander niemals wirklich verstehen können, selbst wenn wir ganz spezifisch glauben, einer Meinung zu sein, wenn wir etwa sagen „Wir mögen beide das Petrolblau dieser Vase“, oder „Wir finden beide, dass der Herbst im Wald magisch riecht“, oder „Ich hab‘ nur zwei Stunden geschlafen und mir geht‘s beschissen“. Während wir uns alle gar nicht so sehr voneinander unterscheiden, wie wir uns das oft wünschen, um uns vom Negativem – letztlich von der Angst davor, ein schlechter Mensch zu sein – abzuheben, schauen wir doch alle aus uns selbst heraus in die Welt hinein und formen uns an den Reizen, die sie uns bietet und die wir bereitwillig und ohne anders zu können, in uns aufnehmen. Same same

but different – auf eine Weise, die wahrscheinlich nie vollkommen aufgeschlüsselt werden kann, was vermutlich ein großes Glück ist.

 

Auf die mitleidigen Blicke und Hinweise auf schöne Söhne, oder viele Fische, und wie sie nicht alle heißen, habe ich also, wie gesagt, nie wütend oder ablehnend reagiert. Vielmehr habe ich gesagt, dass ich mich ganz sicher wieder verlieben werde, dass ich mir das natürlich vorstellen kann; dass ich mir mittlerweile auch vorstellen kann, ohne Partner (und mit Hund) zu leben und das sogar zu einer sehr angenehmen Vorstellung geworden ist; weil ich fleißig gepuzzelt und dabei langsam aber sicher gemerkt habe, dass ich alleine dazu in der Lage bin, ein Leben aufzubauen, das mir auch ohne M hin und wieder Zaubermomente beschert, die Sinnfragen – wenigstens für eine Weile – überflüssig machen. Anfangs habe ich dem Ganzen dann immer noch beigefügt, dass ich trotzdem weiß, dass das mit M etwas anderes war und bleiben wird. Etwas ganz eigenes. Dass ich, ja ja ja, auch davon gehört habe, dass es im Schnitt so und so viele Menschen auf der Welt gibt, in die man sich verlieben und mit denen man glücklich werden könnte, und dass ich das glaube und trotzdem weiß, dass das mit ihm noch eine Stufe tiefer geht.

 

Aber irgendwann ist mir klar geworden, dass ich mit Worten nicht deutlich machen kann, was ich meine; habe begriffen, dass niemand jemals ganz verstehen wird, wie ich diese Dinge meine, wenn ich sie sage und... dass das auch gar nicht notwendig ist. Weil ich selbst diese Gewissheit in mir trage, konstant, immerzu. Es ist kein wildes Feuerwerk, verursacht kein Herzrasen, macht mich nicht flattrig, ist keine blinde Verschossenheit. Es ist das stille Gefühl, zu einem Menschen zu gehören, das sich selbst genügt und nicht einmal nach Erfüllung fragt.

 

Das zu erkennen war erlösend. Mehr noch: Es war wie ein Schatz, den ich die ganze Zeit schon bei mir hatte, aber jetzt zum ersten Mal richtig sehen konnte. Egal, was passieren würde, diese Gewissheit würde ich für immer behalten können, und zwar ohne, dass ein anderer sie verstehen muss. Und ganz nah bei dieser Gewissheit hat dieses Gefühl gelebt, dass, wie ich schon erwähnt habe, er diese unaussprechliche Verbundenheit auf irgendeine Weise auch spürt, sie auch hin und wieder vergessen wollte und sie auch hin und wieder vernebelt, ertränkt, beschimpft, "egalisiert" hat.

Aber einem so puren und unabhängigen Gefühl ist das egal. Es steht über all diesen Dingen, ohne arrogant zu sein, weil es sich dort nicht selbst positioniert hat. Man könnte es fast buddhistisch nennen. Es ist still, unverwundbar und lächelt weise.

 

Love to say I told you so: er und ich sind wieder ein Wir. Dabei aber erstmals gleichzeitig auch zwei eigene Menschen. Vor fünf Jahren dachte ich: er und ich gegen den Rest der Welt, unzerstörbar, Verschmelzung – „Niemand hat das, was wir haben, ganz unmöglich!“.

Heute denke ich: er und ich in und mit der Welt. Die Zeit wird zeigen, ob für immer oder nur eine kurze oder lange Weile. Endlose Veränderung.

Zusammen frei, freier als zuvor jedenfalls, wenn auch nicht frei von jeglicher Angst und Altlasten. Luft zum Atmen. Lange nicht perfekt. Weit entfernt davon. Zum Glück. – Natürlich hat niemand das, was wir haben. Genauso, wie wir nicht das haben, was andere haben. Erich Fromm hat mal ein Buch geschrieben. Es heißt Haben oder Sein. Es ist gut.

 

Ja, ich liebe jemanden. Unaufgeregt und für immer. Auf irgendeine Weise. Ob zusammen oder getrennt.

Das schließe ich aus der selbstgenügsamen Beständigkeit des Zaubers.

Aus unserer besonderen Trivialität.