Gedanken über Situationen, in denen Leberwurst ok ist. Und mehr.

Ebenso, wie Melodien im Kopf nicht wirklich klingen und die Vorstellung von blau nicht wirklich blau ist, folgen Gedanken keiner Grammatik. Dass man einen Gedanken niemals eins zu eins in irgendeine Sprache übersetzen kann – eines der wenigen Dinge, an die ich glaube. Übersetzung heißt immer auch Verlust. Sobald ich einen Gedanken auf irgendeine Weise aus mir heraus in die Welt schleuse, verändert er sich, verliert Teile – und gewinnt neue dazu. Allein im Moment seines Aufkommens ist er – in seiner ursprünglichen Form – vollkommen. So gesehen ist man mit all seinen Gedanken für immer allein. Und durch genau dieselbe Tatsache gleichzeitig mit allen anderen verbunden. 

 

Es ist möglich, einen Gedanken grob festzuhalten, wenn man es schafft, seine tragenden Elemente herauszufiltern. Vollständig decodieren lässt seine pure Essenz sich allerdings niemals, und selbst unvollständig aufgeschlüsselt ist er noch so umfangreich, dass es unvorstellbar scheint, ihn einmal in seiner ursprünglichen Form, in seiner fragilen Un- und Vollkommenheit – als pures, unbenennbares Gefühl – innerhalb weniger Sekunden gedacht zu haben. 

Dass man an seinen Gedanken also um den Verstand kommen kann, scheint mir damit außerordentlich normal. Insbesondere in einer Zeit relativ widersprüchlicher Größen. Überfluss und Entfremdung. Und dazwischen überall Menschen mit unsichtbaren Giganten im Kopf, zu dessen Wesen sie mehr und mehr den Kontakt verlieren.

 

 

Versuch einer Übersetzung

 

I. 

Vom Personalklo durch die überfüllte Einkaufs-Passage zurück in den Laden, der sich informationsübersättigte Gehirne zunutze macht, um mit Lämmchen-Methode Abschaum zu verkaufen. Vorbei an leeren Blicken und vollen Tüten. Auf halber Strecke: ein Obdachloser mit einem Bein und einem Eisbecher neben zwei Mülleimern. Der einzige Ort hier, an dem bloßes Sitzen den finanziellen Fluss nicht stört. Von meinen Augen wird diese Szene binnen irrwitzig kurzer Zeit ins Gehirn geschickt und dort in Wahrnehmung und Deutung verzaubert. Ein Buch voller Fragen, zwei voller Geschichten.

 

Wer ist das. Wer war das. Welche Bilder hingen an den Kinderzimmer-Wänden und wonach riecht der Duft dieser x mal eine Minute zurückliegenden Kindheit, die vielleicht genau jetzt, in genau diesen zwei Kugeln Eis noch einmal kurz aufblitzt. Wie hieß die erste Liebe. Die zweite. Die dritte. Was tun diese ersten zweiten dritten Lieben in genau diesem Moment irgendwo auf der Welt. Wann hat er seine Mutter zum letzten Mal umarmt. Welche Farbe hatten ihre Haare? Wie waren ihre Fingerkuppen gerillt? Was hat sie damit am liebsten berührt?

 

Gab es Kinderzimmer, Liebe, Mutter überhaupt jemals. Ist da ein Ort, der am Ende des Tages Zuhause bedeutet. Oder wenigstens sowas-wie-Zuhause. Wartet jemand, der eine Umarmung übrig hat. Eine Berührung. Ein „Wie geht’s?“. Ein „Hallo“. Ein Lächeln. Ein Nicken. Ein Zeichen, irgendeins – du existierst, du bist da, ich sehe dich und nichts davon ist mir egal. 

 

Vermutlich war das Eis ein Geschenk. Vermutlich ist es überheblich das zu denken. Vermutlich kann ich dafür nichts. Ein Geschenk, weil die Menschen von der Eisdiele auch Menschen sind, und all diese Fragen und Geschichten so, nur ganz anders – und über ein paar Cent im Pappbecher hinaus –  auch fühlen konnten. Und die Handlung, die daraus in dieser seltsamen, frei erfundenen Alltagseile unter der absurden Herrschaft von toten Zahlen reflexartig entsprungen ist, war dann, so schlicht, wie ergreifend: ein Eis schenken. Ein Eis mit Geschichte. 

 

Letztlich wohl instinktiv auch ein Treffen von Vorkehrungen, um nicht selbst bald an der fehlerhaften Fairness der Welt zu zerbrechen. Sozialer Egozentrismus.  Egozentrische Empathie. Weil man sich selbst auch in allen anderen sieht. Und umgekehrt. Und die Augenblicke, in denen das spürbar wird, schicken eine so zähfließende Hilflosigkeit und Angst durch den Körper, dass irgendetwas daraus geformt werden will. Ein Bild. Ein Gespräch. Eine Geste. Eine Mimik. Ein Lächeln. Ein Text. Ein Wort. Eine Bewegung. Ein Innehalten. Ein Eis. Von Menschen, die Menschen sind, für Menschen, die Menschen sind – nur aus irgendwelchen Gründen, die im Kern unergründlich bleiben, keinen der zahllosen Wege, an deren täglichen Ende ein warmes, ruhiges Zimmer und ein Bett steht, finden konnten, durften, sollten. 

 

Der Mensch im Rollstuhl isst sein Eis so pur, wie man ein Eis nur essen kann. Er isst es einfach. Schmeckt es. Schluckt es runter. Ist vielleicht gar nicht hier, sondern dort. Dort, wo er zum ersten Mal ein Eis gegessen hat. In einer Minute innerhalb der eigenen Geschichte, innerhalb der eigenen Zeit. Würde zwischen Wegwerfmode und Massenware. Schöne Spekulationen. 

 

Irgendwo anders isst jemand ein Eis und überlegt, ob das überhaupt in Ordnung ist. Wegen der Milch in der Kugel, der Butter in der Waffel. Weil die Kuh vielleicht leiden musste. Bestimmt sogar. Dann wandern die Augen runter zu den Schuhen mit Lederapplikation, und die Gedanken zu den Grenzen der denkbaren Möglichkeiten, in deren Schluchten Fragen schlummern, die man nicht wecken will, weil sie schlafend schon zu viel wissen wollen. Fragen danach, wie viel Falsches, Schädliches, Schlimmes man wohl, ohne überhaupt etwas davon zu merken, auf irgendeine Weise sagt und tut und konsumiert. An welchem Wesen, das zu irgendeiner Minute zur Welt gekommen ist, so wie man selbst zu irgendeiner Minute zur Welt gekommen ist, hat sich irgendeine der eigenen Handlungen in irgendeiner Form von Leid niedergeschlagen, ohne, dass man das jemals hätte ahnen, geschweige denn verhindern können? Und angenommen man hätte es ahnen und verhindern können: Wem hätte man stattdessen geschadet? Durch vielleicht genau dieses Ahnen und Verhindern? Durch sein bloßes, unbegreifliches, wirr absurdes Dasein, für das man sich nicht entschieden hat.

 

Kann ich existieren, ohne Leid zu verursachen? Will ich das wissen? 

 

Wie viel Zucker ist da eigentlich drin, in zwei Kugeln Eis? Zucker ist ja quasi tödlich, – raffiniert. Und wie kann es sein, dass ich gerade noch an die Schwere der Existenz und jetzt an Zucker denke? 

 

Weil das letzten Endes vielleicht dasselbe ist? 

 

Und dann, wie aus dem Nichts: Wut und Resignation. Aus der Einsicht heraus, dass dieser breiige Knoten, in den man sich von Geburt an zwangsweise hineinexistiert hat, unmöglich zu durchdringen ist, und die Möglichkeiten ein „schlechter Mensch“ zu sein – wenigstens auf den ersten Blick, im Zustand vollkommener Überreizung – so viel näher, größer, verfügbarer scheinen, als die, ein „guter Mensch“ zu sein. 

Möglicherweise sind sie aber nur lauter. Und Lautstärke verdient nahezu immer Misstrauen.

 

Man mag meinen, einem Menschen, der sich Gedanken darüber machen kann, ob er Zucker oder Ahornsirup, Hafer- oder Kuhmilch, oder gar nichts in seinen Kaffee schütten soll, ginge es gut. Womöglich ist das zu einfach. Bestimmt sogar. Denn vielleicht handelt es sich nicht um „Gedanken machen kann“, sondern „Gedanken machen muss“. Zwang von außen, Zwang von innen. Nicht mehr nachzuvollziehen, wer von beiden angefangen hat. Wer tagtäglich alle verfügbaren Probleme auf der Welt über alle verfügbaren Kanäle absorbiert, kommt wohl kaum drumherum, sich mindestens eines davon auszusuchen, um die anderen darüber – wenigstens teilweise – abfließen zu lassen. 

 

Sind Gedanken über Milch und Butter, Fett und Zucker also luxuriös? Ja. Und nein. Leistet man sich eine Ess-Störung? Ja. Und nein. Leistet man sich Vegan-Sein? Ja. Und nein. Letztlich Versuche, ein kleines Ästchen in dieser aussichtslos verzweigten Welt zu greifen, das ein Gefühl von Sinn verleiht und die eigene Existenz rechtfertigt. „Das bin ich.“ Ein permanentes Kreiseln, um die Welt, um alle anderen, um sich selbst. Genau jetzt. Ich weiß. Ich. Nichts weiß ich. Wenigstens und nicht einmal das. Am Ende ist auch ein Perspektivwechsel nur meine Vorstellung einer anderen Aussicht. Und die allgemeine Beschaffenheit der Gesellschaft, in der ich lebe, bestimmt die Auswahl meiner Probleme.

 

Im Buchladen am Eingang der Passage bilden sich Schlangen vor den Sachbuch-Bestsellern der sich selbst verstärkenden mise-en-abyme’schen Selbstoptimierungs-Maschinerie. Weil verlorene Menschen wissen, dass sich mit der Verlorenheit der Menschen gut Geld machen lässt, oder wirklich daran glauben, die Lösung für Problem xy gefunden zu haben. Ersatzreligion. Gesundheits-, Ernährungs-, Sport-, Erziehungs-, Partnerschafts-, Lebens-Ratgeber. „Hier, eine hübsche Auswahl an Ismen zum Einkuscheln. Sie widersprechen einander konsequent. Greifen Sie zu.“

 

Im zweiten Stock hinten links stehen Fromms Haben und Sein und Sartres Geschlossene Gesellschaft und Hesses Steppenwolf und Frischs Fragebogen, und all die anderen, und lächeln still vor sich hin. 

Ist da jemand?

 

Wie geht „ein guter Mensch sein“? Vielleicht im Kleinen. Und vielleicht reicht das. Vielleicht ist das Kleine schon das Große. Vielleicht sogar das Größte. Und umgekehrt. Und nochmal. Sierpiski.

Vielleicht ist ein guter Mensch einer, der Eis verschenkt. In genau dieser Minute. Vielleicht ist einer immer das, was er eben gerade jetzt ist. Ohne Metaebene. Ohne War- und Wird-mal. Vielleicht ist es so simpel. Wenn ich ein Arschloch bin, bin ich ein Arschloch. Wenn ich kein Arschloch bin, bin ich kein Arschloch. 

 

Und der Durchschnittswert?

 

Und der Schiedsrichter?

 

 

 

II.

Das Büro, in dem ich nie angekommen bin. Narziss ist auch da, und ignoriert mich aus Gründen tiefsitzender Unsicherheit ekelhaft eindringlich. Mein Körper spannt unbequeme Netze in sich selbst, die mich aufrecht halten sollen, während mein Kopf versucht sich im Klaren darüber zu bleiben, was er zu tun hat. 

 

Facebook bimmelt: „Hallo, sind alle Eure Produkte vegan?“

 

Keiner weiß mehr, wie er leben soll. Sobald man aufwacht, steht man unter Beschuss von Widersprüchen, und jeder davon ist der einzig richtige. Das ist ungefähr so realistisch, wie die Steigerung von falsch. Die daraus resultierende allgemeine Kopflosigkeit der Menschen macht Folgendes möglich: Erfolg durch Lügen. Produkte mit schicken Worten bewerben, gleichzeitig aber den Regenwald mitroden. Also doch Leid. Nur mehr so um die Ecke. Nicht ganz so offensichtlich. So, dass der konsumierende Mensch noch sagen kann, er habe das nicht gewusst. Und wahrscheinlich hat er das wirklich nicht. Weil Palmöl sich hinter etwa vierzig verschiedenen Bezeichnungen versteckt, und das gehört tatsächlich nicht zum menschlichen Urwissen. Und man möchte ja vielleicht sogar, kann aber ganz einfach nicht alles, was man in die Hand, den Mund, das Gehirn nimmt, auf Herz und Nieren prüfen. So hält man die Maschinerie am Laufen. So fällt man drauf rein. Wird Teil davon. Weil man nicht genau genug hingesehen, oder verzweifelt rumrudernd versucht hat, irgendeinen Startplatz auf dieser Welt zu finden. Oder beides. 

 

Dann sitzt man da, und gar nichts fühlt sich richtig an. So ganz subtil kriecht einem das in die Knochen. Nicht eindeutig zu greifen, nicht eindeutig zu benennen. Wie diese Flutschie-Dinger.

Allmählich wird klar, wie normal die Lüge an sich offenbar geworden ist, alltagstauglich. Notwendig? Weil man überall so selbstverständlich damit umgeht. Tu ich das auch, ohne noch viel zu merken? Wahrscheinlich ja, wahrscheinlich ständig. Wahrscheinlich durch die Verwendung des Wortes „wahrscheinlich“.

 

Wir unterscheiden uns alle nicht so sehr voneinander, wie wir uns das oft wünschen. Vielleicht sogar gar nicht.

 

Ist mein Weltbild zu naiv angesichts der Realität? – In dieser Überlegung könnte eine Art Fixpunkt liegen, der besondere Aufmerksamkeit verdient. Das daraufhin innerlich trotzig strampelnde Teil-Ich nicht als solches abtun, sondern sich an einen Tisch setzen und nach außen und innen diskutieren. Mein Ergebnis dieser Konferenz in Bezug auf das, was mir Miete und Essen zahlt: Gehen. Weil ich das nicht mehr mit mir vereinbaren möchte: Menschen, die versuchen, ihr Leben verträglicher zu gestalten, auf ihre Fragen hin zu erklären, wie toll dieses Produkt ist, das nicht toll ist. Made-in-China-Zettelchen aus Produktverpackungen zu entfernen, die verraten, dass die Ware eben nicht „nachhaltig“ ist. Weil ich das nicht mehr mit mir vereinbaren möchte: Spargrößen anbieten, die weniger Plastikmüll versprechen, aber vor Verkauf von zwei Schichten Plastik befreit werden müssen. 

 

Weil ICH das nicht mehr möchte? 

 

Damit ich mich besser fühlen kann? 

 

Besser als – andere?

 

„Laut App ist da Palm-Öl in Euren Produkten. Das hätte ich nicht erwartet.“ 

[– Wunsch-Antwort: „Ich auch nicht.“]

– Muss-Antwort: „Strg+c [Standart-Antworttext Palmöl] Strg+v. Liebe Grüße.“

 

Ich bin nicht besser. Ich wär’s nur gern und breche dann an anderen Stellen aus, um mich wenigstens hin und wieder so zu fühlen, als wäre ich ein moralisch einwandfreies Exemplar. Um nicht „wahnsinnig“ zu werden. Ich kündige bei einem Unternehmen, dessen verlogene „Philosophie“ mich wütend macht – und gehe danach im Discounter eingeschweißte Tomaten aus Spanien kaufen.

 

Und dann poltert, wie so oft, dieser Satz wieder durch mein Gehirn: „Es ist manchmal auch menschlich ’ne Tragödie.“

Und wie mein Kopf sofort geantwortet hat: „Ja.“ 

Köln, Zülpicher Straße.

Urheber: Einer, der nur noch in seiner eigenen Welt lebt. Wahrscheinlich, weil irgendwann alles zu viel wurde. Und zu wenig. Auf einmal. Gesenkter Blick, Endlosschleife: „Es ist manchmal auch menschlich ’ne Tragödie.“

Was war seine Geschichte? 

 

Und wieso interessiert mich die meines Chefs nicht? 

Ist genau das nicht vielleicht auch eine Form von Narzissmus? Das Abwägen auf Basis von Geschichten, die ich mir über die Welt erzähle? Ist der Satz „Mein Chef ist ein Narzisst“ eine Form von Narzissmus? Ist der Entschluss „Ich kündige, weil ich Eure Doppelmoral nicht zu meiner Doppelmoral passt“ eine Form von Narzissmus? Ist „Fleisch essen ist ok, wenn es das einzig übrige Gefühl von Sicherheit, aus Kindheitserinnerungen stammend, ist“ zu denken, wenn der alte, zittrige Mann an der Supermarkt-Kasse Leberwurst für 99 Cent auf das Band legt, schon eine Form von Narzissmus? Macht es mich zum Narzissten, dass eine Packung Graubrot und Leberwurst für 99 Cent mich derart berührt, dass mir die Tränen in die Augen schießen – ohne überhaupt überhaupt wirklich etwas über diesen Menschen, der auch mal so alt gewesen sein muss wie ich es jetzt bin, zu wissen? Ist das „nur“ die Angst um mich selbst, die Angst angesichts dieses kolossalen Existenzwabbels, die Angst vor dem, was kommt? Macht es mich zum Narzissten, dass ich kurz vorher noch verzweifelt vor der Käsetheke gegen eine von zwanzig existenziell-nihilistischen Krisen am Tag gekämpft habe, weil ich das ja eigentlich nicht dürfen darf, Käse essen, selbst den Bio-Käse nicht? 

 

Und wenn all das mich nicht zum Narzissten macht, tut es dann die Tatsache, dass ich mich all diese Dinge in Bezug auf mich frage? Ist die grübelnde Introvertiertheit ein Irrtum? Kommt man heute kaum noch umhin, über das gesunde Maß hinaus narzisstisch zu sein? Ist Narzissmus ein Zustand, den ich niemals ganz werde begreifen können?

 

Ist man, bin ich überhaupt? Geht das? Oder kann man sein Sein nur denken, kann man „man ist“, „ich bin“ nur denken, während man in Wirklichkeit wahllos ge-ist wird, vom Leben, vom Universum, vom Lauf der Dinge, von ihrer unmöglich zurückzuverfolgenden Kette aus Ursache und Wirkung, von was auch immer? Macht es Sinn, darüber nachzudenken? Wahrscheinlich nicht. Muss man Alles ständig ausnahmslos hinterfragen, um einer von den Guten zu sein? Oder führt das vielleicht in die entgegengesetzte Richtung? Genügt es nicht vielleicht, so oft wie möglich zu versuchen, der Welt und anderen mit Respekt und Wohlwollen zu begegnen? Anderen und sich selbst verzeihen zu können? Und dann nicht weiter nachzuhaken?

 

An dieser Stelle verzeihe ich mir selbst, dass ich als alte, zittrige Frau Makkaroni, Ketchup, Butter, weißen Zucker, weißes Mehl, Gouda am Stück und einen Fleischwurstring auf das Kassenband legen werde, um mir Papas Nudeln mit Tomatensoße zu kochen. Aus Sehnsucht nach dem, was war. Als Proviant für die letzten einsamen, schmerzhaften Meter durch moorige Nostalgie.

 

 

 

III.

Menschen mögen Kleinkind-Bilder auf Einladungskarten. Deswegen hat meine Oma mir genau so eins von sich geschickt. Um es auf Karten zu setzen, die anderen Menschen mitteilen wird, dass „[Name] achtzig wird“. Und mir bleibt nur zu hoffen, dass alle Adressaten die Phasen der existenziellen Krisen schon hinter sich gelassen haben – falls das möglich ist. Falls das Phasen sind. Und das bezweifle ich. Mir jedenfalls wird schon ganz wattig im Kopf beim Anblick von alten Fotos von mir selbst. Diese Zeit! Wie soll man das ertragen?

 

Auf dem Bild ist meine Oma jünger, als meine Nichte jetzt. So unwirklich sich das anfühlt, so wahr ist es ganz offensichtlich. Obgleich Fotografie ≠ Realität, gab es diesen Moment: meine Oma im Alter von ungefähr drei Jahren – all das, woraus sich ihr Leben bis heute geformt hat noch im Sumpf aller Möglichkeiten – auf einem großen, schwarzen Pferd, das den Kopf leicht neigt, sodass es für einen Moment aus einer gewissen Position eben exakt so aussah, wie auf diesem Bild. Dahinter ein alter Holzkarren, eine große Scheune, Hühner, Gänse, auf die dasselbe zutrifft. Könnte man eines dieser Hühner ins Hier und Jetzt holen, würde keiner merken, dass das ein Huhn aus der Vergangenheit ist. Jeder Grashalm auf dem Bild war in diesem einen Moment genauso sehr Grashalm, wie der Grashalm, den ich jetzt pflücken könnte, würde ich jetzt nach draußen gehen, oder wie der Glashalm, den Goethe mal in einem Nebensatz erwähnte, oder der Grashalm, über den vor 501.087 Jahren eine Schnecke gekrochen ist.

 

Alles und nichts bleibt gleich, alles und nichts verändert sich.

 

Was daran mich so sehr aufwühlt – vermutlich, dass es für all das ein Wird, Ist und War gab – was doch genau genommen in einen einzigen gemeinsamen Zustand führt. Die Unbegreiflichkeit all dessen. Das „Wofür“. 

 

Es gibt diese vollkommen absurde Dokumentation über Tropenvögel, bei der man sich als nacktes, partiell seltsam behaartes Menschenviech erstens ästhetisch in vielerlei Hinsicht abgehängt fühlt, und außerdem leicht dabei ertappt, wie man denkt: So ein unfassbar komplexer Aufwand, so viel Anstrengung, allein der Fortpflanzung wegen, und das ewig so weiter. Dabei komplett selbstlos. Ohne tieferen Sinn.

 

Dann das Realisieren dessen, dass man die eigene Spezies zwar „Mensch“ nennt, aber letztlich auch „nur“ Tier ist – und damit in genau derselben Position lebt, und macht, und tut, wie all diese Vögel und der ganze zum Verrücktwerden riesige Rest, Stabheuschrecken, Maulwürfe, Belugawale, Froschlurche, Froschlurche, denen ein Bein fehlt, … 

 

Weil man von einem Selbst bewohnt wird, lässt man sich allerdings gern davon überzeugen, es gäbe einen tieferen Sinn, einen Grund, ein Ziel. Aber all das gibt’s nur innerhalb der eigenen Gedanken, als Ideen, Illusionen, in dieser komisch Existenz, die Sartre schon ganz treffend beschrieben hat. Marmelade. 

 

In diesem Sinne ist der Vogel irgendwie der Klügere. Weil er weniger weiß. Weil er nicht hinterfragt, was er tut. Er baut einfach einen meterhohen Turm aus Stöcken, oder tanzt und singt und wartet geduldig, ohne an gestern und morgen zu denken. Er tut, was er tut. Man könnte meinen, er sei Buddhist. 

 

Wenn es zur Frage kommt, was man im Leben erreichen will, wird es schnell ungemütlich im Kopf. Dass Komparative und Superlative im Trend sind, ist nichts Neues; aber immer noch traurig. Besser, schneller, größer, lauter, weiter, klüger, schöner, dünner, toller, besser und am besten und am allerbesten und am oberallerbesten. Also grundsätzlich einfach: mehr. Immer. Während ‚tiefer‘ selbstgenügsam in der Ecke steht. Und ich trau mich nicht, mich voll und ganz auf diese Beziehung einzulassen, weil es in seinem ungekünstelten, ungezwungenen und damit automatisch erhabenen Nonkonformismus immer auch Ausschluss bedeutet. Ausschluss von Dingen, deren Nicht-Wissen, Nicht-Können, Nicht-Kennen dazu führen könnte, von anderen für dumm gehalten zu werden. Dass das erstens egal ist, und zweitens so oder so passiert, gehört zu den Dingen, die man zwar in der Regel weiß, aber nur sehr langsam, wenn überhaupt, verinnerlicht. Und ich würde gerne alle anderen und überhaupt die Welt als Ganzes dafür schuldig sprechen, weiß aber, dass ich allein verantwortlich bin; ich und mein Vorgeplänkel, das mich mit der Welt als Ganzes bis zur Ursuppe verbindet. Weil ich mich dem Funkelsog der Superlative trotz dadurch herbeigeführten zerebralen Brechreiz einfach nicht gänzlich entziehen kann.

 

So alternativ ich mich auch gern sehe: Die Angst, für dumm oder komisch oder beides gehalten zu werden ist allgegenwärtig und zu stark. Zugehörigkeit ist womöglich das Verführerischste, was es gibt. Gleich danach – oder daneben – quasi eine Art Gegenteil: Der Wunsch und das Streben danach, etwas „Besonderes“ zu sein. Ein Paradisvogel (Für den Paradisvogel selbst sind Paradisvögel keine Paradisvögel). Jemand, der „Außergewöhnliches“ vollbringt, der aus der Masse hervorsticht, der auf irgendeine spezielle Weise „was aus seinem Leben gemacht hat“ – das andere wiederum den Sinn ihres Machens und Tuns hinterfragen lässt, im besten, aber auch im schlechtesten Sinne. „Bin ich gut genug?“, „Ist das, was ich mache, gut genug?“, „Ist mein Leben gut genug?“. „Genug“ ist heute an der Oberfläche gemessen nie irgendwas. Genug muss folglich selbst definiert werden. Aber die eigene Stimme im kontroversen Gebrüll des Jetzt hören zu können, ist nicht immer einfach. Und „zu sich finden“ wird oft verwechselt mit dem Bild, das man nach außen hin von sich formt. Tipp: meistens nicht deckungsgleich. Und dann kommt noch die Frage nach dem „gut“ dazu. 

 

Der Grat zwischen „besonders“ und „wunderlich“, „außergewöhnlich“ und „merkwürdig“ ist ein schmaler. Wenn es überhaupt einen gibt. Gut möglich, dass „wunderlich“ und „merkwürdig“ nur missverstandene und dann nicht weiter beachtete Worte sind. Genau, wie Menschen, die man damit betitelt. 

 

Florence Foster Jenkins war eine Frau, die gerne sang. Florence Foster Jenkins konnte einen Ton bekanntlich weder treffen, noch halten. Was hat Florence Foster „aus ihrem Leben gemacht“? Eins voller schiefer Töne. Eins, das genau deswegen, wegen genau dieses sprudelnden Unvermögens, heute noch Menschen inspiriert. Menschen, die zugunsten irgendeiner Form von Zugehörigkeit das opfern, was sie wirklich gerne tun würden. Und wie gehört man zu sich selbst?

 

Auch eine Stufe weniger offensichtlich ist das Ganze denkbar: Eine Putzkraft, die ihren Job gerne macht und Menschen ein herzliches Lächeln schenkt hat im Leben mehr erreicht, als ein des Geldes wegen angesehener Geschäftsmann mit zwei Firmen, der in Zahlen und Klassen denkt. Selbst dann noch, wenn die Putzkraft abends ein ein Käsebrot isst und nicht ins Fitnessstudio geht. 

 

Oder: Wer mir zwei Tage lang alles, was es über Murmeln zu wissen gibt, erzählt, kann unmöglich dumm sein. Wer mir zwei Tage lang alles, was es über Murmeln zu wissen gibt, erzählt, hat das Leben womöglich irgendwie verstanden.

 

Meine Oma wird achtzig. Meine Nichte wird sieben. Ich werde dreißig. Und das, obwohl es uns alle irgendwann mal nicht gab und irgendwann nicht mehr geben wird. 

Wie viel mehr kann man aus seinem Leben machen als anderen und sich selbst diese tonnenschwere Absurdität hin und wieder ein bisschen leichter zu machen? 

Und weil die Antwort darauf klar ist: Wozu dann der ganze Druck?

 

Das letzte Mal, das ich beim Weinkauf nach meinem Ausweis gefragt wurde, war vor zwei Jahren. Ich musste – ich weiß nicht warum – so ein komisch kurzes, hochgradig unsympathisches Lachen von mir geben. Den Verkäufer hat das zu folgendem Satz inspiriert, der mir seither so oder so ähnlich immer wieder zugespielt wurde, ohne dass ich wusste, wie dieses Spiel geht: „Freuen Sie sich lieber, Sie gehen auf die 30 zu.“

 

Seit wann gehe ich denn genau genommen nicht auf die 30 zu? Ging ich nicht schon lange bvor ich überhaupt gelebt habe auf die 30 zu? Und warum hat mir das mit 10 keiner gesagt? Warum sagt man 19-jährigen nicht, dass sie auf die 20 zugehen und vierjährigen nicht, dass sie bald schon 89 sind? Was hat die 30 an sich, dass sie so doppelt rot umrandet wird? 

 

Der Versuch einer Erklärung. Mit 30 kann man sich klar und deutlich an die 20 erinnern. Die vergangenen 10 Jahre? Gefühlt 10 Minuten. Von der 20 selbst kann man das schon nicht mehr ganz so felsenfest behaupten, und von der 10 schon gar nicht. Wie es mit der 40, der 50, der 60, … ist, kann ich nicht sagen. Ich vermute, das gefühlte Tempo nimmt bis zu einem gewissen Punkt weiter zu und fällt dann plötzlich steil ab. Vielleicht ab dem Zeitpunkt, an dem man alleine mit dem gelebten Leben im Zimmer sitzt – wie zwei, die nicht so richtig wissen, was sie miteinander machen sollen. 

 

Wenn man sich also mit 30 bestens an die 20 erinnern kann, ist man plötzlich der 40 auch ganz nah.Wenn man überlegt, dass man seit 30 Jahren als sogenannter Mensch existiert, fühlt sich das gar nicht mal so lange an. Was wiederum Sätzen wie „Sie gehen auf die 30 zu“, oder „Du bist keine 20 mehr“ widerspricht und so zu einem ganz unbequemen inneren Ungleichgewicht führt. Ich jedenfalls fühle mich nicht erwachsen. Für ein Kind bin ich steinalt. Und wenn ich mir überlege, dass sich 30 Jahre rückblickend gar nicht mal so lange anfühlen, und ich mir selbst noch oft vorkomme, wie ein Kind, das einfach nur zu seiner Mama will, merke ich, dass ich gewissermaßen morgen 60 werde. Und wie fühlt sich das dann an? Wird auf dieser Strecke irgendwann der Punkt des inneren Kindseins überwunden worden sein? Will ich das? Wird man sich im Kern jemals wirklich anders fühlen, als genau jetzt? Ändert sich in Wahrheit nur das eigene Außen, und die davon bestimmte Perspektive anderer auf einen selbst? Und wenn ja – muss das nicht unheimlich traurig machen? Oder darf ich mir das mehr wie eine Art Entspannung vorstellen?

 

Man geht auf den Zustand zu, aus dem man kommt. Sonst nichts. Sonst nichts. Nur Alles.