Der Prolog der eigenen Reisegeschichte

Seit ungefähr einem Jahr darf ich für Michael und Jochen von Reisen Reisen – Der Podcast arbeiten. Wobei sich 'arbeiten für' in dem Fall wie 'arbeiten mit' anfühlt. Danke dafür an dieser Stelle. 

Seit Kurzem gibt's auf der Reisen Reisen Homepage den Gästeblog. Hier werden immer mal wieder Beiträge von anderen Menschen geteilt, die Lust haben, was über's Reisen von sich zu geben. Und natürlich habe ich auf die Frage hin, ob ich nicht auch Lust hätte, was zu schreiben, ja gesagt....


Heimweh riecht nach hagebuttentee

Es begann mit einem Nervenzusammenbruch beim Bettbeziehen. Dabei hatte ich das vorher extra geübt: auf links stülpen, Zipfel rechts greifen, Zipfel links greifen, feste schütteln. Vergebens. Und überhaupt war das eigentlich schon geflunkert – schon kurz nach dem Aufstehen nämlich hatte ich mich mit gesenktem Haupt und Trauermine zum Frühstückstisch geschleppt, als würde ich zu meiner eigenen Hinrichtung gehen. Den bleiernen Mantel puren Selbstmitleids tragend bewegte ich mich betont langsam. Die stoische Ignoranz, die meine Mutter mir dabei entgegenbrachte, ließ mich wissen, dass keine Hoffnung auf Begnadigung bestand.

 

Aufbruch.
Schweigen im Auto.
Schweres Atmen.
Keine Reaktion.
Schweres Atmen (lauter).
„Mir's so schlecht.“
Schweigen.
„Ich glaub’, ich muss kotzen.“
„Soll ich rechts ranfahren?“
„Nein.“
Schweigen.

 

Ankunft am Treffpunkt. Stille Empörung darüber, dass der Reisebus schon bereitstand, wo ich doch so sehr darauf gezählt hatte, dass er aus irgendwelchen Gründen nicht erscheinen würde. Und da kroch sie über meine Wange: die erste Träne. Der Anblick des monströsen Ungetüms, das mich meines gewohnten, ruhigen Daseins berauben und mich nach, welch trügerischer Name, „Schönau im Odenwald“ – oder gefühlt, auf die andere Seite der Welt – bringen würde, war schon zu viel für mich. Daneben: meine Mathelehrerin und mein Lateinlehrer. Oder mit anderen Worten: ein Worst Case innerhalb eines Worst Case.


Einige Klassenkameraden ausgelassen am Rumfeixen, bester Laune, Mutti oder Vati offenbar schon weggeschickt, sich allem Anschein nach tatsächlich auf die bevorstehende Reise freuend; genau genommen auf die – für die meisten jedenfalls – erste Reise ohne Eltern. Der Prolog der eigenen Reisegeschichte. S-c-h-u-l-l-a-n-d-h-e-i-m. Ein Wort, das mich noch heute kurz zusammenfahren und wieder zehn werden lässt.

Während der endlos scheinenden Busfahrt am Neckar entlang, vorbei an immer hüttiger werdenden Häusern und waldiger werdenden Landschaften, konnte ich nur eins denken: „Alle, die da wohnen und laufen und radeln müssen jetzt nicht in dieses blöde Landheim.“


Ich fand es erstaunlich, abstrus, dass ich, nur weil ich ich war, hieß wie ich hieß, aussah wie ich aussah, und das Leben lebte, das ich nunmal lebte, weil es sich eben irgendwie so ergeben hatte, dazu gezwungen war, an diesen Ort zu fahren, obwohl nichts in mir das wollte. Zwangsreisen. Ich mochte die Schule schon zu Hause nicht. Wozu das Ganze zusätzlich aufbauschen? Das machte keinen Sinn.

Die Erleichterung darüber, endlich dem stickigen, lauten Bus entkommen zu sein und mit meiner besten Freundin ein Hochbett teilen zu können sorgte für eine Art Zuversicht. Die war nur leider ungefähr so beständig wie Kohlensäure. In einem Tempo, das ich nicht verstand, bezogen meine Zimmergenossinnen ihre Betten und rannten dann kichernd und so, als wäre ich gar nicht da, 'rüber zu den Jungs' – ein Muster, das sich in Variationen die ganze Woche über fortsetzen sollte. Ich kapitulierte und lag embryohaft eingekringelt in meinen Kuschel-Elch heulend auf dem Bett. Unten natürlich. Eingehüllt in Schmerz und eine hoffnungslos verdrehte Bettdecke.

 

Es folgte die vielleicht längste, einsamste und überhaupt furchtbarste Woche meiner Kindheit. Im Dunst von Eiche Rustikal, Hagebuttentee und PVC-Boden, umzingelt von brutalen Überraschungs-Nachtwanderungen, stundenlangen Stadt- und Wald-Rallyes und lauter Spiele-Abende, zählte ich die ohnehin zähfließenden Sekunden und dehnte sie so zu kleinen Ewigkeiten. Meine Verzweiflung kann ich noch immer nachfühlen – mit dem Unterschied, dass ich heute den versteckten Wert dieser ersten Reise ohne Eltern sehen kann, und mir durchaus klar ist, dass diese ‘furchtbarste Woche meiner Kindheit’ sich auf einem ziemlich luxuriösen Furchtbarkeits-Level bewegt.


Ein Kind allerdings fühlt einfach. Ohne Abwägung, ohne Vergleiche, ohne Wertung. Pur. Auf diese Weise habe ich das erste Mal gespürt, was Einsamkeit meint, und stellte fest, dass das ein ganz eindringlich ziehendes Gefühl ist, das sich durch nichts entkräften lässt. Ein Gefühl, dass ausgehalten werden muss.

Ich wollte nach Hause, sofort. Schon nach meinem Bettlaken-induzierten Nervenkollaps habe ich das meiner Mutter per Münztelefon auch eindringlich mitgeteilt. Die war allerdings anderer Meinung und ließ sich die ganze Woche über nicht umstimmen, was mich zusätzlich verstörte – ich weinte schließlich, schluchzte und bettelte, und bisher hatte das doch meistens geholfen! Irgendwas hatte sich offenbar geändert, ohne, dass ich verstehen konnte, was das war. Der erste große Schritt weg vom Kindsein.

 

Was ist, abgesehen von meiner Aversion gegen Hagebuttentee und dessen Geruch, heute noch übrig von dieser ersten unfreiwilligen Reise allein? Kann ich in mir und meinen Vorlieben beim Unterwegssein noch etwas davon finden? Absolut. Nur waren mir diese Verbindungen bis zu dem Moment, in dem ich diesen Text schreibe, nicht wirklich bewusst. Wie genau Damals und Heute dabei miteinander verflochten sind, wage ich nicht beurteilen. Das ist auch gar nicht nötig.

 

Nach wie vor mag ich es nicht, ein Zimmer mit anderen zu teilen. Ich brauche meinen Raum, ganz wörtlich. Das damit verwandte Bedürfnis danach, mich zurückzuziehen, wenn andere auch nach Stunden noch zusammensitzen und reden, lachen, Spiele spielen, auch das ist geblieben. Noch immer kann ich es nicht leiden, in einer Gruppe reibungslos funktionieren und mich einem Plan unterwerfen zu müssen. Niemals würde ich eine Gruppenreise buchen. Ich schätze, genieße und nutze die Möglichkeit, Orte frei streunend entdecken, Tage nach Lust und Laune füllen (oder eben nicht füllen) und mir meinen Reisepartner dabei aussuchen zu können. Dass das alles so ist, ist mir heute nicht mehr unangenehm. Ja, ich bin eine kleine Mimose. Mimosen sind schöne Pflanzen.

 

Weiter: Noch immer erschließt sich mir das Konzept von Unternehmungen wie
20km-Gewaltmärschen oder Nachtwanderungen nicht. Ich liege weder leidenschaftlich gern abends mit überanstrengtem Körper und Glühkopf im Bett, noch pflege ich eine Vorliebe dafür, unsanft aus dem Schlaf gerissen, um dann stundenlang mit Taschenlampen durch den Wald gescheucht zu werden. Will ich nicht, wollte ich nie, werde ich nie wollen. Andere fanden das super.


Übersetzen könnte man das wohl so: Ob man beim Reisen lieber innerhalb oder außerhalb seiner Komfortzone Erinnerungen sammelt, obliegt einem selbst und beide Varianten bedürfen keiner Beurteilung von außen.

Meine Konsternation darüber, dass nahezu alle meiner Klassenkameraden sich auf die Zeit weg von zu Hause freuten oder zu freuen schienen, ist also der Erkenntnis gewichen, dass wir alle schon früh zu vollkommen unterschiedlichen Menschen mit eigenen, komplexen Vorlieben, Abneigungen und emotionalen Landschaften werden, die auf ihre ganz eigene Weise mit Angst, Freude, Heimweh, Abenteuerlust, … umgehen. Das gesteht man Kindern zu Unrecht oft nicht zu.

 

Und letztlich: Reisen bedürfen keiner Mindestentfernung. Schönau im Odenwald war nicht mehr als 35 Kilometer von meinem damaligen Heimatort entfernt. Gefühlt allerdings war ich auf einem anderen Planeten. Damals zwar vor dem Hintergrund von Heimweh und Traurigkeit, aber das lässt sich sich auch ins Positive verschieben. Heute steht nur ein Ort auf meiner Liste, der wirklich weit weg ist. „Sieh, das Gute liegt so nah“, sagt schon Goethe. Und das gilt nicht nur für Orte. Was ich damals im Odenwald entdeckt habe, waren neue Facetten meiner selbst. Das Gefühl von Einsamkeit, das Empfinden von Stolz darüber, durchgehalten zu haben. Gefolgt von tiefer Geborgenheit und Freude, als ich aus dem Bus in die Arme meiner Mutter fiel und zu Hause einen extra großen Teller von Papas Nudeln mit Tomatensoße einatmete.

 

„Was erhoffen Sie sich von Reisen?“, lautet eine Frage aus Max Frischs Fragebogen. Ausgehend vom bisher Geschriebenen, angepasst an die heutige Selbstständigkeit und Freiheit, lässt sich das vielleicht so beantworten: Wer reist, kann nicht nur die Welt, sondern immer auch ein unbekanntes oder vergessenes Stück von sich selbst (neu) entdecken. Wer reist kehrt immer ein bisschen verändert zurück. Wer reist, kommt irgendwann wieder nach Hause und löst diesen Ort so für eine Weile aus der Selbstverständlichkeit, lernt ihn auf eine besondere Weise neu zu schätzen.

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