Sinnphantasma

Wer minütlich zwischen den Bildschirmen wechselt, in to-do-Listen untergeht und dabei vergisst zu atmen, zu essen, zu sprechen, zu schweigen, zu schlafen, zu träumen – wobei ‚wer‘ in etwa ‚wir alle‘ meint – kann sich schon mal erschrecken, sobald er daran erinnert wird, dass er lebt, als Mensch,  „in die Welt geworfen, ohne tatsächlichen Plan, zutiefst verletzlich, außen wie innen.

Insbesondere dann, wenn er auf eine Weise daran erinnert wird, die eine direkte Bedrohung für diese ja gerade erst wiederentdeckte Existenz bedeuten könnte. Und dann? Panik und Attacke, oder Resignation und Schwermut, oder Zorn und Aggression. Oder überkreuz kombiniert. Oder rückwärts rotierend. Oder addiert und potenziert. Weil wir irgendwie reagieren müssen. Weil das in uns ist. Weil wir sind.

 

In Sartres Der Ekel wir sein Romanheld Roquentin überwältigt von der Intensität seiner eigenen Existenz. Von ihrer Zufälligkeit, ihrer Sinnlosigkeit. Von ihrer Fremdartigkeit, die ihn immer wieder erschaudern lässt. Bewusstsein als Fremdkörper, der „so sanft, so sanft, so träge“ auf uns liegt, ohne sich jemals entkleiden zu lassen. Und wer – ausgenommen jene, die die Sinnfrage spirituell beantworten – würde bestreiten wollen und können, dass das Leben aus sich selbst heraus sinnlos ist. Es ist einfach da. Man selbst ist einfach da. Sinn wird im zweiten Schritt verliehen. Und das ist weitaus weniger schlimm, als es klingt. Es ist, genauer gesagt, gar nicht schlimm.

 

Ich bin gegenwärtig – nach eigener Abwägung – wiederholt nicht besonders gut in diesem Mensch-sein-Ding. Starre auf meine Hände und denke: „Ich“, und bin so weit davon entfernt das zu begreifen, dass ich ein weiteres Mal glaube, jeden Moment das, was die Bezeichnung ‚Verstand‘ trägt, zu verlieren. Verstehen, Verstand, verlaufen, verlieren.

Fühl mich weit weg von allen Anderen, zweifle daran, dass es sie überhaupt gibt. Überfordert von der Vorstellung, dass in der Wohnung nebenan und drei Straßen weiter und auf der anderen Seite der Welt gerade auch jemand lebt und und denkt und fühlt, seit Jahren, jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde, und dabei für immer mit sich allein ist – und in genau dieser inneren Einsamkeit doch wieder mit allen Anderen verbunden. 

Manchmal wundere ich mich darüber, dass wir einander nicht ständig ganz aufgeregt davon erzählen, dass wir allem Anschein nach am Leben sind. 

 

In mir wütet der maximale Widerspruch. Doppelmoral-Paartanz. 

Angeekelt von Menschen, die angeekelt sind von Menschen, die angeekelt sind von etwas, das ihnen Angst macht. 

Angeekelt von der angstgenährten Egozentrik des Einen, der viele ist, die sich gegenseitig mit Konserven und Klopapier bekriegen. 

Angeekelt von der Überheblichkeit des Anderen, der auch viele ist, und letzten Endes doch nur deswegen als Gutmensch auftritt und sich dem Hamsterrad entzieht, um sich selbst besser, und vor allem ‚besser als‘ zu fühlen. Um sich abzugrenzen von der eigenen ursprünglichsten Angst, die er in anderen ausbrechen sieht.

 

Insgesamt also: angeekelt von mir selbst.

 

Denn wir sind einander ähnlicher, als wir wahrhaben wollen. Mehr noch: wir unterscheiden uns wahrscheinlich nur in feinsten Nuancen voneinander. Und vielleicht denken wir nur, wir hätten irgendeine Art steuerbaren Einfluss auf den Lauf der Dinge, in dessen Getriebe wir doch letztlich nur ein unfassbar winziges von unendlich vielen Rädchen sind, das sich selbst nur deswegen so viel ernster nimmt als die anderen, weil es aus irgendeinem unerfindlichen Grund eben genau dazu in der Lage ist. 

Ich glaube, der Lauf der Dinge läuft wohin er will. Wobei er natürlich gar nichts will, sondern einfach läuft. Ob ich wirklich wollen kann, weiß ich nicht. Aber fühlen kann ich, muss ich, darf ich. Undauf irgendeiner Basis muss Mensch ja sein höchsteigenes Sinnphantasma gründen zu können, weil er ohne nicht lebensfähig ist.

 

Mein Sinnphantasma ist, dass ich trotz meiner Angst vor der Zeit, die es nicht gibt, und dem Leben, das darin passiert, gerne noch viel mehr davon hätte. Obwohl ich so oft nicht weiß, wohin mit alldem, was in mir drin und um mich herum immerzu und ständig passiert. Bis es irgendwann aufhört zu passieren, jedenfalls für mich, während ein Anderer in genau diesem Moment zum ersten Mal die Augen öffnet. Genau so, wie mein erster Augenblick der letzte eines wieder Anderen war. 

Was am Ende irgendwie zu bedeuten scheint, dass ich, der Andere und der wieder Andere im Grunde eins sind, waren und sein werden.

 

Und dann stellt sich mir die Frage, ob man es sich selbst (und damit also auch allen Anderen), nicht einfach verzeihen kann, dass man sich hin und wieder scheinbar grundlos wirr verhält oder resigniert, oder wütend oder traurig wird, angesichts dieser ‚klebrigen Marmelade der Existenz‘ – als hätte Sartre gewusst, was für ein bunt blinkendes Gebrüll das Leben bald zusätzlich zu seiner ohnehin schon absurden Ausgangssituation überlagern würde, in dem keiner mehr den eigenen Herzschlag versteht. In dem die Angst vor dem Fremden missverstanden wird. Das Fremde, das uns Angst macht, ist aber in Wahrheit vielmehr das Fremde in uns selbst, das da ist und wächst, weil wir Resonanz verlernen. Das Fremde, das uns Angst macht, ist eine fehlerhafte Definition. Fremd ist jeder, der nicht ich bin – „werch ein illtum“. Perspektivwechsel.

 

Und dann hustet einer. Und weil das bunt blinkende Gebrüll so gute Arbeit leistet ist der erste Gedanke nicht geformt von irgendeiner Art Mitgefühl, sondern von Angst und Ekel als schützendes Bestreben nach Abgrenzung. Auch, und vielleicht gerade bei jenen, die genau das leugnen, weil sie vergessen haben, dass nicht das erste aufkommende Gefühl – gegen das man ohnehin nichts tun kann – das Problem ist, sondern der unreflektierte Umgang damit. 

Angst kommt ohne böse Absichten. Angst ist eine überbesorgte Mutter, die nicht immer, vielleicht sogar nur selten richtig liegt. Angst ist nicht das, was verurteilt, worüber sich lächerlich gemacht werden darf. Angst will gehört werden. Dann reißt sie einem auch nicht die Zügel aus der Hand.

Angst ist vergesslich. Wenn man ihr erklärt, dass sie hier und da und falsche Schlüsse gezogen und verinnerlicht hat, muss man sich also vielleicht ein paar mal wiederholen. Aber das macht ja nichts.

 

Vielleicht so: Einer hustet, der nicht man selber ist. Man selber spürt Angst und Ekel als schützendes Bestreben nach Abgrenzung. Man selber bemerkt diesen instinktiven Mechanismus, tritt einen Schritt zurück und betrachtet ihn von außen. Man selber merkt, dass der instinktive Mechanismus es gut meint, aber gerade überreagiert – weil er manchmal nicht mehr weiß, wie er die Dinge einordnen soll, und wer könnte ihm das verübeln. Man selber denkt an den Hustenden und hofft, dass es ihm gut geht. Man selber hustet.

 

Aber das Gehirn verhält sich doppsballartig und will deswegen schon im nächsten Moment wissen, wie es wohl wäre, wenn irgendwann etwas wirklich Schlimmes passieren würde. Und im nächsten Schritt ekelt man sich schon wieder. Davor, was die ursächlichste Angst des Menschen auslösen kann, wenn sie mit sich alleine gelassen, wenn sie zusätzlich noch befeuert und ausgenutzt wird. Davor, dass man selbst davor nicht gefeit ist. Die unterschwellig bohrende Befürchtung, dass der Mensch im Grunde schlecht ist. 

 

 

Durch den Supermarkt ist vorhin ein altes, gebücktes Mütterchen* gegeistert. Ein warmes, weises Lächeln auf dem Gesicht. Ruhige Augen, klarer Blick. Hat hier und da immer wieder Menschen angesprochen, auch mich. Keiner konnte verstehen, was sie wollte. Vielleicht wollte sie ja gar nichts. Vielleicht war sie nur auf der Suche nach Resonanz. 

Die Unbeholfenheit, die aus den Gesichtern und Bewegungen der Menschen – mich eingeschlossen – sprach, während die alte Dame strahlend einfach immer weiterredete, hat uns alle mit Sicherheit wie absolute Volltrottel aussehen lassen. Ich wünschte, ich hätte auch einfach anfangen können zu strahlen und zu reden. Es reden doch ohnehin ständig alle aneinander vorbei. Nur ohne zu strahlen. 

Unwillkürlich erscheint in mir das Bild eines Menschen, der noch weiß, wie barrierelose (Zwischen-)Menschlichkeit ohne Bildschirme geht, einer hilflosen Traube von Menschen gegenüberstehend, die damit völlig überfordert ist. Wie auf dem Rücken liegende Käfer. Ein offenes, echtes, vollkommen entspanntes Lächeln gegenüber ratlos-verlegenem Krampfgrinsen.

Merkwürdig.

 

Wieder Zuhause sitze ich an meinem Schreibtisch, tippe schwarze Zeichen auf weißen Grund und denke darüber nach, wie absurd genau diese Szenerie ist, und wie viel absurder sie noch wäre, wenn man sich die Tastatur unter meinen Fingern und den Bildschirm vor meinem Gesicht wegdenkt.

Dann hebe ich meinen Kopf und in genau diesem Moment watet das Mütterchen mit ihrem Stock auf der gegenüberliegenden Straßenseite durch den Regen.

Ein unbequemes Gefühl macht sich breit.

 

Ein paar Stunden ist das jetzt her, und seitdem denke ich nur noch über diese Szenerie nach, über diese Frau, die eine und keine Fremde war. Will alles wissen – wo sie herkommt, wie sie als junges Mädchen aussah, was ihre wertvollste Erinnerung ist, welche Wege sie zu genau dieser Zeit an genau diesen Ort geführt haben, an dem sie meine kreuzen. Will wissen, wo sie hingeht, und hoffe, dieses Wo hat ein Dach, eine Heizung, ein Bett und bestenfalls einen anderen Menschen, der ihr das gibt, was der Mensch, der da ist, wenn ich nach Hause komme, mir gibt: nicht 5 Liter Desinfektionsmittel gegen ‚das Fremde‘, sondern einen Mantel für mein Sinnphantasma und das überzeugende Gefühl, dass der Mensch im Grunde gut ist.

 

Will sagen… ich bin einmal mehr überwältigt vom Leben. Von seiner wunderschönen Tragik.

Will sagen… ich hoffe, es geht Dir gut.

 

 

 

* Mütterchen: alles andere als despektierlich gemeint.