Spleen

Als ich heute auf dem Markt Brötchen kaufen wollte, hat mich die Verkäuferin darüber informiert, dass ich wohl einen Spleen habe. Eine Macke also. Wörtlich übersetzt bedeutet Spleen: Milz. Von der Antike bis zum Ende des Mittelalters galt eine kranke Milz als Ursache von Schwermut, Melancholie, Weltschmerz. Baudelaires Les Fleurs du Mal basiert zu großen Teilen auf diesen Empfindungen. Im Gedicht Spleen (Wenn der Himmel...) schafft er es, dem Weltschmerz, diesem eigentlich „unaussprechlichen“ Gefühl der Überforderung mit und Verlorenheit in der Existenz, seiner Schwere und Dunkelheit, Ausweg- und Hoffnungslosigkeit, Ausdruck zu verleihen.

Also, wenn ich mich an Baudelaires Spleen – oder jedenfalls der Interpretation davon – orientiere, dann ja, dann hab ich einen, dann bin ich quasi aus Spleen zusammengesetzt.

 

Jede*r kennt solche oder ähnliche Gefühle in verschieden starken Schattierungen und Ausprägungen. Die Sinnfrage ist dabei entweder Ei oder Henne: Sinnkrise gefolgt von Weltschmerz, Überdruss, Heimatlosigkeit – oder umgekehrt. Ich selbst pendle immer wieder zwischen: „Ich muss meinen Sinn selbst erschaffen“ à la Sartre und „Was bilde ich mir eigentlich ein, zu glauben, auch nur über ein Fünkchen Entscheidungskraft zu verfügen in diesem riesigen Kausalitätsgeflecht?“. Richtig – das passt nicht besonders gut zusammen, was quasi der Grund dafür ist, dass ich aus Spleen zusammengesetzt bin. Die erste Variante bietet sich jedenfalls als praktikableres Lebensmodell an: Sinn selbst erschaffen – ob nun eingebildet oder nicht.

 

Als Perfektionistin mit ausgeprägtem Hang zum Grübeln, zur Zerstreuung und Vermeidung gestaltet sich für mich allerdings auch der D.I.Y.-Sinn schwierig. Einerseits habe ich eine vage Vermutung, was „den richtigen Sinn“, meinen Sinn angeht. Andererseits lässt diese Vermutung sich wunderbar zerdenken, bis zur Unkenntlichkeit und noch viel weiter. Und wenn ich nicht gerade damit beschäftigt bin, schaufle ich den zarten Sinnspross mit überzogenen Erwartungen und katastrophisierenden Szenarien zu, vergifte seine Wurzeln mit diffusen Ängsten und Glaubenssätzen von vor 20 Jahren oder stelle höchst unfaire Vergleiche an, mit ausgewachsenen Pflanzen und den allerschönsten Blüten, die die Welt je gesehen hat. Ich könnte den Spross ja auch einfach gießen und in die Sonne stellen, aber.

 

Deshalb ist es so, dass der Sinn mir nur noch ganz scheu zublinzelt. Er kann mich nicht so ganz einschätzen. Er traut mir nicht. Manchmal zischt zwischen uns dann noch eine blendende Hypernova durch, „Ey, einfach mal machen, ansonsten selbst Schuld!“ brüllend, was nur dazu führt, dass ich den Sinn vollkommen aus den Augen verliere. Weil das so hell war, und das ja immer ewig dauert, bis diese Nachbilder verschwinden, obwohl sie gar nicht echt sind. Und dann lädt sich die Zeitpanik zur Party ein. Und dann wird's richtig schön ungemütlich.

Ich glaube, auch das kennen viele so oder so ähnlich – insbesondere Menschen, die ebenfalls zu oft nach links und rechts, nach vorne und hinten, nach außen schauen, und dabei das Hier, das Jetzt und das Innen vergessen. Der Alltag, in dem wir leben, spielt diesem Verhalten in die Karten. Da reibt sich die Entfremdung die Hände.

 

Um dieser ganzen glitschigen Verdrusspampe etwas entgegenzusetzen, versuche ich so oft es geht, mich nicht vollends im wirren Grübeln über und Suchen nach dem „großen Sinn“ zu verlieren, sondern kleine, greifbare Sinn-Inseln zu bauen – als eine Art Mittel gegen das überall lauernde Gefühl der Macht- und Sinnlosigkeit in einer wirklich krassen Welt. Ein Mittel, das ein bisschen Halt, Sicherheit und Orientierung gibt, oder wenigstens den Eindruck davon vermittelt.

 

Eine meiner Sinn-Inseln trägt den Namen Veganismus. Ich mag diese Insel, weil darauf endlich nicht mehr all meine Gedanken um mich und meine Unzulänglichkeiten kreiseln. Es geht nicht in erster Linie darum, dass ich mich besser fühle oder darum, ein „besserer Mensch“ zu sein. Es geht nicht um Ich. Der Mensch stellt sich gern ins Zentrum allen Seins. Ich bin ein Mensch. Veganismus ist eine Möglichkeit (von vielen), um rauszuzoomen. Klar wird Veganismus auch als Instrument zur Profilierung missbraucht, als Möglichkeit, sich überlegen zu fühlen. Das ändert nichts daran, dass die Sache an sich gut ist. Der dazugehörige Mensch ist dann eben unangenehm. Vegan zu leben macht mich nicht besser, aber wacher. Und dass daraus ein gutes Gefühl resultiert, ist einfach sehr clever vom Gehirn.

 

Klar – wenn ich schreibe, dass ich Veganismus auch deshalb gut finde, weil es dabei nicht um mich geht, ist das eine Art Widerspruch in sich. Was im Vergleich dazu aber mehr wiegt, ist das, was passiert, wenn der Käse sexy aussieht, ich ihm dann aber seinen Reiz nehme, indem ich mich daran erinnere, wie abstrus das alles ist: Weil mensch „seine“ Milch will, darf tier nicht frei leben. Wie weit die Ausbeutung von Tieren geht, war mir lange nicht klar. „Bei Bio wird das schon irgendwie anders sein“, so der Gedanke, garniert mit ein bisschen gezielt unterlassener Information. Ein typischer Fall von Gewissen rein-gekauft. Und es ist keinesfalls so, dass ich das nicht immer noch machen würde – mein zweiter Vorname ist Doppelmoral. Es gab lediglich eine Anpassung, die sich vom Bauch her richtig anfühlt: Tiere da rauszuhalten, so gut es geht. 

 

Veganismus wirkt sich auf alle Lebensbereiche aus. Ich werde Fehler machen, oder positiv formuliert: dazulernen. Abwägen. Nachjustieren. Immer wieder. Und natürlich stellt sich auch die Frage danach, wo ich beschließe, Grenzen zu setzen. Dass es kaum möglich ist, vollkommen leidfrei zu leben, sich vollkommen leidfrei zu ernähren, liegt leider auf der Hand. Mein „Kontrollradius“ ist beschränkt, aber innerhalb dieses Radius kann ich handeln. Was mich bewegt, ist die wirkliche Erkenntnis und Verinnerlichung dessen, dass Tiere sind wie wir, nur ohne Worte – und Worte sind lediglich unsere Art, miteinander zu kommunizieren. Man kann darüber diskutieren, ob es nötig ist, sich als vegan zu bezeichnen. Besonders verführerisch ist das, wenn man darüber nachdenkt, wie oft Konflikte daraus entstehen, selbst unter Verganer*innen, was ja maximal absurd ist: eine Gemeinsamkeit an ihren ungleichen Stellen packen und die Sache an sich so vollkommen verwässern, ihren Kern vergessen. Nicht nur beim Thema Veganismus kann man sich schön blöd in Details verlaufen.


Aus der Sicht vieler Veganer*innen darf ich mich im Grunde tatsächlich nicht als vegan bezeichnen (, was mich nicht besonders hart trifft). Abgesehen davon, dass ich Honig nicht mag, finde ich Honig von kleinen Imkereien in Ordnung und kleine Imkereien wichtig. Und wenn wir schon in der Nähe sind: Ich bin zwar grundsätzlich gegen die Idee von Tieren als Produkt, feiere gleichzeitig aber jede Entwicklung, die sich von konventioneller Ausbeutung und massenhaftem Tierkonsum wegbewegt – zum Beispiel den Beschluss meiner Eltern, weniger und „besseres“ Fleisch zu essen, oder Menschen wie Mark Junglas, die für wirklich bewussten Fleischkonsum sensibilisieren, oder Initiativen wie Bruderküken oder Zeit zu zweit.  Beim Thema Insekten bin ich noch zu keinem Standpunkt gekommen; meine Hündin ist überzeugter Mehlwurm-Fan. In Sachen Medizin und Forschung bin ich heillos überfordert – da fehlt mir die Antwort, das wird zu komplex, zu vielschichtig. Wenn ich also sage, dass ich vegan lebe, müsste ich – müsste ich? – also eigentlich immer auch hinzufügen, was ich anders mache und warum, und als Mensch, der ich bin, weiß ich darauf manchmal keine Antwort. 

Vielleicht bin ich Flexiganerin? Fachidiotie als Verstrickung in immer feinere Begriffsverästelungen birgt allerdings ab einem gewissen Punkt die Gefahr der Unnahbarkeit, die nach außen hin abschreckend wirkt und obendrein ihrerseits akute Profilneurosengefahr birgt. Austausch wird dann immer schwieriger und Kluften werden größer. 


An konturlosen Punkten wie diesen entstehen dann häufig doch wieder Grübeleien, die nicht mehr das Tier, sondern vor allem mich betreffen – mich und meine Angst, angegriffen zu werden. Dann Folgendes zu erinnern, kann helfen: Weder kann, noch muss man alles richtig machen. Den Blick wohlwollend zu lenken ist die Kunst. Gut gelaunt zu scheitern und neu immer wieder zu starten die Kür. Schlecht gelaunt scheitern ist auch erlaubt. Manchmal muss der Abstand vergrößert werden, um wieder klar zu sehen. Ich lebe vegan, weil ich das für fair und sinnvoll halte, es mein Ego aus dem Fokus nimmt, und es sich aus meiner Position heraus relativ einfach umsetzen lässt – in dieser Reihenfolge. Andere kaufen nur regional und unverpackt, inspirieren ihre Mitmenschen durch ihre Kunst, arbeiten ehrenamtlich, bauen ihr Gemüse selbst an oder sind im Alltag immer freundlich, schenken auch Fremden ein Lächeln und bewirken damit Großes im Kleinen. Nie würde ich auf die Idee kommen, da auf Fehlersuche zu gehen, mich einzumischen oder das gar in negativer Weise auf mich zu beziehen. Viel großartiger ist es doch, so verkitscht das klingen mag, sich inspirieren zu lassen, den Austausch zu suchen, daraus vielleicht sogar etwas mitzunehmen – und sei es ein Moment ohne „Spleen“. 

 

Andere Menschen bei jeder sich bietenden Gelegenheit ungefragt über Veganismus zu unterrichten, liegt mir fern. Manch eine*r fühlt sich allerdings schon attackiert, sobald das Wort vegan fällt – als wäre es eine Schuldzuweisung. Und natürlich ist es keine leichte Kost, es stellt sich schließlich direkt gegen die Ausbeutung und Tötung von Mitwesen, und das klingt immer durch. Schnell wird daraus eine Kritik an der eigenen Person abgeleitet: „Du lebst vegan? Willst Du damit sagen, ich sei ein schlechter Mensch?!“

... Äh..?! Diese Verschwurbelung passiert im eigenen Kopf und bietet sich bestens für eine Sezierung an. Damit zurück auf den Markt, zur Verkäuferin mit Spleen-Expertise.

 

Meine Frage war: „Sind die Brötchen da vegan?“. Die Antwort war eine ausschweifende Erklärung, dass sie sich da nicht auskenne, und was das denn bei Brötchen hieße – vegan, und dass sie das nicht zuordnen könne, welche Brötchen vegan sind und welche nicht, was  abgesehen vom passiv-aggressiven Unterton  eine absolut akzeptable Antwort gewesen wäre. Nachdem wir uns auf drei Brötchen geeinigt hatten, ging es allerdings weiter: Sie wisse ja nicht, wie ausgeprägt dieser „Spleen“ in mir sei, weil nämlich das Spray zum Befetten der Backbleche auch Honig enthalte, und dann könne ich auch gleich den Stand gegenüber vergessen, weil auch „der Bio-Bäcker“ – bei dem ich mich zuerst angestellt hatte, dessen Schlange aber eine recht lange Wartezeit versprach – das verwenden würde.

Meine Versuche freundlich zu bleiben und die Sache mit dem „Spleen“ zu hinterfragen, trafen nicht auf fruchtbaren Boden, und weil ich keine Lust auf Frühstück mit aggressivem Beigeschmack hatte, habe ich der Dame vorgeschlagen, ihre Brötchen zu behalten und mich dann doch wieder gegenüber angestellt. Meine mir kurz entglittene Fassung war leider nur durch die unschöne Geste des Kopfschüttelns wieder einzufangen. 

 

Ein weiterer Aufhänger der Verkäuferin war, dass Menschen in anderen Ländern gar nichts zu essen haben und sich um vegane Ernährung überhaupt keine Gedanken machen können. Offenbar war sie davon überzeugt, dass dieser Gedanke sehr innovativ sei und ein scharfsinniges Argument gegen Veganismus, was schon echt konfus ist. Übersetzt jedenfalls sagte sie nichts anderes als: Veganismus ist (ein selbst gemachtes) Luxus(-Problem).

Und das ist natürlich wahr – teilweise.

Veganismus macht Missstände sichtbarer: den Missstand, dass leidvoll gewonnene, tierische Lebensmittel in einer Wohlstandsgesellschaft wie der unseren die Norm sind. Den Missstand, dass Verbraucher*innen über Greenwashing etc. schamlos verarscht werden. Den Missstand, dass es sich wirtschaftlich nicht rentiert, wenigstens würdevoll mit „Nutztieren“ (was für ein Wort) umzugehen. Den Missstand, dass überhaupt die Möglichkeit besteht, Leidfleisch, -Milch & Co. kaufen zu können. Den Missstand, dass diese Produkte darüber hinaus sogar zu den billigsten zählen. Den Misstand, dass letztlich auch andere Länder (und Menschen) dafür ausgebeutet werden. 

Der Luxusfaktor besteht darin, dass ich mich in einer Position befinde, in der ich mir darüber Gedanken machen kann. Dass das – aus verschiedensten Gründen – lange nicht jede*r Mensch kann, auch hierzulande, ist kein Geheimnis und mitunter direkt Teil dieses monströsen Problems. Der vegane Luxus ist ein Luxus, der keiner sein will. 

 

Wie schön wäre es gewesen, vielleicht sogar bereichernd für uns beide, ein Gespräch auf Augenhöhe und Basis von Interesse statt Aggression zu führen: über ihre Skepsis am Veganismus, meine Überzeugung und meine Zweifel.

Aufgewühlt hat mich unsere Begegnung auch deshalb, weil sich einmal mehr gezeigt hat, wie übergriffig und unvorsichtig wir miteinander umgehen – mir passiert das auch, und manchmal glaube ich, das ist wie Domino in scheiße. Umso wichtiger, diese Kettenreaktion so oft wie möglich zu unterbrechen.

Man weiß nie, welche Erfahrungen, Gedanken, Probleme der Mensch, mit dem man spricht, mit sich herumträgt. Ich weiß nicht, was dazu geführt hat, dass die Verkäuferin so intensiv auf meine Frage reagiert hat oder ob das ihr Naturell ist. Und was mich angeht, ich komme frisch aus einer depressiven Episode und hab mich über Sonne und auf Brötchen gefreut. Wäre ich nicht wieder relativ stabil gewesen, hätte mich diese Situation weit zurückwerfen können. Aber dieses Mal hatte der Spleen schlechte Chancen.  

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