Schlaf, los!

Meine Stimmungen wechseln häufiger als das Aprilwetter. Und extremer. Ich befinde mich in einer unbestimmten Zwischenwelt zwischen Schlaf und wach. Es ist drei Uhr. Seit drei Stunden versuche ich einzuschlafen. Mein Puls rast nicht, aber er wummert. So heftig, dass es sich anfühlt, als würde mein Kopf auf dem Kissen hüpfen.

Mein rechtes Ohr tut weh, weil ich seit Wochen nur noch mit Wachsstöpseln schlafen kann und meine Geräuschempfindlichkeit dadurch natürlich noch viel extremer geworden ist, sodass ich die neon-pinken Klumpen jeden Abend ein Stück tiefer in meine Gehörgänge pressen muss. Jeder Hals-Nasen-Ohren-Arzt würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber irgendwie muss ich ja Ruhe finden.

Ich spüre wie eine diffuse Verzweiflung sich ausbreitet, über die unendlichen Knoten in meinem Kopf. Da ist so viel und nichts davon ist richtig. Alles verworren, hoffnungslos verworren. Mich beschäftigen dieselben Themen wie vor fünf Jahren. Nichts ändert sich, ich werde nur älter, verwese. 

Ich bin unruhig. Meine Füße wippen ungefragt, meine Beine schmerzen, meine Augen brennen. Ich habe solche Angst. Ich will in Ruhe gelassen werden. Ich will flüchten, mich verstecken, nichts leisten müssen. Ich will mir keine Gedanken darüber machen, dass ich in fünf Stunden aufstehen muss und wahrscheinlich noch drei davon brauche, um einzuschlafen, mindestens.

Hier knackt immer irgendwas. Das macht mich wahnsinnig. Ich hasse diese scheiß Bude in dieser scheiß Stadt in dieser scheiß Pandemie. Ich will, dass jetzt vor sieben Jahren ist. Oder vor fünf oder wenigstens drei. Ich will zu besoffen im Biergarten stehen und so tun als würde ich nicht sehen, dass du mich siehst, um alles noch spannender zu machen. Ich will dass wir nie zu mir nach Hause gehen, sondern uns für immer gebettet im Rausch und Rauch und in unendlich vielen Tönen am Tresen küssen. Alles, was danach kam, war zu viel. Alles, was danach kam, hat den Zauber zerstört.

Aber ich bin nicht in Köln. Und im Moment ist das Ziel ohnehin nicht Erregung, sondern Schlaf, so unromantisch, so langweilig, so nichts das auch ist. Das Ding ist: Schlaf darf kein Ziel sein. Sobald Schlaf das Ziel ist, verfehlt man ihn.

 

Vor ein paar Tagen bin ich im T-Shirt rausgegangen, jetzt liegt draußen Schnee und er reflektiert das Mondlicht so entschlossen, dass es durch die schmalen Streifen am Rand des Dachfensterrollos fällt und den Raum erhellt. Wer soll so schlafen können, im eisigen Mondlicht, der Vergangenheit nachtrauernd, beladen mit Angst vor dem Morgen?

War es das? Bin ich jetzt für immer das, was ich bin ohne das wirklich zu sein? Und war es nicht genau das, was ich wollte - ein kleines, ruhiges Leben? Hab ich mir was vorgemacht? Oder will ich immer das Gegenteil von dem was ich gerade hab? Funktioniert mein Kopf so platt? Werde ich immer unzufrieden sein? Ist das mein Sinn? 

 

Ich bin von einer Stadt in ein Zimmer gezogen. Ein lautes, stilles, schwül dunkles, eisig helles Zimmer ohne Funktion, ohne Schönheit. Mein Kopf verkümmert, mein Herz, und niemand außer mir kann etwas dafür, auch wenn ich das nur ungern zugebe. Ich sterbe, mit jeder Minute. Mein Fuß wippt. Meine Blase drückt. Ich will vier sein und im orangefarbenen Licht der Balkonjalousie sitzen, die warme Sommerluft gemischt mit dem Zigarettenrauch meiner Mutter atmen.

Wo ist Zuhause?