Nonsensgelb. Und in Scheißebrei badend stumpfe ich ab.

Es gibt diesen ganz bestimmten Gelbton, der trostloser ist als alles Grau der Welt. Tristesse pur. Haftnotizzettel haben diese Farbe. Webseiten aus den Anfängen des Internets mit Tabellen und Textblöcken in Arial, dunkelgrün und pink mit Schlagschatten. Druckerpapier. Die Wände vieler Krankenhäuser und Psychotherapie-Praxen. Neutral und freundlich soll das wirken, hell, einladend, sauber. Ich stelle mir vor, wie diese Farben im Verkauf heißen. „Sanfte Sonne“, „Happy Vanilla“, „Nordseestrand“. Nonsens. Wortwörtlich sogar. Sinnverlust. Meine Gehirnwände sind Nonsensgelb gestrichen.

 

Ich habe den Eindruck, dass wir wieder an einem Punkt sind, von dem ich glaubte, er läge schon weit hinter uns. Aber wir drehen uns offenbar munter in so ziemlich allen Belangen im Kreis und klagen dann darüber, wie müde wir sind. Irgendetwas entwickelt sich in irgendeine Richtung bis irgendwer beschließt, dass der Kurs wieder geändert werden muss – und zwar nicht unbedingt deshalb, weil er wirklich geändert werden muss, sondern weil irgendwer seine Ruhmesstunde wittert. Das lässt sich besonders gut bei banalen Trends beobachten, trifft aber bis ins Kleinste und Größte auf so ziemlich alles zu und kann gut sein oder schlecht. Schlecht vor allem dann, wenn die Vorstellungskraft nur für zwei mögliche Richtungen ausreicht. Oder gar für nur eine. Eine recht offensichtlicher Denkfehler und trotzdem allgegenwärtig. Im Moment kommt es mir so vor, als ob überall verhärtete Fronten mit voller Wucht stur aufeinanderprallen. Und was dabei entsteht, ist ein einziger Scheißebrei. Und innerhalb dieses Scheißebreis geht es maximal respektlos und übergriffig zu. Ich würde auch „unmenschlich“ schreiben, aber mittlerweile scheint es mir, als müsse „unmenschlich“ eigentlich „menschlich“ heißen und umgekehrt. Besonders dramatisch ist die Tatsache, dass man sich freiwillig im Scheißebrei suhlt – auch, weil diese Massen wegzuschaufeln unmöglich scheint. Lust and Disgust. Ich schreibe übrigens „man“, weil ich glaube, dass es vielen Menschen so geht. So vielen, dass Verallgemeinerung ohne Weiteres anwendbar ist. 

 

Nachts um halb zwei im Bett: nicht etwa am schlafen, sondern – um nur ein Beispiel zu nennen – tief in einer bösartigen Kommentar-Diskussion auf irgendeinem Instagram-Feed. Wut im Bauch über so viel geballte Dummheit, Engstirnigkeit, fehlende Flexibilität im Denken, fehlendes Wohlwollen. Gefolgt von Wut darüber, dass ich selbst gerade so wutgetrieben – also substanzlos – urteile. Und schließlich Wut darüber, dass ich das schon wieder mache: gezielt Scheißebrei konsumieren. Vielleicht auch nur halb gezielt, oder gar nicht, weil sich nicht mehr rekonstruieren lässt, wie ich überhaupt dort gelandet bin, auf diesem Feed, bei diesem Bild, in dieser abstrakten Diskussion, deren Inhalt sich herunterbrechen lässt auf gegenseitige Verachtung ohne Raum für Versöhnung – selbst dann, wenn es um eine im Kern gute Sache geht; selbst dann, wenn die Kommentierenden dem guten Kern zustimmen, sich aber in der Art ihrer Zustimmung oder in der Vorstellung über das Fruchtfleisch unterscheiden und einander deshalb verachten, und – kein Geheimnis – dabei verachten sie meistens einen kleinen, weggesperrten Teil von sich selbst.

 

Und Fakt ist: genau so soll all das ja auch funktionieren. So, dass man nichts mehr merkt, außer diffuser Wut und wütender Wirrnis, ob als aktiv Schreibende*r oder – wie ich – als passiv Lesende*r. Also liegt man da und liest und quirlt sich immer weiter rein, weil „jetzt ist auch egal“. Moderner Masochismus. Und dann kann man auch eben noch auf den vier bis neunzehn Accounts vorbeischauen, von denen man weiß, dass es da nichts zu holen gibt außer abwertende Gedanken, vor allem sich selbst gegenüber, so #bodyneutral oder #mentalhealth es da auch zugehen mag – und meistens tut es das nicht, nicht wirklich jedenfalls. Meistens wird doch nur Erfolg zur Schau gestellt, oder irgendetwas anderes, was der oder die Betrachende nicht hat. Entsprechend also noch ein bisschen zerstörerischen Neid anhäufen gegenüber all denen, die das Leben so locker flockig, leicht und lächelnd wuppen, die ihre Berufung oder was auch immer gefunden haben, in ihren Blumenkleidchen und Dr. Martens – wie romantisch-rebellisch! –, mit ihren kleinen Näschen und makellosen Schienbeinen und nach innen gewölbten Bäuchen und Egon-Schiele-Tattoos als Bildungsversprechen und too-pretty-to-eat-Granola-Bowls. Neid, der nur verrät, wie verbittert man selbst schon geworden ist, wie sehr man sich verloren hat, in Allem und Nichts, und wie sehr es an innerer Sicherheit mangelt. Also – am besten alles noch schlimmer machen und durch ein paar Tipps rollern, wie man ganz einfach genau so super werden kann – aber hey, nicht vergessen: Du und dein Körper, ihr seid ja schon perfekt so, wie ihr seid! – Aber jetzt guck trotzdem noch mal hier, meine straffer Pfirsichpo im Abendlicht ( – „giiiiiiirl! [Feueremoji]“), und dann swipe mal up und kauf diese Hose, diese Kette, dieses Serum, diesen Darm-Mikrobiom-Test, dieses überteuerten Vintage-Sideboard, das du auf deinen Dielenboden stellen kannst (wie – du hast keinen Dielenboden?!), diese Socken mit Aktionismus-Claim, weil Instagram dich offensichtlich so einschätzt als ob du irgendwie auch gern mal irgendwas wichtiges sagen willst (oder zu wollen glaubst), aber nicht so richtig weißt, was jetzt eigentlich genau und dich außerdem nicht so recht traust, weil du dich für nicht gebildet genug hältst und niemandem auf die Füße treten willst und deshalb besser prophylaktisch meinungslos bleibst, weil man ja heute schon angegriffen wird, sobald man den Mund auch nur einen Millimeter öffnet und Austausch zwar immer angepriesen wird, aber irgendwie nur noch als Wettkampf stattfindet, und weder Kritik noch Wettkampf gehören zu deinen Stärken – und mit alldem hat Onkel Insta ja schließlich auch recht, oder? Du Null. 

Zum Schluss noch ein Griff in den übervollen Eimer mit Posts darüber, wie absolut hoffnungslos am Ende diese Welt ist, und eine Infotafel, die einem erzählt, dass man falsch sitzt, steht, geht und vor allem atmet, und dass das, also genau und nur das, die Wurzel allen Übels ist. 

 

Einschlafen dann so um drei, im Verlust jeglicher Selbstachtung, fallend. Aufstehen um sieben, nine-to-five arbeiten, aber nichts tun, was die Welt irgendwie besser machen würde. Anschließend irgendwie die restliche Tageslichtexistenz füllen, möglichst ohne viel zu merken, und von vorn. Und dann trotzdem die Frechheit besitzen zu behaupten, ich habe keine Zeit, endlich mal das zu machen, was ich schon so lange tun will, schreiben zum Beispiel. Und mich dann dafür noch schlecht fühlen. Und dann doch was schreiben, das hier zum Beispiel, und Angst haben, dass Menschen genau das sagen, was ich prophezeie und bislang allein meine Gedanken waren, die ich mir als Gedanken anderer verkaufen will, um mir selbst nichts vorwerfen zu können. Ekelhaft.

Und mein seltsamer Drang, die Welt besser zu machen, indem ich etwas „Sinnvolles“ mache, ist wiederum nur überhebliche Problemverschiebung, denn dieser Drang ließe sich schon ganz einfach umsetzen, indem ich zum Beispiel der Welt und den Menschen darin weniger argwöhnisch begegnen würde, die Härte im Alltag aufweichend. Aber worunter viele von uns heute leiden, ganz offensichtlich inklusive mir: Es muss immer eine Nummer größer sein. Ekelhaft, nochmal. So viel Selbst…

 

Und dann diese Frage. Wie ausgerechnet „Wie geht’s?“ zur Alltagfloskel werden konnte, ist mir ein Rätsel. Wird damit nicht auch automatisch vermittelt, dass es einem grundsätzlich gut zu gehen hat, weil ein „gut und dir?“ erwartet wird, um das Gespräch fortsetzen zu können? Ich antworte trotz Small-Talk-Charakter häufiger mit „schlecht“ als der Durchschnitt, würde ich mal so dahinbehaupten. Nicht, weil ich der Meinung bin, dass es mir häufiger schlecht geht als anderen, sondern weil ich finde, eine so drastische Frage darf ehrlich beantwortet werden – auch, um der oder dem Fragenden Raum zu geben, ehrlich auf die entsprechende Rückfrage zu antworten. Trotzdem erzähle ich dann häufig nur einen Bruchteil der ganzen Wahrheit, spiele Vieles herunter. Manchmal, weil es unpassend wäre, mich komplett auszuziehen, manchmal, weil ich mich selbst nicht weiter reinreiten will, manchmal, weil ich merke, dass mein Gegenüber damit nicht umgehen kann oder will, und leider immer häufiger auch, weil ich mich schäme. Ich verlerne Offenheit im Umgang mit Gefühlen – in einem Maß, das ich nicht mehr unter „ein bisschen Verdrängung ist vielleicht manchmal auch gut“ verbuchen kann. Und irgendwann ist mir aufgefallen: Ich weiß immer seltener, wie es mir geht – ob es mir wirklich so geht, wie es mir zu gehen scheint, oder ob ich mir das einrede, was auch immer „das“ ist; bis zu dem Punkt, an dem ich es für unmöglich halte, jemals wirklich sicher wissen zu können, wie es mir geht und die Frage danach als absolut extrem einstufe. „Keine Ahnung, danke, und Dir?“ sollte eine genauso akzeptable Antwort sein wie „Gut, danke, und Dir?“.

 

Mittlerweile geht dieses Zerdenken so weit, dass ich mich für mentale Ausnahmezustände kritisiere. Mehr noch: dass ich anfange, selbst Zweifel an ihnen zu hegen und sie der Effekthascherei verdächtige, obwohl ich weiß, dass sie da sind und ich seit Jahren versuche, damit leben zu lernen, was offenbar nicht ganz so optimal funktioniert, weil sich alles immer mehr zu verknoten scheint. So bleibt das alles in mir drin und wächst und wächst und manchmal sitze ich da und spüre nur, dass da irgendwas absolut gar nicht in Ordnung ist, fange ohne Mimik an zu weinen und habe Angst davor, wann und wie sich dieses Irgendwas seinen Weg nach draußen bahnen wird – denn das wird es. Wie ein Ball, den man versucht, unter Wasser zu halten. Trotzdem habe ich das Gefühl, mich anzustellen.

Es würde ein A für Ausdrucksfehler am Heftrand stehen, wenn ich als Schülerin geschrieben hätte, dass es mir wirr geht. Aber genau so ist es: Es geht mir wirr. Und stumpf. Abstumpfung als Folge eines allgemeinen Zuviel heraus. Und in Scheißebrei badend stumpfe ich ab. 

 

Der Ball, den ich versuche unter Wasser zu halten entspricht der ständigen Überforderung durch das absurde Ichsein an sich und das Ichsein aller anderen Menschen mit ihren Nasen und Armen und Haaren und Organen und Stimmen. Jeden Tag muss ich einen Großteil meiner Energie dafür verwenden, darauf klarzukommen – einfach darauf, dass ich bin und andere sind. Darauf, tagelang quasi wortwörtlich neben mir zu stehen und trotzdem normal funktionieren zu müssen. Darauf, meine diffusen Ängste, mein sich je nach Lust und Laune vorwarnungsfrei von meinem Körper abtrennendes Ich-und-Welt-Bewusstsein und mein Nonsensgelb wenigstens so weit im Zaum zu halten, dass ich gesellschaftsfähig bleibe – denn nur darauf kommt es schließlich an, nicht wahr. Die Energie, die dafür draufgeht, ist unsichtbar, ist Energie, die nicht erhalten bleibt. Energie, die nur bewirkt, was für viele normal ist: dass ich aufstehe und Menschensachen mache. Dass ich nicht eines Tages nicht einfach liegen und damit auf der Strecke bleibe. Energie, die dann fehlt, um „doch mal zu lächeln“, oder jemanden zu treffen, oder normal zu essen oder Dinge zu tun, die mir – so die Vermutung – neue Energie schenken könnten. Energie, das zu tun, was ich mir vorwerfe, nicht zu tun. Es ist kompliziert. 

Menschen sagen dann, unvorsichtig wie sie sind, gern Scheißebreidinge wie: „Jeder ist seines Glückes Schmied“ oder „Man muss sich auch mal zusammenreißen“ – auch wenn Glück sich nicht schmieden lässt und man sich genausowenig zusammenreißen wie auseinanderkleben kann. Dann könnten sie aber immer noch sagen, dass ich ja die Wahl hätte, dass ich ja was ändern könnte, wenn ich wirklich wollte, weil sich das nämlich für viele tatsächlich genau so ekelhaft kleingeistig verallgemeinern, zusammenstampfen, „vernichtsen“ lässt. Und vielleicht habe ich wirklich die Wahl. Vielleicht aber auch nicht. Niemand weiß das. Es muss ja – muss es? – irgendeine Art von Moment gegeben haben, von dem aus alles los ging – wie auch immer man sich das vorzustellen hätte, wenn man könnte. Und von da an hat eins das andere ergeben. Schon kommt es mir maßlos anmaßend vor, zu glauben, ich winziges Fleisch-Nerven-Bündel mit Bewusstsein – ein Bewusstsein, das nicht mal sich selbst begreift – hätte die Macht, in diesem unvorstellbar riesigen Netz aus Ursache und Wirkung und Wirkung und Wirkung und Wirkung auch nur irgendwas entscheiden zu können, und sei es das Schmieren eines Marmeladenbrotes. Es geht mir also wirr und stumpf und zu viel und zu wenig. Das Glas ist leer und schwappt über, es steht halb auf dem Tisch und schwebt halb in der Luft.

 

Dass ich die Balance verloren habe, komplett verloren, und mit ihr den zarten Zugang zu mir selbst, liegt auch daran, dass heute nahezu jedes Problem mir nichts dir nichts zum Luxusproblem degradiert wird. So trauen sich immer weniger Menschen zu sagen, was ihnen auf dem Herzen liegt, was allerdings der erste Schritt wäre, um es von dort wegzubewegen und ihr Herz wieder öffnen zu können – für andere, die Welt, sich selbst. Immer häufiger entsteht der Eindruck, man dürfe es sich nicht erlauben, nicht glücklich oder nicht zufrieden zu sein, solange alle Grundbedürfnisse erfüllt sind. Probleme werden gegeneinander aufgewogen, miteinander verglichen, oft im Stillen. „Andere kriegen das doch auch hin, warum stell ich mich so an?“, „Es gibt Menschen, die müssen um ihr Leben kämpfen – was rechtfertigt also meine Unzufriedenheit?“. Aber Probleme lassen sich nicht vergleichen, Probleme brauchen keine Rechtfertigung. Probleme sind individuelle, komplexe Wesen innerhalb individueller, komplexer Wesen. Und das beliebte „Anderen geht es schlechter als Dir“ halte ich nicht nur für maximal empathielos, sondern auch für makaber, in meinen Ohren hört es sich nicht nur an wie: „Du stellst Dich vielleicht an!“, sondern auch wie „Freu dich, andere leiden schlimmer.“ – Ach so, ok. Das löst mein Problem, dann geht es mir jetzt besser. Ist es das, was ich daraufhin denken, fühlen soll? Das fände ich bedenklich.

Damit ist nicht gesagt, dass es nicht hilfreich sein kann, eine Situation mit einer Prise Verhältnismäßigkeit zu entschärfen und mit mehr Abstand zu betrachten. Manchmal – zum Beispiel in depressiven Episoden – ist das aber schlicht nicht möglich. Dann sind auch selbstgemachte Probleme schlimm. Und dafür fühlt man sich dann zusätzlich schlecht. Nichtsnutzig. Falsch. 

 

Wie es uns geht, hängt auch, vielleicht vor allem davon ab, wie wir dem Leben begegnen, welche Erfahrungen uns geprägt haben und wie tief sie sitzen, ob wir grundsätzlich eher verletzlich und zögerlich sind oder robust und wagemutig, ob wir – aus welchen Gründen auch immer – eher optimistisch oder pessimistisch denken, eher vom Besten oder Schlimmsten ausgehen. An grundlegenden Wesenszügen, an unserer Persönlichkeit etwas zu ändern kann gut und gern ein Leben lang dauern. Entsprechend wenig half die – mir nicht unbekannte – Idee meiner Therapeutin, dass ich mich jeden Tag neu entscheiden könne. Ich könne mich entscheiden, ob ich aufflammende Wut schon beim ersten Glimmen löschen will, statt wieder eine Tür zu zerstören und meine Hand fast mit oder einen Fremden im Wald wegen eines schlechten Scherzes unverhältnismäßig extrem anzubrüllen. Ich könne mich entscheiden, ob ich eine nahende depressive Phase zulassen will oder nicht. Ich könne mich entscheiden, meine Essstörung zu überwinden, indem ich Stress und Überforderung mit anderen Strategien begegne. Ich könne die Angst, mein Leben zu vergeuden, die Angst vor dem Altern hinter mir lassen, wenn ich mich dazu entscheiden würde, im Jetzt zu leben. Ich könne mich jeden Tag neu entscheiden. Immer wieder. Das klingt sehr schön, hat in mir aber nur noch mehr Druck erzeugt. Denn: Nein, ich kann mich oft nicht entscheiden und das ist dann jedes Mal eine Niederlage. Ich scheitere häufig schon an der Entscheidung vor dem Schampoo-Regal und gehe ohne Schampoo wieder nach Hause, weil ich so lange vor dieser unendlichen, überfordernden Auswahl stand, dass der Ladendetektiv mich bestimmt schon im Fokus hatte – was natürlich mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit nicht so war. 

 

Unsere Gesellschaft ist eine Leistungsgesellschaft – in allen Belangen. Stärke, Erfolg, Zielstrebigkeit, Motivation, Lautsein. Unzufriedenheit und Lethargie gelten als Makel. Das ist deswegen zynisch, weil uns ständig Gründe gegeben werden, unzufrieden zu sein, und aufgezeigt wird, wie wir uns optimieren können, selbst wenn wir nicht danach gefragt haben. Und das Angebot ist unerschöpflich, es wächst und wächst. Morgen habe ich ein Problem, von dem ich heute noch nichts weiß. Man ist nie fertig. Das ist der Sinn dahinter. Der Blick wird überall hingelenkt, nur nicht in die eigene Mitte. Bauchgefühl – was war das nochmal?

Daraus folgt Überforderung, daraus Resignation. Und wer da nicht mehr mitmacht, ist nicht unbedingt gefeit vor dem Ekelgefühl, das diesem Scheißebrei von Natur aus innewohnt: Menschen spielen mit Menschen – auf die denkbar widerlichste Weise. 

 

Ich weiß, es ginge mir besser, würde ich mich zurückziehen aus der virtuellen Welt. Aber was, wenn ich mir damit die einzige Möglichkeit nehme, gehört zu werden – wenn auch nur zufällig? Also nächster Eimer Nonsensgelb, mit Scheißebrei gesprenkelt.