Neue Turnübungen für Probleme

Als ich kürzlich fast drei Tage lang ein so elendes Tief hatte, dass ich zu nichts imstande war, außer dazu, mir in der Horizontalen all meine Unzulänglichkeiten vor Augen zu führen, die Welt für hoffnungslos verschissen zu halten und in nichts mehr irgendeine Art von Sinn finden zu können, schob sich irgendwann ein Handy vor die kleine Atemhöhle, die ich mit der Bettdecke vor meinem Gesicht geformt hatte. Darauf zu sehen und zu hören: Ein Video von Fynn Kliemann. 

In meinem Weltverdruss, meiner alles überwuchernden Auffassung, dass nichts gerade helfen kann, poppte unwillkürlich die pampige Frage auf: Wieso denn ausgerechnet jetzt ein Video von Fynn Kliemann – dem Menschen, der Produktivität, Kreativität, Ästhetik und überhaupt alles Gute und Erstrebenswerte so phänomenal erfolgreich zu fusionieren vermag, dass sogar die Autokorrektur dieses Textprogramms „Kliemann“ ständig zu „Kleemann“ ändern will – die Vierblättrigkeit erklärt sich von allein. Das Video zeigte allerdings einen Fynn Kliemann, den man weniger oft sieht – einen, der davon erzählt, dass er sich mit einem elenden Tief herumschlägt, nur im Bett liegt, jegliche Motivation vermisst und sich dafür wiederum schlecht fühlt. 

 

Natürlich geht niemand davon aus, dass Fynn Kliemann ununterbrochen so leichtfüßig durch sein Leben tänzelt wie durch seine Videos. Wie viel Arbeit, wie viele Entbehrungen hinter dem Kliemannsland und den dazugehörigen Inseln stecken, kann man nur erahnen. Und trotzdem: Von außen wirkt das alles so leicht, so flauschig, so fernab aller Probleme. Umso wichtiger, dass Fynn besagtes Video aufgenommen und veröffentlicht hat. Mut zur Pause. Mut, den Spot einmal umzulenken – auf einen weniger glanzvollen Moment. Die Zustimmung in den Kommentaren war beachtlich. Unzählige Menschen konnten sich in seinen Aussagen wiederfinden, haben sich bedankt, ihre Erleichterung bekundet. Das Gefühl, nicht allein zu sein. Vielleicht das Wertvollste, was man geben kann. 

 

Und obwohl mein Kopf in dem Moment, als mein Freund mit seinem Handy die Position meiner Augen anzupeilen versuchte, zu vernebelt war, um positive Gedanken zu formen, schimmerte da etwas auf – kurz, aber beständig genug, um sich nach dem Nebel von mir finden und genauer betrachten zu lassen. Auf den Punkt gebracht hat ein überdurchschnittlich erfolgreicher, nahezu ständig in der Öffentlichkeit stehender Mensch erzählt, wie es aktuell in ihm aussieht und damit gezeigt, dass – natürlich – auch ein Fynn Kliemann trotz allem nicht gefeit ist vor Trübsinn, Stagnation, dem Empfinden von Sinnlosigkeit. Wichtig sind dabei vor allem die zwei kleinen Wörtchen „trotz allem“. 

 

 

Es scheint zu einer Art Trend geworden zu sein, nahezu jedes Problem als „Luxusproblem“ abzutun. Mein persönliches Unwort nicht nur des Jahres. Achtung, Luxusproblem: Mich macht das zornig. Und nachdem ich meinem Zorn damit einen kleinen Raum gegeben habe, in dem er sich austoben kann, kann ich zu den essenziellen Dingen kommen. Luxus von lat. luxus bedeutet Ausschweifung, Prunk, Pracht. Mitunter wurde Luxus auch als Bezeichnung für Geilheit genutzt, und ein anderes Wort für syphilitisch war luxisch

Demnach ist ein Luxusproblem ein Problem von nahezu unwiderstehlicher Anziehungskraft. Ein Problem, von dem man nicht genug bekommen kann, an dem man sich aufgeilt und über das hinaus man alles andere vergisst, inklusive möglicher Folgen. Ein Problem, das klein beginnt und dann allmählich durch den ganzen Körper wuchert bis es das Gehirn aufweicht und vollkommen vereinnahmt. Und keine Frage – solche Probleme mag es geben. Probleme, die Sinn ersetzen, oder Mitleid, also Aufmerksamkeit erregen sollen, und dazu so lange aufgebauscht werden, bis sie sich irgendwann verselbstständigen. Aber selbst dieser Art von Problemen liegen ganz offenbar solche zugrunde, die wiederum nicht als „Luxusprobleme“ gelten können – tiefe Einsamkeit zum Beispiel, oder der Glaube, nichts wert zu sein.

Und Luxusprobleme im klassischen Sprachgebrauch: Zum Beispiel das Klagen darüber, dass der Kaviar noch nicht serviert wurde, obwohl die Yacht schon längst fährt, oder eine Nummer kleiner: darüber, dass die Nusscreme auf dem Frühstückstisch fehlt.

 

Bedenklich finde die Verschleppung des Begriffs in Bereiche, in denen er nichts zu suchen hat. Und weil wir wissen, dass wir heute ständig Gefahr laufen, anhand negativer Empfindungen als larmoyante Mimosengewächse klassifiziert zu werden, die in ihrem Leben einfach noch nicht richtig gelitten haben, denen es einfach zu gut geht, halten wir immer häufiger auch Dinge zurück, die uns wirklich Bauchschmerzen bereiten. 

 

Ermüden

Auf der einen Seite wird – vor allem in der virtuellen Welt – für mehr Offenheit und Authentizität plädiert, was eine gute Sache wäre, wäre da nicht auch die andere Seite: Der Leistungsgedanke, der sich davon nicht so einfach beeindrucken, geschweige denn entkräften lässt. Entsprechend will der schöne Schein gewahrt werden – und dafür sorgen wir automatisch, wenn wir Probleme nicht ansprechen, wenn wir sie aufhübschen oder verharmlosen, aus Angst vor harschen Urteilen, aus Angst vor dem Luxus-Stempel. So sehr man sich auch hier und da nach ein bisschen Schatten sehnen mag – das strahlende Äußere wird ausdauernd aufrecht erhalten und maximal mit ein paar interessant oder tiefgründig wirkenden Eckchen und Käntchen versehen. Das wird wiederum von anderen gesehen und gespiegelt, und so weiter.

Insgesamt entsteht so der Eindruck, dass alle wunderbar klarkommen, „nur ich nicht“. Und obwohl klar ist, dass das nicht stimmen kann, kommt man nicht immer gegen diesen Gedanken und seine Auswüchse an. Statt innezuhalten, sich Pausen ohne Schuldgefühle zu erlauben, Rat zu suchen, worum auch immer es geht, wird kurzerhand beschlossen, dass man „eben einfach mal die Zähne zusammenbeißen muss“ – was einen nicht umbringt, und so. Und wenn man das nicht schafft, wartet der nächste Selbstvorwurf, statt den Fehler im suboptimalen Umgang mit Belastungen oder einem Zuviel an Erwartungen von innen oder außen zu suchen. So macht man sich nach außen hin lächelnd innerlich fertig, behält alles, was nicht funkelt, für sich und gibt Problemen damit genau das, was sie brauchen, um zu wachsen und ihren bitteren Saft zu verströmen: Zeit, Dunkelheit und Grübeldünger. Und dann wundert man sich, warum sich der Alltag immer schwerer stemmen lässt, warum man sich entfremdet fühlt, leer und übersättigt zugleich. Warum man kaum noch Kraft hat aufzustehen oder Dinge zu tun, die einem eigentlich Spaß machen. Warum selbst diese Dinge plötzlich Druck erzeugen. Warum man sich in Nichtigkeiten zerstreut. Warum man der Welt immer argwöhnischer begegnet. Die Antwort ist offensichtlich: Schwindende Energie. Denn die wird benötigt, um das innerlich Rumorende in Schach zu halten und dabei irgendwie weiter zu funktionieren. Energie, die nicht erhalten bleibt und deren Quelle irgendwann versiegt.

 

Ausrasten

Vor einigen Wochen habe ich unverhältnismäßig extrem auf einen schlechten Scherz reagiert und einen Fremden im Wald so inbrünstig angebrüllt, dass vermutlich alle Anwesenden dachten, dass ich mich schleunigst in Behandlung begeben sollte. Als der darauffolgende Zusammenbruch überwunden war und ich mich wieder einigermaßen gefangen hatte, kam die Scham. „So bin ich doch eigentlich gar nicht...“. Dann erinnerte ich eine Situation von vor ein paar Jahren: Die Straße war voll und ich spät dran, selbst verschuldet. Trotzdem ist mir ein kleines, entnervtes Seufzen entwichen, woraufhin ich von einem Passanten so extrem beschimpft wurde, dass ich erstmal eine Weile wimmernd am Bordstein saß (und dann wirklich zu spät kam).

Der Passant und ich – wir sind uns ähnlicher, als uns lieb sein kann. 

 

Wer schonmal versucht hat, einen Ball unter Wasser zu halten, weiß, dass das nur begrenzt möglich ist. Ein Moment kurzer Unachtsamkeit und er flitscht schneller an die Oberfläche, als man gucken kann. Kontrollverlust. Genau das passiert auch mit verdrängten Gefühlen – mit einem Zusatz: Je länger man sie unter der Oberfläche hält, desto extremer der Wumms. „Ein Nichts genügt und der Blitz schlägt ein“ – auch wenn Hesse damit im Steppenwolf einen anderen Sachverhalt beschreibt, bringt dieses Zitat den explosiven Kern systematischer Verdrängung auf den Punkt. 

 

Dass in mir etwas brodelte, habe ich schon lange vor der Waldexplosion gespürt – und verdrängt. Weil mir die Gründe lächerlich vorkamen, weil ich niemanden damit auf die Nerven fallen wollte. Vielleicht auch, weil genauer hinzusehen zu unschön und anstrengend hätte werden können. Insofern kann überzogener Unmut über fehlende Nusscreme beim Frühstück und Ähnliches vielleicht auch ein Vorzeichen sein: Was fehlt wirklich? Vielleicht ist es die Nusscreme. Vielleicht die Marmelade. Vielleicht die Möglichkeit, sich zu öffnen. 

 

Abstumpfen

In traumatischen Situationen kann Verdrängung Leben retten. Im Alltag kann sie in kleinen Dosen und je nach Problem ebenfalls hilfreich sein – so manches lässt sich durch eine Prise davon besser ertragen oder schneller überwinden. Zu viel davon macht im besten Fall wütend und im schlimmsten Fall stumpf. Was deshalb dramatisch ist, weil wir glauben, dass ein gewisses Maß an Verdrängung von uns erwartet wird. Und das richtige zu finden oder mit anderen Worten: es sich selbst und allen anderen recht zu machen, ist kaum möglich. So passiert es schnell, dass man über das gesunde Maß hinausgeht. Als perfektionierte Fähigkeit fühlt es sich dann irgendwann gar nich mehr an wie Verdrängung. Und an diesem neuen Maßstab als Insigne der Unverwundbarkeit wird dann leider oft auch alles gemessen, was nicht bei drei bester Laune ist. Sensibilität? Gejammer. Depression? Eine Phase. Probleme? Luxus. Und eines ist sicher: Das ist an Grobheit und Übergriffigkeit kaum noch zu überbieten. Wer einem Menschen, ohne ihn und das, was ihn bewegt, zu kennen, erklärt, er müsse „sich einfach mal zusammenreißen“, der trägt direkt zur Kälte der Welt bei – und darf darüber hinaus im Gegenzug bitteschön auch demonstrieren, wie er sich auseinanderklebt. Und das Lösungsmittel will ich mal sehen. Ich helfe gern beim Anrühren.

 

Herunterspielen 

Ja – viele von uns sind in vielerlei Hinsicht privilegiert. Ich gehöre dazu. Sich das regelmäßig zu vergegenwärtigen und dankbar dafür zu sein ist wichtig und kann dazu beitragen, Krisen zu entschärfen, Verhältnismäßigkeit beizumengen, nicht in Selbstbezogenheit zu versuppen. Doch auch hier gibt es Grenzen. Dankbarkeit dafür, dass all meine Grundbedürfnisse gedeckt sind, schließt nicht aus, dass sich in meiner Lebensrealität Probleme auftun. Sie heilt nicht meine Depression. Sie heilt nicht meine Essstörung. Der beliebte Hinweis „Anderen geht es schlechter als Dir“ ist selten konstruktiv und bewegt sich gefährlich nah an: „Dein Problem ist lächerlich“. Für mich schwingt in diesem Satz sogar eine fast makabere Note mit: Anderen geht es schlechter, und daraus soll folgen, dass ich mich besser fühle? Eine merkwürdige Formel. Probleme sind keine guten Vergleichsobjekte. Es gibt immer andere, denen es schlechter geht. Jedes Problem lässt sich auf diese Weise vernichtsen. Insgesamt eine Gratwanderung. Denn natürlich ist es großartig, wenn es gelingt, diesen Gedanken positiv wirken zu lassen. Das ist allerdings nur bis zu einem gewissen Punkt möglich. Spätestens dort, wo handfeste Krisen oder mentale Ausnahmezustände achtlos in die „Luxusproblem-Ecke“ gestellt oder anderweitig bagatellisiert werden, wird es gefährlich. Und wer sich Verzweiflung, Trauer, Wut aus welchen Gründen auch immer nicht erlaubt, dann aber merkt, dass das nicht zu bewältigen ist, erreicht damit letztlich das Gegenteil vom Gewünschten, ein Metaproblem: Schlechtfühlen für’s Schlechtfühlen. Das lässt sich dann auf ewig fortsetzen. Innere Zerrissenheit completed. Allmählich wird die Problematik dann so abstrakt, dass ein Sich-Öffnen in immer weitere Ferne rückt. Wo anfangen? Und vor allem: Wer soll da noch folgen können?
Stattdessen nimmt man, in einer seltsamen Mischung aus freiwillig und unfreiwillig, an einem maximal abstrusen Spiel teil: Wer hält am meisten aus und am längsten durch? Und direkt in die Karten spielen wir damit dem bereits angesprochenen Leistungsgedanken, der eben all diese Probleme mitverursacht.

Bevor man uns also von außen sagt, dass wir uns anstellen, nehmen wir das lieber vorweg. Niemand will weltfremd wirken – so, als wisse man nichts von den unvorstellbaren Grausam- und Ungerechtigkeiten, die auf der Welt passieren, oder als würde man die Augen davor verschließen, oder es gar wagen, die eigenen Probleme daran zu messen. Und währenddessen erfasst uns eine Woge des Weltschmerzes – ups, ein Zusammenhang –, aber das darf natürlich keiner wissen. Wir lächeln also statt zu weinen, sagen: „Gut, danke, und Dir?“ statt: „Nicht so super“ oder wenigstens: „Keine Ahnung, danke, und Dir?“, leiten Sätze ein mit „Ich weiß, voll das Luxusproblem, aber …“ oder „Sorry, ich muss da echt robuster werden, aber …“ und übergehen damit nicht nur unsere Gefühle, sondern auch uns selbst. Was sich dabei nicht vermeiden lässt: Wir übergehen zugleich auch andere und deren Gefühle, statt Hemmschwellen zu senken und dazu zu stehen, wie es uns geht. Wenn ich mich ständig dafür entschuldige oder rechtfertige, wie ich bin und wie ich fühle, weil ich immerzu davon ausgehe(n muss), dafür kritisiert zu werden, kann das automatisch und unmerklich als eine Art Regel aufgefasst und weitergetragen werden. Außerdem unterstelle ich meinem Gegenüber damit meine eigenen, negativ gefärbten Gedanken, lege also selbst die Voreingenommenheit an den Tag, vor der ich mich fürchte. Und nicht zuletzt wird deutlich, dass ich nicht aus dem Jetzt heraus spreche, sondern von dort aus, wo Melancholie und Angst wohnen: in der Vergangenheit und in der Zukunft. 

 

 

Seit Beginn der Pandemie sind die Anfragen für Therapieplätze deutlich gestiegen. Ich behaupte, dass die wenigsten Suchenden öffentlich darüber sprechen. Das erwähne ich insbesondere deshalb, weil es beweist, dass die Gedanken, die viele von uns aktuell beschäftigen und belasten, die teilweise vorhandene Erkrankungen verschlimmern oder entstehen lassen – Depressionen, Ängste, Essstörungen etc. – wirklich da sind. Und ich behaupte weiterhin, dass niemand sie als Luxus empfindet. Probleme sind höchst individuelle, komplexe Wesen innerhalb höchst individueller komplexer Wesen. Sie hören nicht auf, problematisch zu sein, weil man ihnen den Luxus-Stempel aufdrückt – im Gegenteil: so kommen sie sich schließlich besonders bedeutend vor. 

Während es ein gutes Zeichen ist, dass offenbar viele Menschen bereit dazu sind, sich Hilfe zu holen, stellt sich mir – auch hinsichtlich des Mangels an Therapieplätzen – gleichzeitig die Frage, ob es uns besser ginge, wenn wir im Alltag sorgsamer miteinander umgehen würden, uns unsere Energiereserven besser einteilen und kleine wie große Sorgen frei von Angst vor ungnädigen, wertenden Urteilen oder befürchteten Nachteilen miteinander teilen könnten. Ziel ist es dabei nicht, Probleme zu überhöhen oder gegeneinander aufzuwiegen, in Opferpositionen zu fallen oder einen zwanghaften Selbst-/Mitleidskult zu gründen. Es geht lediglich darum, ihnen genauso selbstverständlich Raum zu geben wie Leichtigkeit, Ausgeglichenheit und guter Laune. Alles kann, nichts muss. 

 

Gerade jetzt ist es wichtig, ein offenes Ohr und Herz zu haben – für andere und sich selbst. Es ist kein Luxusproblem, sich hin und wieder vom Leben überwältigt zu fühlen, insbesondere in Zeiten einer weltweiten Pandemie – auch dann nicht, wenn man mit allem Nötigen versorgt ist. Es ist in Ordnung und normal, häufiger genervt zu sein. Traurig. Verzweifelt. Sich einsam zu fühlen, unter- und überfordert zugleich. Ängstlich, unsicher. Wütend. Ja, es kann hilfreich und angebracht sein, den Fokus neu auszurichten. Manchmal fehlt dazu die Kraft oder einfach jemand, der mitfühlt und -hilft. Keine neue Information: Kein Mensch ist wie der andere. Darin gleichen wir uns. Darin liegt Potenzial. Es bietet nicht nur die Option der Aggression, die aktuell vor allem online beängstigende Ausmaße annimmt, sondern auch die Option der Begegnung auf respektvoller Ebene – behutsam, mitfühlend. Jeder Mensch bringt eine eigene Geschichte mit, voll von Gefühlen, Ideen, Erinnerungen. Dieser Gedanke kann sehr deeskalierend wirken. Wie es uns geht, wie mir mit Problemen umgehen, ob wir eher verletzlich oder robust, laut oder leise sind, ob wir eher optimistisch oder pessimistisch denken, lange grübeln oder schnell handeln – all das und mehr hängt in erster Linie davon ab, welche Erfahrungen wir gemacht haben, wie sie uns geprägt haben und wie tief sie sitzen. An grundlegenden Wesenszügen, an unserer Persönlichkeit etwas zu ändern kann gut und gern ein Leben lang dauern. Der Versuch, das alles durch Relativierung und Bagatellisierung wegzuwischen, kann nur nach hinten losgehen. Für Erkrankungen gilt das natürlich umso mehr: Wer an Depressionen leidet, für den kann bereits ein Wetterumschwung oder eine schlaflose Nacht problematisch sein, wer eine Essstörung hat, dem kann schon ein gemeinsames Abendessen plötzlich zu viel werden, wer von Panikattacken heimgesucht wird, der ist phasenweise vielleicht leichter reizbar, weil er ständig angespannt ist, und so weiter. Das alles ist nicht sichtbar. Was der eine gar nicht wahrnimmt, ist für einen anderen eine echte Herausforderung. Es gibt immer Gründe dafür, warum ein Mensch reagiert, wie er reagiert. 

 

Zum Glück können wir uns nicht nur kollektiv verschließen, sondern auch kollektiv öffnen – so, wie es beispielsweise in den Kommentaren unter Fynns Video zu beobachten war. Durch die Offenbarung eigener vermeintlich schwacher Momente und Krisen bieten wir automatisch auch anderen diese Option, schaffen einen Schutzraum frei von Wertung und signalisieren, dass es okay ist, sich eine Weile in den Schatten zu setzen, sich zurückzuziehen, „auszufallen“, Krisen oder Probleme als solche anzuerkennen, anzunehmen, kennenzulernen – ohne Scham und Schuld. Resonanz und Akzeptanz. „Superkräfte“, die nicht nur Einsamkeit lindern und

dazu beitragen können, sich weniger absonderlich oder nichtsnutzig, wütend, traurig oder machtlos zu fühlen, sondern auch eine Menge Inspiration bereithalten, wenn es darum geht, dem ein oder anderen Problem, das zu lange ungestört Spagat und Überschlag üben konnte, ein paar neue, passendere Turnübungen beizubringen. Wie lange das dauert, ist ganz egal.