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Über Schättchen stolpern

Im Großen und Ganzen hab ich heute versucht mir einzureden, dass 6 Wochen als sehr kurze Zeitspanne zu begreifen sind. Stimmt ja auch. So insgesamt, quasi „universal“ gesehen, ist ja selbst ein ganzes Menschenleben lächerlich kurz. Aber für einen Menschen ist (s)ein Leben eben die Zeitspanne, an der sich andere am besten messen und in kurz oder lang aufteilen lassen – auch wenn das natürlich zu überhaupt gar nichts gut ist. Die Dinge dauern so kurz oder lange wie sie dauern. Und wir wissen nicht nur, dass das Empfinden von Zeit ihre Dauer viel mehr bestimmt als die Zeit selbst, die es vielleicht gar nicht gibt, sondern auch, dass im-Moment-leben das Nonplusultra wäre. Dann müsste ich mir auch nicht überlegen, wie ich mir sechs Wochen so zurechtmogeln kann, dass sie möglichst kurz wirken, wobei es mich ja gleichzeitig auch immer beängstigt, wie irre schnell doch alles geht.

Natürlich gibt es einen Zweck für meine „Kleindenkerei“, nämlich den, mich selbst von meinem Flucht-und-Igel-Impuls abzuhalten. Und den Wunsch danach, dass es mir schnell besser geht. Würde ich im Moment leben, würde ich einfach alles auf mich zukommen lassen, und dann könnte ich immer noch ängstlich, trotzig, wütend werden, wenns soweit ist, was auch immer „soweit“ ist. Würde ich im Moment leben, wäre ich allerdings auch gar nicht in der Situation, in der ich bin. 

 

Sechs Wochen.

Das sind zwei mal drei Wochen.

Das ist ein Monat und noch ein halber.

Das ist einmal Sommerferien – und die schienen doch immer so endlos..

Das ist fast so lange wie ich jetzt in meiner neuen Wohnung bin – und es kommt mir vor als würde ich schon so lange hier wohnen..

Rückwärts-Taktik: Handyfotos suchen, die ich vor sechs Wochen gemacht hab. Da war ja noch fast Sommer!

 

Wie sehr kann man daran scheitern, eine so kurze Zeitspanne wie sechs Wochen als genau das zu begreifen: kurz. Obwohl ich mir diese Aufgabe, eine teilstationäre Therapie zu machen, ja selbst und aus guten Gründen gestellt habe – und natürlich auch dankbar bin, überhaupt diese Option zu haben – habe ich Angst. Eine Angst, die ich gut kenne, die mein „liebstes“ Selbstsabotage-Instrument ist. Die Angst vor Neuem. Die Angst davor, mein kleines Igelnest a. k. a. Komfortzone zu verlassen und mich „dort draußen“ womöglich zum Gespött zu machen, mich dumm anzustellen, mich zu blamieren. Warum mein Schamgefühl so extrem ausgeprägt ist – ich weiß es nicht. Mir ist es schon peinlich, eine Sonnenbrille zu tragen, wenns sonnig ist. Ich bin mir insgesamt peinlich. Und wo ich früher noch viel offener war, traue ich mich kaum noch, irgendwas Geschriebenes abseits meiner Arbeit als Texterin zu „veröffentlichen“. Und sozial unsicher wie ich bin, verlasse ich nahezu keine Situation ohne danach zu denken: „Du unendlich peinliches Dummteil, geh zurück in deine Höhle und bleib da.“ Im Chor mit der Selbstabwertung –, die ich als vollkommen verdient empfinde –, ist es dann manchmal unmöglich, meine Wohnung abseits des Nötigen noch zu verlassen, geschweige denn Menschen zu treffen, geschweige denn überhaupt noch irgendeine Art der Kommunikation aufrecht zu erhalten. Und gut gemeinte Kontaktaufnahmeversuche erzeugen nur noch mehr Druck, noch mehr Selbstabwertung. Weil ich nicht mal mehr dazu in der Lage bin – oder sein will? – eine kurze Nachricht zu schreiben. Diese „bin oder sein will“-Thematik ist auch so ein Ding, das mich vollkommen zerreißt. Ich weiß nicht mehr, was wirklich zu mir gehört und was nicht. Der Glaube daran, dass Menschen ohne mich besser dran sind, ist jedenfalls keine Koketterie. – Und jetzt, genau jetzt bin ich wieder an einem Punkt, an dem meine Gedanken zu komplex werden, um sie weiterverfolgen zu können. Sie sind zu schnell, es sind zu viele.  

 

Am Ende steh ich wie immer morgens auf und geh abends ins Bett. Egal was ich die nächsten sechs Wochen über mache – ob ich daran arbeite, ein angenehmerer Mensch zu werden und meinem Leben wieder eine ungefähre Richtung zu geben oder wenigstens einen Kompass zu finden oder wenigstens in der Tasche zu wühlen, in der der Kompass liegen könnte, oder ob ich so weitermache wie jetzt, was allerdings einen Zustand beschreibt, der mit „machen“ nicht mehr viel zu tun hat. Ersteres könnte was bewirken, irgendwas. Letzteres nicht. Also so oder so ein Erfolg, eine Erfahrung. Es fühlt sich komplett lächerlich an, so gezwungen optimistisch zu denken.

 

Alles so zu weiterlaufen zu lassen wie jetzt wird dazu führen, dass ich in 2, 5, 10 Jahren – genau wie jetzt – denke: Hättest du mal vor 2, 5, 10 Jahren das und das gemacht, hättest du dich doch getraut, hättest du doch angefangen, hättest du doch weitergemacht, hättest du doch nicht so viel nicht gemacht. Dass solche Gedanken dann nicht nur noch mehr Zeit fressen und vollkommen nutzlos sind, sondern mich obendrein noch mehr lähmen, weil ich mir vor Augen führe, was ich nicht gemacht, nicht geschafft, nicht geleistet hab, ist mir klar. Und trotzdem sind sie da. Ich lebe entweder in der Zukunft (Angst) oder in der Vergangenheit (Depression).

Kein Geheimnis: Die Vergangenheit ist totes Land. Da gibts nichts mehr zu tun. Die Vergangenheit von „in zehn Jahren“ ist jetzt und nur da kann ich ansetzen, um „in zehn Jahren“ nicht zu dem werden zu lassen, was mir Angst macht. Dass ich mich für einen Klinikaufenthalt entschieden habe, heute hingegangen bin und alles daran setzen werde, meinem sicherlich in nächster Zeit oft aufkommenden Fluchtimpuls nicht nachzugeben, ist endlich mal einfach – und das muss ich mir gut merken – was anderes. Was anderes als das, was ich sonst mache: den vermeintlich sichersten Weg gehen, dein einsamen, den, auf dem mir möglichst wenig passieren kann – aber eben auch wenig Gutes, wenig, was immer wieder Bock aufs Leben macht. Dabei gucke ich nur anderen zu, und das Gefährliche daran ist, dass ich spüre, wie ich bitter werde und beginne, wirklich alles im schlechtesten Sinne auf mich zu beziehen, selbst Dinge, die absolut nichts mit mir zu tun haben. Ich kann mich kaum noch mitfreuen und das finde ich so traurig. Man könnte denken: „Och.. du Arme..“ – Aber nein, eben nicht. Denn ich kreisele quasi ständig um mich selbst, mache mich zum Mittelpunkt des Universums. Aber ich will keine verbitterte Egozentrikerin sein.

 

Dass es anstrengend werden wird, diesen riesigen inneren Knoten wenigstens mal in irgendeine Form von Bewegung zu bringen, ist klar. Und ich darf Angst haben, ich darf zwischendurch weglaufen wollen, ich darf das Gefühl haben, dass mir alles zu viel wird. Ich darf das ja alles. Ich möchte nur lernen, wie ich diesen starken Gefühlszuständen was entgegensetzen, wie ich diese unendliche Wut-Trauer-Trotz-Mixtur in mir anfassen kann ohne dass sie explodiert. Und auch, wenn mein Kopf mich bombardiert mit Dingen wie: „Bringt eh auch wieder nichts, mich wird eh niemand jemals richtig verstehen, das in meinem Kopf ist zu komplex um jemals aufgelöst werden zu können“, versuche ich, das durchzuziehen. Wichtig ist gerade einfach: Ich lass nicht alles so weiterlaufen wie bisher. Gestehe mir ein, dass ichs alleine nicht schaffe mein Leben so zu gestalten, wie ich es gern gestalten würde. Gestehe mir ein, dass keiner kommen wird, der mein Leben für mich lebenswerter macht, sondern dass ich das selbst machen muss – weil ich es ja tief in mir will und weiß, dass das die einzige Option ist, wenn Zufrieden- und Sicherheit wirklich stabil sein sollen, weil sie dann von innen kommen. Im Moment lebe ich allein im und fürs Außen und gehe innen daran kaputt.

 

Ich erwarte mir von sechs Wochen kein Wunder. Im Grunde erwarte ich nur, dass ich nicht aufgebe. Dass mein Körper mir ein bisschen vertrauter wird und weniger unheimlich. Und dass ich vielleicht das ein oder andere Mal über meinen Schatten springe, oder wenigstens über ein Schättchen hopse, oder immerhin stolpere. Das wird schon allein deshalb der Fall sein, weil mein Plan fast nur aus Gruppentherapien besteht. Und dann solche wie Kreative Bewegung oder Zapchen. Bestandteile des Zapchen sind zum Beispiel: komisch Sprechen, Pferdeschnauben, Backe Backe Kuchen und Choo-Choo-Stampfen. Oh man..

In der Uni bin ich mal heulend aus dem Seminar gerannt, weil wir uns möglichst seltsam durch den Raum bewegen sollten. Ich war eine einzige Blockade. Nichts ging mehr. Mein Körper ist mir ja schon ununterbrochen unangenehm, indem er einfach da ist und ich irgendwie so komisch halb drinstecke. Und dann soll ich – absichtlich! – so richtig unangenehme Sachen machen, die auf jeden Fall bemerkt werden und anderen und mir unmissverständlich zeigen: Ich bin da! Ich bin ein Körper im Raum! Ich sehe irgendwie aus! Ich höre mich irgendwie an! Ich fühle mich irgendwie an! 

 

Das macht mir große Angst. Und die Angst hinter dieser Angst ist natürlich die vor Ablehnung. Nichts anderes steckt ja hinter Scham. Womit ich mir meine Frage von vorhin irgendwie beantwortet habe. Als Mensch, der im Leben viel Ablehnung erfahren hat, ist da eben auch viel Scham. Dass dabei natürlich auch immer der eigene Blick auf sich selbst mitspielt – ebenfalls kein Geheimnis. 

Die Vorstellung mich irgendwie „intuitiv zum Deppen machen“ zu müssen ist für mich absolut grausam, und wenn mir jemand sagt, ich soll mich beispielsweise intuitiv bewegen, kommt mir einfach alles, was ich dann mache, unnatürlich vor. Ich gebe das nicht gern zu, aber die meistens Drähte zu meiner Intuition habe ich verloren. Ich bezweifle mittlerweile sogar insgesamt, dass es sowas wie Intuition gibt. Intuition ist ja nicht Vernunft. Wo findet die denn statt, diese Intuition? Und jetzt bitte nicht: „Im Bauch“...

 

Beim Zapchen sollen die kindlichen, spielerischen Anteile wieder geweckt werden, um so auf humorvolle Weise wieder eine tiefere Verbindung zum eigenen Körper herstellen zu können. Vielleicht liegt da ein Weg. Und ich ziehe ihn immerhin mal in Betracht, weil ich aktuell die Wege annehmen muss, die mir gezeigt werden von Menschen, die es besser wissen als ich. Weil es sonst nicht weitergeht. Und wenn ich ehrlich zu mir bin, macht mir das vielleicht sogar noch mehr Angst als mich intuitiv zum Deppen zu machen. 

 

Ich schreibe gerade nicht gut, aber ich schreibe, und das ist die Hauptsache. Und ich schreibe nicht für die Arbeit, und auch nicht mit dem Ziel, etwas besonders Beachtliches zu kreieren, sondern um des Schreibens Willen. Ich bin mir gerade sehr bewusst darüber, dass ich nicht mal einen Bruchteil von dem zum Ausdruck bringen kann, was aktuell in mir vorgeht und das ist ein sehr unangenehmes Gefühl. Aber mein Therapeut hat heute zu mir gesagt: „Für jetzt, für diesen Moment, in diesem Rahmen, ist es einfach genug. Und so hangeln Sie sich von Moment zu Moment. – Jetzt bin ich genug.“ Ich muss zugeben, dass ich das nicht annehmen konnte, intuitiv(?) den Kopf geschüttelt habe und anfangen musste zu weinen. Aber vielleicht hilft Üben? Für diesen Moment ist das, was ich hier schreibe ausreichend und genug. Was hier nicht steht, ist jetzt nicht relevant. Also – nicht grundsätzlich nicht relevant, aber in diesem Rahmen nicht relevant. Wie sollte es auch anders sein. Es steht nicht hier und nur ich weiß davon. 

 

Ich habe das Gefühl noch nicht fertig zu sein, aber ich bin müde. Bald mehr. Vielleicht. Hoffentlich.