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Pendel zwischen Extremen

Ab heute gehts nach der Zwangspause weiter. Die Mitpatienten, die Corona hatte, ist nicht mehr dabei, was ich krass finde. Einerseits natürlich nachvollziehbar, dass man bei vollen Wartelisten nicht so einfach zwei Wochen lang einen Therapieplatz freihalten kann. Andererseits will man sich nicht vorstellen, wie es ihr jetzt gehen mag. Man ist ja in der Regel schon ganz verletzlich und instabil, wenn man sich für einen Klinikaufenthalt entscheidet. Und dann einfach „ausscheiden“, weil man krank geworden ist.. – hart ist ein zu weiches Wort dafür. Zugleich hab ich jetzt umso mehr Angst, mich anzustecken, mit irgendwas, was mich mehr als zwei Tage außer Gefecht setzt. Ab dem dritten Tag Kranksein ist der Therapieplatz weg. Man wird zwar dann priorisiert wieder aufgenommen, wenn ein Platz frei wird, aber mit Pech dauert das trotzdem ein paar Wochen.

 

Das lässt mich jetzt auch schon wieder in Frage stellen, ob ich über Weihnachten wirklich nach Heidelberg fahren soll, obwohl ich schon im letzten Jahr nicht dort sein konnte, weil ich vor allem meine Mutter nicht gefährden wollte. Jetzt sind wir alle dreifach geimpft und testen uns zusätzlich. Trotzdem bin ich verunsichert.

Obwohl ich ja bislang nur zwei reguläre Therapietage hatte, kann ich ganz klar sehen, dass es gut ist, dass ich dort bin; dass ich gegenwärtig nicht in die „normale Welt“ gehöre und aufgehört habe, dagegen anzukämpfen. Ich muss mir die Dauer auch nicht mehr schönreden. Ich bin einfach dort und froh darüber. In der „Draußenwelt“ hab ich mich nur noch falsch, fehl am Platz, nicht ausreichend gefühlt. Gleichzeitig hatte ich so sehr den Wunsch dazuzugehören und auch einfach funktionieren zu können – wohl wissend, dass die Wartelisten für Psychotherapien voll sind, das mit dem „Funktionieren“ also an erster Stelle eins ist: Schein.

In der Tagesklinik fühle ich mich erstmals seit Langem richtig. Aufgefangen. Ausreichend. Die Atmosphäre ist durch und durch geprägt von Vor- und Rücksicht, Verständnis und Wertschätzung. „Muss“ und Erwartungen gibt es nicht. Jeder darf einfach „so sein“. Es gibt keine wirklichen Anweisungen dies oder das zu tun, man wird dazu eingeladen. Wenn man etwas sagen möchte, kann man das tun. Wenn man nichts sagen möchte – auch in Ordnung. Wenn man rausgehen möchte – jederzeit. Wenn man sich nicht auf einen Stuhl setzen, sondern in eine Ecke im Raum hocken möchte, oder hinter irgendeinen Gegenstand, weil man sich mal besonders verletzlich fühlt und Blicke nicht ertragen kann – kein Problem. Kurz: Man hat endlich wirklich die Möglichkeit, nach innen zu horchen und auszutesten. Sagt mein Körper, meine Psyche mir irgendwas? Kann ich irgendwas hören? Versteh ich das richtig? Und es wird vermittelt, dass die eigenen Bedürfnisse in Ordnung sind, dass man ihnen ohne Wertung von außen nachkommen darf. Es wird immer erst gefragt, ob es für alle in Ordnung ist, wenn man eigene negative Gefühle teilt. So hat jeder die Möglichkeit, sich abzugrenzen, rauszugehen, wenn man spürt, dass man schon mit den eigenen Empfindungen überfordert ist und nicht noch mehr aushalten kann.

Auf der anderen Seite kann natürlich auch das Gegenteil passieren: Jemand äußert seine negativen Empfindungen und es entsteht ein zartes Gefühl von Verbundenheit. So war es auch heute, als mein Handy im Achtsamkeits-Kurs klingelte und ich daraufhin einen kleinen Meltdown hatte, weil mir das so leid tat, weil die Gruppe samt mir eh schon ganz verloren war nach der Woche Zwangspause. Ich hatte das Gefühl, durch die Störung alles endgültig beschissen gemacht zu haben. „Ich schaffs nicht mal, mein scheiß Handy lautlos zu machen“, dachte ich. Wo ich mir doch so sicher war, diesen blöden Schalter in die richtige Richtung geschoben zu haben bevor ich den Raum betreten hatte.. Am Ende war das klingelnde Handy und die Tatsache, dass ich unter Tränen ausgesprochen habe, wie leid mir das tut, genau das, was uns ins Gespräch gebracht und die Stimmung immerhin ein kleines bisschen gehoben hat. Witzigerweise empfanden sogar alle den Klingelton als schön und absolut nicht als störend. Das war eine gute Erfahrung. Auch die Therapeutin hat toll reagiert. 

 

Während der Therapiepause in den letzten Tagen war ich überwiegend Zuhause. Ich weiß gerade noch nicht, wie gut es war und ist, dass ich mich extrem distanziere von der „Draußenwelt“. Ich kann nur das sehr stark ausgeprägte Bedürfnis danach wahrnehmen und versuche, nicht zu werten, dass ich so empfinde, nicht zu analysieren. Das darf jetzt einfach mal nur sein – und zwar endlich ohne, dass ich mich dafür schlecht oder schuldig fühle. Das kippt manchmal sogar in eine Art Hochgefühl, Machtgefühl, irgendwas in der Richtung, was ich natürlich auch beobachten muss und besprechen will, aber im Grunde zeigt das ja vor allem, wie sehr ich vorher unter den vermeintlichen „Regeln“ gelitten habe, sozial verfügbar sein, und mich entschuldigen zu müssen, wenn ichs nicht schaffe. Ich werde mich dafür nicht mehr entschuldigen.

Es geht jetzt um mich – nicht mehr oberflächlich, nicht grübelnd, kreiselnd, also „falsch“, sondern in der Tiefe. Ich hatte in der vergangenen Woche einfach nicht die Kraft, mich mit jemandem zu treffen, und vielleicht geht das noch eine Weile so weiter. Ich hatte keine Lust zu reden oder zuzuhören, und am wenigsten Lust mich zu „überwinden“. Ich hab genug davon, mich überwinden zu sollen.

 

Ich glaube, ein Grund für meinen Wunsch nach Abgrenzung ist neben anderen der, dass ich mich von niemandem richtig verstanden oder ernst genug genommen fühle in dem, was in mir vorgeht. Was ich natürlich auch nicht erwarte. Mich stören dann nur Aussagen wie: „Ich weiß, wie du dich fühlst“, wenn ich weiß, dass das nicht stimmen kann angesichts dessen, was gerade in mir vorgeht. Seit über zwanzig Jahren lebe ich mit einer aufmüpfigen Psyche, aber so wie es mir jetzt geht, so wie ich mich jetzt fühle, so wars noch nie. Das ist so viel, so komplex, so fundamental, fundamental beschissen und dunkel und bleiern und beängstigend – und so paradox das scheint: Dem will ich gerade Raum geben. Und das geht am besten unter Menschen, die das alles – natürlich mit individuellem Hintergrund – in ähnlicher Intensität oder noch heftiger kennen. Menschen, bei denen ich spüren kann, dass da alle ungefähr wissen, wie tief das geht. Wie zermürbend das ist. Wie kräftezehrend, das jeden Tag mit sich rumzuschleppen. Dass das kein Spaß ist, keine Bequemlichkeit, keine Faulheit. Dass das kein Klacks ist, sondern ein handfester Grund, warum man einfach weniger leistungsfähig ist als andere Menschen, mit denen man sich in der „Draußenwelt“ toxischerweise ständig vergleicht und dabei natürlich immer verliert, bis man bitter, traurig, wütend, taub oder alles davon im Wechsel wird.

 

Kürzlich habe ich jemandem erzählt, dass ich alles nur noch negativ auf mich beziehe – und das ist keineswegs bedauernswert im Sinne von Mitleid, sondern genau betrachtet einfach nur egozentrisch, glaube ich. Der Mensch, dem ich das erzählt hatte, hat mir dann kurze Zeit später wiederum erzählt, das Gefühl zu kennen, weil er ein Verhalten eines Gegenübers negativ auf sich bezogen hat. Und genau das steht exemplarisch dafür, dass mein Umfeld eben gerade nicht weiß, wie es mir geht. Denn das meine ich nicht.

Dass ich Verhaltensweisen anderer generell negativ auf mich beziehe, ist seit Jahren so. Belastend, aber nichts Neues. Wenn ich sage, dass ich alles negativ auf mich beziehe, geht das tiefer. Wenn ich sage alles, meine ich alles. Als etwa die Rede von einem neuen Teammitglied bei einem meiner Jobs war, und sie über alle Maßen für ihre Motivation und ihre Kreativität gelobt wurde, dachte ich nicht: „Mega, dass wir sie jetzt im Team haben!“, ich dachte: „Ok, toll, und ich bin gerade ein depressives Nichts, das nicht halb so viel auf dem Kasten hat, nichts auf die Kette bekommt, ständig Sachen verschusselt, ständig missmutig ist und jetzt auch noch wochenlang ausfällt – vermutlich brauchen die mich bald schon nicht mehr, irgendwann merken eh alle, dass ich nichts kann“. Als ich dann auch noch feststellen musste, dass das neue Teammitglied eine ausnehmend schöne Frau ist, 10 Jahre jünger als ich und dabei schon mehr in der Welt rumgekommen als ich es wahrscheinlich je schaffen werde, hat mir das den Rest gegeben.

Als eine Freundin von ihrem neuen Tattoo erzählt hat, konnte ich mich nicht für sie freuen, sondern war einfach nur angepisst von mir selbst, weil ich seit Jahren gerne mehr Tattoos hätte, am liebsten schon ganz voll damit wäre, auch um besser mit meinem Körper klarzukommen, es aber einfach nicht schaffe und immer noch nur meine zwei Missgeschicke unter der Haut mir mir rumtrage.

Wenn meine Schwester auf Instagram ihre kreativen Projekte und ihre Laufrunden teilt, kann ich das nicht in erster Linie als Inspiration sehen, sondern nur als: Alle können irgendwas, alles schaffen irgendwas, alle sind besser als ich. Und–so–weiter.

 

Nahezu alles, was gerade in der „Draußenwelt“ passiert, verwende ich gegen mich. Ich bin eine Versagerin in allen Belangen. Quod erat demonstrandum. Ich habe das Gefühl, ich muss erstmal aus meiner komischen Dimension zwischen Selbstüberhöhung und Selbsthass rauskommen, um Soziales zu etwas machen zu können, was mir nicht noch mehr das Gefühl vermittelt, auf ganzer Linie versagt zu haben und obendrein ein schlechter Mensch zu sein. Und ich nehme einfach generell vorweg, dass man auf mich – würde ich mich nicht verstellen und dazu habe ich keine Kraft mehr – gerade einfach keinen Bock haben kann, so wie ich drauf bin. Das checkt halt nur keiner, eben weil ich mich verstellt und viel zurückgehalten, runtergeschluckt, überspielt habe.

Und das nervt mich um ehrlich zu sein auch – dieses „Du bist ja aber eigentlich gar nicht so“. Doch! DSoch, doch doch! Gerade bin ich genau so! Es ist eben gerade wie es ist, da gibt es absolut gar nichts wegzuschieben oder schönzureden. Das geht mir auf den Geist. Ich bin gerade kein angenehmer Mensch und kann auch nicht dafür garantieren, dass mir nicht ganz unschöne Dinge rausrutschen, die zielsicher ins Verletzlichste meines Gegenübers treffen – und mir im Nachhinein leidtun. Auch das will ich gerade einfach umgehen. Weil ich schon genug Schuld empfinde. Und wenn ich jetzt gerade schon so einen Ehrlichkeits-Rant habe: Freundschaften hab ich nie „gelernt“. Das geht ganz weit zurück. Ich tu mich schwer damit. Sehr. Und ich weiß nicht, wie viel Sinn es macht, sie zu erzwingen, wenn ich offenbar noch nicht so weit bin. Und um das nochmal zu erwähnen: Ich weiß, dass das einzige Problem dabei ich selbst bin. Niemand sonst. Früher oder später hat mir noch jeder den Rücken gekehrt. Kein Lamento, einfach wahr. 

 

„Haben Sie schonmal drei Minuten lang einfach ganz frei erzählt, was Ihnen gerade in den Kopf kommt?“, hat mein Therapeut gefragt. Écriture automatique in gesprochener Form quasi. „Machen Sie mal!“ Er gestikulierte auf eine Art, die mir vermitteln sollte, dass ich jetzt einfach ganz schnell losplappern soll. Aber das Zerdenken kam mir zuvor. Überfordert davon, was ich jetzt erzählen soll, in nur drei Minuten, angesichts der Massen in meinem Kopf. Schon letzte Woche wurde deutlich, und mit dieser „Technik“ heute nochmal deutlicher, um welches Empfinden es bei mir in erster Linie geht – hinter der Wut, hinter der Trauer, hinter dem Trotz, hinter der Scham, hinter impulsiven Ausbrüchen und kopflosen Verhaltensweisen..: Verlorenheit. Absolute Verlorenheit. In Bezug auf mich selbst, in Bezug auf die Welt. Ich weiß nicht, wer ich bin. Und wahrscheinlich wusste ich das noch nie. Und alles, was ich erahne vielleicht zu sein, ist schlecht. Und alle „guten Ideen“, die ich von mir habe, lege ich so aus, dass sie am Ende doch beweisen, dass ich schlecht bin. 

 

Ich weiß nicht, wer ich bin – das klingt so phrasenhaft. Jede*r hat das schonmal irgendwo gehört oder gelesen. Beliebte Song-Zeile. I don't know who I am. Aber wenn dieser Satz tatsächlich so gemeint ist wie er da steht, ist das ein zermürbender Zustand. Das ist ständige innere Zerrissenheit. Was gehört wirklich zu mir und was dichte ich mir nur an, sowohl im Negativen als auch im Positiven? Ich hinterfrage alles. Jedes Gefühl. Jeden Gedanken. Und das Gefühl und den Gedanken dahinter. Und das Gefühl und den Gedanken dahinter. Und das Gefühl und den Gedanken dahinter. Mehrstimmig, im Kanon, in verschiedenen Variationen. Parallel und überkreuz mit anderen Gefühlen und Gedanken, und den Gefühlen und Gedanken dahinter, und den Gefühlen und Gedanken dahinter, und den Gefühlen und Gedanken dahinter. Mehrstimmig, im Kanon, in verschiedenen Variationen. Parallel und überkreuz mit anderen Gefühlen und Gedanken. Und so weiter. Und das hört nie auf. In meinem Kopf herrscht nie Stille oder wenigstens Ordnung. Nie Milde. Nie. Ich werde für alles verurteilt vor meinem höchsteigenen Gericht. Das ist ein Dauerzustand. Das ist anstrengend. Und ich will lernen, dazu stehen zu können, dass es in mir gerade so aussieht, ohne es zugleich zu überhöhen, zu wichtig zu nehmen, und so noch weiterwachsen zu lassen – denn sich über die Depression, über Unzulänglichkeiten zu definieren ist auch eine reelle Gefahr, sogar ganz und gar nicht unwahrscheinlich, wenn sonst nichts mehr bleibt oder zu bleiben scheint, und das ist dann doppelt brenzlig, denn so wird das Depressive zur Notwendigkeit, zur – geglaubt – einzigen Möglichkeit, noch Zuwendung erfahren, Hilfe bekommen zu können; zur einzigen „Fähigkeit“, die man vorzuweisen hat, derer man sich sicher sein kann, die zuverlässig da ist. Ich weiß nicht, wer ich bin, aber ich bin depressiv.

 

Und ehrlicherweise ist das bei mir manchmal schon so. Ich merke, dass es sich oft nicht gut anfühlt zu sagen, dass es mir gut geht, wenn es mir mal gut geht, denn..: Was, wenn es mir morgen nicht mehr gut geht und sich dann niemand mehr kümmert, weil ich ja sagte, es gehe mir gut? (Was auch „spannend“ ist, weil ich soziale Kontakte ja abwehre.) An der Stelle besteht dann auch die Gefahr, das Ganze zu instrumentalisieren, Dinge zu inszenieren und schlimmstenfalls manipulativ zu werden.. Und das ist, was ich am meisten daran hasse. Ich will so nicht sein. 

 

Der Schlüssel, der einzige, den es gibt: Lernen, für mich selbst sorgen zu können. Lernen, mich realistisch einzuschätzen. Dann besteht kein Grund mehr zum Festhalten an für mich und andere giftigen Verhaltensweisen, an denen Beziehungen jeglicher Art nur scheitern können. „Sie fangen hier ganz von vorne an“, sagte mein Therapeut.

Ja. Aber ich will das schaffen, wirklich. Es gibt genau genommen auch keine andere Option. Ich will wieder Kontrolle gewinnen, statt kontrolliert zu werden. Um in ein Leben zu finden, mir ein Leben aufzubauen, das zu mir passt, statt meine Kraft für den Versuch zu verschwenden, mich auf Biegen und Brechen in ein Leben zu quetschen, das meinem Wesen nicht entspricht, das mich frustriert und das Gefühl von Sinn vermissen lässt. Ich will, dass es mir häufiger gut geht und ich das ohne Angst sagen kann. Ich will meine Grenzen finden und sie angemessen schützen können. Ich will soziale Kontakte aufbauen, die mich nicht in erster Linie anstrengen, sondern beide Seiten bereichern und voranbringen. Ich will nicht mehr diesen Drang erleben, mich von allem komplett abzukapseln, wenn die Welt mich überwältigt. Ich will ein in sich sicherer Mensch sein – für mich, aber auch für andere. Oder wenigstens weniger einsturzgefährdet als jetzt. Klein anfangen. Denn der melancholische Part in mir, das weiß ich dann doch, der gehört zu mir und der ist nicht per se schlecht. Melancholie kann viel geben, sofern sie nicht allein in einem wohnt.

 

„Kontrolle“ war heute auch ein Wort, dass in einer Gruppensitzung gefallen ist. Kontrolle als Möglichkeit, Sicherheit zu schaffen. In meinem Leben fehlt beides. Ich hab die Kontrolle darüber in weiten Teilen verloren und kann keine Sicherheit mehr herstellen. Jedenfalls keine echte, stabile Sicherheit. Und das, was mir immerhin „von außen“ Sicherheit gegeben hat, hab ich in einem Zustand, der sich rückblickend fast schon als manisch bezeichnen ließe, selbstverschuldet verloren. Doch selbst, wenn dieser Verlust nicht passiert wäre, hätte ich mich der Aufgabe stellen müssen, Sicherheit in mir selbst zu finden, wenn ich den Verlust auch weiterhin – von meiner Seite aus – hätte verhindern wollen. Zwischen der Unfähigkeit, mir selbst Sicherheit zu geben dem Kranken meiner damaligen Beziehung an Gesprächsarmut, ausbleibender echter Nähe und zu viel pandemisch bedingter Nähe, habe ich den einfachsten Weg genommen. Trotz des Wissens, dass er mitsamt des Hochgefühls hinter der spätestens zweiten Kurve enden wird. Aber ich hab mich der (vermeintlichen) Leichtigkeit hingegeben. Das Schwere – meine eigene Schwere – wenigstens kurz abgeben, indem ich mich bewusst selbst hinters Licht geführt hab. Das Schlimmste daran ist aber, dass ich damit auch maßlos rücksichtslos gegenüber einem Menschen war, der mir mit am meisten auf dieser Welt bedeutet, mit dem ich mich so verbunden fühle wie mit sonst niemandem. Dass ich mir in meinem Leben oft bei vollem Bewusstsein selbst wehgetan habe, werde ich mir vermutlich verzeihen können; dass ich jemandem, der schon genug mit sich selbst zu kämpfen hat, so hart habe fallen lassen, mit Sicherheit nicht. Dabei dachte ich immer, Fürsorglichkeit wäre eine meiner Stärken..

 

Teilweise habe ich schon damit begonnen, das alles in meiner ambulanten Therapie aufzudröseln. Die stark ausgeprägte selbstunsichere und dependente Seite in mir sehnt sich nach Gleichförmigkeit, Sicherheit, Gewohnheit, Geborgenheit. Gleichzeitig – und das hätte ich nie gedacht – hab ich nach genauerer Betrachtung tatsächlich Bindungsängste, und bin oft der stark ausgeprägten emotionalen, impulsiven Seite in mir ausgeliefert. Dann neige ich dazu, ohne Rücksicht auf Verluste fühlen fühlen fühlen, frei sein zu wollen und dabei alles über den Haufen zu werfen – was wirklich widerlich ist und ich komme nicht umhin, das so zu bewerten.. Keine gute Kombi insgesamt. Dass ich schreibe „ausgeliefert“ mag so wirken, als wolle ich mich entschulden. Ich lasse das dennoch bewusst so stehen, weil es sich nunmal wie Ausgeliefertsein anfühlt – hoffend, dass ich es schaffe, das irgendwann regulieren zu können und kein Pendel zwischen Extremen mehr zu sein.

 

Der erste Schritt: Für meine Handlungen Verantwortung übernehmen. Dass mein Kopf es mir oft schwer macht, darf dabei keine Entschuldigung sein, aber wohl eine Erklärung und Hilfe dabei, dass ich nachsichtiger mit mir sein kann, um Veränderung in genau diesem Kopf möglich zu machen.