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Trost von links

Über Weihnachten ist Yuki bei meinem Exfreund und seiner Familie. Allein das und das Wort Exfreund machen mich traurig. Als sein Vater Yuki gestern abgeholt hat, hat Yuki sich so heftig gefreut ihn zu sehen, wie ich das noch nie bei ihr erlebt habe. Autsch. Ja, ich weiß, man darf nichts von seinem Hund erwarten, aber ist es nicht irgendwie auch menschlich, dass sich dann doch hier und da die ein oder andere Kränkung einschleicht? Natürlich weiß sie nicht, wie viel ich für sie mache, wie viel ich auch für sie an mir arbeite und vor allem hat sie es sich ja auch nicht ausgesucht, dass wir sie – aus sonnigen Gefilden – zu uns – ins nasskalte Bielefeld – geholt haben. Und wahrscheinlich bin ich auch die, bei der es die strengsten Regeln und am wenigsten zu Essen gibt – was natürlich nicht bedeutet, dass ich ihr zu wenig gebe, das ist hoffentlich klar. Aber ich weiß, dass Übergewicht bei Hunden kein Spaß ist und achte deshalb darauf, dass die Rationen zur Auslastung am Tag passen. Schmackos hier und da gibts natürlich trotzdem. Und ja, manchmal habe ich meine Gefühle nicht unter Kontrolle und vielleicht empfindet sie mich deshalb auch nicht als „sicheren Menschen“.. Hunde sind ja extrem feinfühlig.

Trotz alldem: Autsch.

Sie hat auf dem Weg zum Auto mit ihm auch nicht einmal zu mir zurückgeschaut.

Ultra-Autsch.

Das bestätigte einfach in wenigen Augenblicken alle negativen Glaubenssätze in mir. Ok, ich bin ein schlechter Mensch. Yuki spürt das. Ich bin ein Mensch, mit dem man nicht gern zusammen ist. Nicht mal mein Hund. Ich bin überflüssig. Jeder verlässt mich früher oder später und ich verstehs sogar. Und all dieser Bullshit. 

 

Natürlich hab ich versucht, daran zu denken, dass ich sie so wenigstens mit einem guten Gefühl über Weihnachten „abgeben“ und die Zeit in der Heimat beruhigt genießen kann. Das hat aber einfach nicht funktioniert. Dann war ich sauer auf Yuki. Bis ich wieder gemerkt habe, dass das keinen Sinn macht und ich in Wahrheit sauer auf mich selbst bin. 

 

Nicht mal mein Hund kann mich leiden, und Hunde haben mit ihrem Gespür halt immer recht sitzt jetzt jedenfalls fest in meinem Kopf und geht da nicht mehr raus. Das Gefühl, ihr nicht gerecht zu werden, obwohl ich ja alles dafür tu, wurde dadurch auch nur nochmal rot unterstrichen. Das macht mich einfach extrem traurig gerade. Und daran gibts nichts schönzureden.  

 

Immerhin ist in der Klinik noch was Gutes passiert. Eine kleine vorweihnachtliche Veranstaltung.. Ich war erst ein bisschen verhalten und hatte gemischte Gefühle, weil eine Pastorin dabei war und ich mit Religion nichts anfangen kann. Das Ganze war aber so offen gestaltet, dass man sich auch als Mensch ohne (oder mit anderem) Glauben, willkommen und angesprochen fühlen konnte. Zum Schluss durfte jeder noch eine kleine Kerze anzünden und sich dabei etwas wünschen. Uuuuuuund wieder Bühne frei für Mister Kloß-im-Hals und Wasser Marsch. Bin ja froh, dass das mittlerweile überhaupt wieder besser geht, also weinen können.

Links von mir saß ein Mitpatient, den ich noch nicht kenne, weil er in einer anderen Gruppe ist. Nur gesehen hatte ich ihn mal, und als sympathisch befunden. Trotz meines stillen Weinens hatte er jedenfalls gemerkt, dass die Tränen mir die Maske einweichten und kam nach der Runde auf mich zu, um zu fragen, ob alles okay sei und er mir irgendwie helfen könne. Getreu meiner sozialen Unbeholfenheit hab ich, glaub ich, nur irgendein Gemurmel und das Corona-Lächeln – Augen zusammenkneifen und nicken – zustande gebracht. Ich glaube aber, er hat das verstanden. Ich wollte ihm am nächsten Tag noch ein paar selbstgemachte Kekse geben, mich damit für seine aufmerksame Art bedanken und meine „komische Reaktion“ erklären. Natürlich hab ich mich nicht getraut, aus Angst, dass das zu viel oder blöd ist, und bin mit meiner Kekstüte dann nur ein paar mal in fahriger Diskussion mit mir selbst die Treppen hoch und runter gelaufen.

Vielleicht am Montag. Vielleicht nicht.

 

Jetzt wird geweihnachtet. Ich freu mich. Ich denk an Yuki und möchte ein schöneres Wort für Exfreund finden. Eins, das weniger wehtut.