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Und jetzt: Lassen Sie sich in Ruhe.

Kein so guter Tag. Das hat sich schon nachts abgezeichnet: Ich weiß nicht, was das ist, ich weiß nur, dass es seit einiger Zeit immer häufiger kommt. Ich lege mich (hundemüde) ins Bett und dann fängt mein Herz an unangenehm laut und fest zu pochen. Nicht schnell, es rast nicht. Es klopft einfach ganz intensiv. Poltern. Stampfen. Boxen. Ich spüre das dann im ganzen Körper und es ist, als würde mein Kopf auf dem Kissen pulsieren. Atemtechniken bringen nichts, verstärken das häufig sogar noch. Vermutlich, weil ich mich dann noch mehr darauf konzentriere, es noch deutlicher wahrnehme und in einen Teufelskreis gerate, weil ich unbemerkt ins Werten komme. Parallel dazu fangen die Gedanken an zu rasen. Manchmal kommt dieses starke Pochen auch tagsüber, in Begleitung vom intensiven, wiederkehrenden Drang, ganz tief einzuatmen, was nur manchmal klappt, und wenn es nicht klappt, bleibt ein ganz unbefriedigendes Gefühl übrig. Zu viel Kaffee kanns nicht sein, ich trinke nur noch eine Tasse am Tag. Ich weiß, dass mit meinem Herzen alles stimmt.

Was will sich mir durch diese Somatisierung also zeigen? Dass ich da bin? Ich versuch ja gerade schon, zu mir zu finden, hab vielleicht sogar einen möglichen Startpunkt gefunden, hätte also keinen Extra-Hinweis mehr gebraucht. Ein zusätzliches Problem wäre ehrlicherweise das letzte, was ich gerade brauche. Ich weiß nämlich, wie schnell sich sowas verselbstständigen kann. Angst-vor-der-Angst-Mechanismus.

 

Zudem bin ich gestern ziemlich heftig mit dem Fahrrad gestürzt. Jetzt ist auch mir klar, warum Blitz-Eis immer so dramatisch dargestellt wird: weil es dramatisch ist. Jedenfalls hab ich mir die komplette linke Seite geprellt – schön blaulilarot – und beim Aufprall ist mein Kopf nach links geknickt, das hat sich angehört wie beim Einrenken und tat ziemlich weh. Zum Glück trage ich seit einer Weile einen Helm, der ist auch ordentlich auf dem Boden aufgetischt. Direkt danach und anhaltend tat nur die linke Beinseite weh. Der Nacken und alles andere, was ich mir gezerrt und geprellt hatte, hat sich erst in der Nacht gemeldet. So lag ich denn als gedanklich vom Teufel gejagtes, schmerzerfülltes, pulsierendes Sorgenknäuel in meinem Bett. Es gab einen Moment, in dem ich fast eingeschlafen wäre. Das war nur blöderweise derselbe Moment, in dem Yuki beschlossen hat, einen ihrer bis zu zehnsekündigen Nacht-Stöhner von sich zu lassen. Der Schlaf zog dann beleidigt von dannen und ließ mich links liegen.

 

Wahrscheinlich waren meine Erwartungen auch zu hoch.. Ich habe gestern auf einen Brief – einen richtig echten aus Papier – geantwortet und dreizehn Seiten geschrieben. Das tat so gut – einfach das händische Schreiben an sich. Ich kam meinen Gedanken kaum hinterher. Heute folgten dann noch neun weitere Seiten. Jedenfalls dachte ich, dass sich das positiv auf meinen Schlaf auswirken könnte. Falsch gedacht. Aber das mindert ja nicht das Hochgefühl des Schreibaktes. Es scheint, als wäre das Schreiben gerade die einzige Form sozialer Interaktion, die mir nicht zu viel, zu eng, zu anstrengend wird. Ich tausche mich aus, kann mich trauen, zu schreiben, was ich wirklich denke, und dabei weiter das Tier sein, in dessen Körper ich vermutlich eigentlich hätte geboren werden sollen: ein Igel. 

 

Kurz vor Weihnachten hatte ich ja berichtet, dass ich in der Gruppe aussprechen konnte, dass ich es einfach noch nicht schaffe, so richtig Teil ebendieser Gruppe zu werden. Und das wurde ja ganz lieb aufgenommen, sodass ich fast schon dachte: „Vielleicht kommts jetzt ins Rollen.“ Aber nichts kam ins Rollen. Es stockt weiter. Ich gehöre nicht dazu. Punkt. Das spüren alle mit jeder Faser. Und ich habe auch keine Lust, mich anzustrengen. Ich spüre, dass das menschlich nicht passt. Wieder mal. Dabei weiß ich, dass ich das „Nicht-Passende“ bin, denn mir passiert das ja immer wieder. Zu denken, es läge an den anderen, wäre also nicht nur dumm, sondern narzisstisch. Und so viel weiß ich mittlerweile: Ich habe narzisstische Züge ( – und gelernt, dass die in einem gewissen Maße fast jeder Mensch hat und sie sogar hilfreich sind, vor allem wenn man sonst überwiegend ein extrem in-sich-und-der-Welt-unsicherer Mensch ist), aber ich bin keine Narzisstin. Eine große Angst weniger. Dass ich keine „klassische Narzisstin“ bin, war mir im Grunde klar, aber mein Kopf hat mir dann – statt diese Angst als unbegründet gehen zu lassen – vorgeschlagen: „Vielleicht bist du ja eine atypische Narzisstin – also noch schlimmer, weil quasi undercover unterwegs!“ – Willkommen in meinem Kopf. Jetzt jedenfalls habe ich das nochmal lang und breit in der Einzeltherapie durchgekaut und alles auf den Tisch gepackt, was ich so an – meiner Einschätzung nach – „schlimmen Dingen“, die ins Narzisstische gehen könnten, gemacht habe oder mache, gedacht habe oder denke. „Allein Ihre Aussage 'Ich habe Angst, eine Narzisstin zu sein' beweist gewissermaßen, dass Sie keine Narzisstin sind“, so mein Therapeut. Außerdem gab es Fragebögen. Viele, viele Fragebögen.. Und die sprechen eindeutig eine ängstlich-vermeidende und leider in großen Teilen auch Borderline-Sprache – glücklicherweise ohne den selbstverletzenden Teil.

 

Konkret besteht mein narzisstischer Anteil darin, dass ich mich vereinzelt – es fällt mir nicht leicht, das zu schreiben – anderen gegenüber erhaben fühle. 90 % der Zeit über fühle ich mich ja wie Abschaum und der ganzen Welt aufrichtig unterlegen. Mein Therapeut erklärte, dass es im Grunde notwendig ist, dass dann wenigstens manchmal auch eine andere Stimmte kommt, die mich aufwertet. Optimal wäre natürlich, zu einem realistischen Selbstbild zu kommen und weniger Vergleiche vorzunehmen – seien es Auf- oder Abwärtsvergleiche. Vom Verstand her weiß ich ja, dass ich – in meinem menschlichen Wert – weder besser noch schlechter als andere Menschen bin. Und gewissermaßen – ohne das schönreden zu wollen, denn schön ist das nun wirklich nicht, aber vielleicht „normaler“ als man glaubt – tun das, da bin ich mir recht sicher, so gut wie alle Menschen: sich zweitweise erhaben fühlen gegenüber anderen. Das Prinzip Trash-TV, wenn man so will. Ich glaube, das ist ähnlich wie mit dem Schubladendenken – das machen wir automatisch, das lässt sich nicht vermeiden, wir funktionieren überhaupt erst über Kategorien, wir brauchen gewisse Filter, sonst kämen wir nicht klar. Nur müssen wir merken, dass wir das tun und die Schubladen offen lassen, weil wir natürlich wieder umsortieren müssen, wann immer unser erster Eindruck von einem Menschen widerlegt wurde. Ähnlich ist es mit dem Erhabenheits-Gefühl: Es ist wichtig sich klarzumachen, dass man selbst niemals mehr (oder weniger) wert ist als ein anderer Mensch und in diesem Sinne nicht besser (oder schlechter). Dass ich – nur beispielsweise – gebildeter bin (oder mich als gebildeter einschätze!) als der Mensch mir gegenüber macht mich – natürlich – nicht zu einem besseren Menschen. Das zu denken wäre die Definition von Irrsinn.

Vielleicht will mir dieses erhabene Gefühl in Wahrheit einfach nur sagen: „Das passt nicht!“ – und repräsentiert dabei meinen inneren Wunsch nach Abgrenzung, weil der Versuch, trotzdem Kontakt aufzunehmen und ihn zu halten, zu viel Energie kosten würde. Dass ich dabei mitunter vorschnell bin, dass mir dadurch womöglich tolle Begegnungen entgehen... mag sein. Bestimmt. Aber vielleicht ist das nicht, worauf ich mich gerade konzentrieren sollte. Ich denke, ich sollte mich erstmal darauf konzentrieren, Kontakt zu Menschen, mit denen ich gut harmoniere, so zu gestalten, dass ich ihn nicht in erster Linie als Anstrengung empfinde, weil ich als Kind nicht gelernt habe, dass ich so sein darf, wie ich bin, dass ich richtig bin, wie ich bin. Das klingt jetzt ein bisschen „pseudo“, ein bisschen hart und schuldbehaftet, ist aber weder pseudo, noch hart und vor allem absolut keine Frage von Schuld. Ich habe wunderbare Eltern, die mir nie was Schlechtes wollten, die auch einfach „nur Menschen“ sind.  

 

An Weihnachten hätte man das von außen bestens beobachten können. Ich habe mich nicht nur wirklich wie ein Kind gefühlt, sondern auch (höchsteigene) kindliche Verhaltensmuster an den Tag gelegt. Es war zu gleichen Teilen traurig, witzig, hochspannend und erhellend, das gestern mit meinem Therapeuten anzuschauen und aufzudröseln.

Erstmal war Weihnachten eigentlich so geplant: Meine Eltern, meine Schwester + zwei Kinder + Mann, ich. Weil wir dann aber alle schon geboostert waren, wurde beschlossen, dass der Kreis ja – mit zusätzlichen Tests – doch auch um Tante und Onkel, Schwager-Eltern und Schwager-Schwester erweitert werden kann. Als meine Mutter mir das am Telefon erzählt hat, klang sie so froh, dass ich meine Sorgen für mich behielt.

 

Sorge #1: Das wird wieder so viel Trubel, dass es für mich in erster Linie anstrengend wird, zumal am ersten Weihnachtsfeiertag dann wieder volles Programm angesagt war. – Das konnte ich nicht sagen, weil es nur mir so geht, jedenfalls in der Intensität, und weil ich natürlich nicht erwarte, dass dann wegen mir getrennt gefeiert wird.

 

Sorge #2: Die Chance, dass doch jemand das Krönchen in sich trägt, es mir aufsetzt (ich spreche von Corona, falls das jetzt zu kryptisch war) und ich dann aus der Therapie ausscheide (und schlimmstenfalls noch andere anstecke!), steigt. So saß ich den ganzen Abend über mit dieser Sorge im Kopf da. – Das hätte ich äußern können, denn das empfinde ich in der Tat als einen gerechtfertigten Einwand. Aber ich habe nichts gesagt.. Bloß nicht wieder „die Anstrengende“ sein, die eine Extravurst* braucht. 

*Die Vurst ist vegan.

 

Das nächste Ding: Ich fand mich in zwei für mich sehr anstrengende, sehr lange Gespräche verwickelt, in denen ich weniger Gesprächspartner als besprochener Mensch war, wenn man das so sagen kann. Dabei weiß ich, dass diese zwei Menschen jeweils in bester Absicht auf mich einredeten! Deswegen habe ich auch keinen der beiden „abgewürgt“, habe mich nicht entzogen. Ich habe brav genickt und ge-hm-t und ge-mh-t. Ich kann es einfach nicht gut haben, jemandem ein unangenehmes Gefühl zu geben, indem ich das Gesagte von mir weise, weil ich mich nicht damit identifizieren kann, oder das schon weiß, oder es komplett anders sehe, oder ein Thema als viel komplexer begreife. Man könnte jetzt meinen, das sei besonders rücksichtsvoll und höflich – genauer betrachtet ist es aber eigentlich wieder ein irgendwie egozentrisches Ding: Wenn mein Gegenüber sich peinlich berührt, zurückgewiesen fühlt, dann würde ich das sofort selbst spüren, und das ertrage ich nicht gut. Ich hab ja schon so ein grundsätzliches Schamproblem mit mir selbst – bin mir an sich so ganz grundsätzlich im einfachen Dasein schon ständig peinlich. Also bloß nicht noch mehr Peinlichkeit generieren! Wobei es mir, das möchte ich mir dann doch zugestehen, auch wirklich ein Anliegen ist, dass es anderen nicht so geht, dass andere sich wohlfühlen und nicht in ihrer Selbstsicherheit erschüttert werden, wo ich doch weiß, wie schwer das ist, wenn an ihrer Stelle Selbstzweifel das Steuer übernehmen. Ich bewundere das ja (ehrlich), wenn Menschen so überzeugt von ihrer Lebensrealität sprechen, als könne nichts sie erschüttern..

 

Ich bin eine schon etwas tauglichere Gesprächspartnerin, wenn ich mich mit Menschen unterhalte, die ich gut kenne, die ich besser einschätzen kann, die mich gut kennen, die mich besser einschätzen können. Da sage ich natürlich nicht nur ja und Amen, kann mich besser im Gespräch „verwurzeln“ und beobachte mich weniger von außen. Sobald es aber Menschen sind, mit denen ich nur wenige Male pro Jahr spreche, oder die ich als für mich in irgendeiner Form „unangenehm“ empfinde – es gibt zum Beispiel Menschen, bei denen habe ich das Gefühl, die nehmen den ganzen Raum ein und missachten dabei Grenzen, manchmal bewusst, sicherlich auch unbebwusst – wird es schwierig für mich. Dabei möchte ich ja eigentlich eine Gesprächspartnerin sein, der in erster Linie einfach authentisch ist, die wirklich zuhört und wirklich auf das Gesagte antwortet. Ich könnte Zweifel und eigene Sichtweisen und andere Denkweisen ja auch sorgsam einleiten, statt nichts zu sagen. Ich muss ja nicht – natürlich nicht! – abwertend oder unverschämt, verletzend werden, denn letztlich verursachen ja nur in irgendeiner Form unangemessene Äußerungen Scham, oder, je nach Wesenskern, Zorn, Beleidigt-Sein, was auch immer. Und genauso sorgsam und respektvoll hätte ich auch etwas sagen können wie: „Ich meine das nicht böse und danke dir für deine Worte, bin auch aufrichtig fasziniert von deiner Sicherheit in diesen Dingen! Aber mir wird das gerade zu anstrengend und ich lerne gerade meine Grenzen kennen und schützen, deshalb würde ich mich jetzt gern einmal kurz zurückziehen.“ Wer würde einem das übel nehmen? – Ok, ich würde das vermutlich negativ auf mich beziehen und mir wortwörtlich dumm vorkommen.. aber ich bin da auch ein bisschen extrem und schätze die beiden, die mir ein bisschen das Ohr und das Hirn etwas wund-geredet haben als weit robuster und gefestigter ein. Trotzdem habe ich Angst, zu kränken... was manch einem oder einer, der oder die schon Zeug*in oder Beteiligte*r eines jul'schen Impulsivitätsausbruch geworden ist (, die übrigens – hach was ist das schön bescheuert – entstehen, weil ich mir so oft verbiete, angemessen zu sagen, was ich wirklich fühle und denke,) jetzt vermutlich wie ein schlechter Witz vorkommen muss. Denn dann kann ich richtig garstig werden. 

 

Wie dem auch sei...

Gesprächsessenz Nr. 1: Du musst Dir ein dickeres Fell zulegen.

Gesprächsessenz Nr. 2: Versuch einfach mal, zu Gott zu sprechen.

Nein und nein.

Warum konnte ich das nicht sagen?

Ich denke, auch wieder ein bisschen deshalb, weil ich mir so unsicher bin in allem, was ich bin und denke, weil ich jeden meiner Gedanken so multipel hinterfrage, dass ich selbst in Betracht ziehe, dass ja vielleicht doch „was dran sein muss“, wenn Menschen dazu in der Lage sind, ganz fest ihren Standpunkt zu vertreten und zu kommunizieren, so – in meinem Kosmos!  – eindimensional oder fernab meiner Weltanschauung der auch sein mag. Oder anders, greifbarer, anhand eines Beispiels: Ich glaube nicht an Gott und das wird sich nicht ändern. Ich bin mit jeder Faser nicht gläubig. Einer der zwei „Weihnachtlichen Ohrsäuseler“ glaubt – siehe Gesprächsessenz Nr. 2 – an Gott und das wird sich nicht ändern. Er ist mit jeder Faser gläubig. Der Unterschied: Er ist in sich und seinem Glauben, seinem Sinn so gefestigt, von seinem Denken so überzeugt, dass er es ebenso fest und überzeugt nach außen tragen kann. So sehr, dass ich tatsächlich retrospektive noch versuche, dem Erzählten etwas für mich Wertvolles abzugewinnen – und mir das selbst zeitweise sogar zu glauben –, obwohl das nicht meinem Gefühl in dieser Situation entsprach; So sehr, dass ich denke: „Vielleicht ist ja doch was dran, wenn der da so fest und unerschütterlich dran glaubt, vielleicht weiß der was, was ich nicht weiß“, obwohl ich weiß, dass das Religion oder Gottgläubigkeit für mich außer Frage stehen. Trotzdem Zweifel. Weil ich ja selbst nicht mit einer vergleichbaren inneren Sicherheit ausgestattet bin. Ich weiß nicht, ob ich verständlich machen konnte, was ich meine. 

 

Jedenfalls wollte ich um jeden Preis verhindern, dass sich meine zwei Gegenüber in irgendeiner Weise unwohl oder nicht gesehen fühlen, und ich wollte wenigstens nach außen hin den Anschein machen, als fiele mir das alles ganz leicht: da sein, sprechen, lachen, essen, Weihnachten feiern, froh sein. Als müsse ich nicht ständig gegen diesen extremen Fluchtimpuls in mir ankämpfen, als sei das auch für mich ein ganz wundervoller, entspannter Weihnachtsabend. Als würde es keine innere Stimme geben, die alles, was ich mache und sage,  kommentiert und abwertet.

Heute wie damals traue ich mich nicht, mehr Platz in Anspruch zu nehmen. Weil ich eh schon immer das Gefühl hatte und habe, durch mein scheinbares Sonderbar-, Anderssein zu viel Platz in Anspruch zu nehmen. Dadurch, dass es mir als Kind oft nicht gut ging, heute oft nicht gut geht. Die Crux ist aber: Es ging mir als Kind oft nicht so gut, weil ich nicht sein konnte, wie ich eben war: ruhig (-er als der Rest meiner Familie), introvertiert, leise. Stattdessen wurde – in wie gesagt bester Absicht – versucht, mich irgendwie dem allgemeinen „Familien-Tonus“ anzupassen: aktiver, extrovertiert, lauter. Dabei kann man natürlich auch nicht lernen, gut für sich selbst zu sorgen. Und irgendwann begann ich vor lauter Reizüberflutung und dem ständigen Gefühl, nicht richtig zu sein, zu dissoziieren. Das machte Rückzug dann zur unbedingten Notwendigkeit, das zwang mich zum Rückzug – meine Psyche hat auf die unangenehme Tour erledigt, was ich nicht einfordern konnte, nichts anderes ist (meine) Dissoziation. Dieser Rückzug wiederum – zum Beispiel auf lauten, langen Festen – wurde nur leider vollumfassend fehlgedeutet als Suche nach viel Aufmerksamkeit. So nahm ich Raum ein, ohne diesen Raum einnehmen zu wollen. Ich wurde in diesen Raum gesetzt und fühlte mich darin noch missverstandener. Den Raum, den ich gerne eingenommen hätte, der wäre viel kleiner gewesen, aber wärmer.

 

Es wundert mich nicht mehr, dass ich heute, mit 31, immer noch nicht die leiseste Ahnung habe, wer ich bin. Ich habe nie lang genug irgendwas gemacht, war mir meiner Gedanken und Wünsche und Ziele nie sicher genug, als dass sie die Chance gehabt hätten, sich zu verfeinern, wahr-gemacht, erreicht zu werden. Nahezu jeden Weg habe ich nach wenigen Metern zu verlassen – aus Angst, wieder nicht richtig zu sein, mit dem Gefühl, nicht genug zu können, zu schaffen, nicht genug zu sein. Angesichts dessen wundert auch mein Dasein als Fähnchen im Wind mich nicht mehr. Nicht im geringsten. Es gibt keine, absolut keine eigene Sicherheit in mir. Natürlich flattere ich ständig in alle möglichen Richtungen. Ich habe es bislang nicht geschafft, das aufzulösen, mich darüber hinwegzusetzen, „mein Ding“ zu finden. Selbst als ich mich getraut habe, ein Studium an einer Hochschule für Gestaltung aufzunehmen, also mich getraut habe, einer inneren Stimme zu folgen, war nicht genügend „Ich“ in mir, um eine wirkliche Richtung zu finden – auch da war ich dem ständigen Fluchtimpuls unterworfen: Den Fotolabor-Kurs nicht machen aus Angst vor Blamage. Nicht Illustration wählen aus Angst, es sei schon zu spät dafür. Nach dem Seminar so schnell wie möglich nach Hause flüchten, statt Menschen kennenzulernen und tolle gemeinsame Projekte zu starten, aus denen sich wieder Neues, manchmal Großes ergibt. Das ging einfach nicht. 

 

Ich hatte noch vergessen, das an der passenden Stelle zu schreiben, deswegen schaffe ich jetzt hier einfach eine neue Stelle. Thema Jul'scher Impulsivitätsausbruch aufgrund aufgestauter Gefühle, die ich mich nicht zum richtigen Zeitpunkt angemessen zu kommunizieren traue. (Das war kein korrekter Satz, aber das ist in Ordnung, wir hatten heute im Morgenkurs das Thema Resilienz und Akzeptanz als Teil davon, und da dachte ich an Murakami und beschloss, dass ich ein bisschen mehr so werden will wie seine Figuren, die zum Beispiel über einen Himmel, den plötzlich zwei Monde schmücken, nur ein bisschen staunen, sich dann aber nicht weiter daran aufhalten, sondern einfach weitermachen, weil es eben nicht zu ändern ist.) Weil ich mich an Heiligabend und am Tag darauf so angestrengt hab, möglichst „normal“ zu wirken und wie ein „gesunder, erwachsener Mensch“, mein innerer Kritiker aber auch das nonstop beobachtete und kritisierte, während ich die ganze Zeit über nicht mal in der Nähe von mir selbst war und fast durchgängig dissoziative Einbrüche hatte, wofür ich mich natürlich wiederum ununterbrochen innerlich beschuldigte, waren die Batterien so gut wie leer. Dann folgende Situation: Mama bereitet das Abendbrot in der Küche vor. Mein Väse (veganer Käse) war leer.

Ich: „Das ist überhaupt nicht schlimm, ich. hab ja noch Avocado und Mandelmus.“ 

Mama: „Du hast Dir halt zu wenig von deinem Käse gekauft.“

Ich: BOOM. Ausgerastet. Absolut unverhältnismäßig. Es begann mit „HÄ?! Ich hab doch gerade extra ruhig gesagt, dass ich noch genügend anderen Kram hab!“, und dann hat sich das innerhalb von Sekunden komplett verselbstständigt, wobei das Spannende ist, dass ich währenddessen schon denke: „Das ist jetzt zu viel, viel zu viel, und ausgerechnet Mama kriegt das jetzt ab, die ja auch nicht gut für sich sorgen kann in dem ganzen Weihnachtstrubel, und nachher fühlst du dich wieder richtig schön schuldig und warst wieder so wie du nicht sein willst“, aber dann ist es schon zu spät, ich kann nicht mehr zurück, es passiert einfach zu Ende. Da bin ich dann endgültig wieder Kind....

Die Situation hab ich für mich schon rundum-analysiert und das war spannend, verrät aber zu viel über meine Mama, die ich sehr liebe, und das gehört hier nicht hin. Ich habe mir nur erneut selbst sehr eindrücklich bewiesen, was ich schon wusste. Auch das unterstreicht wieder nur wieder das Gesamtziel: Innere Sicherheit schaffen, ein Ich bilden, in mir ankommen und da gern sein, um überhaupt erst in wirklichen, authentischen, nicht nur energiezehrenden Kontakt mit anderen kommen, und dann auch – selbst wenn das möglicherweise zu unangenehmen Situationen führt – in angemessener Form zum passenden Zeitpunkt Gefühle und Gedanken äußern zu können, damit die sich nicht anstauen und beim kleinsten Anlass entladen und dabei schlimmstenfalls Menschen verletzen. Meine Schuldgefühle entstehen letztlich zu großen Teilen aus den hochemotionalen Folgen des aus der Vergangenheit genährten und von mir weitergefütterten „Verbots“, Unbehagen zum richtigen Zeitpunkt adäquat zu äußern. Dieser Satz hat sich spontan noch in mir geformt und macht erstaunlich viel Sinn. Und erst wenn ich bin, wer ich bin, und das akzeptieren kann, kann ich das anderen auch genauso entgegenbringen.

 

In mir tut sich gerade gefühlt von Tag zu Tag mehr. Zusammenhänge, die schon irgendwie lose in meinem Kopf rumlagen, fügen sich nach und nach zu einem stimmigen Bild zusammen. Ich merke, dass ich nachsichtiger mit mir werde – gleichzeitig fühle ich mich wie ein gerade aus dem Karton gekipptes 1.000.000-Teile-Puzzle. Das ist oft unangenehm, aber insgesamt gut. Da bin ich mir relativ sicher.

... „Relativ sicher“, gut. ... Beschreiben Sie sich in zwei Worten. Relativ sicher. 

 

Eine Körpertherapeutin sagte heute während einer Übung: „Und jetzt: Lassen Sie sich einfach in Ruhe.“ 

Das fand ich schön. Das versuche ich jetzt. Ich rieche an meiner Duftmischung aus der Aromatherapie – Bergamotte, Lavendel, Benzoe – und schaue mir dabei einfach diese vielen, bunten Puzzleteile an. Und wenn mein Herz pochen will, dann soll es pochen. Ich öffne die Tür, sobald ich sie finde. Ich bin da, irgendwo.