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Duschkabinenblues

Erstmal find ich frohes neues Jahr ein bisschen zu ambitioniert. Ich wünsche ein gutes neues Jahr, das klingt unaufgeregter. Ein besseres neues Jahr zieht Vorabvergleiche und das kann nur danebengehen. Und ein irgendwie okayes neues Jahr kommt dann schon leicht seltsam. Ein gutes neues Jahr also, ganz unprätentiös, man spürt beinahe, wie bescheiden das gut darin ist – es wird es einem nicht übel nehmen, wenn man am Ende des Jahrs doch ein nich so voranstellt. 

 

An Silvester war ich gut drauf, wider Erwarten. Ich kann gar nicht benennen, warum, und das muss ja auch gar nicht benannt werden – die Stimmung war einfach nicht schlecht und ich konnte das sogar ohne Angst sagen: Mir gehts ganz gut. Ich hatte nichts vor, mich darauf eingestellt, den Abend mit Yuki zu verbringen. 

Yuki war leider so verängstigt von der Böllerei, die schon tagsüber losging, dass sie nicht mehr ansprechbar war und ich richtig Mühe hatte, sie noch zu halten. Einmal ist sie in ein Gebüsch geflüchtet, einmal in ein Gestrüpp, nachdem sie sich vollkommen panisch unter dem Zaun dahinter durchgraben wollte, um schneller zurück zur Wohnungstür zu kommen, schätze ich. Weil das nicht geklappt hat, hat sie sich so klein wie möglich gemacht und sich dort „verkeilt“. Ruckeln, ziehen, schieben, anheben.. keine Chance. Der Versuch, die Leine loszulassen und wegzugehen – auch erfolglos. Normalerweise rennt sie mir nach, wenn ich zu weit weggehe. Aus Sorge, sie könnte das Vertrauen in mich verlieren, bin ich in Sichtweite geblieben und hab ein paar Mal gerufen. Schmackos waren auch wirkungslos, was bei Yuki echt was heißen will. Sie war so unendlich verängstigt. Wie sie mich mit ihren aufgerissenen Augen aus dem Gestrüpp anstarrte, als zusammengekauertes Fellknäuel, das hat mir das Herz zerrissen, und das will genau so und keine Prise weniger pathetisch ausgedrückt werden. Ich weiß nicht, wie lange ich dort stand und gewartet hab, bis sie wieder aus ihrem Versteck hervorkam. Im ganzen Fell steckten dann ganz merkwürdig klebrige Pflanzenknospen. Sie konnte nicht mal irgendein Geschäft erledigen, weil es ständig irgendwo geknallt hat. Und ich war ihr keine Hilfe. Ich wusste nicht wie. Ich konnte ihr keine Sicherheit geben. Vermutlich hat sich meine wachsende Unsicherheit und Unruhe noch auf sie übertragen – und allein das nur zu ahnen schmerzt. 

 

Mein Bitten um Hilfe wurde steinern, unterkühlt, gewohnt gleichgültig weggewischt – mit einem Satz, der einen Emotionstsunami auslöste. Ein altes Muster zwischen zwei Menschen. Zuviel meets Nichts, das eine ruft das andere hervor und umgekehrt. 

 

Meine entspannte Stimmung vom Tag war natürlich verschwunden. Ich hab so laut geweint wie lange nicht, was Yuki wahrscheinlich noch mehr verwirrt hat. Es ging dabei dann natürlich nicht mehr „nur“ um die Überforderung mit ihrer Panik, sondern um weit mehr, wofür ich mich wiederum schlecht gefühlt hab. Jetzt ist es, als wäre dieses Steinerne, Kalte auch in mir. Und ich habe weder Lust, noch Kraft übrig, weiter dagegen anzukämpfen. Ich bin fertig. Ich hab alles versucht. Aber manche Mauern sind zu massiv und werden umso massiver, je mehr man versucht, sie zu durchdringen. Nur wenige, ausgewählte Menschen schaffen das, und ich gehöre nicht dazu, ich habe nie dazugehört. Ich stand immer davor, mal hoffnungsvoller, oft vollkommen verzweifelt. Ich kapituliere. Ich drehe der Mauer den Rücken zu.

 

Um 0 Uhr brach draußen wie erwartet Geballer aus der Hölle los. Yuki ist in die Duschkabine geflüchtet, was fast noch erstaunlicher war als die fehlende Reaktion auf Futter. Sie hat sich so dicht wie möglich in die Ecke gekugelt und guckte mich wieder mit diesen großen Augen an. Ich hab eine Hand auf ihren Brustkorb gelegt und ihr kleines großes Herz überschlug sich. Um sie nicht zu bedrängen, sie aber auch nicht alleine zu lassen, hab mich auf den Bad-Teppich gesetzt. Nach ungefähr einer Stunde konnte ich sie rauslocken und ins Bett bringen. Ich selbst stand den Abend über vollkommen neben mir, anhaltende Depersonalisation. Mein Handy hatte ich Stunden zuvor schon ausgeschaltet. Ich hatte genug. So ganz grundlegend genug.

 

Ich schlief unruhig und wachte auf mit brennenden Augen vom Heulen und Kater von einem Glas Rotwein. Beim Brötchenaufschneiden säbelte ich gleich noch mit in den Finger rein und meinen Kaffee hat der Küchenboden getrunken. Ging auch nicht besser weiter. Der Tag war beschissen, kanns nicht anders sagen. Mental war ich allerdings überraschend aufgeräumt, gefasst und irgendwie „egal“. Yuki war den ganzen Tag über noch ziemlich ängstlich. Zur Morgenrunde musste ich sie das Treppenhaus runterlocken. Sie sucht auch ungewohnt intensiv meine Nähe.

Ich lieb sie so krass.. Wenn ich ihr nur irgendwie verklickern könnte, dass ihr nichts passiert, solange sie bei mir ist.. Bei der Abendrunde ging irgendwo in der Nähe nochmal ein Böller los. Yuki wollte wieder losrennen. Ich hab dann alle Ratschläge, die ich mir von Außen geholt hatte, einfach mal ignoriert und stattdessen gemacht, wovon eigentlich abgeraten wird, was sich aber instinktiv richtig anfühlte: ich hab mich zu ihr runtergekniet, sie sanft festhalten, meinen Kopf an ihr Köpfchen gehalten und ihr leise und beruhigend zugeredet. Vielleicht bilde ich mir nur ein, dass das (besser) geklappt hat, vielleicht war sie einfach nur weniger verängstigt als am Silvesterabend, aber nach ungefähr ein, zwei Minuten war sie wieder aus der Panikwelle aufgetaucht, war wieder da, bei mir. 

 

Jetzt genieße ich ihr ruhiges Atmen neben mir, den prasselnden Regen auf dem Dachfenster und freu mich auf die Klinik morgen.

 

Gutes neues Jahr.

 

 

NACHTRAG: Ich habe begriffen, dass meine Notsituation inszeniert war, um „hintenrum“ zu bekommen, was ich mir gewünscht hatte, nämlich, dass mein Exfreund zu mir (zurück-)kommt und mich „rettet“. Das heißt nicht, dass Yuki keine Panik hatte, aber dass ich versucht habe, über die Situation als Hilflosigkeitsverstärker Nähe zu generieren. Bittere, gute Erkenntnis. Ich möchte das loslassen. Nur ich kann mich retten.