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Stehen, verbeugen, loslassen

Keine Überraschung: Kinder sind nicht selten viel schlauer als Erwachsene, wenns um die wirklich wichtigen Dinge geht, zum Beispiel um den Umgang mit Emotionen. Was macht ein Kind, wenn es wütend ist? Es stampft. Meistens nimmt es noch die Arme mit. Es gibt dem Gefühl Raum, verleiht ihm Ausdruck, übersetzt es in Bewegung. Es fühlt das Gefühl von Anfang bis Ende durch und kann es dann gehen lassen.

Gemeinsam mit der kindlichen Fähigkeit, zwischen Welten zu wechseln, verlernen wir das irgendwann, sind nicht mehr eins mit unserem Körper, lernen, dass „man sich eben auch mal zusammenreißen“ muss und mehr solcher wahnwitzigen Dinge. Klar – es gibt Situationen, in denen es unangebracht wäre, einer Emotion sofort den passenden körperlichen Ausdruck zu verleihen, wenn wir den überhaupt noch für jedes Gefühl abrufen könnten. Aber irgendwann kommen wir ja aus der Situation heraus, sind wieder für uns. Und gerade, wenn es um negative Empfindungen geht, verschwinden die nicht so einfach wieder. Wer Wut – ihrem Wesen nach laut, präsent, hitzig – anhäuft, explodiert irgendwann. Wer immer zu allem Ja sagt und sich selbst nur noch übergeht, wird irgendwann bitter, oder kann nicht mehr weitermachen, oder beides. Deswegen ist Wutsammeln keine besonders gute Idee, würde ich jetzt einfach mal so dahinbehaupten. 

 

Vor jeder Therapie-Einheit wird gefragt: Wie sind Sie hier? (Das ist wie „Wie gehts?“, nur klüger.) Gestern gings mir ziemlich gut und im Gegensatz zu heute hatte ich keine Angst das zu sagen. Ich war gut drauf, aber auf eine ziemlich zerstreute Art. Ein bisschen mehr Ruhe, Fokus finden, hatte ich mir gewünscht. In Abstimmung mit allen anderen hat die Körpertherapeutin dann Übungen zur Erdung vorgeschlagen. Die drehen sich vor allem um Beine und Füße.

Wenn man ganz langsam geht und die Bewegungen ein klein wenig übertreibt, wird schnell deutlich, dass Gehen ein irgendwie ganz seltsamer und zugleich erstaunlicher Prozess ist: Man stößt sich vom Boden ab, schiebt ihn hinter sich weg, gerät dann in ein Fallen und fängt sich mit dem anderen Fuß, Bein wieder auf, weswegen man das Fallen nicht spürt ( – es sei denn irgendwas läuft schief und man fällt tatsächlich). Man fängt sich mit jedem nächsten Schritt selber auf. Allein das eine schöne Vorstellung, finde ich. Und der Boden, auf dem ich gehe, trägt mich. Ich musste ein bisschen lachen als die Therapeutin sagte: „Der Boden ist immer da.“ Aber stimmt ja. Ich erinnerte mich an ein Buch, das ich mal gelesen hatte und hier irgendwo noch rumfliegen muss. Ich mochte es sehr. Fassen, Fühlen, Bilden – Organerfahrungen mit Phänomenen von Hugo Kükelhaus. 

 

Nach dem langsamen Gehen folgte Balance. Ein Bein ist das am Boden verankerte Standbein, dann den Körper in verschiedene Richtungen fallen lassen, möglichst ohne bewusst zu steuern, und mit dem anderen Fuß auf den Boden tippen, um sich immer wieder vor dem Fallen zu bewahren. Danach mit beiden Beinen nah zusammen hin und her und im Kreis pendeln, dabei versuchen, nicht aus dem Toleranzbereich des Gleichgewichts zu kommen. In sich hineinspüren. Den Schwerpunkt finden. Dann leichtes Trippeln auf der Stelle, das beliebig, ganz nach Gefühl, intensiv werden durfte – bis hin zum Stampfen, wenn der Körper stampfen will.

Ich kann nicht gut in meinem Körper sein, stehe oft daneben und schimpfe währenddessen auf ihn ein. Insbesondere vor anderen Menschen irgendwas mit diesem Körper zu tun, der wohl der meine zu sein scheint, ist für mich fürgewöhnlich der Ultrahorror. Aber die Klinik ist zum Safe Space geworden – eben dadurch, dass es kein Muss gibt, durch die Verbundenheit zu den anderen Patient*innen und durch die Therapeut*innen, die einem das Gefühl geben, wirklich gesehen und ernst genommen zu werden, die wirklich daran interessiert sind, den Patient*innen dabei zu helfen, sich selbst zu helfen. Deshalb, und vermutlich weil ich mich insgesamt gut gefühlt habe, nur eben etwas flatterig, klappte das Ganze gestern richtig gut.

 

Und dann bin ich eben ein bisschen in einen Stampf-Wahn geraten vielleicht. Ganz automatisch, ich war nicht in meinem Kopf, ich hab passieren lassen, was passieren wollte, und es wollte gestampft werden. So kamen wir auf das Thema Wut, und dass Kinder noch intuitiv die passende Bewegung machen, weil sie noch so verbunden mit ihrer Körperlichkeit sind. Dass noch eine Menge Wut in mir wohnt, ist kein Geheimnis. Wut, die ich mir nicht erlaubt habe, was völlig bescheuert ist, denn wenn Wut da ist, ist Wut da! Ich habe ihr zu wenig, zu selten wirklich Raum gegeben. So hat sich sich auf ihre Weise kleine Ventile gesucht: patzige Antworten, verbitterte Gedanken, depressive Tage, Weltverdruss, noch mehr Schuldgefühle, Ausbrüche meiner Essstörung, egozentrische Isolation, etc. – und durch all das auch wieder neue Wut. Was dabei vielleicht auffällt, mir aber in diesen Situationen nie aufgefallen ist: Das findet alles allein im Kopf statt – bis vielleicht auf den Reizmagen, aber das ist kein gutes körperliches Wutventil. Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, das Ganze auch mit meinem Körper anzugehen. Aber Wut will gesehen, verstanden und verkörpert werden.

Mehr stampfen also. 

 

Die Arbeit mit den Beinen und Füßen, das Gehen, Pendeln, Balancieren(!), das „seine-Mitte-erspüren“, Stampfen, und das diese Zeit über zur Abwechslung mal Nicht-im-Kopf-sein hat wirklich dazu geführt, dass ich mich nach der Stunde geerdeter, weniger aufgeregt zerfasert gefühlt habe. Eine gute Erfahrung.

Was ich allerdings auch spannend fand und mitnehme: den Eindruck, nicht sicher stehen zu können. Mein Stand fühlte sich steif und zugleich unsicher an, irgendwie „nicht richtig“. Und das wiederum finde ich interessant, weil das ja eines meiner größten inneren Päckchen ist: das Gefühl, nie richtig zu sein.

Vielleicht also auch einfach mal Stehen üben. Schaden kanns nicht.

 

Genau jetzt in diesem Moment stelle ich fest, dass das überhaupt aktuell das Thema diese Woche war: Psyche und Körper. Auch in den Einzeltherapie-Stunden ging es viel um Somatisierung, also psychische Probleme, die sich im Körper austoben, weil sie ignoriert oder weggeschoben werden. Bei mir sind die Areale der Wahl: Haut, Bauch, Muskeln. Dazu kommen: mein ständiges Fingerknibbeln, Kieferpressen und – mittlerweile wieder weniger aber in den letzten zwei Wochen massive – Probleme beim Einatmen (Norona – zwei Tests die Woche und 3 x geimpft) und ein ganz unangenehm intensiv pochender Herzschlag, der mich nicht schlafen und meinen ganzen Körper beben ließ. Unrast.

 

Die Haupt-Ursachen für diese gesteigerte Nervosität in mir war schnell gefunden: Zum Einen hatte ich mich bei meinem Nebenjob nicht getraut zu sagen, dass ich jetzt wirklich ausfalle und vorerst keine Beiträge mehr schreiben kann. (Dass das Schreiben hier etwas anderes ist, dürfte klar sein.)

So hatte ich neben den wirklich anstrengenden Therapien, die ja auch im Nachgang noch innerlich weiterarbeiten, immer noch was anderes im Kopf. Ich hatte einfach so große Angst, Probleme zu machen, wenn ich ausfalle, Stress für andere zu verursachen, und natürlich auch davor, nach meiner Therapiezeit vielleicht nicht mehr gebraucht zu werden. Außerdem Schuldgefühle, trotzdem bezahlt zu werden, und das, obwohl ich weiß, dass ich noch nie vorher ausgefallen bin, immer pünktlich und ordentlich abgeliefert habe und in der Regel mehr Stunden zusammenkommen sind als meine Pensum eigentlich hergäbe – da denke ich dann nur auch immer: Wahrscheinlich arbeite ich einfach zu langsam und deswegen muss ich das so hinnehmen... Statt es anständig anzusprechen. Könnte ja unangenehm werden. Könnte halt aber auch dazu führen, dass ich ein angenehmerer Mensch werde. Aber so kam sogar einfach nur immer mehr dazu. Weil ich eine konfliktscheue Jasagerin bin.

 

Zum Anderen war es das ständige Heimfahren in der Mittagspause, um mit Yuki eine Runde zu gehen, und dann wieder zurückfahren – ironischerweise meistens zu einem Kurs namens “Stressbewältigung“ – und dabei trotzdem die ganze Zeit über ein schlechtes Gewissen Yuki gegenüber zu haben. Und ein schlechtes Gewissen, wenn ich allein daran dachte, meinem Exfreund zu sagen, dass das so auf Dauer nicht funktioniert. Weil ich weiß, dass er selbst schon genügend Stress hat. Und mein Stress ist eben nicht wichtiger als der Stress der anderen.

 

Trotzdem konnte ich beides nach den Gesprächen mit meinem Therapeuten angehen. Der guckte mich auf seine gemächlich-gemütliche Art an und sagte: „Nichts an Ihnen steht still. Ihr ganzer Körper bebt. Sie müssen da was machen – Sie brauchen für die Zeit hier äußere Entlastung. Und wenn Sie das so erzählen, dann wundert es mich nicht, dass ihr Herz pocht.“

Eines meiner Probleme war, dass ich rumgrübelte, ob ich den Stress vielleicht nur „herbeidenke“, ihn größer mache als er eigentlich ist – also wieder mangelndes Vertrauen ins eigene Gefühl. Ist es wirklich stressig, oder denke ich es nur stressig, oder suhle ich mich sogar wieder in der Opferrolle? Letzteres konnte ich schnell streichen, weil ich mich ja nicht mal getraut habe, jemandem außer meinem Therapeuten zu sagen, dass mir das alles zu viel ist. Und dass es mir zu viel war, das stimmte ja! Das Gefühl war ja unmissverständlich da! Erstmal völlig egal, ob es dabei wirklich insgesamt zu viel war oder mein Stress-Seismometer zu schnell ausschlägt und mich sofort in Alarmbereitschaft versetzt. 

Dass ich nicht gut mit Stress umgehen kann und ihn dadurch oft noch wachsen lasse, das stimmt. Das hat wiederum ganz viel mit den Unmengen der komisch verschwurbelten, sich untereinander fortpflanzenden Schuldgefühlen in mir zu tun.

Ich glaube allerdings, selbst wenn ich im Umgang mit Stress sortierter, geübter wäre, wäre die beschriebene Situation immer noch stressig gewesen. Auch wenn viele Menschen sich das nicht vorstellen können: Es ist wirklich, ehrlich anstrengend, 5 Tage die Woche so intensiv an sich zu arbeiten. Ich hätte das vorher selbst nicht in der Intensität erwartet.. Und am besten auf das alles einlassen kann man sich eben dann, wenn das Drumherum eine Weile lang „gemutet“ wird.

 

Beim Nebenjob habe ich jetzt jedenfalls gestanden, dass ich erstmal keine Beiträge mehr schreiben kann. War auch gar kein Problem, war ja sogar so abgesprochen, dass ich Bescheid sagen soll, wenns nicht mehr geht. Ich hinterfrage das natürlich trotzdem zwanghaft, statt die positive, verständnisvolle Rückmeldung einfach ehrlich dankbar annehmen könnte, ohne mich wiederum mit Gedankenballast zu beladen. Das Grübeln hört einfach nie auf. Das ist so absurd. 

 

Yuki konnte von Dienstag an bei meinem Exfreund und dann bei seinem Vater bleiben. Morgen hole ich sie wieder ab. Und tada: Herzpochen fast weg, Magendruck besser, Muskelzucken weniger. Bonus: Dadurch, dass ich nicht ständig heimgefahren bin, bin ich endlich in meiner Gruppe angekommen – so zwischenmenschlich –, nachdem ich ja in der ersten Zeit auch hier ein weiteres Mal die Außenseiterin war, mich dazu gemacht hab, durch Ängste, Sorgen, Fluchtdrang. Ich war Teil von etwas! Und konnte das zulassen. Und sobald es mir doch ein bisschen zu viel wurde, bin ich kurz eine Runde spazieren gegangen oder hab mich mit meinem Buch zurückgezogen.

Und dieser Teil ist eben auch sehr wichtig für mich: sozialen Kontakt neu lernen. Wo, wenn nicht dort? In Kontakt kommen, Grenzen wahrnehmen und angemessen schützen, dadurch Nähe, echte Nähe, entstehen- und zulassen können. Den Fluchtimpuls zähmen. 

Weil es mir oft schwerfällt, in Kontakt mit anderen innerlich bei mir zu bleiben und so auch wirklich authentische, bereichernde Gespräche zu führen, statt nur darauf bedacht zu sein, nichts Dummes, Peinliches zu sagen und möglichst zu gefallen, was Kontakt natürlich extrem anstrengend und unecht macht, hat mein Therapeut mir die Aufgabe gegeben, mich zwischendurch in den Aufenthaltsraum zu setzen, und zu üben, erstmal nur bei mir zu bleiben, und wenn ich dabei eine Tasse Tee vor mich stelle und die anstarre. Üben, nicht ständig zu denken, dass die anderen jetzt irgendwas von mir denken könnten (was Schlechtes), und dass ich mich jetzt vielleicht lieber so und so hinsetze, damit ich so und so wirke. Versuchen, einfach da zu sein und mir zu glauben, dass das genau so ausreicht, dass ich genau so ausreiche. Ich glaube, diese „Übung“ in Kombination mit Kontakt zu meiner Gruppe kann eine gute Kombination sein.. Denn natürlich ist es nach wie vor so, dass ich noch viel inszeniere, obwohl ich das gar nicht möchte.. Das war auch so, als ich mich heute nach langer Zeit mit einer Freundin getroffen habe. Ich wollte vor allem, dass es nicht unangenehm wird. Daran habe ich mein Auftreten ausgerichtet. Und so möchte ich das nicht machen. 

 

 

Heute war Dankbarkeit und Loslassen das Thema. Dabei wurde mir klar, dass ich manchmal nur das Gefühl habe, für etwas dankbar sein zu müssen, es aber nicht wirklich sein, es nicht wirklich nicht spüren kann. Darüber will ich noch ein bisschen tiefer nachdenken. Ich kann durchaus Dankbarkeit empfinden, sowohl für die großen als auch für die kleinen Dinge des Lebens. Aber gerade in Bezug auf meinen Haupt-Job beispielsweise ist Dankbarkeit schwierig. Ich bin dankbar dafür, einen tollen, menschlichen Chef zu haben und überwiegend tolle Kolleg*innen. Aber ich schaffe es nicht ganz, wirklich aufrichtig dankbar dafür zu sein, überhaupt einen Job zu haben –, was daran liegt, dass mich dieser Job überwiegend frustriert.

Man hört das eben so oft.. also, dass man froh sein kann, wenn man sicher Geld aufs Konto kommt etc. Und klar, das gibt (ein Gefühl von) Sicherheit, und (ein Gefühl von) Sicherheit ist gerade für unsichere Menschen wichtig. Mich plagt einfach der Gedanke, hinter meinen Möglichkeiten zurückgeblieben zu sein. Ich habe mich immer von meiner Angst ausbremsen lassen und frage mich oft: Was wäre gewesen wenn, wer, wo, was könnte ich jetzt sein wenn.. Wenn da mehr Mut, Zutrauen in mich und meine Stärken gewesen wäre, mehr Mut, mich in die Welt zu wagen, mehr Mut, mich eben auch mal ungeschickt anzustellen – und dann daran zu wachsen, mehr Mut, alte Muster, kindliche negative Glaubenssätze zu widerlegen. Ich stelle das jetzt so dar, als hätte ich maßlos verkackt, und das stimmt natürlich auch nicht.. Trotz jahrelanger starker Depressionen und Ängste hab ich mich immer wieder aufgerappelt und kann mein Leben selbst bestreiten. Aber das Gefühl, meine innere Fülle, das, was eigentlich alles in mir steckt, ungenutzt verkümmern zu lassen.. das ist, wenn ich jetzt so darüber nachdenke, vielleicht das, was mich am meisten bedrückt. Und vermutlich ist es auch das, was hinter dem Gefühl „nie auszureichen“ steckt. 

 

Man mag denken: Dann fang doch jetzt an, was zu ändern. Aber ich weiß nicht wie, wo.. Ich wünsche mir heimlich, dass mir jemand den Weg zeigt. Aber so funktioniert das natürlich nicht. Ein Ich bilden ist der erste Schritt.

Und das klingt jetzt so positiv, „der erste Schritt“, aber zugleich ist da die Angst vor dem Älterwerden, und dass mir nicht mehr viel Zeit bleibt. Auch verinnerlichte Gesellschaftsscheiße. Erst kürzlich hörte ich von einer 75-jährigen Frau, die gerade ihre Ausbildung zur Köchin abgeschlossen hatte. Es existiert eben dieses verquere Bild des jungen, schönen, erfolgreichen, selbst-bewussten Menschen – insbesondere bei Frauen. Ich bin jetzt 31. Das „gesellschaftliche Jung“ läuft bald ab. Ich will nicht, dass mich das kümmert, aber es kümmert mich. Ich kann mich nicht davon freimachen. Ich habe solche Angst vorm Altwerden... So-große-Angst. Am meisten davor, mich immer nur unzufriedener zu machen, und bitter und allein zu sterben.

 

Das wurde jetzt düsterer als geplant. Zurück zu Dankbarkeit nochmal.. ich möchte üben, sie häufiger aktiv und ehrlich zu praktizieren. Und ich möchte Widerwillen wahrnehmen und verstehen lernen. 

Wie sieht verkörperte Dankbarkeit aus? In Japan verbeugt man sich, oft mit zusammengeführten Händen. Ich habe mir in manchen Situationen angewöhnt, ein Verbeugen anzudeuten. Ich mag das. Dankbarkeit auch sichtbar machen. Vielleicht probiere ich das auch mal in alltäglichen Situationen, wenn ich mit mir allein bin. Beim Essen zum Beispiel. Vielleicht hilft das auch bei dieser immer noch nicht unbedingt kleinen Baustelle.

 

Zum Thema Loslassen hatte ich sofort den Gedanken: Ich weiß nicht, wann ich wirklich loslasse und wann ich nur verdränge. Außerdem gibt es dann noch die Frage: Habe ich jetzt wirklich losgelassen oder nur einen Boomerang geworfen? Gerade in Sachen Beziehung ist das so. Manchmal denke ich, ich habe losgelassen. Dann holt es mich nach einer Weile wieder ein und ich merke: Überhaupt nix hab ich losgelassen, garnix. 

Auch hier wird wieder der verstellte Zugang zu meiner Gefühlswelt deutlich: Ich bin mir weder meiner selbst, noch meiner Gefühle und Gedanken je sicher. 

Loslassen setzt jedenfalls Akzeptanz voraus, und wie komplex Akzeptanz ist, darüber hatte ich im vorletzten Beitrag geschrieben. Loslassen bedeutet außerdem häufig: Etwas Gewohntes, als sicher Empfundenes geht und etwas Neues, Ungewisses kommt. Mit anderen Worten: Ich bin gut im Festkrallen.

 

Das Gespräch kam dann auch bei diesem Thema wieder auf den Körper. Daran hatte ich überhaupt nicht gedacht. Man kann ständig loslassen, in nächster Nähe, im eigenen Körper, und ich mache das sogar regelmäßig, indem ich mich mehrmals am Tag meinem Kiefer widme und dann in den meisten Fällen feststelle, dass er ganz angespannt ist. Dann lasse ich los. Das hält meistens nicht lange, aber für einen Moment habe ich losgelassen. Selbiges in Sachen Stirn, Augen und Fingerknibbeln. Dabei ist das pure Bemerken schon eine Art Erfolg. Bemerken, loslassen. Und das ist eine Form des Loslassens, derer ich mir, zumindest für diesen Moment, sicher sein kann. Sollte ich mir eine Bewegung zum Wort Loslassen überlegen, wäre sie auf jeden Fall nach oben gerichtet, eine sich nach oben öffnende Bewegung. 

 

Was ich gerade nur zu gerne loslassen würde, was aber noch zu tief in mir sitzt: Die Ängste, wie ich nach der Therapie im März wieder ins normale (Arbeits-)Leben zurückfinden soll.. ob dann alles ganz schnell wieder so wird wie vorher, weil meine Muster vielleicht einfach zu tief liegen und die rohe Welt eben nicht so funktioniert wie die geschützte Welt in der Klinik, in der auch „Menschen wie ich“ Raum haben. Angst, dass ich vielleicht einfach „so“ bin, immer wieder den gleichen Problemen erliegen und es nie schaffen werde, mit dem zufrieden zu sein, was ich bin, habe, kann. Angst, nicht wirklich (innerlich) voranzukommen, oder neu Gelerntes nicht in meinen Alltag transferieren zu können. Angst, dass ich mir was vormache. Angst, dass sich nichts ändert..

 

Was ist die Bewegung für Angst? Und was die Gegenbewegung?