Leiser Feminismus

 

Sich zum Thema Feminismus zu äußern ist zu einer Angelegenheit geworden, die Mut erfordert. Jede noch so geringfügig kritische oder unbedarfte Äußerung kann in eine der unzähligen Schusslinien verirrter Ambitionen  führen. Eine Information verpasst, eine Metaebene übersehen – und-raus-bist-du. Wo zu Beginn eine gehaltvolle Absicht gestanden haben mag, bleibt dann nicht mehr als von entarteten Ideen getragener Krawall, der im Nichts verebbt. Und so drängt sich die Frage danach auf, worum es eigentlich nochmal ging. Jedenfalls nicht darum, ein Ziel, das in sich schon so unverhandelbar und unbedingt ist, in seiner eigenen Dynamik derart zu verschwurbeln, dass es sich selbst ausbremst – vor allem, wenn der bewusst oder unbewusst versteckte Antrieb dahinter Profilierung und Oberflächengestaltung oder wiederum Diskriminierung ist. Das ist entfremdeter Feminismus, Feminismus als stagnierender Selbstzweck. Und der führt schlimmstenfalls dazu führt, dass Menschen, die grundsätzlich von denselben Werten überzeugt sind, ein Gegeneinander entwickeln, und Menschen mit einem ohnehin rückwärts gewandten Weltbild noch verbitterter daran festhalten. Und nach hinten los geht letztlich auch jeder extreme Ismus.

 

Dass aus diesen Zeilen über ein Streben nach Menschlichkeit und gleiche Rechte ein gewisser Unmut spricht – allein das zeigt, dass ein Ungleichgewicht vorliegt. Fatal wäre hier der Fehlschluss, dass Feminismus an sich das Problem ist – und dieser Fehlschluss wird manchermenschs bereits gezogen. Das Problem sind verquere Interpretationen, die seinen Kern unter sich begraben und so seine Ernsthaftigkeit und Notwendigkeit gefährden. Das Problem ist, dass es dabei immer häufiger zu Wettkampfsituationen kommt, in denen es um alles geht, aber nicht mehr um die eigentliche Sache. Höher-Schneller-Weiter hat es geschafft, sich auch in den Diskurs über Frauenrechte einzuzecken. Wie man darüber nicht oder nur zärtlich zornig wird und vor allem nicht resigniert: Indem man sich daran erinnert, wie einfach es ist, sich in dieser oft so überfordernden Welt zu verlaufen.

Besonders schnell passiert das in den soziale Medien, über deren Betitelung sich streiten lässt. Wenn es darum geht, Gedanken und Ideen kundzutun, sind sie ebenso wirksam wie gefährlich. Wirksam, weil man schnell viele Menschen erreichen kann. Gefährlich, wenn dabei statt Empathie und Weitblick Impulsivität das leitende Prinzip ist. Emotional schwer aufgeladene Diskussionen werden ohne Mimik, Gestik, Blickkontakt und Stimme innerhalb eines Nichtortes ausgetragen, über Captions und Kommentare, aus denen nicht selten und themenübergreifend eine so scharfe Boshaftigkeit spricht, dass man sich entweder kurz davor fühlt, die Beherrschung zu verlieren und ebenfalls wütend auf seine Tastatur einzuhacken, oder den Glauben an das Gute im Menschen aufgeben will – um dann hoffentlich doch nur den Parallelweltempfänger aus der Hand zu legen, tief durchzuatmen und jemanden zu umarmen, im Zweifel sich selbst.

Wie verletzlich man im virtuellen Raum ist und wie schnell man dort auch andere verletzen kann, scheint eine Unbekannte zu sein. Oder eine Ignorierte. Ein von blinder Wut getriebenes Wort ist schnell getippt. So schnell, dass es nahezu unmöglich eine Botschaft beinhalten kann, die gehaltvoll genug ist, um nachhaltig in anderen und bestenfalls auch einem selbst zu wirken. So schnell, dass es nur wenige Sekunden später bei jemandem landet, der womöglich falsche Schlüsse daraus und damit wiederum ins Gefecht zieht. 

 

Auch Feminismus ist in den sozialen Medien sehr präsent. Und das ist gut, denn natürlich sind wir noch immer nicht dort, wo wir sein sollten. Jede Plattform ist also eine potenziell gute, eine wichtige Plattform. Aber eine Bühne – und die hat im Internet jeder – lädt oft auch dazu ein, mit dem Scheinwerferlicht zu spielen. Während viele feministisch motivierte Beiträge von Menschen kommen, die sich der Grenzen und Gefahren virtueller Realitäten bewusst sind, stößt man auch immer wieder auf Posts und Worte, deren Leichtsinnig- und Substanzlosigkeit auf eine wenig fruchtbare Weise nachdenklich stimmen. An dieser Stelle darf man sich verzeihen, dass es womöglich eine Weile dauert, bis man sich selbst auch wieder auf den Boden geholt hat und kein Wutkreislauf entsteht. Denn sicher sind blindlings in den Äther geschossene Beiträge selten von bösen Absichten motiviert. Dass eigene, verscharrte Gefühlsverkapselungen, unbeantwortete Fragen oder einfach Unsicherheit zu Affekthandlungen führen können, die sich im ungünstigsten Fall zu einer Phase oder sogar Einstellung verketten, kennt jeder von sich selbst. Kurz: Wenn ich wütend werde, kann das auch daran liegen, dass ich in anderen etwas sehe, was mich an mir selbst stört oder gestört hat. Egal, wie erleuchtet man sich auch hin und wieder fühlen mag, egal wie erhellend die eigenen Gedanken hin und wieder funkeln mögen, keiner steht über oder unter einem anderen. Es scheint mir wichtig, mir das hin und wieder zu vergegenwärtigen, denn online wachsen narzisstische Tendenzen schnell über ihr gesundes Maß hinaus.

 

Gemeint sind also Beiträge und Worte, die Anklang finden, weil sie in erster Linie laut sind. Laut, ohne ausgesprochen werden zu müssen. Laut auf eine Weise, die alles andere übertönt, auch Leere. Es geht um Lautstärke. Lautstärke im Zusammenhang mit Feminismus. Wer für Frauenrechte einsteht müsse unangenehm, wütend und hässlich, ergo: laut sein, las ich vor Kurzem unter einem Instagram-Post. Eine Aussage, die vor allem von ihrer provokanten Note getragen wird. Einer derart provokanten Note, dass Zweifel an der eigentlichen Motivation aufkommen. Eine Kampfansage: Lass mal die Spreu vom Weizen trennen. Wer nicht unangenehm ist, gehört nicht dazu. Wer nicht hässlich ist, der hat’s nicht verstanden. Wer nicht wütend ist, ist gleichgültig. Wer nicht laut ist, hat keine Stimme.

Ob Abwertung, Ausgrenzung und Grüppchenbildung im fanatischen Befehlston angemessen sind, wenn Chancengleichheit das Ziel ist? Wenn Feminismus so ausgelegt wird, dass Feindseligkeit und Machtstreben zu seinen Leitmotiven gehören, wenn Feminismus gleich einer Art Racheakt als Kampf herhalten soll, in dem andere bloßgestellt, ausgeschlossen, mundtot gemacht werden sollen, in dem ‚laut‘ ‚radikal‘ implizieren muss (und dabei viel an Spielraum und Kraft einbüßt), dann kann ich darin nichts Unterstützenswertes finden. Und der Gedanke, dass einem Wort, das einen so wichtigen Zweck bezeichnet, dauerhaft ein negativer Beigeschmack anzuhaften droht, ist traurig. Nein – Feminismus muss nicht gefallen! Aber er muss ebensowenig hässlich sein.

Es gilt zu versuchen, einen ganzheitlicheren Blick zu wagen. Und dabei möchte ich auf eine vielleicht übersehene, eine sanftere Facette des Feminismus zu zeigen. Nicht sanft im Sinne von devot oder schwach. Sanft ohne Zwang, ohne Erwartung, geschlechterunabghängig. Eine Facette des Feminismus, die allein durch ‚Peripheriesicht‘ und Souveränität klar, eindrücklich und unmissverständlich zeigt, was zu zeigen ist: Den Wert des Menschen an sich, der alle gleich besonders und besonders gleich macht, ohne dabei Verschmelzung oder Verlust von Individualität zu meinen.

 

Die Kunstgeschichte zeigt, dass es mehr männliche Künstler gab – jedenfalls mehr bekannte, einfluss- oder erfolgreiche männliche Künstler. Wie in vielen anderen Bereichen auch ist der Grund dafür in patriarchalischen Gesellschaftsstrukturen zu finden. Deswegen war es wichtig, dass Frauen aktiv geworden sind. Wütend und laut. Laut mit Substanz. So ist der feministische Grundgedanke in kurzer Zeit einen großen Schritt weitergekommen. Um den Kurs halten zu können, ohne effektfrei Energie zu verschwenden und schlimmstenfalls vom Ziel abzukommen, sollte man – und das gilt für so ziemlich alles – hin und wieder ‚von außen draufgucken‘. Wie ist die Situation jetzt? Wogegen richtet sich die Wut? Und wie gehen wir so mit ihr um, dass das Ziel nicht verschwimmt und wir in verschiedene Richtungen paddeln? Passt ‚laut‘ wirklich immer? Oder braucht es womöglich einen Kompagnon? Kann Präsenz leise sein? Kann Feminismus leise sein? Kann Feminismus Feminismus sein, ohne Feminismus zu heißen?

 

Leiser Feminismus. Diese zwei Worte haben sich irgendwann ganz von selbst geformt, während eines Besuchs bei einer befreundeten Künstlerin. Jede ihrer Bewegungen wirkt bedacht, irgendwie weise. Müsste ich ein Wort wählen, würde ich sagen: Sie bewegt sich japanisch. Die Hingabe und Selbstverständlichkeit, mit der sie durch und durch Künstlerin ist, ist alles andere als selbstverständlich. In einer Welt, in der überwiegend gebrüllt wird, fällt sie gerade durch die Ruhe auf, die sie umgibt. Hinter ihrer autodidaktischen Praxis steckt ein tiefes theoretisches Wissen, sowohl im engsten, als auch im weitesten Sinne. Im engsten, weil sie als wandelndes Kunstlexikon fungieren könnte. Im weitesten, weil Kunst sich bei ihr ganz natürlich durch alle Lebensbereiche zieht. Ihre Haare trägt sie kurz. Der alleinige Grund dafür ist der, dass sich das für sie richtig anfühlt. Ihre Lieblingskünstler/innen sind ihre Lieblingskünstler/innen, weil ihre Werke und die Geschichten dahinter sie berühren – nicht ihre Chromosomenkombination. Und auch ihre eigene Kunst spricht eine ganz eigene Sprache, entstanden aus Neugier, Feinsinn und harter Arbeit, derer sie sich erfrischend bewusst ist und die sie daher nie unter Wert verkaufen würde. Statt ihre Sensibilität zu verstecken, zieht sie sich zurück, wann immer sie das Bedürfnis danach hat und bewegt sich damit fernab von einer passiv (und aktiv) aggressiven, wirr blinkenden Robotergesellschaft. Diese Selbstgewissheit im besten Sinne dient nicht zu Präsentationszwecken. Sie ist authentisch, ‚eigen‘, was im Übrigen nicht egoistisch ist, sondern im Gegenteil Empathie für andere stärkt und Raum für wechselseitige Inspiration schafft. Aus all diesen kleinen Funken formt sich eine großes Feuer. Ruhig und intensiv. Eine ganz deutliche Botschaft aussendend. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie als Frau der Mensch ist, der sie sein möchte, trägt dazu bei, genau das zur Normalität werden zu lassen. Schon immer gab es Frauen, die ihren Weg so unbeirrt gegangen sind, und damit einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von Frauenrechten geleistet haben – ohne, dass das die Überschrift ihres Tuns war. Dass es heute in unserem Umfeld im Allgemeinen um ein Vielfaches leichter ist, den eigenen Lebensweg frei zu wählen, haben wir zweifellos den Frauen vor uns zu verdanken, die zur richtigen Zeit sowohl laut und damit unmittelbar, als auch leise und damit nachhaltig präsent waren.

 

Es geht also nicht darum zu behaupten, dass lauter Feminismus schlecht, falsch oder irreführend, und leiser Feminismus der bessere sei, oder umgekehrt. Es geht darum, laut nicht als rücksichtslos oder hasserfüllt und leise nicht als gleichgültig oder unterwürfig misszuverstehen. Es geht darum zu erkennen, dass jeder Pol notwendigerweise einen Gegenpol hat und erst ihr ausgewogenes Zusammenspiel zu Harmonie im Sinne einer Art dynamischen Gleichgewichts führt. Es geht darum aufmerksam, flexibel zu bleiben, abzuwägen, das richtige Maß zu finden. Es geht darum, laut und leise eine gleichwertige Stimme zu geben, und sie so miteinander spielen zu lassen, dass ein Klangraum entsteht, in dem man einander zukünftig immer besser verstehen lernen kann. In dem Einschüchterung oder Flucht nicht nötig ist, weil keiner keinen angreift. In dem Austausch offen und furchtlos kann, und auch ohne die Beherrschung der Gesamtpalette des korrekten Fachjargons funktioniert: Details sind wichtig, absolut! Aber man kann sich auch aussichtslos darin verheddern. Wer in ein ‚feministisches Fettnäpfchen‘ tritt, ist nicht zwangsläufig ein misogyner Idiot. Wer ständig fürchtet, womöglich was Falsches zu sagen und daraufhin auseinandergenommen zu werden, zieht sich potenziell zurück, statt diesen wichtigen Weg mitzugehen. Jemand, der aus sich selbst heraus das tiefe, innere Bedürfnis spürt, Mama und vielleicht auch ‚Hausfrau‘ zu werden, sollte das ebenso frei von Angst vor Angriffen und Wertungen äußern und leben können, wie jemand, der genau das nicht will. Wer sich als Frau für Cellulite oder andere Teile des eigenen Körpers schämt, hat sich dieses Gefühl nicht ausgesucht – und wer sich dafür schämt diesen Scham zu kommunizieren, findet darin einen ziemlich deutlichen Hinweis darauf, dass die Aufforderung, den eigenen, weiblichen Körper bedingungslos zu lieben, keine Hilfe ist, sondern zusätzlich Druck erzeugt. Übertragbar ist das auf das Thema Pille. Auf das Thema Ästhetik. Auf das Thema Psyche. Die Liste wäre ewig fortführbar.

Kurzum: Ich denke, der feministische Diskurs sollte in erster Linie von Wohlwollen geprägt sein und darf nicht per se Menschen ausschließen. Ismus kann, darf, sollte neu gedacht werden. Ein Früher-war-Alles-besser-Dünkel, wie zum Beispiel Crispin, der alles noch nicht laut und wütend genug  ist, ihn an den Tag legt (und dabei ziemlich wenig Raum für Freiheit und Out-of-the-box-Denken lässt), kann ich nicht teilen. Aber das hatten wir ja schon. Entwicklung ist das Zauberwort. Davon ausgehend bin ich der Meinung: Alles, was sich auf lange oder kurze Sicht positiv auf Frauenrechte – mit dem Ziel Gleichberechtigung aller Geschlechter – auswirkt, ohne dabei in erster Linie ein bestimmtes Level an Garstigkeit erreichen zu müssen, ist in irgendeiner Hinsicht ein feministische Handlung, auch wenn sie's nicht als Goldkette um den Hals trägt. 

Laut und leise sind ein gutes Paar. Für beides gibt es gleichermaßen Anlässe. Dabei ist laut nicht gleich laut und leise nicht gleich leise. Wenn aber allein Laut dominant bleibt, wenn sich darunter zunehmend das missverstandene Laute mischt, wenn nicht auch andere Stimmen und das Leise Platz finden, droht Einseitigkeit. Und die erstickt irgendwann an sich selbst.

 

 

 

Filmempfehlung zum Beitrag: Maudie.

 

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